Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

Herausgegeben von A. Berthelt, 
Unfer Vitwirkung von Ferd. Snell, 
Jährlich 52 Nummern. Preis vierteljährlich 1/2 Thlr. 
Anzeigen für den Raum einer geſp. Petitzeile 1?/, Nar. 
Literar. Beilagen 1%5--3 Thlr. -- Beſtellungen nehmen 
alle Buchbandlungen und Poſtämter an. 
Sonntag, den 4. Juni. 
ne Y 
Aufſätze über zeitgemäße Themate u. Mittheilungen 
über Schul- und Lehrerverhältniſſe ſind willkommen. 
Scriften zur Recenſion ſind unberechnet einzuſenden 
und findet eine Rüäſendung derſelben nicht ſtatt. 
werten nn 9m . = m ohn) erdeerde egen 
 
 
 
Die Fremdwörter in unſerer Mutterſprache. 
Von Dr. FriedriO Schröder. 
In dem Hildesheimer Erziehungsvereine wurde im vori- 
gen Sommex von Herrn Holſchen, ehrer der höheren Töch- 
terſchule, ein Vortrag über die Fremdwörter im unſerer 
Mutterſprache gehalten, welher auch ſpäter im Sonntags- 
blatte der Gerſtenberg'ſ<en Zeitung abgedrut erſchien. Auf 
der allgemeinen Lehrerverſammlung in Leipzig in dieſem 
Jahre (ſ. Programm Nr. 19) ſoll, wie wir hören, die Sache 
weiter verhandelt und über die Mittel und Wege geſprochen 
werden, wel<he einzuſchlagen ſind, um dem Uebel, das immer 
weiter um ſich greift, zu ſteuern. Und in der That, das Ue- 
bel iſt vorhanden und zwar in einem Umfange, den man erſt 
re<ht gewahr wird, wenn man die verſchiedenen Zeitſchriften 
und Zeitungen mit prüfendem Auge dur<muſtert. An Be- 
mühungen deutſ<er Männer, die Fliuth der in unſerer Sprache 
eingedrungenen fremden Elemente zu hemmen, hat es übrigens 
ſ<on vor ein paar Jahrhunderten nicht gefehlt; denn bereits 
Martin Opitz ließ ſeinen ſtrafenden Mahnruf gegen die 
Sprachmengerei ertönen; Philipp von Zeſen bildete zu 
Hamburg den Verein der deutſ<geſinunten Genoſſen- 
ſ<aft, welcher vom Jahre 1643 bis zum Anfange des 18. 
Jahrhunderts beſtand. Die fruc<htbringende Geſell- 
ſ<haft zu Weimar (ſeit 1617), dex Blumenorden an der 
Pegnitz zu Nürnberg (ſeit 1644) und der ShHwanenorden 
an der Elbe (ſeit 1660) verfolgten gleiche Zweee. Cben ſo 
riethen einzelne für die Sache begeiſterte Männer für die 
Reinigung unſerer Mutterſprache. Leibnit z. B. ſchrieb 
einen deutſ<en Aufſaß von der Verbeſſerung der 
deutſ<en Sprache, obſchon er ſonſt in lateiniſcher und fran= 
Sfiſcher Sprache ſchrieb. Die Namen eines Joh. Heinr. 
0ß, welcher durch ſeine Ueberſetzungen der alten Klaſſiker 
unſere MutterſpraHe zu hohen Ehren erhoben hat, ſowie 
der eines Campe, welher nicht nur ein Wörterbuch zur 
Erklärung und Berdeutſchung der unſerer Mutterſprache auf= 
gedrungenen fremden Ausdrücke (Braunſ<weig 1810) ſon-= 
dern auch eine beſondere Shrift über die Reimigung und 
Bereicherung der Sprache, drei Verſuche 1791--95, ſchrieb, 
dürfen nicht vergeſſen werden. Nicht minder verdienen An= 
erkennung Kinderling (über die Reinigung der deutſchen 
Sprache 2c. Berlin 1795), Heynalz (Verſuch eines deutz 
ſchen Antibarbarus , Berlin 1795, ferner Wolke, Jahn, 
Kolbe, Mülle“, Heinſius, deren jeder Werke zu dem= 
ſelben Zwecke geſchrieben hat. Zu Anfang unſeres Jahr= 
nare endlid bildete ſich in Berlin eine Geſellſ<aft 
für deutſche Sprache, deren Vorſteher und Pfleger ein 
Jahn, Zeuner, Heinſius, Wolke u. ſ. w. waren. Im 
Jahre 1810 ließ dieſe Geſellſchaft eine verſtändig geordnete 
Sammlung ihrer Geſetze im Drucke erſ<einen, welche jedoch 
nur unter die Mitglieder vertheilt worden zu ſein ſcheint. 
Der Verein hat, ſo viel wir wiſſen, jekt ſeinen Sitz in Pots= 
dam (oder ſollte dies eine andere Geſellſ<Haft ſein ?), und wenn 
auch viele ſeiner Verſuche zur Verdeutſhung mißlungen ſind, 
wie von jeher ſo manche andere, ſo verdient ein ſol<es Bez 
ſtreben dennoch nicht den Spott, mit dem ihn bißweilen der 
Kladderadatſch verhöhnt hat, indem er ihn den potsdäm- 
[i<en Verein nannte. Statt zu tadeln und zu ſpotten ver- 
ſuche man lieber, es beſſer zu machen. 
Wie ſteht es nun mit den Fremdwörtern in unſerer deutz 
ſchen Sprache? ſo fragt manz ſind ſie denn ganz unentbehr= 
lich, Da ſie trotz aller Bemühungen einzelner Männer und gan- 
ker Geſellſhaften ſich nicht haben verdrängen laſſen und alle 
Verſuche, ſie durch deutſche Wörter zu erſeßen, mehr oder we- 
niger biSher mißlungen ſind? 
Fremdwörter gibt es mehr oder weniger in allen Spra- 
hen; fie drangen ein, ſobald ein Volk mit dem andern in ge- 
nauere Berührung trat und bürgerten ſich nach und nach ſo 
ein, daß man ihren fremden Urſprung ganz vergaß, nament= 
lich, wenn das Fremdwort eine kleine Veränderung ſeiner 
Form erlitten hatte, wie ſie gerade für die Sprache, in welche 
es aufgenommen wurde, paßte. Die Römer hatten einen 
großen Nationalſtolz, denn ſie waren nach und nach die Herr= 
ſcher der Erde geworden; nichts deſto weniger verſchmähten 
ihre Schriftſteller niht, nachdem ſie mit den Künſten und 
Wiſſenſchaften Griechenlands bekannt geworden waren, von 
den Griechen eine Menge Ausdrüce in die römiſche Sprache 
einzubürgern. Wir wollen nur in dieſer Beziehung an das 
Verfahren Cicero's erinnern. Sind do< ſogar die Aus- 
drücte poöta, poCsis, po6ma griechiſ<hen Urjprungs. Hätten 
die Griechen ihre Wiſſenſchaft und ihre Künſte von einem 
gevilpeteren Volke überkommen, ſo würden au ſie in ihre 
prache eine Menge Fremdwörter nothgevrungen haben auf- 
nehmen müſſen. Die neueren romaniſchen Sprachen ſind 
nicht ſo fortbildungsfähig und biegſam als unjere deutſche 
Mutterſprache, und wenn ſie daher Fremdwörter aufnehmen, 
ſo ändern ſie nicht ſelten ganz ihre Form, wie z. B. 
bivouac aus dem Deutſchen Biwacht, Beiwa<ht gemacht 

	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.