Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

267 
Und hier, meine Herren, wird mir die Gelegenheit ge- 
boten, auf die eigentliche innerliche Seite dieſer Unterrichts= 
kunſt aufmerkſam zu machen; ich lege Ihnen damit zugleich 
auch die eigentlihe Schwierigkeit dieſer Weiſe vor Augen. -- 
Man könnte glauben, die Schwierigkeit liege in dem Um- 
ſtande, daß der Lehrer ſelbſt im mündlichen Gebrau<h der 
Sprache geübt ſein müſſe. Nun ja, meine Herren, man wird 
bald zu dem Glauben kommen müſſen, daß derjenige, welcher 
eine lebende Sprache lehrt, dieſelbe auch müſſe ſprechen kön= 
nen; dieſer Elementarunterrti<t aber bewegt ſich natur= 
gemäß nur in einem beſchränkten Kreiſe und ſetzt vorläufig 
nicht allzuviel voraus. =- Die eigentlihe Schwierigkeit aber 
und zugleich die Feinheit dieſes Unterrichts liegt auf einer 
ganz anderen Seite, nämlich in dem pſyhHologiſhen Theile der 
Aufgabe. Es gilt nämlich, dur<h die Anſchauung 
und irgend wel<he Zeichen oder Andeutungen ge= 
ſ<hi>t in der ganzen Klaſſe einen und denſelben 
Gedanken wa zu rufen (ohne ihn direkt deutſch auszu-= 
ſprehen), alſo das Verlangen, das Bedürfniß, 
na< dem Ausdrud zu weden, um ſodann -- aber 
erſt dann -- den fremdſprahlichen Ausdru> als 
etwas Nothwendiges zu bringen oder bilden zu 
laſſen. Gerade in dieſer Beziehung ſtellt dieſer Unterricht 
eine Anforderung an den Lehrer, die allerdings ſchwer ge- 
nannt werden mag, die aber jedenfalls geeignet iſt, den 
Sprachunterricht zugleich auch für den Lehrer intereſſant zu 
maden! -- 
Die dritte Stufe des Unterrichts beſchäftigt ſich, nod) 
immer im erſten Halbjahr, vorwiegend mit dem Berb, aber 
in ſeiner einfachſten Geſtalt, d. h. mit dem Verb im Praesens 
Singular. -- Dey Lehrer läßt nunmehr nämlich eine be= 
ſchränkte Anzahl von Thätigkeiten in der Klaſſe ausführen 
mit den bekannten Dingen (3. B. die Thür, das Fenſter, das 
Buch öffnen oder ſchließen) und dieſe angeſhaute Begeben- 
heit, die nicht erſt ins Deutſche übertragen iſt, direkt in der 
fremden Sprache bezeichnen, alſo gleichſam von der Wirklich 
fett ableſen. = 
Dadurc< wird nun der Stoff der Sprehübungen un= 
gemein erweitert, und alle Perſonenbeziehungen, die 
beim Verb und ſeinen Endungen ſo wichtig ſind, werden ex = 
lebt; das Kind fühlt das Bedürfniß, die richtige Endung 
an das Verb zu bringen, weil es eben begreiſt, daß ohne 
dieſe Endung es gar nicht ausdrüt, was es ſagen will. 
Dieſe ſichere, tiefergehende Auffaſſung der Verbendungen 
und der Perſonalpronomen iſt für den Erfolg des Unterrichts 
von der höchſten Wichtigkeit und nach natürlichen Geſetzen am 
beſten auf dieſem lebendigen Wege zu erreichen, wie Jeder 
von uns beſtätigen wird , der die Schwierigkeit dex Berben= 
dungen im Unterrichte zu beobachten Gelegenheit gehabt hat. 
Während die biSher genannten Stufen das erſte Halbjahr 
ausfüllten , bringt das zweite Halbjahr die Erweiterung des 
genannten Stoffes nac<h der Seite des Plurals hin: alle 
efannten Subſtantive, Adjektive, Pronomen und Verben 
werden nunmehr im Plural angewendet, indem aber die bis= 
herige Weiſe feſtgehalten wird und die Dinge 2c. wirklich in 
mehreren Exemplaren den Kindern vorgeführt werden. Zu 
betonen wäre hier nur no<, daß 
die Wiederholung des Aehnlichen mit ge-= 
ringer Abweidung, alſo die Analogte, 
ebenfalls nur eine Nachahmung iſt der Vor-= 
gängeimnatürlichen Sprachenlernen! -- 
Wenn i< nun endlich die Aufgabe des zweiten Jahres 
Elementarunterrichts hier andeuten ſoll, ſo geſchehe das ganz 
in der Kürze: 
(Cs iſt dies Jahr im Weſentlichen dem Zeitwort ge- 
widmet, während nebenher eine Erweiterung des bisherigen 
und eine Vermehrung des Materials ſtattfindet, die ich hier, 
 
 
wie geſagt, nicht ausführen will. Das Verb aber in ſeinen 
verſchiedenen Zeiten zu veranſchaulichen, Handlungen und 
Zuſtände als gegenwärtig, vergangen oder zukünftig unter= 
ſcheiden und im Fremden Idiom bezeichnen zu laſſen , das iſt 
Die weſentliche Aufgabe des zweiten Jahres , wie endlich die 
Unterſcheidung der unvollendeten von der vollendeten Hand= 
lung. Hier wird die Aufgabe pſychologiſch feiner, wir 
[reiten von der unmittelbaren äußeren zur inneren An= 
<hauung fort; im Grunde iſt die Sache aber immer dieſelbe, 
und immerhin werden die Kinder auch dieſe Unterſ<eidungen, 
weil ſie nothwendig und zugleich veranſchaulicht werden, doch 
immer mit einer gewiſſen Leichtigkeit und Klarheit erfaſſen, 
welche die Ueberſezung nicht gewährt! Uebrigens haben 
wir unſern Schülern dieſe feineren Unterſcheidungen aud 
im bisherigen Untervichte keineswegs erlaſſen, vielmehr die- 
elbe vedht ſtark und in unvermittelter Weiſe ihnen zuge- 
muthet ! 
 
eum 
 
Meine Herren! I< bin zu einem Ruhepunkte gelangt: 
den Haupttheil dieſes Unterrichts habe ic) Ihnen geſchildert. 
Wenn ich hier abbräche , wäre eine ixxthümliche Auffaſſung 
der ganzen Sache Ihrerſeits gerechtfertigt. 
ie könnten glauben, daß es auf die Erlangung der 
Sprechfertigkeit als Endztel mir ankäme. 
Das iſt nicht der Fall. Der ganze Lehrgang iſt durc<aus 
eingrammati / Her. Es tritt nämlid) nun nod an den 
Lehrer die Aufgabe heran, an jede Lektion Daszenige aus der 
Grammatik entwi>elnd in deutſher Sprache anzuknüpfen, 
was das Lehrbuch für jede Lektion fordern muß; für dieſen 
Zweck alſo gerade müſſen die Lektionen geordnet und das 
Material im Lehrbuch gewählt ſein. Nun aber erſcheint das 
ſprachliche Geſeß deutlich vox den Augen des Kindes, weil 
* es durch die Regel nur die Beſtätigung deſſen erhält, was 
es bereits als richtig im mündlichen Gebraud der Sprache 
ennt. 
Mande ſchwierige Regel aber, die biSher den Elementar= 
unterric<t ſtörte und dod) unentbehrlic< war für die Ueber-= 
ſetzung (3. B. Stellung der Adjektive im Franzöſiſchen), tritt 
vorläufig gänzlich zurü, ohne daß das Kind dur< das Fehlen 
der „Negel“ im Gebrauch der Sprache gehindert wird. 
Andere Regeln, die keinen oder geringen formalen Bil= 
dungsſtoff enthalten (3. B. franzöſiſch die Reihenfolge der 
Objektpronomen me le, te le, le Ilui) fallen in dieſem 
Unterrichte gänzlich weg, weil ſie dur das beim 
Sprechen gebildete Ohr des Schülers erſetzt werden; weil 
wir alſo eine naturgemäße inſtinktive Auffaſſung der 
Geha vorziehen einer geiſtig unfruchtbaren Wiſſenſc<haft= 
ichfeit. 
Der Gewinn an Zeit kommt aber dafür den wirklich for- 
mal bildenden ſprachlihen Geſetzen zu Gute, die im ä<ht 
Mager'ſchen Geiſte ausführlich und vergleichend entwidelt 
werden können, und die Konſequenz dieſes Unterrichtes (die 
allen Lehrern gewiß willkommen ſein wird), iſt :lſo 
eine Vereinfachung der Grammatik! 
Eine beſondere Seite des fremdſprachlichen Unterrichtes 
iſt das Leſen. =- Auch in Bezug auf dieſes geht der beſprochene 
Unterricht einen andern Weg. 
Das bei jeder Lektion im Lehrbuch zu gebende 
Leſeſtü> entſpricht nämlich nac; Form und 
Inhalt genau demjenigen Material, das im 
mündliden Geſpräd in der Stunde geübt 
undzum Eigenthumder Shülergewordeniſt 
Durd) dieſe Maßregel ſtellt ſich nun das Leſen des Eng- 
liſchen oder Franzöſiſchen auf dieſelbe Stuſe, die das deutſche 
Leſen einnimmt : es dringt der Gedanke ſogleich in ſeinem 
ganzen Umfange durc<; Auge und Ohr als etwas Be-=
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.