Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

 
223 
Dieſe Anlage auszubilden muß vor Allem das Beſtreben der - 
Volksſchule ſein. Darnach können allerdings gewiſſe Wiſſen- 
ſchaften und Künſte, natürlich blos die Elemente, gelehrt - 
werden. Man kann etwas zur Erwe>dung des Schönheits- 
ſinnes beitragen ; aber wie können im Allgemeinen blos Kultur 
und Civiliſation der Zweck der Volksſchule ſein ? 
Zweitens ſagt der geehrte Redner: in die mittleren und 
unteren Stände ſoll die Civiliſation und Kultur hyimeinge- 
tragen werden ; allein wir wollen Eine Bolksſ<hule und wir 
würden das Volk ſo theilen, wenn wir die höheren Stände 
von der Volksſchule ausſchließen wollten. Das ganze Volk, 
das unterſte wie Das oberſte, joll es ſein, dem die Volksſ<ule 
nüßen ſoll. Wie könnte wohl auc von nationaler Bildung 
Die Rede ſein, wenn wir nicht Eine geiſtige Subſtanz im das 
geſammte Bolk hineinzubringen ſuchten ? Auf der anderen 
Seite iſt der Zwe> der Volksſchule viel zu weit angegeben. 
I<h ſagte ſhon, wenn man von Kultur und Cwilijation 
 
jpricht, dann denkt man gewöhnlich an Kunſt und Wiſſen- : 
1haft, Gewerbe und Aerbau, freie Preſſe und vieles Andere. 
Sollen wir unſere Kinder dahin bringen? Gewiß werden 
Sie Alle mit mir ſagen : Nein! Dex Vorredner wollte ſret- 
lich die Kinderſchule bis zum 20. Jahre hinaufrüen; ſollte 
aber der Zweck der Volksjchule ſein, Kultur und Civiliſation 
in die mittleren und unteren Stände hineinzutragen, dann 
müßte man Schulen bis zum 70. Jahre hinauf haben. Wenn | 
Der Vorredner jagt, man müſſe die Iungend bis zum 20. Jahre 
unterrichten, damit den Leidenſchaften, die um dieſe Zeit 
hervorbrächen , vorgebeugt werde, ſo muß ich bemerken , daß 
die Leidenſchaften mit dem 20. Jahre erſt recht hervorbrechen 
und Daß er daher, wenn ſein Grund ſtic<haltig wäre, den 
Unterricht in der Bolksſchule wenigſtens bis zum 30. Lebens- 
jahre ausdehnen müßte. Ueber die Dauer des Unterrichts 
in der Volksſ<ule und die Leiſtungsfähigkeit derſelben hat der 
Direktor Kaiſer aus Wien ſehr richtig geſpro<hen : In der 
Volksſhule kann nur Eine gemeinſame Grundlage der Bil- 
dung für Alle erzielt werden. Bei denen, weldhe ſtudiren 
oder überhaupt eine höhere Bildung erlangen wollen, muß 
in anderen Anſtalten auf dieſer allgemeinen Grundlage 
weiter fortgebaut werden. Dies iſt die Aufgabe der Oym- 
naſien, der Realſchulen, der Univerſität und der Fachſchulen. 
-- Was den dritten Punkt betrifft, nämlich die Behauptung, 
Daß die Volksſchule eine Staatsanſtalt ſein ſolle, ſo war mir 
Das, was Herr Direktor Stern darüber geäußert hat, aus der 
Seele geſprochen. I< muß geſtehen, daß 1id mit großer | 
Freude angehört habe, was er über die Gemeindeſ<hule, als 
über die Schule, die in Zukunft immer mehr zur Geltunz 
kommen werde, geſpro<en hat. Von einer ſolhen Sache 
kann man aber gar nicht ſprechen, wenn man die Begriffe 
nicht genau beſtimmt. Was verſteht man unter Staat ? 
Der Eine verſteht darunter eine Rechtsanſtalt , der Ändere 
eine Polizeianſtalt, dex Dritte das durch Recht und Sitte 
organiſirte (geordnete) Volk. Legt man den letzten Begriff 
zu Grunde, dann fällt in den Bereich des Staates auch die 
Religion, die Kunſt und die Wiſſenſchaft; dann ſaßt der 
Staat eben Alles in ſich, dann gehört ihm auch ganz die 
Scule. Nehmen wir aber den Staat ſo, wie er gegenwärtig 
iſt und wie er ſich in nächſter Zeit geſtalten wird, ſaſſen wir 
ihn alſo vorzüglich als Rechtsanſtalt, ſo würden jedenfalls die 
Kirche , die Vertreter der Wiſſenſchaft und der Staat bei der 
Prüfung und Anſtellung der Yehrer , ſowie bei der Wahl der 
Schulinſpektoren zuſammenwirken müſen. 
Vor der Hand nichts weiter hiervon. Wenn dann der 
Vorredner ſagt, der Staat vertritt das Ideale, ſo iſt das 
zwar inſofern wahr, als das Recht, das er vorzugsweiſe zu 
I<üßzen hat, ebenfalls aus der Idee gefloſſen iſt, aber auf 
der andern Seite höchſt ungenau und mißverſtändlich , da die 
Kirche und die Männer der Wiſſenſchaft und Kunſt das Ideale 
 
 
 
 
"vertreten. 
no< in weit größerem Umfange und in weit vollerem Sinne 
Wie die Sache jekt ſteht, ſo muß die Kirche das 
Göttliche vertreten, das göttliHe Prinzip zum herrſ<enden 
zu machen ſuchen. Das wird auch die Aufgabe der Kirche 
für alle Zeit ſein und bleiben, und der Staat wird nimmer 
dahin gelangen, diele ideale Grundlage in die Menſc<heit 
hineinzubringen. Wenn Redner ſich hierbei einen Ausfall 
auf das hiſtoriſche Recht erlaubt, ſo maß id) entſchieden Da- 
gegen proteſtiren. Denn was iſt hiſtoriſm? Hiſtoriſch iſt, 
was geſchehen iſt, iſt das Zdeale, das Wirklichkeit erlang: 
hat. Cs kann das Zdeal, das ſich mit der Zeit wegen ſeiner 
Wahrheit und Tüchtigkeit geltend gemacht hat, getrübt ſein 
dur<h Falſches und Unwahres, und das muß von der Zeit 
wieder abgeſtoßen werden. Aber des8halb Das Hiſtoriſche 
verwerfen wollen, wäre in der That ein merkwürdiges Be- 
ginnen; denn das hieße nichts Anderes, als das Vernünftige, 
das ſich im Laufe der Zeiten herausgeſtaltet hat, über Bord 
werfen. Alles Recht muß nothwendig im die Wirklichkeit 
eintreten, wenn es der Menſc<heit überhaupt etwas nüßen 
joll. Wenn endlic) der Redner die Frage aufwirft, wie 
jolten die Lehrer der Zukunft gebildet werden und danu ant-= 
wortet , dieſe ſeien auf Realgymmnaſien zu bilden, ſo weiß ich 
nicht recht, wie ic vas nehmen ſol. Wenn Realgymnaſien 
die Bildung geben ſollen, ſo werden wir ſchwerlich tüchtige 
Lehrer bekommen. Die Kenntniſſe können die Lehrer ſich 
wohl auf Realgymnaſien einſammeln, aber wo lernen ſie 
Pädagogik und das Praktiſche, was doh für die Schule noth- 
wendig iſt ? Dazu wird es doh jederzeit noch Seminare 
geben müſſen. Die Lehrer ſollen eine gründliche wiſſenſchaft- 
tiche Bildung bekommen , aber auch eine tüchtige praktiſche. 
I< gehe weiter. Der Redner verlangt blos eine formelle 
Bildung, Dd. h. eine Bildung der geiſtigen Kraft. Cine for- 
melle Bilvung langt aber nicht zu ; es iſt auch erforderlich 
ein tühtiges I iſſer. Materielle und formelle Bildung kann 
man nicht ſo ſcheiden. Das waren die Gedanken, die in 
mir aufgeſtiegen ſind.“ 
Rektor Fröhlich (zur Berichtigung.) : „Meine Herren! 
I< habe im Voraus um Ihre gütige Nachſicht gebeten, 
da die verſchiedenen Themata ſehr Ahwer zu behandeln ſind. 
-- Jeder Referent muß natürlih Entgegnungen vertragen 
können. Id habe mich allerdings auc auf Widerſprüche gefaßt 
gemacht, aber einen fſol<en Widerſpruch , wie ic ihn jebt 
erfahren, habe ich wirklich nicht erwartet ! Der Vorredner hai 
Dinge erwähnt, die ich theils offenbar nicht ſo, theils gar ni 
geſagt habe. Ex meint unter Anderem, ich hätte zu dem 
Worte „Kultur“ keinen Begriff angegeben , ich hätte es ſo 
angenommen, als wäre darunter „A>erbau, Handel und Ge- 
werbe“ verſtanden. I< habe aber das Wort „Humanität“ 
ſelbſt ausdrüclich gebraucht, das werden Sie mir alle zugeben 
(Zuſtimmung: Ja). Er behauptet, ich hätte den Begriff von 
Staat nicht beſtimmt, aber ic< habe geſagt : „es iſt ein Verein 
für alle Zwe>e der Menſchheit; ich hätte ferner behauptet, 
„die Lehrer ſollten nur eine formelle Bildung bekommen“, 
das- iſt wieder nicht zutreffend. Auch habe 1ch bei der Bil= 
dung der Lehrer nicht blos auf das Realgymnaſium, 
ſondern auch auf das „ Seminar der Zukunft“ mit ver- 
wieſen. =- Meine Herren, man muß ſeinen Freund achten, 
aber auch ſeinen Gegner. Ein ſolches Verfahren, wie das 
des Vorredners, nennt man gewiß nicht Urbanität. Durch 
Rede und Gegenrede wollen wir uns der Wahrheit nähern; 
man muß, ſollte ih meinen, aber ni<t etwas ſagen, um nur 
opponiren zu wollen.“ /Beiſfall.) 
Tiedemann aus Hamburg: „I< hätte gern geſehen, 
wenn über dieſen Gegenſtand die Debatte ausgeſet worden 
wäre. Wir ſind aber in die Debatte eingetreten und ih muß 
meinen Wunſc< dahin ausſprechen, daß es Herrn Rektor
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.