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Arbeiter-Jugend - 1.1909 (1)

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Bibliographic data

fullscreen: Arbeiter-Jugend - 1.1909 (1)

Periodical

Persistent identifier:
027052486
Title:
Arbeiter-Jugend
Subtitle:
Monatsschrift der Sozialistischen Arbeiterjugend Deutschlands
Document type:
Periodical
Publisher:
Arbeiterjugendverl.
Place of publication:
Berlin
Language:
German
Collection:
Pädagogische Zeitschriften
ZDB-Nummer:
2176472-4
Access restriction:
Siehe Bände

Periodical volume

Persistent identifier:
027052486_0001
Title:
Arbeiter-Jugend - 1.1909
Shelfmark:
02 A 30 ; RF 641 - 647
Document type:
Periodical volume
Publication year:
1909
Collection:
Pädagogische Zeitschriften
Access restriction:
Open Access

Periodical issue

Title:
Heft 20
Document type:
Periodical
Structure type:
Periodical issue
Collection:
Pädagogische Zeitschriften
Access restriction:
Open Access

Article

Title:
Die Luftbuben von Graz
Subtitle:
[Beilage zur "Arbeiter-Jugend"]
Author:
Winter, Max
Document type:
Periodical
Structure type:
Article
Language:
German
Collection:
Pädagogische Zeitschriften
Link zum Katalog:
BBF0562852
Access restriction:
Open Access

Contents

Table of contents

  • Arbeiter-Jugend
  • Arbeiter-Jugend - 1.1909 (1)
  • Heft 1 (1)
  • Heft 2 (2)
  • Heft 3 (3)
  • Heft 4 (4)
  • Heft 5 (5)
  • Heft 6 (6)
  • Heft 7 (7)
  • Heft 8 (8)
  • Heft 9 (9)
  • Heft 10 (10)
  • Heft 11 (11)
  • Heft 12 (12)
  • Heft 13 (13)
  • Heft 14 (14)
  • Heft 15 (15)
  • Heft 16 (16)
  • Heft 17 (17)
  • Heft 18 (18)
  • Heft 19 (19)
  • Heft 20 (20)
  • Schülerselbstmorde
  • Eine Jugendorganisation vor einem halben Menschenalter
  • Der Herr der Welten
  • Mars, unsere Nachbarwelt
  • Die Schrecken des Zuchthauses
  • Vom Kriegsschauplatz
  • Der Pranger der Lehrlingsschinder
  • Aus dem Reich der Zöpfe
  • Fremdwörter
  • Für die Jugend!
  • Die Fahrt ins Blaue
  • Die Luftbuben von Graz
  • Sprüche
  • Ein Wegelagerer
  • Heft 21 (21)
  • Heft 22 (22)
  • Heft 23 (23)
  • Heft 24 (24)

Full text

240 
ivurden vom Winde zu dem Grazer St. Peter-Friedhof getragen, neben 
deſjen Mauer fie ſich auf einer Wieſe niederließen. - 
Große Verlegenheit. Wie das Ungetüm auf den Auziſtellungsplaß 
' zurücbringen? Man müßte den Ballon höchſten3 entleeren. Das koſtet 
aber 1000 Kronen (850 Jek.). Die Buben wiſſen Rat. „Wir revarieren 
da3 Steuer und fliegen wieder zurück.“ „Buben,“ ſagt der Vater, „wenn 
Such da38 gelingt, kriegts Ihr jeder einen Hunderter und ein Buſſel 
obendrein.“ Und es gelingt. Nachts über reparieren die Jungen der1 
Schaden und am nächſten Mittag fahren ſie, wie die Märc<henhexen auf 
den dünnen Beſenſtangen reitend, wieder durch die Luft und zurüc> auf 
ven Ausftellungsplaß, von dem ſie gefommen waren. Und ſeither fliegen 
fie täglich, diz Grazer Luftbuben und einmal haben ſie gar das Wahr- 
zeichen von Graz, den Schloßberg, 300 Meter hoc< überflogen. 
Und es fommen ernjte Leute, Offiziere und Ingenieure, profeſſionelle 
Lufigelcehrte und andere und ſehen bewundernd das Werk der beiden 
Jungen, aus dem gelernte Techniker fehr leicht eine ernſte Sache von 
daucrndem Werte machen können. Ginige Mittel für die Jungen und 
e3 laßt jich aus dem Schiff ein brauchbarer Lenkballon herſtellen, der 
auch von ſolchen bedient werden kann, die nicht Artiſtienfertigkeit mit- 
bringen, wie Anatole und Alexander, die geſtern noch auf den Händen 
gingen, auf dem Kopfe des Elefanten „Kopf -ſtanden“, Ponnie3 ritten 
und Luftſprünge machten. 
Das iſt die Geſchichte einer öſterreichiſchen Jahrmarktsſenſation, 
die für die beiden unmittelbar Beteiligten fo freudig ausklingt. Heute 
umjubelt die jungen Renner3 ganz Graz, ſie heißen die Luftbuben von 
Graz und Jung und Alt hat die beiden keen Luftreiter in ihr Hexz 
geſchlofjen. Sie ſind keine Zeppelin3, aber ſie ſind Gefühl3techniker von 
hervorragender Begabung und ſie werden, wenn ſie ihr kluger Vater 
weiter Jo an der Stange balt, wie biSher, noch Tüchtiges leiſten, dex 
Weit, die es nun einmal nicht mehr länger aushyält, nicht zu fliegen, 
noh manches ſchenfen. Dazu ein Glückauf den Grazer Luftbuben ! 
KAL KWLEN Sprüche. KOHiwReUH 
Gegen große Vorzüge eines anderen gibt e3 kein Rettungsmittel 
2 Q15- 
3 Lieve. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
- Konad einer recht mit allen Kräften ringt, das wird ihm; denn die 
Sehnſucht iſt nur der Ausdruc> deſſen, was unſerem Weſen gemäß iſt. 
Von allen Tugenden die ſchwerſte und ſeltenſte iſt Gerechtigkeit. 
Man fintxt zehn Großmütige gegen einen Gerechten. 
* 
Wo Keckheit mir gefällt ? 
An Kindern; denen gehört die Welt. 
 
 
 
 
 
 
 
Ein Wegelagerer. 
/E 1x det Woisheitslehren, die einzupaukfen mein alter Schul- 
 
FYP meitter fich befonders angelegen jein ließ, gehörte auch der 
CS Saß: „Jichts iſt auf dieſer Erde ſchwerer zu ertragen, als 
eine Reihe von guten Tagen.“ I< hatte den Alten freilich immer 
in Bervacht, daß er ſich damit nur über die Miſere jeine8 eigenen 
öden Daſeins hinweg zu helfen trachte und war für meine Perſon 
fejt entichloſjen, feinen Augenbli> mit dem Schiefal zu hadern, 
jalls es eine Heimſuchung in Geſtalt einer möglichſt langen Reihe 
guier Tage Über mich verhängen ſollte. Leider iſt dieſer Fall bis 
je3t mt eingetreten und von den wenigen guten Tagen, die ſich 
gieich einzelnen Lichtpunkten hin und wieder einſtellten, muß ich 
gejteben, daß fie merkwürdig leicht zu ertragen waren. E83 iſt 
möglich, daß dieſe regelwidrige Empfindung darin ihren Grund 
hat, daß 1i<M j<on den Tag zu den guten zähle, der e8 mir ge- 
ſtattet, unſere geliebte ReichöShauptſtadt aus einer ſol<en Ent- 
fernung zu bewundern, daß ich von ihr nur noch die ſhmußig 
graucin Rauchwolken wahrnehme, die weithin ſichtbar, gleich einem - 
drohenden Wahrzeichen am Horizonte ſtehen. 
YIcur für Natur, iſt dann die Lofung und dem aufmerkſamen 
Beobachter fehlt es ja im Freien nie an dankbarem Stoff zur 
Unterhaltung. 
Da iſt zum Beiſpiel cin Ameiſenhaufen, der ſeit meinem 
lekten Beſuche bedeutend größer geworden iſt. Die glü>lichen 
Ameiſen, ſie wiſſen nichts von Wohnungs8not, Mietsſteigerung, 
Exmijſion und wie die ſchönen menſ<lichen Errungenſchaften alle 
heißen, fondan im Bedarfsfalle wird einfach dur< gemeinſame 
Arbeit die Wohnſtätte entſprechend vergrößert, und damit iſt die 
Sache erledigt. 
 
Lorantwortlich für die Redaktion: Karl Korn. =- Verlag: Ir. Ebert (Zentralſtelle für die arbeitende 
| anſtalt Paul Singer & Co. 
mit welchem Anſtand, faſt ſo graziv8 wie 
beweglich wie ein Stück Holz. 
Arbeiter -Jugend. 
memenemeng, 
Lafür iſt die Ameiſe auch nur ein unvernünftiges Tier, 
während der Menſch als Geiſterkönig unſtreitig an der Spite 
der Schöpfung ſteht, und e3 war gewiß weiſe von dem weiland 
Herzvg Karl von Braunſchweig gehandelt, daß er ſeinem Biblio- 
thefar Leſſing die Fortſezung jener tiefſinnigen Geſpräcße unter- 
jagte, in denen der Dichter des „Nathan“ ſeine Anſichten über 
Staat und Geſellichaft darlegte. Hatte ſich doch Leſſing erdreiſtet, 
dur) jeinen Hinweis auf die Ameiſenrepublik, dem hocverräte- 
riſ<en Gedanken Vorſchub zu leiſten, daß die Monarchie nicht die 
böchſte und lette Form der Staat38verwaltung ſei. 
Aber no<hß etwas erregt meine Aufmerkſamkeit. Hart an 
einer der Ameijenſtraßen, die von den kleinen Wegebauern ſo ge- 
Ichidt angelegt und nach allen Richtungen weiter geführt werden, 
iſt im -lojfen Sande eine kreisrunde, trichterformige Vertiefung 
von etwa 6 Zentimeter Durchmeſſer ſichtbar. Während ich noch 
die regelmäßige Form des Trichter3 bewundere, iſt eine Ameiſe 
ſeinem Rande zu nahe gekommen und auf der T<hiefen Ebene 
hinabgeſtürzt. In größter Haſt ſucht ſie wieder aus der Ver- 
tiefung heraus8zukommen und die Wand des Trichters zu er- 
Timmen. Aber trotz verzweifelter Anſtrengung kommt“ ſie mir 
wenig vorwärt3, weil der loſe Sand beſtändig unter ihren Füßen 
wegrollt und dadur< die Wandung immer ſteiler wird. Nun 
regt ſich etwa3 in der Witte des Trichter8 und plößlich wird von 
dorther die Ameiſe kräftig mit Sand beworfen. Der Schüße ſelbſt 
bleibt unſichtbar, doh trifft er mit ſeinem Scnellfeuer ſicher ſein 
Opfer, bis dieſes na<h kurzer Zeit erſchöpft in die Mitte des 
Trichter3 zurückfällt. Hier wird die Ameiſe von dem noFH immer 
unſichtbaren Feinde gepackt und langſam in die Tiefe gezogen. 
Bald ragen nur noh die Vorderfüße, die ſie wie klagend zum 
Himmel emporſtre>kt, au8 dem Sande empor, dann verſchwinden 
auch dieſe und nichts verrät mehr das Drama, da3 ſich ſoeben 
abgeſpielt. 
Der unterirdiſche Räuber, der einer fleißigen Ameiſe ein 
frühes Ende bereitete, iſt ein grauer, etwa 12 Millimeter langer 
und mit Fräftigen Zangen verſehener Käfer, der ſogenannte 
Ameiſenlösowe, oder richtiger deſſen Larve, denn gegen Ende 
des Sommer8 bildet er ſich zu einem geflügelten Inſekt um. 
Wenn er dann ſeine Metamorphoſe, ſeine Umwandlung, vollendet 
hat und ſtolz feine Schwingen entfaltend ſig in den oberen 
Regionen bewegt, dann ſieht ihm keiner an, al8 welch gemeiner 
Wegelagerer er feine Laufbahn begonnen, und daß es das Blut 
der fleißigen Ameiſe war, das ihn 'groß und ſtark gemacht hat. 
Wieder wird es im Trichter lebendig, die8mal ſteigt der 
Weordgeſelle bis zum halben Leibe au8 dem Sande empor; er hat 
jein Werk vollendet, die Ameiſe aus8geſaugt und ſchleudert ſie nun 
verächtlich aus dem Keſſel hinaus. Wie geſchi>t er da38 ausführt, 
| man einen aus8- 
gemergelten Arbeiter verabſchiedet. Aber warte Burſche, Du ſollſt 
nicht ungeſtraft den Waldesfrieden mit einer ſchrillen Diſſonanz 
unterbrechen, ich werde Dir Dein blutſaugeriſche3 Handwerk legen 
und der ermordeten Ameiſe eine glänzende Genugtuung ver- 
I<affen. Mit einem Griffe habe ich den Trichter ſamt Umgebung 
in Händen und laſſe den Sand langſam durc< die Finger ab- 
laufen. Richtig, da taucht er auf, ich habe ihn mitgefaßt; nun 
zeigt er aud) ſeinen wahren Charakter: Er iſt ein Reaktionär vom 
reinſten Waſſer, denn: „Rückwärts, rückwärts, Don Nodrigo“, 1iſt 
ſeine Loſung. Doch hier hilft kein Rückwärtskonzentrieren, der 
Sand verrinnt und ſchließlich habe i< den Wegelagerer in der 
blanken Hand. 
Nun auf den Richtplaß mit ihm, mitten auf den Ameiſen- 
haufen. Dort angekommen, ändert er ſeine Taktik, er liegt un- 
Und wirklich täuſcht er damit aud) 
einige Ameiſen, die vorbeifommen, ohne Notiz von ihm zu nehmen. 
Aber da naht eine alte, erfahrene, und kaum bat ſie den Fremd- 
ling erblickt, jo ſeßt ſie ſich I<leunigſt auf die Hinterfüße und 
geſtifuliert mit dem Vorderteil ſo au8druc>3voll in der Luft um- 
her, juſt wie Antonius, wenn er an der Leiche Cäſars die Römer 
zur Rache aufruft. Von allen Seiten kommen ſie jetzt herbei- 
geſtürzt und zehn Ameiſen packen zugleich den Mörder, der nun 
ſeine Verſtellung aufgibt und ſich kräftig zur Wehre ſekt. Doch 
vorgeblich, im nächſten Augenbli& haben ſich ſhon fünfzig in ihm 
feſtgebiſſen, und immer neue Scharen eilen in gewaltiger Auf- 
regung berbei. Doch wollen ſie den frechen Miſſetäter, der unter 
der Erde ſein Weſen treibt, nicht im Lichte des Tages richten, 
daher ſett ſich der ganze Schwarm, den Delinquenten wohl ver- 
ſichert in der Mitte, in Bewegung und verſchwindet durch einen 
der Haupteingänge im Innern des Saufens. I< aber gehe mit 
dem tröftlichen Bewußtſein davon, einen Böſewicht ſeinem ver- 
dienten Schiſal überliefert, und wieder einmal einen guten Tag 
erlebt zu haben. UA. Ger. 
tende Jugend Deutſchlands). =- Druck: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlags- 
Sänmtlich in Berlin. 
 

	        

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