Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

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viduum, hier der Familienvater, denn die Schule iſt nur 
eine Aushilfe für die Familie. Soweit dieſe die Pflicht der 
Erziehung nicht ſelbſt übernehmen kann, kommt eben die Ge- 
meinde zu Hilfe und übt die Kontrole über die Erziehung in 
Schule und Haus. Die Veremigung mehrerer Häuſer zur 
gemeinſchaftlichen Erziehung ihrer Kinder iſt eben eine Schule, 
und ſo lange die Familienhäupter die geeignete Sorge tragen, 
ſind ſie allein auch zur Leitung der Schule berechtigt ; das iſt 
 
! 
die freie Schule, wie fie uns in ſo mancher Privatanſtalt | 
entgegentritt. Iſt ein ſolches Verfahren nicht möglich, ſo 
vereinigt Fh Die ganze Kommun zu einer Schule und ihr 
ſteht dann Was Recht und die Pflicht der Teitung zu. Der 
Staat dagegen hat nur da einzutreten, wo die Mittel einer 
Gemeinde Richt ausreichen oder wo die Kozmnun.den xethten 
Weg &rHt gegangen iſt, er hat nur die allgemeine Kontrole 
auszuüben und die aligemeinen Anordnungen zu beſtimmen. 
Meine Herren! Das iſt der natürliche Gang, der ſich 
aus der Sache entwiekelt und nicht durch eine Theorie hinge- 
ſtellt werden kann ; und weil er aus der Sache ſic< entwielt, 
wird er in den verſchiedenſten Negzionen und Verhältniſſen 
wichtig ſein. Darum kann nichts Allgemeines aufgeſtellt 
werden. Die Verhältniſſe ſind zu weit verſchieden , als daß 
ein gleiches Geſetz überall gelten könnte. 
beſtimmt ins Auge zu faſſen, daß, je weiter die Zeit fort= 
ſchreitet, je weiter die Kultur in alle Kreiſe eindringt, je 
mehr das Bedürfniß nach Volksſhulen und Fortbildungsan= 
dem maden lernen, was ſie lernen ? die jetzigen Schulen be- 
wirken dies nicht, wohl aber die amerikaniſchen Kommunals- 
ſhulen. Je weniger von Oben eingewirkt wird auf die 
Sculen , deſto wichtiger iſt die Schule, je ſelbſtſtändiger die 
Kommun, deſto wichtiger die Bildung. In freien Schulen 
erlaubt der Staat Jedem ſo geſheidt zu werden, als er nur 
irgend werden kann. Unſere Btkvung wird vorzugsweiſe ge- 
! hindert dur< das Konceſſion8weſen, denn was ſollen die Ael- 
tern thun, wenn ſie ihren Kindern einen vernünftigen Unter- 
richt geben wollen und finden keinen vernünftigen Lehrer ? 
- Alſo, die Freiheit zu vernünftiger Erziehung iſt zu erſtreben. 
: Ih wünſchte, daß Sie einmal einen Ausflug nach Amerika 
machten ; i< ſelbſt bin mit Vorurtheilen dahin gegangen, 
aber ich habe geſehen, daß dort ſehr gut gewirkt wird. Der 
' Staat ſorgt für Bildungsanſtalten, es ſcheint jedoch Niemand 
Aber auch das iſt ' 
da hineinzugehen. Aber die Leute ſehen dort ſelbſt ein, daß 
es zum Schaden iſt, dumm zu bleiben, daß man alſo etwas 
lernen muß. Der jetzige Präſident Johnſon hat keinen Tag 
die Schule beſucht , und hat doh etwas gelernt, Linkoln war 
au< nur ein paar Monate in einer Schule; aber die freie 
Bildung gibt Gelegenheit, alles Mögliche zu lernen, wenn 
man Luſt dazu hat, und auch es gebrauchen zu lernen. I< 
bin daher nicht für formelle, ſpezielle Beſtimmungen , möchte 
Sie aber erſuchen, nach Kräften dahin zu wirken, daß ein 
freies Gemeindeſ<hulweſen eingerichtet werde. Man 
/ hat vielfach geſagt, daß, wenn die Schulen den Gemeinden 
ſtalten fühlbar wird ---, um ſo mehr iſt der Zeitpunkt nahe, 
m welchem die Kommunen die Hauptleiter des Unterrichts 
ſein werden und wo es dann der Oberaufſicht des Staats 
nicht mehr bedürfen wird, um au< innerhalb dex Kommunen 
das rechte Intereſſe und das wahre Intereſſe für das Volks- 
ſchulweſen zu erwe>en und zu erhalten.“ 
Wandex aus Hermsdorf in Schleſien : „Meine Herren ! 
I<H wollte einige Worte ſagen, die den eigentlichen Zwe> un= 
ſerer Verſammlung berühren. Der Zwe derſelben iſt nicht 
ſowohl , Lehren und wohl ausgearbeitete Vorträge zu hören, 
als gegenſeitige Beſprehung. Vorträge, ſie mögen noh ſo 
gut en, ſie End immer etwas Gegebenes. Aber daß man 
ſich gegenſeitig ausſprechen kann, glaube ich, iſt die Haupt= 
hin alle pädagogiſchen Fragen zu berühren. IH wollte nur 
ein paar Gegenſtände zur Crörterung bringen, und dieſe ſind 
namentlic) folgende: IH muß darauf hinweiſen, daß die 
: verdammt. 
ſrei übergeben würden, dieſelben ſehr ſ<hle<ht werden würden, 
aber dadur<) hat man ſelbſt das gegenwärtige Schulweſen 
Warum ſind denn die Gemeinden ſo herunter- 
gefommen, daß ſie nichts thun wollen ? Bei freier Bildung 
. Dagegen konkurriren die Gemeinden mit einander und wollen 
Volksſ<hule der Zukunft nicht zur Centraliſation, ſondern 
zur Decentraliſation führt. Wir ſind gar zu gewöhnt, nur 
das zu thun, was von Oben kommt; es gibt aber keine zweck= 
und erfolgloſere Bildung als die oktroyirte, die anbefohlene. 
Es iſt ſo oft die Frage aufgeworfen worden, warum leiſtet 
vie Volksſ<hule ſo wenig? Man hat einmal die Urſache in 
den Schulen, in den Lehrern geſucht; die Haupturſache war 
indeß die, daß die Kinder gezwungen ſind, die Schule zu be-= 
ſuchen und gerade die Gegenſtände zu lernen, die vorge- 
ſchrieben ſind, um ſie in einer gewiſſen Reihe von Jahren 
wieder zu vergeſſen. (Es iſt nothwendig, daß wir uns von 
dieſer Anſicht emanzipiren, indem wir die Volksſhule der 
Zukunft zur Volksichule der Gegenwart und Vergangenheit 
ſo ſtellen , daß die Bildung in thr eine freiere wird. Beſon- 
ders dieſer Punkt hat mich mit veranlaßt, das Wort zu er= 
greifen. Man hat heute namentlich das amerikaniſche Schul= 
weſen berührt, und dies kenne ich aus Crſfahrung. Das 
amerikaniſche Shulweſen, das gerade hier nicht vortheilhaft 
erwähnt wurde, beruht auf vollſtändiger Freiheit. Äber ſo 
wenig auch die Kinder die Schule beſuchen, ſo gibt es doch 
viel Selbſtthätigkeit. Aber wie iſt es zu machen, Daß die 
Volksſc<ule der Zufkünft mehr leiſte als die jetztige, wie iſt es 
zu bewirken, daß die Kinder auc< den rechten Gebrauc< von 
darum immer den tüchtigſten Lehrer haben. Zunächſt iſt 
alſo der Weg einer freien Schule ſo wenig wie möglich vor- 
zuſchreiben, ſondern ihr eine freie Entwieklung zu laſſen.“ 
Direktor S<hie> aus Grimma: „Meine Herren! Als 
ic< das Thema las: Bolksſhule der Zukunft, da hatte die 
Sache etwas Auffälliges für mic. Hätte es geheißen: die 
Idee einer Volksſchule, ſo wäre ich zufrieden damit geweſen. 
] c | Da der Lehrer den empiriſchen Verhältniſſen, die auf ihn 
ſache. Das vorliegende Thema iſt geeignet, nach allen Seiten 
eindringen, fortwährend Rec<nung tragen muß, ſo liegt es 
auf der Hand, daß die Begriffe „Jdee der Volksſ<ule“ und 
der „Schule der Zukunft“ ſich keinesSwegs de&en. Wollen 
wir aber von der Zukunft der Volksſchule reden, wenn die 
empiriſchen Verhältniſſe nicht bekannt ſind, die die Zukunft 
bringt, ſo haben wir immer ein unbekanntes X vor uns, über 
das ſich eben nicht viel ſagen läßt. Das ſei im Allgemeinen 
geſagt. Meine zweite Bemerkung betrifft den Zwe der 
' Volksſchule. Der Zwe iſt auf einer Seite zu eng, auf der 
 
andern zu weit angegeben. Zu eng erſtens in Bezug auf 
das, was erreicht werden ſoll, und zweitens in Bezug auf die, 
welche die Bildung erlangen ſollen. Zur Begründung des 
erſten Punktes genüge Folgendes: Der Vorredner ſagte, die 
mittleren und unteren Stände ſollten in den Bereich der 
Kultikx und Cwiliſation hereingebracht werden; wie ge=- 
brau<t man aber den Ausdrud Kultur und Civiliſation ? 
Wir denken dabei gewöhnlich an Kunſt und Wiſſenſchaft, Ge- 
werbe und Handel, an freie Preſſe, an verfeinerte Sitten 
und Gebräuche , kurz an alles das, wodurch fi< ein höherer 
Grad der Sittlichkeit zu äußern pflegt. Meinen Sie, meine 
Herren, daß dieſer Zwe> für die Bolksſchule ausreichend ſei ? 
dh) meine, der Zwe derſelben greift viel tiefer, oder rich- 
tiger geſagt, er greift viel höher. Der Zwe der Volksſc<hule 
kann kein anderer ſein, als der der Erziehung des Menſchen 
zum Menſen ; er kann nur ſein die richtige Humanität. 
Nun iſt aber der Menſc< vor allen Dingen ein geiſtiges Weſen, 
ein Weſen, das mit einer religiöſen Anlage verſehen iſt.
	        

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