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3) er muß ſyſtematiſch gegliedert ſein und ſich für
jede Altersſtufe an paſſende Erfahrungen anreihen.
Der Begründung dieſer Theſis ſchi>te er vor-
aus, daß Sittlichkeit, Moral zum Weſen der Volks-
ſchule gehöre, daß Leſen, Schreiben, Rechnen, über-
haupt die einzelnen Fertigkeiten, nebenbei gelehrt
werden ſollten, und daß eine Schule zu denken ſei,
die nom 8 Stunden Zeit zu naturwiſſenſchaftlichem
Unterrichte habe.
Zur erſten Theſis bemerkte er, daß ſich der
naturwiſſenſchaftliche Unterriht dem Gemüthszu:-
ſtande des Kindes mehr anſchließe, als der Geſchichts-
unterricht, die Natur trete dem Kinde vor-.die Augen,
für Geſchichte müſſe das Intereſſe erſt gewe>&t werden,
ſei noch nicht da.
Zur zweiten: Der Unterricht in der Naturkunde
bedarf nicht ſo viele Elemente als der in der Ge:
ſchi Unterricht, der geiſtige Thätigkeit producirt. Der
Unterricht in der Geſchichte beſteht darin, daß die
Kinder dazu aber gehört gereifter Werſtand. Anders iſt es
mit den Naturwiſſenſchaften. Kinder laſſen ſich darin
leichter unterrichten, da ſie beobachten können. Hier
läßt ſich der Anſchauungsunterriht am leichteſten
anwenden, und auf dieſen arbeite der Lehrer vor
Allem hin. Er laſſe die Kinder ſchon früh allerlei
Erfahrungen ſelbſt durchleben und ſelbſt Beobachtun:
gen anſtellen. Er pflanze z. B. Bohnen und Blumen
in Töpfe und zeige ihnen dieſelben von Woche zu
Woche in ihren Entwi&elungsſiufen, indem er mit
ihnen die Wurzeln, Keime, Knospen, Blätter, Blüthen '
unterſuchtz er mache ſie auf die Verpuppung der
Raupen und ihre weitere Ausbildung aufmerkſam 2c.
Dadurch gewöhnen ſich die Kinder, mit ihren Sinnen
das Aeußere ſcharf aufzufaſſen, und ſo werden ſie
zur inneren Anſchauung geführt, die nur erſt auf
die ſinnliche folgen kann. Traurige Erfahrungen
lehren. das Bedürfniß, mehr die äußere Anſchauung
zu fördern, -=-
Zur dritten Theſis giebt der Kedner folgende
drei Unterrichtöſtufen an: bis zum 8. Jahre verein-
zelte ſinnliche EindrüEe, vom 8 bis 12. Jahre Nuten,
Betrachtungen, Beziehungen derſelben, vom 12. bis
14. Jahre Anwendung derſelben zu Gemüthserhebun-
gen. Auf der erſten Stufe führt der Lehrer einzelne
und nur wenige Naturkörper (Thiere, Pflanzen) vor,
läßt ſie aber ſeine Schüler ganz und vollſtändig kennen
lernen und regt dieſe an, ſelbſt zu ſammeln. Auf
der zweiten Stufe tritt die Frage des Nußens ein.
Botanik und Zoologie müſſen auf landwirthſchaft-
lichem Boden ruhen, daher der Lehrer hierin auf dem
Lande weiter gehen kann, als in Städten. Die
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dritte Stufe ſtellt ein kosmiſches Bild, ein Bild der
Natur auf, von Aſtronomie beginnend und in Phy- -
ſiologie endend. =- Für dieſe *verſchiedenen Stand- |
punkte „ſind auch verſchiedene Lehrbücher wünſchens- '
werth. -- Als eine vierte Stufe möge in ſtädtiſchen
-- Dieſe Forderungen müßten an die Volksſc geſtellt werden. --
( : Sache ſei -- der laſſe es bleiben. “
Schulen nor< Technologie mit Phyſik hinzukommnam..; j-e..
Vicepräfident Ritter findet aber dieſe Forde-
rungen in der Volksſchule nicht ausführbar, da es
nicht möglich ſei, 8 Stunden für den naturwiſſen-
ſchaftlichen Unterricht in derſelben zu erübrigen, ja
der Vorſchlag Benfey's verlange zur praktiſchen Aus-
führung noM mehr Zeit. Dieſer nehme überhaupt
einen zu hohen Standpunkt ein, -- es ſei ein niederer
anzunehmen und beſonders die Frage zu beantworten,
wie man dem Volke Freude an der Natur beibringe,
da dieſe Freude die reinſte, unſchuldigſte ſei und auch
denen zugänglich ſei, die auf ſo viele irdiſche Freuden
verzichten müſſen.
Dieſterweg erkennt den in der erſten Theſis
gemachten Unterſchied ni ſagt er, iſt hiſtoriſcher Art. Wenn Naturkunde mit
Religion verglichen wird, ſo findet man, daß Reiu-
gion auf naturhiſtoriſchem Wege entſtanden iſt. Die
religidſen Begriffe haben ſich hiſtoriſch entwikeltz die
Sprache iſt ein hiſtoriſches Erzeugniß des menſchlichen
Geiſtes 3 die Mathematik entſteht durch innere Entwi>e-
lung des menſchlic iſt naturhiſtoriſcher Art, alſo kein Unterſchied zwiſchen
Geſchichte und naturwiſſenſchaftlichem Unterrichte. =--
Soll die erſte Theſis richtig ſein, ſo muß das Weſen
des naturwiſſenſchaftlimen Unterrichtes
beſtimmt werden. Die Naturkunde hat 1) eine kos-
miſche Seite (= Kosmos Humboldt's). Man
beginnt mit Entſtehung der Welt aus kosmiſchen Kör-
pern, gtebt eine Geſchi EntwiFelung vom Niederen zum Höheren ſich zeigt,
vom Unvollkommneren bis zum Menſchen. Nur da-
durch verſteht der Menſc< ſeine Stellung zum Welt-
ganzen. = Führt die Naturkunde nun die einzelnen
Naturdinge auf, ſo entſteht 2) das zoologiſche,
botaniſche, mineralogiſche Moment. -- Das
dritte Moment iſt das praktiſc< e oder techniſche,
indem die Anwendung auf die Oekonomie und Tech-
nik ſich entwikelt. *) Dadurch wird die Naturkunde
von vielen Uebelun befreien, ſie wird ein Erlöſer der
Menſchheit ſein.
Was die Bildung dur< Naturkunde be:
trifft, ſo hat ſie 1) eine religiöſe Seite. Es heißt
ja auch in der Bibel: Die Himmel erzählen die
Ehre Gottes 2c., = der das Ohr gepflanzt hat, ſolte
der nicht hören? 2c. Die Philoſophen nehmen den
kosmologiſchen und phyſiko-theologiſchen Beweis für
das Daſein Gottes aus der Naturkunde. Nichts iſt
leichter, als die Kinder durch Betrachtung der Natur
zu Vorſtellungen eines ſchaffenden Weſens zu bringen.
Dabei herrſchen oft no< große Verirrungen. Das
Religiöſe darf nicht an die Natur gebrac hineingetragen, ſondern muß herausgeſchöpft werden.
Zeigt man dem Kinde die Konſtruktion eines Stroh-
halmes , die Geſtalt der Mondesfläche, die Traban-
ten des Jupiters 2c., ſo empfängt es einen religiöſen
EindruE. ( Asmus? ) ſagt: „Wer ſich bei Sonnen-
untergang erſt ſagen muß, daß es eine erhabene
Die Religion
*) Hier erſcheint Friedrich Fröbel in der Verſamm-
lung und wird mit ſtürmiſc;em Applaus begrüßt.

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