Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

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mehreren anderen ein beſonderer Akt dieſer Ausgleichung. 
-- Die Anknüpfung des Wortes an den Begriff iſt alſo ein 
Bedürfniß des Geiſtes, dem ſchon das kleine Kind in 
ſchöpferiſcher Weiſe Folge leiſtet. 
So weit befinden wir uns alſo auf naturgemäßem Boden; 
daraus folgt aber, daß im höchſten Grade naturwidrig 
alle diejenigen Prozeſſe ſind, die den entgegengeſetzten Weg 
der Sprache anweiſen wollen: naturwidrig iſt 1) diejenige 
Anforderung, die wir im bisherigen fremden Sprachunter-= 
richt an unſere Schüler ſtellen : an bloße, vorhandene Worte 
oder Wörter, die als Mutterſprache dem Kinde hinlänglich 
bekannt ſind und die alſo dem erwähnten Bedürfniß bereits 
vollſtändig genügt ha ben =, an dieſe Wörter fremde, neue, 
unbekannte, alſo ſinnloſe Wörter knüpfen zu laſſen , die na- 
türlich dem Kinde gänzlich überflüſſig erſcheinen müſſen. 
Meine Herren! Nicht an Worte fnüpft ſich ein Wort an; 
niht: „wo Begriffe fehlen, ſtellt zux rehten Zeit ein Wort 
ſich ein'', ſondern: (laſſen Sie mich den Göthiſjhen Satz um= 
kehren) nur wo Begriffe find, da ſtellt zur rechten Zeit ein 
Wort ſich ein! 
Naturwidrig 2) iſt es, den Begriff nicht direki dur die 
Anſc<auung wa zu rufen, ſondern durch ein Wort den 
Begriff zu weden (um ihn dann dur ein fremdländiſches 
Wort wiederum reproductren zu laſſen!) , während nachge- 
wieſenermaßen der Begriff dem Wort vorausgehen muß, 
wenn er lebensfähig ſein ſoll. 
Unnatürlich endlich 3) iſt es, den Ausdruk eines ein= 
fachen Gedankens, der dem Kinde als eine Einheit erſcheint, 
zur Moſaikarbeit des Verſtandes machen zu wollen, indem 
man das Kind zwingt, ſtü>weiſe den Gedanken zu über = 
ſetzen mt Rücſichtnahme auf unzählige Regeln, die, neben= 
bei geſagt, gar noh gänzlich außerhalb des urſprünglich 
gedachten Gedankens liegen ! 
us allem Dieſen nun, meine Verren, ergibt ſich die 
kategoriſme Forderung , die als der Angelpunkt des Unter= 
vichtes er/<eint, den wir hier beſprechen : 
Fort mit der Heberſevung: 
Zurüd zu dem unmittelbaren Ausdrud 
deſſen, was angeſhaut iſt! 
Fort mit dem Wuſt derjenigen Regeln, 
die nihtformalbildenden Inhaltesſind, und 
Zurück zu der einheitlichen Auffaſſung 
und zu dem einheitlichen Ausdru> des Ge= 
dankens! 
TU. 
Indem ich jetzt im Begriff ſtehe, die Verkörperung 
dieſer Sätze =- eben dieſen Unterricht =- Ihnen kurz zu 
ſchildern, ſchie ich einige Sätze voraus, die geeignet ſein 
dürften, unſere etwaige Debatte in engere und direktere 
Bahnen zu leiten. 
1) I< denke mix dieſen Unterricht, den ich hier ſchildere, 
zunächſt für die zwei erſten Jahre beſtimmt, wo das 
find die betreffende Sprache zu lernen beginnt. Es 
iſt das, was ich heute ſchildere, alſo nur der vorberei- 
Elementarunterricht. 
2) Derſelbe beginnt nicht früher, als der bi8Sherige und 
ſchließt nach zwei Jahren als Elementarunterricht ab. 
3) Er iſt natürlich nicht denjenigen empfohlen, die überall 
keinen fremden Sprachunterricht im unſern deutſchen 
Schulen wollen. 
4) Er iſt ſtets als Klaſſenunterricht gedacht. 
5) Es iſt mir unmöglich, alle Einzelheiten des Unterrichts 
hier zu erwähnen ; ich nenne alſo nur die Hauptſtufen, 
und habe in einem Kreiſe von Fachgenoſſen vorauszu= 
ſeen , daß die Ausführung und Mannigfaltigkeit des 
 
Stoffs richtig aufgefaßt werde, auc< wenn ich ſie hier 
nur andeute. 
6) Der Unterricht bedarf eines Lehrbuches, das ſtreng nad 
dieſen Prinzipien gearbeitet iſt, um nicht planlos zu 
werden , ſondern Syſtem und Halt zu gewinnen. 
Meine Herren! Dieſe Bemerkungen ſind es, die iH Ihnen 
jagen wollte; was ich jetzt hinzufüge , lag nicht in meiner 
Abſicht; ich ſoll es eben Ihnen ſagen , wie von verſchiedenen 
Seiten die Aufforderung an mich erging. == Nun dann : ich 
ſtehe unter dem Eindru> der allgemeinen PLehrerverſammlung; 
1H ſpreche alſo als Freund zu Freunden, und fürchte keine 
Mißdeutung. Za, meine Herren, der Unterricht, den ih 
Ihnen ſchildern werde, iſt bereits aus8geführt in einer 
Anzahl von norddeutſchen Anſtalten ; die Arbeiten der Kinder 
liegen als einzig möglicher Nachweis für die Ausführbarkeit 
des Unterrichts im Nebenzimmer zur Einſiht vox und auch 
das Lehrbuch*) für dieſen Unterriet, nach welchem wir eben 
unterrichten, iſt exſ<ienen und liegt in einigen Exem-= 
plaren ebenfalls zu Ihrer Kenntnißnahme bereit. 
I< gehe nunmehr zur flüchtigen Darſtellung des eigent- 
lichen Unterrichts über. =- Indem wir denſelben als einen 
naturgemäßen bezeichneten, muß er ſich nothwendig der- 
jenigen Weiſe nähern, nach der jede Nation unbewußt ihre 
Mutterſprache den Kindern zugänglich macht, und in der That : 
„Was ihr uns , Gelehrte , für Geld nicht erwerbt, 
Hat jedes Kind von ſeiner Frau Mutter geerbt"; 
nämlich die Sprache. 
Wir folgen alſo auch hiex dem Wink der Natur. Der 
Lehrer beginnt damit, den Kindern einzelne Gegenſtände, die 
ihnen bekannt ſind, =- oder Nachbildungen derſelben (Häuſer, 
Bäume, Thiere 2c.) vox die Augen zu führen und die fremde 
Bezeichnung direkt an den Geg enftand knüpfen zu laſſen; 
er verbindet damit einzelne wenige ſtereotype Fragen im 
fremden Idiom; etwa: Was iſt das? Zeige mix dies oder 
jenes -- und läßt dieſe Fragen und die dazu gehörigen Ant- 
worten in vielfacher Anwendung von den Kindern üben. -- 
Wenn dieſe erſte Stufe, die ſhon nach einigen Stunden auf=- 
hört, das Ausſchließliche zu ſein, faſt monoton erſcheinen 
könnte, ſo iſt nicht zu vergeſſen, daß jeder Anfang embryo- 
niſch iſt, daß aber ſhon dieſe Stufe die Gewöhnung anſtrebt 
zum mündlichen Gebrauch der fremden Sprache, und eben in 
einfachſter Weiſe auftreten ſollte und nie ganz aufhört, ſo 
lange wir im Elementarunterri<hte neue „Vokabeln“ ge- 
brauchen , wenn wir ſie jetzt auch hier ſhon verlaſſen, um die 
folgende Stufe des Unterrichts zu erwähnen. 
Der Lehrer fordert nunmehr, daß die Kinder an den alſo 
bekannten Gegenſtänden nicht nur die Namen, ſondern auch 
die Eigenſchaften (nämlich Farbe, Größe, Form und 
Zahl) aufſuchen , unterſcheiden und vergleichen ; ſodann dieſe 
jelbſtgemachten Beobachtungen in der ſeemden Sprache aus= 
drücken, wozu ex ſelbſtverſtändlich die Anleitung gibt. 
Dadurd) aber ſchon verläßt der Unterricht die Stufe des 
bloßen Anlernens von Vokabeln. Aber phyſiologiſch betrach- 
tet wird dem Kinde aud die abſtraktere Cigenſ<haft, ſobald 
0 an dem Gegenſtande in die Augen ſpringend erſcheint wie 
arbe, Größe, Form und Zahl, ebenſo leicht als ſinnlicher 
Begriff entgegentreten wie die konkreteren Begriffe der Dinge 
ſelbſt. Hier tritt ferner au< ſhon die Anregung zur Selbſt= 
thätigkeit hervor, die dieſen Unterricht Dur<dringt, und alſo 
ſchon wegen dieſer angeregten Selbſtthätigkeit wird die Lehr= 
fa eine dur<weg veränderte Phyſiognomie gewinnen 
müſſen. 
x) „Das erſte Jahr“ und „das zweite Jahr franzöſiſchen 
Unterrichts.“ Ein Beitrag zum naturgemäßen Unterricht von A. 
F. Louvier, Vorſteher einer höheren Töhterſ<nle in Hamburg. 
(Altona bei Heſtermann , 1864 und 1865.) D. R.
	        

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