Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 4.1852 (4)

171 
fühl des Schmerzes verurſamMt. Es liegt auf der 
Hand, daß bei dieſem Reizverhältniſſe die unvol- 
kommenſte Neizaneignung ſtattfindet, und daß es für 
die EntwiEelung der Urvermögen, ſowie für die in- 
tellektuelle und ſittliche Bildung, mehr nachtheilig 
als vortheilhaft wirken muß. 
Wir wollen nun noc< die Entwielungs- 
form der Urvermögen, oder der Seele überhaupt, 
infolge dieſer Reizverhältniſſe, dur< unſere Brille 
anſehen. Zwei dieſer EntwiEelungsformen =- das 
Vorſtellen, oder den Verſtand, und das Bes 
gehren oder den Willen -- haben wir ſchon kennen 
gelernt. Aber der Verſtand und der Wille ſind nichts 
anderes als Entwikelungsformen der Urvermögen, 
nicht beſondere Vermögen, am allerwenigſten aber 
ſubſtantielle und präformirte Vermögen =- wie es 
die Pſychologie mit der alten Brille geſehen haben 
will. Es kommt ja blos auf die Beſchaffenheit der 
Urvermögen und Reize an, ob ein Vorſtellen oder 
Begehren entſtehen ſoll; ein Vorſtellen entſteht 
dann, wenn der Reiz das Vermögen vollkommen 
erfüllt und vom Vermögen kräftig angeeignet wird z 
ein Begehren entſteht dann, wenn der Reiz das 
Vermögen unvollkommen (zu ſtark oder zu ſchwach) 
erfüllt, und eben deshalb nicht kräftig angeeignet 
wird. Ein und daſſelbe Gebilde der Scele kann alſo 
beides, Begehrung und Vorſtellung zugleich ſein 3 
Begehrung, ſoweit die aufgenommenen Reize dem 
Vermögen wieder entſchwunden ſind; Vorſtellung, | 
ſoweit die aufgenommenen Reize in dem Vermögen 
beharren. Hierin liegt das pſy<hologiſ<e Grundver: 
hältniß des „Verſtandes' und „Willens,“ oder 
des Erkenntniß- und Begehrungsvermögens. 
Aber die Pſychologie hat durch die alte Brille noch ein 
drittes Vermögen, das Gefühlsvermögen geſehen. 
Das Gefühl erſcheint durch unſere Brille aber auc< 
nicht als Vermögen, ſondern blos als eine Ent- 
wi>elungsform der Seele. Ja das Gefühl iſi 
nicht blos kein angebornes und ſelbſiſtändiges Ber- 
mögen, es iſt ſogar nicht einmal die Eigenſchaft 
Eines Gebildes der Seele. Das Fühlen oder Ge- 
fühl kann blos dann entſtehen, wenn zwei oder 
mehrere ungleichartige Gebilde oder Thätigkeiten 
der Seele in ein gegenſeitiges Meſſungsverhältniß 
treten, und der infolge davon im Bewußtſein fich 
ankündigende Unterſchied, oder Abſtand, iſi eben 
das Gefühl. So kann eine Vorſtellung gefühlt, 
oder zum Gefühl werden, wenn ſie neben eine andere 
Vorſtellung, oder neben eine Begehrung, d. h. mit 
ihr in ein Meſſungsverhältniß tritt. So kann eine 
Begehrung gefühlt, oder zum Gefühl werden, 
wenn ſie neben eine andere Begehrung, oder neben 
eine Vorſtellung, d. h. mit ihr in ein Vermeſſungs- 
verhältniß tritt. Je größer die Verſchiedenheit der 
neben einander tretenden Gebilde iſt, deſto ſtärker -- 
je größer die Zahl der Gebilde iſt, die ſich gegen 
einander meſſen können, deſto reicher ſind die Gefühle. 
Da in den Gefühlen die Menge und Beſchaffenheit 
der pſychiſchen Gebild?, überhaupt die geſammte 
pſychiſche Entwi&elung reflektirt wird, ſo können wir 
ſie recht gut den Spiegel der Seele nennen. Aber 
 
 
 
 
 
neben den Vorſtellungen und Begehrungen iſt 
das Gefühl Nichts; denn es entſteht erſt mit, in 
oder an dieſen. Daher kann die einzelne Vorſtellung 
allein, oder die einzelne Begehrung allein, gar 
nicht gefühlt werden. Wie ſonderbar kommt es uns 
daher vor, daß die Pſychologie durch die alte Brille 
ein beſonderes Gefühlsvermögen wahrgenommen 
hat, das der Seele angeboren ſein und in der Seele 
ſelbſtſtändig wirken ſol. In der ausgebildeten Seele 
nehmen wir ganz gewiß Nichts davon war. Und 
die Urvermögen der ausgebildeten Seele ſind noch 
ganz indifferent gegen dieſe 3 Entwi>elungsformen : 
ſind weder Vorſtellung, noG Begehrung, no< Gefühl, 
ſondern fie können zu jeder Zeit entwikelt werden, je 
nachdem die Reiz: oder Aneignungs- oder Meſſungs- 
verhältniſſe eintreten. Die 3 Vermögen, oder richti- 
ger Entwikelungsformen, ſind ja gar keine Faktoren, 
ſondern ſie ſind die Produkte der pſychiſchen Ent: 
wikelung. Doch damit iſt noch nicht alles pſychiſche 
Geſchehen er- und aufgeklärtz wir müſſen daher 
noch die Geſe e oder Grundpreſſe, nach denen 
die Urvermögen ſich entwikeln und Überhaupt alle 
Gebilde und Thätigkeiten der Seele entſtehen, ken- 
nen lernen. 
(Schluß folgt.) 
Berichte über Lehrerverſammlungen. 
FE eee 
| Zentral- Lehrerkonferenz in der Kreisſtadt Leipa 
in Böhmen. 
Den 2. September d. I. verſammelten ſim 29 
Lehrer und ein Geiſtlicher zu einer Konferenz, 
welche bei der Ankunft des Hochw. Herrn Schul- 
diſtrikts-Inſpektors mit dem Chorgeſange : 
„Mit dem Herrn fang" Alles an! Uu, ſ, w.'' 
eröffnet wurde. 
Nach der Vorleſung des letzten Protokolles, ge- 
gen welches nichts eingewendet wurde, ward ein Vor- 
trag über die Behandlung der neuen Schulbücher 
gehalten, wozu die Erzählung: „Der gute Vater" 
aus dem erſten Leſe: und Sprac<hbuche gewählt wurde. 
Dur< Beſprechung des Leſeſtükes ward der Inhalt 
der Erzählung entwikelt, und durch die Erklärung 
der im Leſeſtücke vorkommenden Begriffe, Ausdrüc>e 
u. dergl. das vollkommene Verſtändniß derſelben ent: 
wiEelt. In ſprachlehrlicher Beziehung wurde das 
Hauptwort in Angriff genommen, und zuerſt der 
Begriff „Gegenſtand zum Bewußtſein gebracht. 
Erſt am Schluße der vielſeitigen Uebungen wurden 
die Schüler mit der Regel: Alle Wörter, welche 
Gegenſtände bezeichnen, heißen Hauptwörter, bekannt 
gemacht. =- Genug für die erſte Klaſſe. Erſt die 
Sache, dann der Name. So iſt's natürlich und dem 
Grundſaße der Anſchauung gemäß! = Am Schluſſe 
diefes Vortrages ſprach der Schriftführer einige Worte 
über die „Lebensbilder“ von Berthelt, Jäkel, 
Petermann und Thomas, ſowie über die „Prak: 
tiſche Anweiſung zum deutſchen Sprachun: 
terrichte in den untern Klaſſen einer BVoltsſchule
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.