Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

 
Herausgegeben von A. Berthelt, 
Unfer Mitwirkung von Ferd. Schnell. 
 
 
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Sonntag, den 20. Auguſt. 
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Auffäte über zeitgemäße Themata u. Mittheilungen 
über Schul= und Lehrerverhältniſſe find willkommen. 
Schriften zur Recenſion ſin unbere<net ein wenden 
und findet eine Rücſendung derſelben nicht ſtatt. 
 
 
Ueber Naturgemäßheit im fremdſprachlichen Unterricht. 
Vortrag von A. FÜ. Louvier, Direktor einer höheren Töhter- 
ſchule in Hamburg, gehalten bei Gelegenheit der 15. allge- 
meinen deutſchen Lehrerverſammlung in Leipzig, 
am 7. Juni 1865. 
l. 
„Meine Herren" Wie der Inhalt des Programms, das 
ſeit einigen Monaten in Ihren Händen war, Ihnen geſagt 
haben wird, liegt es mir ob, über die Naturgemäßheit im 
fremden, modernen Sprachunterricht zu Ihnen zu reden. 
-- I< ſage Naturgemäßheit im fremden Sprachunterricht, 
nicht etwa: Naturgemäßheit des fremden Sprachunterrichts 
(die ſich anfechten ließe): es iſt alſo im Weſentlichen kein 
philoſophiſcher, ſondern ein methodiſcher Vortrag, 
den Sie von mir zu erwarten haben. 
Die Naturgemäßheit im Unterrichte überhaupt iſt das Kri- 
terium des Peſtalozzithums, und ſchi>e ich hier gleich Eingangs 
denjenigen Sabz voraus, der die Grundlage deſſen bilvet, was 
ich Ihnen zu agen hätte: 
Die s8 onſequenzen des Peſtalozzi-Fröbel- 
thums in Bezug auf den fremden Sprach:- 
unterricht ſindzur Stunde no nicht gezogen 
und bleibt uns auf dieſem Gebiet no< zu 
thun übrig. 
Um dieſen Satz vor Ihnen durchzuführen ſtehen mir 
zwei Wege offen: ein negatiwer und ein poſitiver. I< 
dürfte, imdem ich den erſteren wählte, die Richtigkeit des 
Satzes nachzuweiſen verſuchen dadur<h, daß ich die Mängel 
unſeres bisherigen bekannten Unterrichts hier betrachtete, in- 
dem ich mich ſtreng auf den Standpunkt des Peſtalozzithums 
ſtellte. Wir Alle, die wir uns mit dem betreffenden Unter- 
richt beſchäftigt haben, wir Alle haben etwas Derartiges ge- 
ſpürt; Beweis dafür ſind die unzähligen Berſuche , zu refor= 
mixen, von denen auch gerade diejenige Stadt Zeugniß ablegt, 
die uns zur Stunde ſo gaſtfrei umfängt. 
Aber nicht gerne, meine Herren, greift man eine Sache 
an, der man ſelbſt lange gedient und die fich immerhin bewährt 
hat; ich betrete daher nicht den negativen Weg und beſchränke 
mich, die Thatſache hier auszuſprechen, 
daß mehr oder weniger die Traditionen des 
flaſſiſchen Sprahunterrichts (Latein und Grie- 
<hiſc<), wie ſie ſich ſeit einem Jahrtauſend, 
 
 
 
 
ſeit Karl dem Großen, gebildet haben, no< zu 
überwinden ſind. = 
Neben dem negativen Wege ſteht mir aber ein poſitiver 
offen , den ich jetzt allerdings einſ<lage , um vor dieſer Ver- 
ſammlung ein Bild zu entrollen von einem Unterrichte, der 
eben die Naturgemäßheit als Deviſe auf ſein Banner 
ſchreiben möhte. 
Um den Begriff der Naturgemäßheit (ſo weit ſie im frem= 
den Sprachunterrichte möglich iſt) feſtzuſtellen , ſind wir ge= 
nöthigt, das Weſen der Sprache ſelbſt zu präciſiven. 
Meine Herren! Nicht adoptiren können wir eine De- 
finition der Sprache, wie ſie vor Herder von Hamann auf- 
geſtellt wurde, nach welher die Sprache einfach ein Produkt 
göttlicher Eingebung ſein ſollte. Selbſt der fromme Herder 
trat gegen dieſelbe auf! Meine Herren, nicht jede Defini- 
tion iſt fruchtbar zu machen für die Pädagogik: wollten wir 
auf dieſer Baſis ſtreng fortſchreiten, ſo würde jeder Unter- 
Vicht in der Grammatik, ja jede Korrektur eines Sprafeh- 
lers ein Eingriff ſein in die göttliche Weltordnung! 
Anders, nämlich nah ihrer Wirkung, nennt Herder ſelbſt 
die Sprache eine „Entwieklung der Vernunft.“ Uns aber 
kommt es nicht auf die Wirkung, ſondern auf den Ux-= 
ſprung der Sprache an; daher folgern wir auch nicht weiter 
auf Grund der Herder'ſ<en Definition, ſondern ſchließen 
uns derjenigen eines anderen, norddeutſchen Philoſophen an. 
Dawmach aber, meine Herren, erſcheint die Sprache 
als ein Akt derjenigen Ausgleichung, die 
na<h der ganzen Anlage des menſchlichen 
Weſens zu jeder Zeit nothwendig ſtattfin = 
den mußzwiſchen denverſ<hiedenen Beſtand- 
theilen des menſ<lich<en Seins. 
Erlauben Sie mir, dieſe Darlegung etwas klarer zu be- 
gründen. | 
Jede innere Erregung des Geiſtes (ſei es Vorſtellen, Be- 
gehren oder Fühlen) bleibt nicht abgeſchloſſen in ſich ſtehen ; 
jie kann les nicht naß der ganzen Anlage unſers Weſens ; 
ſie Pans! ſic) nämlich 1) nad innen, 2) na<h außen 
im fort. . 
Im Innern weckt ſie andere Vorſtellungen, andere Be- 
gehrungen und Gefühle (darauf kommt es uns aber heute 
nicht an). =- Nach außen hin aber entſteht eine Nothwendig- 
keit der Mittheilung, nach außen hin ruft jede Erregung des 
Geiſtes dahex Zeihen, Gebehrden, Worte hervox, und 
dieſe ſind es, auf die es hiex ankommt ; die Sprache iſt unter
	        

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