Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

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Du wein verlornes Paradies! Auch die deutſche Marſeillaiſe 
ſehlt gewöhnlich nicht: Guter Mond, du gehſt ſo ſtille. Da 
die neueren Dichter den Mond endlich in Ruhe laſſen, ſo 
ſollte unſere Jugend nicht wieder anfangen, ihn zu quälen, 
er hat lange herhalten müſſen. Aus dem Liede: Hoffnung 2c. 
ſeien zwei Zeilen erwähnt, die geradezu geeignet ſind, home- 
Liſches Gelächter zu erwe>en : Cinſt wird's beſſer, einſt wird's 
beſſer , Hoffnung täuſchet nicht, und: Vorſiht, Menſch, ich, 
Borſicht , Menſ< , ich täuſche nicht. Himmel! iſt das Poeſie! 
Auch der Unſitte, die in mancher unſerer Liederſammlungen 
ſich findet , wollen wir hier gedenken, daß die Lieder korrigirt 
ind. 
| Hölty , Salis, Hoffmann v. F., Flemming, Günther, 
Voß , Kerner, ſie alle haben nicht richtig gedichtet : die Schul- 
meiſter haben ſich über ſie gemacht und ſie zugeſchnitten. Die 
Philiſter über dir, Simſon! Dieſer Blödſinn iſt eine Erb- 
ſchaft aus den 30er Jahren, meiſt ſind die Gedichte nicht aus 
dem Original abgedru>t, ſondern aus älteren Leſebüchern, 
ſo hat ſic; das Uebel fortgeſhleppt. Und was für geniale 
Aenderungen ſind das! Statt „Gehſt du nicht bald nad) 
Haus, lacht di) der Ku>uk aus!“ lieſt man: Geh' du nur 
bald nah Paus, dein Regiment iſt aus! Doch mannm de | 
y 
tabula! Aber es ärgert Eimen. Lüben reſpektirt die Dichter, 
der ändert nichts! Ein dritter Anhang zu Lebensbilder 111. 
enthält Auszüge aus den Nealien; ſie ſind dem Schüler ein 
Handbuch zum Vorbereiten und Repetiren. 
Lebensbilder IV. ſind jetzt gut georduet, ſie können als 
Leitfaden beim Literatur=Unterrichte dienen ; ſie ſind aud) 
ein gutes Leſebuch für die oberſte Klaſſe der Bürgerſchule und 
für höhere Anſtalten. Was die Literatur betrifft, ſo ſind es 
beſonders drei Bücher , die wir empfehlen. Wenn nämlich 
der Seminariſt dur< „Lüben, Dichtung und Proſa“, in die 
Literatur eingeführt iſt, ſo wird dem jungen Lehrer der „Koms=- 
mentar von Prof. Burkhardt gute Dienſte leiſten. ES iſt 
dies einer der Kommentare, die zu dem „Handbuche für 
Schüler von Berthelt“ 2c. als Lehrbuch für die Hand des 
Yehrers erſchienen ſind. Hat der Lehrer, natürlich begleitet 
von ſteter Lektüre, das ganze Gebiet der Literatur eimmal 
überſchaut, und Burkhardt gibt gerade das rechte Maß, nicht 
zuviel, ſo mag er „Möbius, Katechigmus der Literatur" 
(10 Nar.) ſtudiren. In gedrängier Darſtellung bietet dieſes 
Büchleim einen prächtigen Ueberblid und der Lehrer findet 
nach jedent Dichter, nach jeder Schule, nad jeder Periode 
Werke angeführt, die über den Dichter oder einzelne ſeiner 
Werke , über die Schule, über die Periode hande'n. Da der 
vehrer uicht im Beſitze einer großen literar = hiſtoriſchen 
Bibliothek ift, ſo muß ihm ein ſolcher Wegweiſer beſonders 
nülblich ſein. Uns hat das Büchlein ſchon gute Dienſte Je= 
leiſtet. 
a ugendſ<hriften: Legion, gute und ſchlechte! Er- 
wähnen wir zuerſt die Sugendzeitungen. Cs erſcheinen 
jezt in Deutſchland ungefähr 15, unter ihnen auch ein Miſ- 
jionsSblatt für Kinder. Sachſen allein liefert 3, der Süden 
hat ebenfalls genug; neu hinzu kommt jetzt „Schleswig-Hol- 
tein“ und Die „Lactaube.“ BIugendzeitungen ſind nichts 
Neues; wir Sachſen kennen den alten Schneemann aus un- 
erer Kinderzeit re<t wohl. 
 
 
 
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meiſt das Zweite. Selten dur<weht ein poetiſcher Hauch 
die Blätter ; man merit, daß des Tages Laſt und Hitze , daß 
der Schulſtaub mit hinein gewebt iſt; der Pedant guckt her- 
aus, und Pedant bis zu einem gewiſſen Grade iſt jeder flei- 
ßige und ehrenwerthe Lehrer; ſchlimm für ihn und die Ju- 
gend, wenn er es nicht iſt. Geſehen haben wir von den 
vielen nur drei JIugendzeitungen> Die Kinderlaube; ſie iſt 
vorzüglich redigixt und hat ſic; in kurzer Zeit einen großen 
Ceſerkreis erobert. Die deutſ<en Iugendblätter ſind ein 
Kind des ſächſiſchen Peſtalozzivereins; der bekannte Korps- 
geiſt der jächſjſſ<hen Lehrerſchaft pflegt ſein eignes Kind gut 
und wird, wie es ſeine Pflicht iſt, für ſein Gedeihen alles 
Mögliche thun. Der Jugendbazar, von Dr. Traut redigirt, 
iſt noch jung; er hat die Feuerprobe noh nicht beſtanden. 
Die Anlage iſt gut, die Beilagen für häusliche Beſ&äftigung 
find, eine glückliche Idee und werden fich ſ<nell Freunde er- 
werben. 
Bon Jugendſ<hriften ſeien die aus dem Verlage von 
Spamer immer wieder angelegentlich empfohlen. Das ſind 
in Wahrheit Jugendſchriften. Dieſterweg hat Recht: Wer 
eine Zuzend= oder gute Volksbibliothek einzurichten hat , der 
faufe den Spaner'ſchen Verlag; da hat er, was er ſucht und 
was er braucht. Die Uuſtrirte Haus=- und Jugendbibliothek 
enthält Cdelſteine; das Buch der Erfindungen, der Enut-= 
de>ungen, der Arbeit, der Wunder, der Thierwelt, der 
Welt: es ſind alles Meiſterx= und Muſterwerke , meiſt ſind ſie 
ausgeſtattet mit 100--200 guten Holzſ<hnitten. In der 2. 
Serie begegnen wir Schriften, von denen wir nicht wünſchen, 
daß fie die Oberhand erhielten : der Buſchjäger , der Scalp- 
jäger , der Wolſsſohn ; ſie neigen ſich nach jener Sorte hin, 
die die Phantaſie ungemein anregen, aber in einex Weiſe, 
wie es dent Pädagogen nicht gerade lieb iſt. Wagners „Ent- 
dedungsreifen in Snus und Hof, in der Wohnſtube, in Feld 
und Flur“ 2c. ſind in ihrer Art klaſſiſc<. Die Verlagshand- 
lung ſorgt auch Dafür, daß das Große unſerer Zeit der Ju- 
gend bekanut wird; ſo finden wir im Weihnahtskatalog für 
1865 : Livingſtone, Vogel, Franklin. In Summa liegen 
jet vor: 160 Bäude mit 30,000 ZUuſtrationen in 850,000 
Cxemplaren 3 Thatſachen aber reden lauter als jede Empfeh- 
(ung. =- Der Lehrerverein zu Berlin hat ſich damit beſchäf- 
tigt, einen Katalog guter Jugendſchriften zuſammenzuſtellen ; 
könnte er nicht in HildesSheimi eine Ausſtellung dieſer Zu- 
gendſchriften veranſtalten ? So wird die Ausſtellung zu 
elWaV. =- 
„Geographie iſt ein geſundes Voreſſen der kindlichen 
Seele“, ſagt Iecan Paul; aud Karl Schmidt will Naturge- 
ſchichte und Geographie als erſte Unterrichtsgegenſtände. 
Geſpräche über Heimath und atur müßten der Lehrſtoff ſein 
für das erſte Semeſter. Leſen und Schreiben müßten in 
zweiter Linie ſtehen. Das geht allerdings bei uns nicht. 
/ Wir müßen (aber kein Menſch muß müſſen) die unverſtän- 
: digen Forderungen unverſtändiger Aeltern befriedigen. Das 
- Kind muß ja in einem halben Jahre leſen lernen , obgleid) 
ihm das nichts nüt; es iſt einmal ein Triumph der neuen 
Pädagogik. Das Kind muß ja mit 7 Jahren den erſten 
; Jahrwunſc< mit der Feder geſchrieben bringen, obgleich die 
Aber ein Bedürfniß ſind ſic 
nicht; darin liegt auch die Erklärung der Erfahrung, daß ſie 
meiſtens nur ein kurzes Leben haben. Außerdem iſt das „Fort- . 
'etzung folgt“ der KindeSnatur ganz entgegen und die 8= oder | 
L-ttägigiſc<en Pauſen ſtumpfen nad) und nach das Intereſſe . 
ab. Der fortdauernde Wechſel der Leſerſchaft, 3. B. zu 
- fums. 
Oſtern, fördert ein folches Unternehmen ſicherlich nicht. 
Dazu kommt, daß die Herausgabe einer ſol<en Zeitung ein 
ſ<weres Werk iſt, denn wie Wenige wiſſen für Kinder zu 
ſchreiben! Cs foll kindlich einfach und poetiſch ſchön ſein. 
kleine Hand Der Feder gar nicht gewachſen iſt; aber es iſt ein 
Triumph der neuen Pädagogik. Aud uns hat das Zeitalter 
des Dampfes und der Maſchine angeſte>t, auch wir jind vom 
alten dauerhaften Mühlenpapier zum Maſchimenpapier ge- 
kommen , das mit Chlor gebleicht wird. Schnell! das iſt die 
Loſung und Frühreiſe! das iſt das Feldgeſchret des Publi- 
Wir müſſen oft die Kinder unnatürlich überladen ; 
, das iſt die Strafe einer früheren Sünde: die Pädagogik hat 
fich mit vem Unverſtande lint, anſtatt ihm mannhaſt ent= 
: gegenzutreten ; wir haben den Aeltern gezeigt, wie ſc<nell wir 
Den Dichtern fehlt meiſt das Erſte und uns Schulmeiſtern 
ſextig werden können und jetzt fordern ſic es. Wer reformirt
	        

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