Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

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kanntes in den Geiſt; es wird verſtanden, ohne mühſames 
und ſtü>weiſes Ueberſetzen ; das Leſen wird eigentlich er)t zum 
Leſen! =- Unter der Vorausſezung der ſtükweiſen Ueber= 
ſezung dagegen erſcheint die geleſene Sprache recht eigentlich 
im Geiſte eines Talleyrand : nicht der fremdſprachliche Aus-= 
dru> führt zum Verſtändniß; er erſcheint vielmehr als ein 
Hinderniß für daſſelbe, das eben durch die Ueberſetzung erſt 
hinweg geräumt werden foll! -- 
Aus dieſem innern Fortſchritt zur Naturgemäßheit hin 
in Hinſicht auf das Leſen folgt ſelbſtredend no<Mm, daß das 
bloße mechaniſche euphoniſche Lernen der Vokabeln , die Prä- 
paration und endlich beſondere Schwierigkeiten der Ausſprache 
von ſelbſt wegfallen, und der Gewinn an Zeit kommt wie- 
derum weſentlichen Anforderungen zu Gute, nämlich dem 
entwi>elnden grammatiſc<en Unterrichte undder 
Uebung im mündlichen Gebraud der betreffenden 
modernen Sprache. 
Was endlich die ſchriftlihen häuslichen Arbeiten der 
Kinder betrifft, die dieſe Lehrweiſe fordert, ſo ſind dieſelben 
dur<weg abweichend gedacht von der bisherigen Weiſe. 
Die Ueberſezung aus dem Deutſchen iſt auch 
hier gänzlich ausgeſ<loſſen; 
an ihre Stelle tritt die Anregung zu engliſchen oder fran 
zöſiſmen Säbzen, die von jedem Schüler ſelbſtſtändig zu 
hilden ſind und die dur< deutſch geſtellte (kollektiviſche) Fragen 
hervorgerufen werden. -- Jett tritt die angedeutete Schwie- 
rigkeit der Ueberſetzung und die Rücdſicht auf eine Maſſe von 
Regeln gänzlich zurück, denn die Form des gewünſchten 
Satzes iſt in ſeiner Totalität (als etwas Ciniges) dem Schüler 
bereits im Geſpräch geläufig geworden , der fremde Ausdruc>k 
fällt ihm zu, denn ſo ſind ſämmtliche Aufgaben ge- 
wählt; das Kind wählt natürlich auc nur ſolche Sätze, die 
es bewältigen kann, und kein Satz hat im Grunde nunmehr 
noh eine andere Schwierigkeit, als die orthographiſ<e. Der 
Yoße Aufwand an Zeit, den man bis8her nothgedrungen dem 
inſtudiren der häuslichen Ueberſetzung oder der Korrektur 
des Fehlerhaften widmen mußte, kommt hier ebenfalls dem 
wirklichen lebendigen Sprahunterrichte zu gute, und 
die Selbſtthätigkeit der Schüler, die wirja 
Alle erſtreben, findet ein ganz neues Ge- 
biet, nämlich das der ſchriftlichen, fremden 
Spracharbeiten! 
und, wenn ich mix einen Rübli auf den ganzen Unter- 
richt erlauben und hier die lette Konſequenz der ganzen 
Sache anführen darf: 
wir machen den fremden Sprachunterricht, 
der bi8her (nicht des Stoffes, ſondern der 
Behandlung wegen) mehr oder weniger im 
Widerſpruch ſtand mit der deutſchen, Peſta- 
lozziſ<en Schule, wir machen den fremden 
Sprachunterricht dienſtbar der deutſchen 
Methode, und die letzte Tendenz der ganzen 
Sacheiſt alſo im lezten Grunde eine nationale 
pädagogiſche. 
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( 
WH. 
Meine Herren! Sind wir mit einigem hiſtoriſchen Sinne 
ausgeſtattet, ſo drängt es uns gegenüber einer irgendwie 
neuen Beſtrebung, einen RNü>bli> zu thun in die Vergangen= 
heit und die erſten Anfänge der leitenden Idee geſchichtlich 
zurück zu verfolgen. =- Eigenthümlich iſt im Grunde eine 
ſolHe Unterſuchung einer Unterrichtsweiſe gegenüber , nach 
welcher im Weſentlichen die erſte Mutter ihr erſtes Kind 
unterrichtet haben wird. Fragten wir alſo nach dem Alter 
dieſer Art und Weiſe des Sprachunterrichtes, ſo wird ſie 
wahrſchemlich zwanzig bis dreißig Jahre jünger ſein als das 
Menſc<engeſchleht. =- Für uns aber handelt es ſi< darum, 
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nahzuforſ<en, zu welcher Zeit die Geſchichte der bewußten 
Pädagogik im Sc<ulleben die erſten Anklänge unſerer leiten= 
den Ideen nachweiſt, und da finden ſich die älteſten Spuren, 
die ich habe entde>en können, in einer Zeit, wo wir ſie am 
wgſten vermuthen würden , nämlich zur Zeit der Shola= 
tifer. 
(Es lebte 1538 in Straßburg ein lateiniſcher Rektor, 
Johannes Sturm , der weit und breit als Organiſator für 
Schulen berühmt und berufen war. Von dieſem Johannes 
Sturm ſind uns Inſtruktionen erhalten, die er für alle Lehrer 
ſeines Gymnaſiums geſchrieben hat. Hier finden wir, daß 
er für die Elementarklaſſe des Lateiniſchen dem Lehrer "Friz 
ſius) zur Pflicht macht, Gegenſtände =- er verlangt Thiere 
und Pflanzen -- in die Klaſſe zu bringen und die Namen mit 
Hilfe der Sachen ſelbſt -- zu lehren ; er wollte Sprechfertig- 
keit zum Zwe der Disputationen im Lateiniſchen erzielen. 
Das war vor Peſtalozzi; die Sache ſtand vereimzelt da und 
auf einem unrichtigen Gebiete; ſie war unzeitgemäß und ſcheint 
keine Folgen gehabt zu haben. 
Erſt zwei Jahrhunderte ſpäter erſtehen diejenigen, die das 
ganze Gebiet der Schule für eine derartige Unterrichtsweiſe 
ſchufen und die eigentlichen Schöpfer eines naturgemäßen 
Unterrichts ſind : Peſtalozzi und Fröbel. 
Der Sculrath Schwarz in ſeiner Geſchichte der Päda- 
gogik führt den Saßz auf: man müſſe die modernen Sprachen 
eigentlic lehren ganz wie die Mutterſprache ; er geht aber 
nicht weiter auf die Cinzelheiten und die Ausführbarkeit ein. 
In den zwanziger Jahren dieſes Jahrhunderts machte 
Pöhlmann im Engliſchen eimen Verſuch, an grammatiſche 
Stoffe Sprechübungen zu knüpfen. 
Sehr 1wreffend hat im vorigen Decennium der verſtorbene 
Profeſſor Eſc<rubt in Kiel in einer norddeutſchen Zeitung 
ungefähr dieſelben Meinungen dargelegt, die ich heute vor 
Ihnen zu vertreten hatte, und ganz neuerdings ſind vom 
Elſaß aus Materialien zu Sprechübungen erſchienen, die 
ebenfalls dur< die Anſc<hanung unterſtützt werden ſollen. 
In unſerer nivellixenden Zeit aber, meine Herren, iſt es 
dem Einzelnen allein nicht mehr möglic<, das Neue durchzu- 
führen: die Vereinigung Gleichgeſinnter allein vermag mit 
Erfolg den Beſtrebungen der Jetztzeit Leben8dauer zu ver-= 
leihen. Laſſen Sie mich daher mit ver Hoffnung von dieſer 
Verſammlung ſcheiden, daß ich den obigen Fakroren , die zur 
Ausbildung des erziehlichen Gedanfens auf dem beſprochenen 
Gebiete ſich die Hand geboten haben --, laſſen Sie mich hoffen, 
daß ich dieſen Fakteren einen nenen, mächtigen anreihen 
fünne, nämlich die 15. allgemeine deutſche Lehrerverſammlung 
zu Leipzig. 
 
Das Jahresfeſt des mittelrheiniſchen evangeliſchen 
Lehrergeſangvereins in Trarbach. 
Es iſt ein hervorragendes Kriterium unſerer Zeit, daß 
Vereine , Aſſociationen, volkreiche Berſammiungen , Jahres- 
und Inbelfeſte ſo an der Tage8ordnung ſind. Bei Weitem 
nicht alles, was die Tagesblätter über Dieſe Kinder der Gegen- 
wart berichten, dürfte dazu angethan ſein, den mancherlei 
Schäden und Gebrechen unſerer ſoctalen Zuſtände eine wirk= 
liche Abhilfe anzubahnen. Indeſſen iſt auch nicht zu ver= 
kennen, daß durch diefelben viele edle Beſtrebungen eine nach- 
haltige Unterſtüßung und Verbreitung gefunden haben und 
noh finden. Das Sprüchwort ſagt: „Eintracht macht ſtark.“ 
Und wenn eben heut zu Tage faſt alle Berufsfklaſſen in jähr- 
lichen Zuſammenkünften ſich vereinigen, gemeinſam ihre An- 
gelegenheiten berathen, Feſte feiern nu. a. m. , da müchte es 
auc<h das Intereſſe der Volksſ<ule gebieten, daß der Lehrer-
	        

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