Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

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die Hauptſache, ſondern das, was ſie in uns anregt.“ Und 
des Anregenden, auch Beherzigenswerthen finden wir genug 
in den Artikeln. Wer freilich ſich über dergleichen Geiſtes- 
produkte erhaben dünkt, der hält das Leſen derſelben für 
nußlos , für Zeitverſ<wendung. Göthe: | 
, Wer fertig iſt, dem iſt Nichts reHht zu machen 
Ein Werbeaber wird rer Ge ei ' 
Gehören wir zur letzteren Klaſſe! Anders als jener 
urtheilt ein Mann, der do<H gewiß kompetent iſt, in dieſer 
Angelegenheit ein Urtheil zu fällen -- Dieſterweg. Er ſagt 
(und ſeine Worte mögen dem Geſagten zur Bekräſtigung und 
uns allen zur Beherzigung dienen) : „Die pädagogiſche Blätter 
nicht leſenden Lehrer verſ<mähen zu ihrem eigenen und der 
Schule Schaden eins der mächtigſten Beförderungsmittel 
der Bildung, der Fortbildung, der Kenntniß der Gegenwart 
und der Fortſchritte auf dem Gebiete der Pädagogik, ſowie 
der Erhaltung der geiſtigen Lebendigkeit und Friſche. In 
zehn Fällen gegen einen darf man die Behauptung als richtig 
anerkennen, daß ein an der pädagogiſch = periodiſchen Litera- 
tur gar nicht Theil nehmender jehrer der Trägheit, dem 
Stumpfſinne und der geiſtigen Intereſſeloſigkeit, ſowie dem 
Mangel an aller Theilnahme an der Entwicklung ſeines 
Standes verfallen iſt und verfallen wird.“ 
Lektüre der pädagogiſchen Zeitſchriften den rechten Nutzen 
gewähren, ſo iſt zunächſt erforderlich, unter den vorhandenen 
lättern eine geeignete Auswahl zu treffen. I< frage des- 
halb zweitens: 
Welche pädagogiſche Zeitſchriften ſoll der Lehrer leſen? 
Es kann bei der Beantwortung dieſer Frage niht in meiner 
Abſicht liegen, von den circa 50 oder noh mehr periodiſchen 
Erziehungsſchriften, die in unſerm großen Baterlande er= 
ſcheinen, eine Anzahl für die Lektüre des Lehrers au8zuwählen 
== dieſe Auswahl iſt am beſten von den Lehrern ſelbſt zu 
treffen =-, ſondern es ſollen nur die Geſichtspunkte ange- 
geben werden, von welchen aus, nach meiner Anſicht, die 
u8wahl ſtattzufinden hat. In dieſem Sinne beantworte ich 
obige Frage zunächſt dahin: Es ſollen nicht lauter 
pädagogiſ<e Zeitſ<riften von einer Parteirich- 
tung, ſondern ſowohl liberale, als nichtliberale 
gele en werden, vorausgeſeßt , daß ſie von einer tüchtigen 
edaktion zeugen. Der Lehrer ſoll ſich nicht blind und un-= 
bedingt einer Partei verſchreiben, ſondern der Wahrheit. 
Es iſt ein Fehler, wenn Jemand ſo im Parteiweſen verraunt 
iſt, daß ex das nicht leſen und vorurtheilsfrei prüfen mag, 
was von der andern Partei ſtammt. Ex iſt dann Fanatiker, 
und Fanatismus iſt =- nach der einen, wie nach der andern 
Richtung hin betrachtet =- ein Zeichen von Unfreiheit, Hoh- 
muth und geiſtiger Unreife. Eins der Präſervativmittel aber 
gegen dieſen Fehler iſt die Lektüre von Schriften von der 
einen und der andern Partei. Audiatur et altera pars. 
Sollten aber ingendwo dem Lebrer Zeitſchriften nur von einer 
Richtung geboten werden, 3. B., wie es wohl in dieſem Falle 
die Regel fein wird, lauter ſolche, die den Beſtrebungen der 
liberalen Partei abhold ſind, ſo leſe er ſie, aber abonnire 
dann nod) auf ſolche, die die andere Richtung vertreten. Er 
laſſe ſic) nur nicht in Bezug auf ſeine Lektüre im Sinne 
einer Parteirichtung (!) (-- wohlgemeinte Nathſchläge 
von Erfahrenen und Sachkundigen ſind hiermit nicht zurück- 
gewieſen --) beeinfluſſen. *) Ex würde dämit denen, die ihn 
 
*) Der Paſſus in der Inſtruktion für die Bezirksſ<ulinſpek- 
toren im Herzogthume Gotha: „Die Lektüre ves Lehrers darf weder 
auf wiſſenichaftlichem , noch auf politiſchem Gebiete vom Bezirks= 
ſ<ulinſpektor im Sinne einer Parteirichtung beeinflußt werden“, 
enthält eine ſehr weiſe Vorſchrift. Sie braucht aber nicht für Gotha 
allein zu gelten; dieſe Freiheit können die Lehrer überall genießen 
=- fie müſſen es nur wollen, F. N. 
Soll jedoch die 
 
beeinfluſſen wollen, zu erkennen geben , daß er nicht fähig 1 
ſich ſelbſt ein Urtheil zu bilden, daß er ein geiſtig Unſelbſt= 
ſtändiger iſt. Wer als Lehrer möchte aber wohl das von ſich 
geſagt ſein laſſen! Diejenigen jedoch, von welchen es geſagt 
werden müßte , die ſich etwa nicht getrauten, aus Furc<t vor 
irgend welchen (in der Regel eingebildeten) Nachtheilen, dieſes 
oder jenes pädagogiſche Blatt zu leſen , mögen ſich dann auch 
nicht wundern, wenn ſie in dieſer Beziehung (vielleicht auch 
in anderer ?) wie Kinder bevormundet werden. Manche 
Uebelſtände , über welche Lehrer klagen, dürften von ihnen 
ſelbſt, ohne geſetzliche Schranken zu übertreten, be- 
jeitigt werden können. 
„Der Obern Ho<hmuth wird ſic< geben, 
Wenn unſre Kriecherei ſich gibt.“ 
Damit iſt nicht geſagt, daß der Lehrer die ſchuldigen 
Rücfſichten gegen ſeine Borgeſezten außer At laſſen ſolle 
--- ein beſcheidenes, aber doch männliches Betragen gegen 
den Vorgeſetzten und Gehorſam gegen die Vorſchriften der 
Behörde ziert auch den Lehrer =-, ſondern nur, daß er ſich 
all' die Rechte wahre, welche Keiner ihm zu entziehen be= 
rechtigt iſt. Und zu dieſen Rechten gehört au< mit die Leſe- 
freiheit. Man unterſcheide wohl zwiſchen Leſe= und Lehr- 
freiheit. Lehrfreiheit, wie ſie z. B. die Univerſitätsprofeſſoren 
haben, können und dürfen wir Volksſ<ullehrer nicht bean= 
ſpruchen, weil wir an die Vorſchriften derjenigen, welche das 
uns übertragene Amt geſtiftet oder uns anvertraut haben, 
gebunden ſind; aber etwas Anderes iſt's mit der Leſefreiheit. 
Was Andern erlaubt iſt zu leſen, muß auch der Lehrer leſen 
dürfen. Vor einigen Jahren eröffnete der Kultusminiſter 
in Preußen einem Lehrer, der angefragt hatte, ob ſeitens 
der Staatsbehörde dagegen ein Bedenken obwalte, wenn 
Lehrer eine der Fortſchritt8partei angehörige Zeitung leſen: 
„daß hinſichtlih der allgemeinen ſtaatsbürgerlichen Rechte 
und Pflichten die Lehrer keine Ausnahmeſtellung einnehmen.“ 
Das beachte jeder Lehrer, mag er einem Lande, welches es 
ſei, angehören ! 
Zweitens ſoll bei der Aus8wahl der periodiſchen Er= 
ziehungsſchriften ſowohl auf ſjol<e, welche direkt für 
unſere Schulpraxis, als auch auf ſol<he, welche 
für ein anderes Gebiet auf dem großen Felde der 
Erziehung beſtimmt oder mehr wiſſenſ<haftlid 
und anregend gehalten ſind, geſehen werden. Eine 
aufmerkſame Lektüre der pädagogiſchen Blätter erſterer Art 
iſt für den Lehrer fruchtbringend und heilſam. Sie ſind oft 
ein Spiegel, worin wir unſere Praxis8 beſchauen können, und 
tragen, indem ſie uns indirekt auffordern, unſer methodiſches 
Thun mit dem in beſagten Blättern beſchriebenen zu ver= 
gleichen, weſentlich mit bei, daß man -- um mit Harniſch zu 
reden -“- „ſic< nict dumm und todt erfährt.“ Allein wenn 
auc<h der Lehrer, da das Hauptziel ſeines Sinnens und 
Strebens die Vervollkommnung in ſeinem Berufe iſt und 
bleibt (=- die Vervollkommnung als Menſc< wird hier vor= 
ausgeſetzt, iſt auc<, wenn i< anders den Begriff „Lehrer“ 
richtig auffaſſe, in der Vervollkommnung als Lehrer mit ein= 
begriffen --), vornehmlih nach ſolchen Zeitſchriften greifen 
ſoll, die ihn in der Praxis fördern , ſo ſoll ex Dod) den Hori= 
zont ſich nicht mit ſetner Shulmeiſterei ummauern, ſondern 
auch einen offenen Sinn haben für das, was außerhalb Der= 
ſelben im Bereiche der Pädagogik vorgeht oder erſtrebt wind.*) 
„Im engen Kreis verengert jich der Sinn.“ Bedenken wollen 
wir ferner auch, daß die Schriften, welche direkt unſerer 
Praxis dienen wollen, nicht allein und immer am eheſten die 
Praxis fördern, ſondern daß dies auch durch ſolhe Schriften, 
*) Wofür der Lehrer ſich ſonſt noch intereſſiren oder nicht in- 
tereſſiren ſoll , kann hier nicht-erörtert werden, FN.
	        

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