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Arbeiter-Jugend - 1.1909 (1)

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Bibliographic data

fullscreen: Arbeiter-Jugend - 1.1909 (1)

Periodical

Persistent identifier:
027052486
Title:
Arbeiter-Jugend
Subtitle:
Monatsschrift der Sozialistischen Arbeiterjugend Deutschlands
Document type:
Periodical
Publisher:
Arbeiterjugendverl.
Place of publication:
Berlin
Language:
German
Collection:
Pädagogische Zeitschriften
ZDB-Nummer:
2176472-4
Access restriction:
Siehe Bände

Periodical volume

Persistent identifier:
027052486_0001
Title:
Arbeiter-Jugend - 1.1909
Shelfmark:
02 A 30 ; RF 641 - 647
Document type:
Periodical volume
Publication year:
1909
Collection:
Pädagogische Zeitschriften
Access restriction:
Open Access

Periodical issue

Title:
Heft 24
Document type:
Periodical
Structure type:
Periodical issue
Collection:
Pädagogische Zeitschriften
Access restriction:
Open Access

Article

Title:
Vier Tage
Subtitle:
(Schluß) ; [Beilage zur "Arbeiter-Jugend"]
Author:
Garšin, Vsevolod M.
Document type:
Periodical
Structure type:
Article
Language:
German
Collection:
Pädagogische Zeitschriften
Link zum Katalog:
BBF0563084
Access restriction:
Open Access

Contents

Table of contents

  • Arbeiter-Jugend
  • Arbeiter-Jugend - 1.1909 (1)
  • Heft 1 (1)
  • Heft 2 (2)
  • Heft 3 (3)
  • Heft 4 (4)
  • Heft 5 (5)
  • Heft 6 (6)
  • Heft 7 (7)
  • Heft 8 (8)
  • Heft 9 (9)
  • Heft 10 (10)
  • Heft 11 (11)
  • Heft 12 (12)
  • Heft 13 (13)
  • Heft 14 (14)
  • Heft 15 (15)
  • Heft 16 (16)
  • Heft 17 (17)
  • Heft 18 (18)
  • Heft 19 (19)
  • Heft 20 (20)
  • Heft 21 (21)
  • Heft 22 (22)
  • Heft 23 (23)
  • Heft 24 (24)
  • Folget eurem Stern!
  • Bauernleben in der guten alten Zeit
  • Wie ich ein Schreiner wurde
  • Der junge Schiller
  • Internationale Verbindungen der Gewerkschaften
  • Versteinerungskunde und Abstammungslehre
  • Aus der Praxis der Jugendbewegung
  • Vom Kriegsschauplatz
  • Aus der Jugendbewegung
  • Fremdwörter
  • Weihnachtsgang
  • Klara Dinghammers Weihnachtstraum
  • Sollen wir spielen?
  • Vier Tage

Full text

2838 
Arb eiter - '-Zugend. 
 
 
I< habe lange geſchlafen; denn als :ic aufwachte, war eZ 
icon Nacht Alles iſt beim alten; die Wunden TIhmerzen, mein 
Nachbar liegt da, riejenhaft und unbeweglich. 
Ih kann nit ht anders, im muß die gange Zeit an ihn denfen. 
Habe ich denn alles Qiebe, Teure verlaſien, habe tagelang gac- 
hungert, gefroren, 
dieſer Unglückliche. durch nuch umfommt< 
Morder, Mörder . . . Und wer? I<! -- -- -- 
Kuhl weht der Morgenwind. * Die Zweige j<aufeln, ein Bogel 
zwitſchert no< halb im Schlaf. Die Sterne erbleichen. Der 
dunfelblaue Himmel wird grau, leichte Federwölf<en ziehen auf 
ihm hin; eine leichte Dämmerung erhebt iich aus dem Boden. 
Der dritte Tag meines Lebens oder meines Todesfkampfes -- wie 
oll ich e3 nennen? -- ſteigt auf. 
Der dritte! . . . Wie viele jind es noch? Xedenfalls nicht vicl. 
Jh bin ſehr fi<wach und glaube, daß ich nicht imſtande jein werde, 
von meinem Nachbar fortzurüken. Bald aber komme ich in den- 
jelben Zuſtand wie er und wir werden uns nicht mehr gegenjeitig 
beläſtigen. 
Man muß trinfen. 
nnttags8 und abends. 
SJc< werde es dreimal täglich tun: fri, 
a 
“. 
Die Sonne iſt aufgegangen. Ihre Scheibe iſt rot wie Blut. 
Heute wird's wohl heiß. Mein Nacbar =- was wird aus Dir? 
Du biſt ſchon jet Ichre>lich genug. | 
Cs 1ijt erträglich, jo nahe bei ihm zu liegen. I< muß 
weiter wegriücfen, foſte es, was es wolle. Aber werde I< es 
fönnen? Ic bin noch imſtande, den Arm zu bewegen, die Waſßer- 
laſße zum Mund zu führen; aber = meinen ganzen ſchwveren, 
unbeweglichen Körper von der Stelle zu bringen? Doch, ich werde 
fortrüden, wenn auch nur langſam, jede Stunde einen Schritt. 
Der ganze Weorgen geht mur auf dieſe Wei ile drauf. Die 
Schmergen find no< beftig. Aber, was ſind ſie mr? Die 
Cumpfindungen eines gejunden Wen! Hen jind mir ſchon fremd ge- 
worden. T< habe mich an den Schmer r3 gewiſjernmaBen gewöhnt. 
Dieſen Worgen habe ich mich venno. etwa fünfzehn. Fuß - weit 
geſchleppt und liege nun auf meinem alten Plat. Abor nicht lange 
hatte ich dein Genuß friſcher Luft =- wenn von ihr überhaupt DIE 
Rede fein fanmn, famnmn ſechs Schr itic von. ener verweienden Leiche. 
Der Wind Ic<lügt um und der Geruch iſt 1o ſkarf. daß mir qauz 
ſchlecht wird. Der leere Magen zieht ich rampfheit und quälend 
ZU ANC, alle Eingeweide ſc<einen fich umzudrehen. Und die 
veſtgeſchwängerte Luft jtromt fortwährend auf mich ein. 
Die Verzweitlung act mich und ich weinte, 
Ganz erſchöpft und betäubt lag ich faſt bewußtlos da. Plöß- 
lich . . . Jt es foin Wahn der fiebernden Phantaſie? I< glanbe, 
daß . . ., nei. Ja, es find Stimmen. Menſchliche Stimmen, 
Faſt hätte ich laut gerufen, aber ich bef ann mich. 
Und wenn dies Türfen find? Was dann? Zu meinen Qualen 
foinmen dann noch andere, hundertmal entjeßlichere; die Haare 
jtehen ainent zu Bere, wenn man davon in den Zeitungen lieſt. 
Dio Haut wird abgezogen, die verwundeten Stellen werden am 
Feuer gebraten . . 
Und da erſthoinen ain Bach Koſaken! Blaue Joe, rote 
Hofenſtreifen, lange Lanze. Eine gange halbe Kompagnie. 
Boran, anf einen ichönen Pferd, ein ſchwarzbärtiger Offizier. 
Aber faum find die Leute über den Bach hinaus, dreht er fich 1n 
Sattel nm und ruft: 
Hufeſtampfen. - 
„Srab! Vorwärt3, marſch!“ 
„Halt, um Gotteswilleon, halt! Hilfe, Kameraden, Hilfe!“ 
rufe ich. Aber Hufeſtampfen, Säbelraſſeln, lautes Stimmen- 
gewirr | jind lanter als meine heiſeren Rufe =- und man hört mich 
nicht 
O verflucht! Erſchöpft ſinke ich um und ſch (nchze, ichluchze 
laut. Aus der mungeworfenen Flaſche fließt das Waſſer, meine 
Rettung, mein Todesanfſhub. Aber ich bemerke es, als nur fam 
noch ein halbes Glas da iſt; das iibrige hat die gierige, trockene 
Erde eingeſogen. . 
| Kann ich meinen Zuſtand nach dieſem entſetzlichen Vorfall 
beſchreiben? JIc< lag unbeweglich, mit halb ae [off en Augen. 
Ver Wind ſchlug fortwährend um und brachte mir bald friſche 
Luſt, bald den ichauderhaften Verweſunng8geruch. Mein N achbar 
war einfach grauenerregend.. Er hatte fein Geſicht mehr. Die 
Haut war von dei Knochen abgefallen. Das ſchreiiche, knöcherne 
Lächeln, das ewige Lächeln, kam mir abicheulich, entießlich vor, 
vie nod) nie, obwohl ich oft mit Schädeln zu inn und ogar Janze 
in der Sonne geſchwikßt, wirklich, nur damit : 
 
Dieſes Skelett im Waſen- 
„Da3 iſt dex 
Kopfe anatomiſch. zergliedert hatte. 
rod mit hellen Knöpfen machte mich erzittern. 
Krieg,“ dachte ich, Hieriſtjſein Bild.“ 
Und die Sonne brennt und Ed wic vorher. Hände „umd 
Geſicht jind mir ſ<on längſt verſengt. Den Reſt des Wajſſer3 have 
ich ganz ausgetrunkfen. Der Durſt war zu ſtarf, und al3 ic< eincn 
fleinen Schlu> tun wollte, tranf ich alles aus. A<, warum have 
ich dic Koſaken nicht gerufen, als ſie jo nahe, jo nahe waren! Und 
wenn's auc Türken geweſen wären -- e3 wäre doc< beſſer! Eine 
Stunde, zwei, drei Stunden hätten fie mich gequält, und hier werde 
ich, 1 weiß der Teufel nod)! wie lange, umbherliegen und mich quälen. | 
Meine Mutter, meine Teure! In dein graues Haar wirſt du | 
greifen, den armen Kopf an die Wand ſchlagen, den Tag, wo du 8 
mich geboren, wirſt du verfluchen, verfluchen auch die ganze Welt, 
die den Krieg init allen foinen Leiden erdacht! | 
Aber du und Majicha werdet wohl nichts von meinen Leide: 
ZU wiſſen vefommen. Leb' wohl, Mutter ; lebe wohl, meine Bran, 
meine Liebe! OD, wie ſchwer ums Herz, wie unſäglich bitter! . 
Und ich leide nun Ichon drei Tage. Morgen iſt der vierte Tan, 
dann der fünfte, der ſechſte . . . Tod, wo biſt du? Erlöſe mich! 
Abor der Tod kommt nicht und erlöſt mich nict. Und ic 
liege unter diefer erbarmungslofen Sonne und habe keinen Schluck 
Waſſer, uni moine trofene Koßle zu erfriſchen, und die Leiche, 
die Leiche! Sie iſt ganz entſetzlich angeſchwollen, weich wie Teig. 
Tauſende von Würmern kriechen auf ihr herum. Wenn ſie ſiv 
ganz zernagt haben, jo daß nur Noc> und Knochen übrig geblieben 
ſind, dann iſt die Reihe an mir .. 
Der Tag vergeht, die Naht kommt. Allos wie vorher. 
Morgen graut. Jeichts. Noch oin Tag vergeht . . . 
Die Sträncher ſchaufeln ihre Zweige und rauſchen lviſ« 
als ob fie jprächen. "zZ ſtirbſt, Du ſtirbſt, Du ſtirbſt!“ fü tor 
nte „Man kann Dich nicht jehen, nicht ſehen, nicht fehen!“ ant. 
worteten DIV gegenüber rſtehenden Sträucher. 
„Die ſind ja faum zu ſehen!“ ertönt c3 plötzlich laut neben mm 
ID ſc<hrede ; zuſammen und fomume zur Beſinnung. Mus den 
Geſtrüpv blicken mr ).die guten blanc) Magen JTakowlews, mnftres 
Gefreiten, an. | 
„Spaten ver!“ 1 
„Jein, koino ' 
"Det 
„Stier jind zweic, ein Türkel“ 
S9 lobe ja noch!“ will ich rufen, aber 
ruft ex. 
Spaten! 
nur ein I<waches Stöhnen entri! al ig meiner Bruſt. | 
„Herrgott! Er lebt ja! Horr Zwanow! Kerls, raſch her, 
er lebt noc<h! Ruft den Doktor! 1“ 
Jim Augenblick wird JU Waſſer in den Mund gegoſſe 1, van 
Schnaps und noch eiwas. Dann verſchwindet allcs3. 
Tum Takt ſchaukelt die Tragqbaßre, . Dieſes Schaufeln 
nnc< vin. Bald ſchlafe ich, bald wache ich wiedor auf. 
TIchläfe M 
"Div ver. 
bundenen Wunden ſchmerzen nicht; ein imnennbares Wohlgefiünl 
durchſtrömt den Körper. . . . 
Bait Träger! An die Bahre! Anfaſſen! Marſch!“ 
5 iſt Peter Jwanowitich, der kommandiert, unſer Sanmtäts- 
offigier, ein guter, magerer und hochgewachſener Meni <. Er ii: 
jo hoch, daß vonn 1ic< meinen Bli>. nach ihm wende, ich mir 
allmählich feinen. Kopf unt dein pärlichen grauen Haar feu, 
obwohl die Bahre auf den Schultern von vier kräftigen 
Soldaten ruht. | 
„Beter Zwanowitich!“ flüſterte ich. 
„Was denn, mein Lieber?“ Er beugt ſich über mich. 
„Reter Sivanowitich! Was hat Ihnen der Doktor geſagt? 
Werde ich bald ſterben?“ 
„Aber wa3 reden Sic da, Jwanow! 
| Sie ſterben nicht. Jhre 
Knochen ſind ja alle heil. So ein Glick! 
Und die Arterien an. M 
11 a D as 
Äber wie haben Sie die drei Tage gelebt? Hatten Sic 
zu offen?“ " 
„eim, nichts!“ 
„Und zu trinken?“ 
„Beim Türken, die Flaſche . Veter Jwanowitſch, mic: X 
jeht iprechen Später . . .“ - 
- „Nun, ichlafen Sie alfo weiter. Gott behüte Sie! Schiaken 
Sie nur.“ 
Wieder Schlaf, wieder Vergeſſenhoit . . . . 
Erſt im Lazarett kehrte mir das Bewußtſein zurück. Neveo! 
mir ſtehen Rerzte, Schweſtern, und außer ihnen ſehe 1ch noc: W 
das befannte Ge jicht eines berühmten Peter5burger Profeſſors, MW 
der ſich mit meinen Füßen ewas zu Ichaffen macht. Soine Händ MW 
jind unt Blut bedeckt. Er iſt aber bald fertig und wendet ſi) W 
an mich: u 
„Ia, Sie find alüdlich davongefonmmen, junger Mann! <<: WW 
werden leben. Ein Fuß 1 Ee zwar draufgegangen. Aber das bc | 
nichts zu jagen. Können Sie ſprechen?“ j 
öh fann 3 1md er3 zähle 1 nun alles, was id hier ge jchrieben. 
 
 
SSL ZIELTE ZGZE 
* Verantwortlich jür die Yodattion: 
Marl WoOrn, 
Worlag: Ir. Ebert ( zantralitelle für die „arbeitende Zugend 
anſtalt Raul Singer & (Co.' ' 
Deutſchlands . --: - Druck: Vorwärts Buchdruckerei it Vorlags- 
Sämtlich in Berlin, 
 

	        

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