Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

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Ein Wort über anſchaulichen Religionsunterricht. 
Der Religionsunterricht ſoll, wie aller Unterricht, an- 
ſchaulich ertheilt werden. Das iſt ein A allgemein aner- 
kannter Grundſatz, daß dagegen von Niemand ein Wort 
eſagt werden dürfte. Nichtsdeſtoweniger wird in der 
Pra i8 immer uo viel dagegen gehandelt, dergeſtalt, daß 
der Religionsunterricht oft vorzugsweiſe deswegen ſich ge- 
radezu erfolglos erweiſt. Der abſtrakt ertheilte Religions- 
unterricht übt keinen Einfluß auf das Gemüth, und dod) 
iſt es vor Allem das Gemüth, das er anregen und be- 
fruchten ſoll. Denn die Religion wurzelt im Gemüthe und 
empfängt von dieſem aus fort und fort Leben und Bedeu- 
tung. Werfen wir zuförderſt einen Blid auf das menſd)- 
lihe Gemüth und ſeine Entwicelungsweiſe. | 
Das Gemüth iſt ſeinem Weſen nach Gefühl und Trieb. 
Es empfängt ſeine Anregung und Belebung unmit- 
telbar du r< die Sinne. Wir finden daher, daß die re- 
lgivſen Gefühle ſich da am fkräftigſten entfalten, wo man 
die Religion zugleich dur< ſinnliche Mittel und Formen 
zu beleben und zu entwickeln verſteht. 
Man hat ſich über das Weſen des Gefühls vielfa< den 
Kopf zerbro<hen. Manc<e Pſychologen, namentlich die, 
welche den Geiſt zum Rechenexempel gemacht und ihn nach 
mathematiſchen Geſetzen konſtruirt, haben mit dem Gefühl 
ni<ts anzufangen gewußt, demſelben daher folgerecht 
alle Bereh<htigung abgeſprochen und es aus dem Geiſtes- 
leben ſo u ſagen zu ſtreichen geſu<t. Allein was emmal 
tief im Weſen des Menſchen begründet iſt, zu ſeiner Natur 
gehört, das kann wohl vernachläſſigt und ſogar unterdrückt 
werden, aber es tritt immer wieder und oft nur wit um ſo 
größerer Macht hervor. Dies gilt auch vom Gemüth, und 
wir haben es darum in ſeinem Werden und in ſeinen Bezie- 
hungen ſorgſam zu kultiviren. Wir gebrauchen hier die 
Ausdrücke Gefühl und Gemüth ganz imm dem Sinne, wie 
ſie gemeinhin im praktiſchen Leben verſtanden und gebraucht 
werden. Die Schul - und ſelbſt die ſtreng wiſſenſc<aftliche 
Sprache muß ſich immer möglichſt an das volksthümliche 
praktiſche Leben anſchließen ; ſonſt ſ<weben beide in der Luft 
oder dreſchen leeres Stroh. Dies iſt beſonders für 
Zwede des praktiſ<en Unterrichts nöthig, wobei ſelbſtver- 
EIT nicht das Wort, ſondern deſſen Inhalt das Wich- 
tigſte iſt. 
Ia en wir der Lehre der Erfahrung und der unbefan- 
genen Beobachtung der inneren geiſtigen Natur des WMen- 
ſc<en, ſo ſtellt ſi< in Bezug auf das Gefühlsleben in 
Kürze etwa Folgendes heraus: Das erh erwacht zuerſt 
als Lebensgefühl, als unmittelbares Innewerden ſeiner 
ſelbſt , als Selbſterregung, und wird dur< Sinnesbilder 
ernährt. vn und Weſen von Sinn und Gefühl fließen 
ſo ineinander, ſind ſo eng verbunden, daß beide micht nur 
oft neben, ſondern auh für einander gebraucht werden. 
Daſſelbe gilt in Bezug auf Sinn und Gemüth, die beide 
nach dem Begriffe des Innewerdens gleich ſind, während 
unter dem innern Sinne insbeſondere die innere Empfäng- 
lichkeit verſtanden wird, obwohl man auch ſagt, um die 
Unempfänglichkeit eimes Menſchen für irgend einen Gegen- 
ſtand geiſtiger Art zu bezei<hnen: er habe kein Gefühl 
dafür. “ 
Bie dem nun auch ſei, Thatſache iſt: nur der Menſc< 
hat Selbſtgefühl und Gemüth, das in ſeiner Entwickelung 
nach den verſchiedenen Beziehungen des menſchlichen Lebens 
ſic) vielfa<h gliedert und als Gemüthgserkenntniß ebenſowohl, 
wie im Triebe als Gemüthswillen ſic< zu erkennen giebt, 
der zur Freiheit hinſtrebt. Ferner ij es eine Thatſache 
der Erfahrung , daß die menſ<lichen Gefühle eine Stufen- 
entwidkelung aus ihrem Keime dur< Ernährnng und Ver- 
 
jüngung haben. Der geiſtige organiſc<e Bildungstrieb 
eigt ſic darin auf ſeiner eriten Stufe thätig. Die Ge- 
Hike bilden die Wurzel und den Stamm, aus dem der 
Geiſt organiſch, Zervorwächt und immer wiedergeboren 
wird. Unſere Anſicht von Weſen und Werden des Geiſtes 
iſt in Kürze folgende: 
„Der Geiſt iſt nicht ſowohl überſinnnlihe oder über- 
natürliche fertige Idee, als vielmehr 1weeller Organismus, 
mit den Grundc<arakteren des Lebens uud der Verjüngung. 
In dieſem wiederholen ſich daher die organiſchen Funktionen 
des Lebens überhaupt: die Aſſimilationsfunktion als Er- 
kennen, und die Bildungsfunktion als Wollen und Handeln, 
und in beiden ſind die Verjüngungsakte als Bildungstrieb 
ſchöpferiſch thätig , welcher den Geiſt durch die Stufen des 
Wachsthums und der Zeugung bewegt. Der Geiſt wächſt 
ſo nur durch die Verjüngung, und iſt ſo weit entfernt, ſein 
Weſen in der mechaniſchen Abſtraktion von der Natur zu 
haben. Er durchläuft mittelſt der Verjüngung zuerſt die 
Stufen des Wadsthums in der Ernährung durch die 
Sinnlichkeit und ſchließt die Smnlichkeit jo weuig von ſich 
aus, daß er durch ſie vielmehr die Natur überwindet und 
in ſich verarbeitet, daß er ſich durch dieſe Verarbeitung über 
ſie erhebt und aus derſelben wiedergeboren wird. Nah 
vollendetem Wacsthume erſcheint er dann als zeugender 
ſchöpferiſcher Geiſt. Der Same iſt nicht blos das Wort 
Gottes, und das Himmelreich iſt nicht blos gleich einem 
Senfkorn, welches zu einer Pflanze erwächſt, ſondern auch 
der menſchliche Geiſt bricht aus dem Seelenkeim des Selbſt- 
gefühls hervor, und wächſt durc< den organiſchen Bil- 
dungstrieb zum Baum der Erkenntniß empor. 
Die Gefühle und Triebe ſind demnach die Keime der 
Gedanken und der menſ<lichen Willensſtrebungen. 
Welchen Werth das Gemüthsleben und Fein Inhalt, 
die Gefühle und Triebe, haben, zeigt ſich überall im prak- 
tiſ<en Leben der Menſchen und lehrt ihre Geſchichte. 
„Das praktiſGe Gefühl und mc<t die kategoriſche Ver- 
nunft hat das Menſchengeſ<leHt aus dem Sumpf der 
Barbarei geriſſen. Die ganze Macht hriſtlicher Sittlichkeit 
und Humanität hat ſich durd) das lebendige Gefühl Bahn 
ebrocen.“ 
? Judem der Lebenszwe> der Gefühle idahingeht, ſich 
zum Geiſt zu entwickeln, ſo daß der Geiſt die höhere, 
freie entwickelte Stufe des Seelenorganismus bildet, hat 
das Gefühl ſeine Berechtigung nicht blos, ſondern es will 
auch mit Umſicht gepflegt werden. Oder ſind die Keime 
des Lebens ni<t am ſorgſamſten zu hüten und zu ent- 
wikeln? Im Uebrigen iſt ſhon das Gemüth zur Frei - 
heit zu bilden. „Zn allen Gefühlen und Affekten, wie 
in Trieben und Leidenſchaften iſt die Freiheit ein Werk zu- 
nächſt der Nachbildung. In den JZuſtinkten der Thiere, wie 
in der Gemüthsrohbeit iſt; Naturnothwendigkeit. Die 
Thiere haben Hunger und Sättigung Der Sinnlichkeit, 
und bleiben ſonſt unfrei in Furc<t und Angſt, weil ſie ihre 
Sinnesnahrung nicht zum Menſc<hengefühl verdauen können. 
Sie bleiben in der Gewalt der ſinnlichen Eindrücke. Die 
menſchlihen Gefühle verarbeiten die ſinnlichen Eindrücke 
als Lebensmittel und werden ſo ihrer mächtig. Die Frei- 
heit des Gemüths liegt zunächſt in der Kunſt der Verar- 
beitung und Beherrſchung der Sinnlichkeit. Das Prinzip 
und der Maßſtab dieſer Verarbeitung 1iſt die Indroidualität 
des Selbſtgefühls,. in dem die ſinnlichen Phänomene unter- 
ehen müſſen, wenn nicht das Gefühl ſelbſt leiden und 
-anken ſoll. Die Wahrheit in den Gefühlen iſt das ge- 
ſunde Leben im Fluſſe ſeiner Verjüngungsakte, welche zugleich 
die Gemüthsfreiheit iſt. Die Kultur der Gemüthsfreiheit 
beſteht hiernaM in der Kultur der Gemüthsgeſundheit. 
Die Freude muß von der Fur<t und Angſt, der Glaube 
vom Zweifel, die Liebe vom Haß, das Gute vom Böſen
	        

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