Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 4.1852 (4)

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ey nicht ſprechen, weil er vorausſeße, daß Jeder in 
. der Verſammlung von ihr durchdrungen fei. Was die 
Fragen über die Art und Weiſe des Betens betreffe, 
ſo müſſe er ſie, in der Vorausſekung, daß Lehrer 
und Schüler ſo ſeien, wie ſie ſein ſollen, in ganz 
einfacher Weiſe beantworten. Beten müſſe der, der 
es am beſten verſtehe, d. h., den Zwe> des Betens 
in der Schule am beſten fördere, ſei es der Lehrer 
oder der Schüler. Laſſe man zuweilen einen beſon: 
ders befähigten Schüler beten, ſo ſei nur darauf zu 
achten, daß es dieſem nicht zu einem Mittel der 
Eitelkeit werde. Beten müſſe man, wie es einem 
ums Herz ſei. Beten müſſe man, was man im 
Herzen habe. Daher ſei das Gebet aus dem Herzen 
von beſonderer Bedeutung. Und wenn man durch 
ein ſchon vorhandenes Gebet ſich ſelbſt erſt erheben 
und erbauen wolle, ſo müſſe man ſolche wählen, die 
dem eigenen religiöſen Gefühle und dem kindlichen 
Gemüthe entſprächen. Der Lehrer habe deswegen 
den EindruE, welchen dieſes oder jenes Gebet auf 
die Kinder mache, zu beobachten. Beten müſſe man, 
wenn das religiöſe Bedürfniß bei Lehrer und Schülern 
es fordere, Freilich könne man dieſes Bedürfniß den 
Schülern nicht gerade anſehen und die Verhältniſſe 
Machten hier etwas Beſtimmtes nothwendig, aber 
die Schüler feien in religidoſer Beziehung ſo zu bil- 
den, daß ihnen zu gewiſſen Zeiten das Beten eine 
nothwendige Beſchäftigung werde. Ganz beſonders 
ſei hierbei datauf zu halten, daß die Schüler nicht 
nach aufregendem und zerſtreuendem Lärmen, ſondern 
in geſammelter Stimmung zum Gebete ſich an- 
ſchiten. | 
Köhler -weiſt das Mißverſtändniß von Hör- 
nig, als ob das Gebet keinen Zwe>X haben ſolle, 
zurü>. Wedung des religiöſen Sinnes ſei der Zwes 
eines jeden Gebets. ' 
Hiermit wird die Verhandlung über Nr. 1 des 
Programms geſchloſſen. Nach einigen von Lansky 
aus Dresden angeregten Bemerkungen Über parla- 
mentariſche Ordnung und nachdem man beſchloſſen 
hatte, über den vorher behandelten Gegenſtand keine 
"- Reſolution zu faſſen? Ihlug. Benfey aus Göttin- 
gen vor, nunmehr Dieſterwegs Vortrag über das 
Programm der modernen Volksfſchule 
folgen zu laſſen, /und wüuſchte, daß zur Beſprechung 
über Nr. 3 des Programms, ſowie über Kinder- 
gärten und weibliche Erziehung beſondere Sektionen 
ſich bilden möcdſten. /-- 
Nach vierteiſtündiger Pauſe erſcheint Dr. Dieſter- 
weg auf der Rednerbühne und beginnt ſeinen Vor: 
trag über die Grundſäße, welchen die moderne 
Volksſc<ule huldigt. 
Die moderne Volksſchule wird mit vielen Vor- 
„„ Es wird Mancherlei gelehrt und 
würfen belaſtet. 
wenig gelernt. Die ſtrenge Disciplin hat einer laxen 
den Platz eingeräumt, die Pflege der Pietat und 
des geſeßlichen Sinnes wird verſäumt, das Zeitſtreben | 
hat ſeinen Grund in der Volksſchule, und die Schuld - 
; Ehre dieſer Forderung bleibt ihnen. Sie forderten 
fragen die Lehrer.“ Dieſe Anklagen kommen nicht 
 
 
an, die Sache näher zu prüfen, und die Grundſäge 
zuſammenzuſtellen, welchen die moderne Volksſchule 
folgt. Der erſte Grundſaß derſelben iſt: allge: 
meine Menſc<henbildung. Dieſer iſt ſhon von 
den Griechen aufgeſtellt, im Mittelalter jedoch beſeis 
tigt, aber neuerdings wieder hervorgerufen worden. 
Das rein Menſchliche ſol im Menſchen entwielt 
werden durch Erziehung und Unterricht, do< ſoll 
dadurc<; nicht ein abſtrafter, ſondern ein konkreter 
Menſc< gebildet werden mit nationaler Ausprägung 
in individueller Form. Der Menſch gehört einer 
beſtimmten Nation an. Dies Gepräge ſoll bleiben, 
zugleich ſollen ſich ſeine urſprünglichen, natürlichen 
Anlagen in ihrer eigenthümlichen Weiſe entwi>eln. 
Das verſtanden die Alten beſſer. Wir behandeln 
die Maſſen und verſäumen dabei die Berückſichtigung 
des Individuums. | 
Der zweite Grundfaß iſt: religiöſe Geſin- 
nung. Sie iſt die Richtung des Menſchen vom 
Vergänglichen aufs Unvergängliche, vom Sichtbaren 
aufs Unſichtbare, das Leben im Ideal. Sie allein 
verleiht ihm Thatkraft. Dieſe Geſinnung muß die 
Boltsſ<ule in die 'Gemüther der Kinder pflanzen, 
und dadurch den Vorwurf zurüFweiſen, als wollten 
die Lehrer die Religion untergraben und das Chriſten» 
thum beſeitigen. Die moderne Volksſchule polemiſirt 
gegen den bisherigen Religionsunterricht aus reli- 
gidſem Sinne. . 
Der dritte Grundſaß iſt: ſittliche Richtung 
des Menſchen. Sie iſt verſchwiſtert mit der reli- 
giöſen Geſinnung , aber nicht von ihr abhängigz ſie 
hat ihre eigne Wurzel, welche ins Leben hineintreibt. 
Wir erkennen ſie daraus, daß der Menſch ſeine Privat- 
intereſſen den allgemeinen Intereſſen unterordnet und 
fich als Glied eines Ganzen betrachtet. 
Vierter Grundſaß: die freie Entwi>elung 
des innern Menſchen nach naturgemäßen 
Grundſäßen. Die moderne Volksſchule will Nichts 
in den Menſchen hinkintragen, ſie will freie, natur- 
gemäße Entwi&elung nach inneliegenden Geſeken, 
freie Bewegung und Entfaltung, unbekümmert um 
die Folgen, die nur gut ſein können, da ſie der gött- 
lihen Natur des Menſchen entſprehen. Wer dieſe 
Grundſäße nicht feſthält, ſondern Grenzen ziehen will, 
der iſt ein Feind des Menſchen. Da wir es mit 
der deutſc<en modernen Volksſchule zu thun haben, 
ſo kömmt dazu noc< die Entwi>elung der deut- 
ſchen Nationalbildung. Bei Vergleichung der 
Schule zu Luthers Zeit mit der modernen Volks- 
ſchule muß uns hohe Freude erfüllen. Dort tödtender 
Mechanismus, hier rationelle Entwi>elungz; damals 
methodiſches Verfahren , jekt ausgebildete rationelle 
Methodik. Daraus erkennen wir die Pflicht, dieſen 
Entwielungsgang der Schule fortzuführen. 
Seit 1848 hat man über die deutſchen Lehrer 
den Stab gebro<en. Ihre Noth war groß, gleich- 
wohl ſtellten ſie an die Spipe ihrer Forderungen 
tiefere, gründliche Bildung für den Lehrerberuf. Die 
blos von außen, ſondern aus der Mitte der Lehrer, | Beaufſichtigung der Schule dur; Sach- und Fach- 
3. B. von Eurtmann. Solche Anklagen treiben uns ! kenner im Intereſſe der Schule. Sind die Lehrer
	        

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