Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 4.1852 (4)

98 
Bei Beantwortung des zweiten Theiles : „Ueber 
die Anwendung des Gebetes in der Schule“, 
ſtellte er die Fragen: 1) Wer ſoll beten? 2) Wie? 
3) Wann oder auf welcher Klaſſenſtufe ſol mit dem 
Beten begonnen werden? 4) Wie oft? und 5) Was 
ſoll gebetet werden 3) Wer ſoll beten? Der Lehrer 
nd die Schüler abwehſelnd. Der Lehrer vor Allen, 
beſonders bei Kleinen, weil er am meiſten von 
Religioſität durc<drungen ſei und durch ſein Beiſpiel 
die Kinder beten lehren ſole. Die Schüler, weil 
es ihnen Freude mache, zu beten, um ihre Gefühle 
ſelbſt auszuſprehen. Sie könnten es auch, weil ſie 
durch den Religionsunterricht dazu vorbereitet wären. 
Störungen der Andacht könnten vielleicht dabei vor- 
kommen. Der Schüler, der dazu Veranlaſſung gebe, 
müſſe eine Zeit lang vom Beten ausgeſchloſſen werden. 
2) Wie ſoll gebetet werden? Mit Würde, Anſtand, 
frommem Sinne und im Geiſte des Ehriſtenthumes. 
3) Wann oder auf welcher Klaſſenſtufe ſol mit 
dem Beten begonnen werden? Auf den unterſten, 
weil die Kinder ſchon zu Hauſe meiſtens zu kleinen | 
Morgen- und Abendgebeten angehalten würden, das 
Beten ihnen Freude mache, und ſie ſi< dadurc< er- 
griffen fühlten. 4) Wie oft ſoll gebetet werden? 
Nicht zu oft, um den Fehler des Plapperns zu verhüten, 
den der Heiland tadelt, und um nicht in Mechanismus 
zu verfallen. Beim Anfange und S< luſſe der Schule, 
Vor- und Nachmittags regelmäßig zu beten, ſei 
tadelswerth, da am Schluſſe der Schule ſowohl den 
Lehrern, als auch den Schülern meiſt die rechte 
Stimmung fehle. Regelmäßig ſei zu beten am 
frühen Morgen nach vorhergegangenem Geſange, be- ! 
ſonders vor Beginn des Religionsunterrichtes z; jedo< 
könne es auch zuweilen während deſſelben geſchehen, 
wenn ſich Gelegenheit dazu biete. Außerdem ſei zu 
beten beim Wochen - und Vierteljahrsöſchluß und bei 
anderen Gelegenheiten. 5) Was ſoll gebetet werden? 
Das Beſte ſei, aus dem Herzen zu beten, doch könne 
zuweilen mit Formelgebeten abgewechſelt werden. Was 
gebetet werde, müſſe aber der Bildungsſtufe der Kinder 
angemeſſen ſein. Schließlich bemerkte noh der Referent, 
wie ſeine eigene Erfahrung gegen die Anſicht ſpreche, 
daß es verwerflich ſei, von den Schülern beten zu 
laſſen, weil die Andacht fehle, wie aber ſeine Er- 
fahrung dafür ſpreche, daß es einen heilſamen Eindru> 
auf die Schüler mache, wenn der Lehrer im Beten 
mit ihnen abwechſele. 
Köhler aus Corba<. Er habe Lehrer kennen 
gelernt, die gegen die Unwendung der Gebete in der 
Schule wären, weil die Noth den Menſchen ſelbſt 
beten lehre, und weil keine Formeln gelehrt werden 
dürften, da dieſes zum Geplapper führe. Andere 
wären gegen das Gebet mit kleinen Kindern. Hierbei 
erinnert der Sprecher an das Wort Gräfe's, daß 
die Kleinen bei ihrer. Wißbegierde und Phantaſie 
durch das Gebet für eine Geiſterwelt erregt würden, 
und die Liebe zu den Aeltern die Herzen zur Ehr- 
ſurcht und Dankbarkeit gegen Gott öffne. No<h 
Andere hielten das Gebet für überflüſfig, weil jeder 
Gedanke an Gott ſhon Gebet ſei. Dagegen ſcheine 
 
 
 
 
 
 
 
mn Zimen m mmm nnn mu emer em zm 
 
 
furc<ht, Liebe und Dankbarkeit in Worten auszudrüen. 
Natürlich, weil der Mund üÜbergehe von dem, deß 
das Herz voll ſeiz wichtig, weil das Gebet ein vor- 
züglicges Beſſerungsmittel ſei, da es zur Selbſter- 
kenntniß führe. Es ſei ein Athmen nach himmliſchex 
Luft, eine Erhebung des Herzens zu dem Allmächtigen, 
wodurch der Gedanke an die eigene Schwäche her- 
vorgerufen und die Sehnſucht nam Vervollkommnung 
gewe&t werde. Ferner ſei das Gebet in der Schule 
wichtig um des Beiſpieles willen. Ueber die Wichtig- 
keit des Gebetes in der Schule ſei man wohl ein- 
verſtanden , allein über die Anwendung deſſelben 
herrſchten verſchiedene Anſichten. Die verſchiedenen 
Regeln, wie gebetet werden ſolle, ſeien unnütz einfach, 
frei, natürlich, aus dem Herzen müſſe gebetet werden. 
Wer Übrigens nicht in der rechten Stimmung ſei, 
bete lieber gar nicht. Weſſen Herz dagegen voll 
und ergriffen ſei, werde auch ohne Vorbereitung das 
Beſte treffen. . . 
Griebner aus Suhl wünſcht, daß die Ge- 
bete ſich an den Inhalt *der Lieder anſchlöſſen, die 
vor Beginn des Unterrichts geſungen würden. 
Hörnig aus Markranſtädt. Der Zwe 
des Schulgebets iſt ein doppelter, ein Zwe> der 
Erziehung und ein Zwe der Erbauung. Um 
dieſen doppelten ZweE an den Kindern zu erreichen, 
muß der Lehrer ſelbſt beten; dort, damit das Kind 
beten lernt, hier, damit es in die Stimmung verſeßt 
wird, die er hervorrufen will. Um ſeiner ſelbſt wil- 
len bedarf es der'Lehrex nicht, einmal, weil er ſchon 
| beten kann, und dann, weil er ſchon in der rechten 
Stimmung ſein ſoll. 
Köhler aus Corbach. Wir dürften beim 
Beten nicht an den Zwetk denken, weil dadurc< das 
Gebet matt werde. In höhern Klaſſen ſei für Ab- 
wechſelung zwiſchen Lehrer und Schülern zu ſorgen, 
in den niedern Klaſſen dagegen müſſe der Lehrer das 
Gebet ſelbſt verrihten.. 5 
Kühne aus Corbac bemerkt gegen Hörnig: 
Wenn auch der Lehrer ſchön in der rechten Stim- 
mung ſei, dieſe durch das Gebet zur Begeiſterunz 
erhoben werden könne. 
Dir. Schulze macht darauf aufmerkſam, daß 
derjenige, der in der Schule nicht beten gelernt habe, 
auch alösdann ni<t werde beten können, wenn es 
nöthig ſei. Die Erfahrung lehre auch, daß das 
Gebet, von kleinen Kindern geſprochen, auch auf 
Andere wirkſam ſei. 
Hörnig weißt die Behauptung Köhlers, als 
ſei es nicht nöthig, daß der Lehrer beim beten ſich 
des Zwekes bewußt ſei, zurüs. 
Berthelt aus Dresden äußert ſich dähin, 
das Gebet ſei ein religiöſer Akt, und es komme da- 
bei ganz beſonders auf die religioſe Stimmung und 
auf den religiöſen Zuſtand des Menſchen im Allge- 
meinen an. Wie der religivſe Boden im Menfchen 
beſchaffen ſei, fo geſtalte ſich auch das Gebet, die 
Pflanze, welche dieſem Boden entſpringe. Daher 
könnten auch keine allgenfein giltigen Regeln über 
das Beten in der Schule aufgeſtelt werden. Ueber 
es ihm natürlich und wichtig, die Gefühle der Ehr- | die Bedeutſamkeit des Betens in der Schuke wolle
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.