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das deutſche Volk eine Literatur. Sie ſei ein kräftiges
Centralband , wodur< Deutſchland wieder groß und
ſtark werden könne. Sie habe dem deutſchen Volke,
nachdem es durch den dreißigjährigen Krieg tief her-
abgeſunken ſei , neur Lebenskraft verliehen. Sie
müſſe daher aut) ganz beſonders zur Beförderung
lebenskräftiger Nationalität gepflegt werden.
: Juch: Wie die deutſche „Geſchichte ſelbſt, ſo ſei
auch die Geſchichte der Literatur ein vorzügliches
Bildungsmittel für die deutſche Jugend. Der An-
ſicht BekX's, daß Deutſchland erſt ſeit Luther eine
Literatur habe, widerſprach er, und wies deshalb auf
die Blüthenzeit der Minneſänger und Meiſterſänger
und auf die*herrlichen epiſchen Werke der früheren
Zeit (Nibelungenlied) hin.
Be>: Er habe nicht ſagen wollen, daß Deutſch-
land vor Luther keine Literatur gehabt habe, ſondern
nur, keine Geſammtliteratur.
Hierauf ſchloß der Präſident die Verhandlungen
Über dieſen Gegenſtand für heute und führte zu einer
Beſprechung über den Ort der nächſten Verſammlung.
Nachdem Halberſtadt , Braunſchweig, Frankfurt a.
M. , Berlin, Dresden 2c. für die nächſte Berſamm-
lung in Vorſchlag gekommen waren und man ſich
Für feinen der genannten Orte beſtimmt entſcheiden
konnte, ſo ſ vor, man möge den Vorſtand des Gothaiſchen Lan-
desvereines erſuchen, wegen des nächſten Verſamm:
lungsortes die nöthigen Schritte zu thun und da-
bei Halberſtadt und Braunſchweig beſonders zu be-
rüſichtigen. Nachdem dieſer Antrag angenommen
worden war, und Dr. Schulze im Namen des gotha-
iſchen Vorſtandes erklärt hatte, denſelben zur Aus-
führung bringen zu wollen, wurde die heutige Sikung
(22 Uhr) für geſchloſſen erklärt und der Anfang der
nächſten Sißung auf den anderen Morgen früh 7 Uhr |
feſtgeſeßt. =
Schriftführer : Fiſcher aus Schwabhauſen und
Wolfram aus Goldbach im Gothaiſchen.
Dritte Sitzung, den 3. Juni 1852.
Vorſikender: Hoffmann.
Nah Eröffnung der Sitzung wurden vom Vor:
ſißenden die eingeſandten Schriften von Stangen:-
berger, Stäbchenlegen'“ und Schmerbach „Hand-
wörterbuch für den hiſtoriſchen und doktrinellen Reli-
gionsunterricht “' der Verſammlung empfohlen und
zur Anſicht vorlegt.
Um einen Schluß für die geſtrige Debatte über
die Mittel zur Beförderung deutſcher Nationalerziehung
herbeizuführen, beantragte Dr. Sch ulze von Gotha
die Annahme des Saßes: „Zur Beförderung
deutſ richt in der deutſchen Geſchichte und deut-
ſchen Literatur weſentlich nothwendig.“
Dieſer Antrag wurde einſtimmig angenommen.
Köhler aus Corbach bringt hierauf die Er-
ziehungsvereine als ein drittes Mittel zur Bes-
förderung deutſcher Nationalerziehung zur Sprache,
indem er den Antrag ſtellt: ,, Die Mitglieder der





allgemeinen deutſchen Lehrerverſammlung verpflichten
ſich , dahin zu wirken, daß in den einzelnen Schul-
gemeinden Vereine (aus Vätern, Müttern, Pfleg-
ältern und Lehrern beſtehend) gegründet werden, welche
die religiös -ſittlihe und nationale Erziehung der
deutſchen Jugend erſtreben.
Schulze tritt Köhler's Antrag bei, will aber
ſtatt der Worte „, verpflichten ſich '' geſebt wiſſen:
„ halten es für wünſchenswerth“. Da jedoch Die-
ſterweg beantragt zu ſetzen: ,,Es wird von der
Lehrerverjſammlung empfohlen '', ſo ſtimmt er dieſer
Faſſung bei.
.„ Köhler ſagt zur Motivirung ſeines Antrages,
es ſei in Hannover ſchon der Beſchluß gefaßt worden,
Erziehungsvereine zu gründen, aber noch nirgends
ein ſolcher Verein in's Leben getretenz er wünſche
wenigſtens eine That der Verſammlung. Er erinnert
daran, daß Dieſterweg über Mangel an Geſeßlichkeit,
Roſt über Mangel an Pietät geklagt habe. Die
Urſachen hiervon fänden ſich ſchon bei der erſten Er-
ziehung. Schon ehe das Kind in die Schule kommt,
muß es Manches ſehen und hören, was genannte
Fehler erzeugt, und tritt es in die Schule, ſo ſchwindet
nicht ſelten die Pietät gegen den Lehrer, Leſonders wo
neue Methoden eingeführt werden. In den erſten Schul-
jahren der Kinder intereſſiren ſich die Aeltern für die
Scule am meiſten, aber ſie kennen die neuen Methoden
nicht, oder die Kinder haben etwas nicht recht ver-
ſtanden, =- es fallt manches Wort gegen den Lehrer,
und es ſchwindet die Pietät gegen denfelben. Auch
achtet oft der Lehrer nicht genug auf das, was die
Aeltern thun. Dies die Weranlaſſung zu dem ge-
ſtellten Antrage; man ſolle die Kräfte nicht zerſplittern,
Erziehungsvereine gründenz die Gründung ſol Vereine ſei ſehr leicht.
Darauf wird Köhler's Antrag mit Weglaſſung
der Worte ,,aus Vätern, Müttern, Pflegältern und
Lehrern beſtehend“, auf welche Köhler einen beſonderen
Nachdrus gelegt wiſſen wollte, die aber von Anderen
als zu ſpeciell und ſich von ſelbſt verſtehend für un-
nöthig erachtet werden, in folgender Faſſung ange-
nommen: „Von der allgemeinen deutſchen
Lehrerverſammlung wird dem deutſc Lehrerſtande die Gründung von Exzieh-
ungsvereinen empfohlen, welche die reli-
gi0s-ſittlihe und nationale Ausbildung
der deutſchen Jugend erſtreben.“
- Hiermit wird die Diskuſſion über die Mittel
zur Beförderung der deutſchen Nationalbildung ge-
ſchloſſen und auf Antrag des Dr. Schulze zu Nr. 5
der Tagesordnung übergegangen. Es kam ſonach
nun der nakurwiſſeny zur Beſprechung.
Benfey aus Göttingen ſtellt über denſelben
folgende drei Theſis auf: '
1) für den realiſtiſchen Unterricht in der Volksſc ſol Naturwiſſenſchaft, nicht Geſmichte, Fundamental-
gegenſtand ſeins
2) die Methode darf nicht blos mittheilender Art
ſein, ſondern muß ſich Demonſtrationen und Experi-
menten anreihens

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