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nicht, was ſie ſein ſollten, und iſt die Schule nicht, | Dingen nöthig, den Begriff des mehrdeutigen Wortes
wie ſie ſein ſollte, ſo iſt das nicht die Schuld der „Nationalerziehung“', welches ſowohl Erzie-
Lehrer. Fragen wir nach dem Prinzipe der Volks: | hung zur Entfaltung der Nationalität, als Erziehung
ſchule in Hinſicht auf den Unterricht, ſo iſt es das | durch nationale Mittel bedeuten könne, feſtzuſtellen,
Prinzip der Anſchauung, das ſchon Commenius ; ſodann aber nachzuweiſen, welches der Weg, welches
aufſtellte und von Peſtalozzi in die Volksſhule ein- | die Mittel zur Erzielung jener nationalen Erziehung
geführt wurde. Jeder Unterricht, ſelbſt der Unter- | ſeien. Er beantrage daher, Dieſterweg zu erſuchen,
richt in der Religion, muß auf Anſchauung gegründet | ſih ausführlicher über Nationalerziehung auszu:-
werden. Daraus folgt, daß der ſeit Jahrhunderten | ſprechen.“
herrſchende Gedächtnißkram in der Schule fallen muß. Da ſich kein Widerſpruch gegen dieſen Antrag
Gegen die Feſthaltung deſſelben im Religionsunter: | erhebt, ertheilt der Vorſitzende dem Seminardirektor
richte von Seiten einer Partei müſſen wir proteſtiren. | Dieſterweg das Wort.
Die religiöſe Geſinnung iſt: das Fundament der Dieſterweg: Er ſei nicht vorbereitet zu einer
Entwidkelung, aber die Schule kann darum nicht | vollſtändigen Darlegung ſeiner Anſichten über den
eine Kirche genannt werden. Sie iſt vielmehr eine | Gegenſtand und müſſe ſim daher auf eine aphori-
Arbeitsanſtalt. Dur< TShätigkeit ſol ſi< der | ſtiſche Behandlung beſchränken. Unter Nationaler-
Menſch aus ſich ſelbſt herausbilden, und die Schule | ziehung verſtehe er Erziehung und Bildung zu den-
ſoll dazu anleiten. Arbeitſamkeit iſt niht nur des | jenigen Eigenſchaften, die man vorzugsweiſe deutſche
Bürgers Zierde, ſondern ſie iſt ſein höchſtes Prädikat. ! nenne, und zu denen, die man unter den jeweiligen
Es iſt beim Beginn der Verhandlungen die Vermei: |; Zeitverhältniſſen von einem deutſchen Manne erwarte.
dung konfeſſioneller Fragen zur Bedingung gemacht | Lettere ſeien heute andere, als vor 200 Jahren und
worden, doc< kann ich nicht umhin, darauf hinzu- | es enthalte daher der Begriff der Nationalerziehung
deuten, daß keine konfeſſionellen, ſondern nationale | ein ſtabiles und ein mobiles, mit den Zeitverhält-
Schulen gegründet werden müſſen. Denn der | niſſen bewegliches Moment. Er habe geſtern die
Gedanke an Einheit, Kraft und Stärke kann keine | Errichtung von Nationalſc Ausführung finden, wenn ſchon in der Schule Spal- | die innere Einheit als Grundlage der äußern Einheit
tung im Gemüthsleben der Kinder hervorgerufen wird. | betrachte und hoffe, daß Einheit, Kraft und Ruhm
Der Vorwurf des Mangels an ſtrenger Disci- | des deutſchen Landes auc< unter den heutigen Ver-
plin, den man der modernen Volksſchule gemacht, | hältniſſen das Ziel ſei, nach welchem das deutſche
iſt nimmt ungegründet. Es ſoll zwar nicht das alte |! Volk raſtlos und unentmuthigt ſtrebe. So lange
Prügelſyſtem wieder eingeführt werden, aber ſtrenge | freilich der Schwerpunkt der Geſinnung der größern
Zucht und Ordnung. Der Grund unſeres Un- | Hälfte des deutſchen Volkes außerhalb Deutſchlands,
glü>s iſt Mangel an Achtung vor dem Geſeß. Ohne | in Rom, liege, ſo lange die konfeſſionelle Trennung
Strenge in der Zucht keine Humanität darf nk Herrſchen lernt man erſt dur Gehorchen. | geben.
Mit dem Reſume dieſer ausgeſpro ſatze ſc Schluß der heutigen Verſhmmlung gegen 2 Uhr. | zur Ergänzung des Vorhergehenden no“ auf ein:







Schriftführer : Bach, Lyceallehrer aus Ohrdruff. zelne Verirrungen aufmerkſam machen. . -
Grofßigebaner, Bürgerſchullehrer aus Gotha. Nur in Deutſchland ſpreche man von nationaler
Erziehung; in Frankreih und England höre man
Zweite Sitzung, Den 2. Iuni 1852. | davon nichts, weil man hier von Natur habe, was
Vorſivender: Hoffmann | man in Deutſchland auf künſtlichem Wege zu errei-
" | Eröffnung der Sikung um 9 Uhr mit Verleſung | Kind zu einem Deutſchen erzogen und man müſſe
der Präſensliſte, welche 245 Theilnehmer nachweiſt. | ſim daher hüten, etwas erzielen zu wollen, was die
Diskuſſion über das von Dieſterweg -aufge: ; Natur von ſelbſt hervorbringe. Wenn die Aeltern
ſtelte Programm der modernen VolPs- | deutſche Geſinnungen hegten, ſo werde das Kind von
ule. | | felbſt ein Deutſcher werden.
Oberſchulrath Roſt: „Dieſterweg habe am Einen andern Mißgriff habe die Nationualver-
Schluſſe der erſten Sitzung das Programm der mo- | ſammlung in Frankfurt begangen, indem ſie Gleich-
dernen Volksſchule in vortrefflichen Grundzügen dar: | macherei, Egaliſirung der verſchiedenen deut-
gelegt, und die Verſammlung habe wegen der Wich: | ſc tigkeit des Gegenſtandes die Diskuſſion darüber auf | Verirrung geweſen. Auf der Mannigfaltigkeit der
die heutige Sißung verſchoben. Er halte eine we: ! Stämme beruhe die Herrlichkeit des deutſchen Vol-
ſentliche Ergänzung oder eine Bekämpfung des von | kes. Energie und Kraft der Natur werde er-
Dieſterweg Geſagten nic eine nähere Beleuchtung deſſelben wegen der mög: | Mannigfaltigkeit. Dieſe ſei in Deutſchland von je vor-
lichen Unklarheit der Begriffe, ſelbſt im Lehrerſtande, | handen geweſen und nie durch Drangſale vernichtet
für wünſchenswerth. Daher ſcheine es ihm vor allen |! worden. Man möge ſich erinnern an den verſchiedenen


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