Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

regt und im Herzen deſſelben Reſonanz und Aufnahme findet. 
Der ganze Geiſt des Kindes muß durch die Erzählung beſc<äf= 
tigt und Verſtand, Gefühl und Wille zugleich jo in Bewegung 
geſeßt werden , daß ſich die Urſachen, Wirkungen und Folgen 
des in der Geſchichte Dargeſtellten tief in das Herz der Kleinen 
eindrüden und in demſelben die Kraft zu ſittlicher Thätigkeit 
ſtärken und bewegen. 
Leider zeigt die Erfahrung , daß gerade hierin ſehr oft ge- 
fehlt wird. Gewöhnlich wird mit Adam angefangen und mit 
Chriſtus aufgehört. Die Schöpfung recht gründlich und was 
der liebe Herr Gott an jedem einzelnen Tage geſchaffen haben 
ſoll, re<ht genau. Die Strafe dafür kann natürlicherweiſe 
nicht ausbleiben und beſteht Jewöhnlich darin, daß den Kin- 
dern gleich vom Anfang an ein recht tüchtiger Ekel vor dieſem 
Untecrichte , ſowie die Kunſt, ohne Erröthen zu lügen und 
Gefühle zu erheucheln , die me ihr Herz beſeelte, beigebracht 
wird. Welche Geſchichten ſollen dann aber den Kindern ge= 
boten werden? Solche, die ſie zu faſſen vermögen, d. h. 
jolche, welche in ihrem Innern ſchon verwandte Vorſtellungen, 
mit denen ſie m Verbindung treten können, vorfinden. Nun 
iſt aber der Kreis der Vorſtellungen , die ſich auf das ſittliche 
Leben des Menſchen beziehen, bei Kindern dieſes Alters 
außerordentlih eng. Er beſchränkt ſich ausſchließlich auf 
das engere und weitere Familienleben , auf das Leben mit 
Vater, Mutter, Bruder und Schweſter, Verwandten und 
Freunden. (Es müſſen dem zu Folge in dieſen Schuljahren 
ſolhe Geſchichten dur<genommen werden, welche als Fa- 
miliengeſ<ichten in vem eben angedeuteten Umfange zu be= 
zeihnen ſind. I< ſtimme daher dem Schulrath Shmidt voll- 
kommen bei , wenn er die bibliſchen Geſchichten für das erſte 
Schuljahr auf folgende beſchränkt wiſſen will: Abraham und 
Lot. Joſeph und ſeine Brüder. Joſeph wind verkauft. Jo= 
ſeph im Gefängniß. Joſephs Brüder in Aegypten. Moſes 
Geburt, Iugend und Berufung. David und Goliath. 
David und Jonathan. Die Geburt Jeſu und die Hirten 
auf dem Felde. Die Weiſen aus dem Morgenlande und die 
Flucht na<ß Aegypten. Der zwölfjährige Jeſus im Tempel. 
Jeſus der Kinderfreund. Der Jüngling zu Naim und Jairus 
Töchterlein. Gethſemane und die Kreuzigung. Das Grab 
des Herrn und ſeine Auferſtehung. Alle dieſe Geſchioten 
tragen das Gepräge des Familienlebens an ſich. ie fein 
und lieblich iſt es, wenn Brüder einträchtig bei einander 
wohnen, während Unordnung und eitel böſes Ding da herrſcht, 
wo Zank und Neid iſt. Aber dem verkauften Joſeph dienen 
alle Dinge zum Beſten, denn er liebt Gott und es geht ihm 
zuletzt do<h wohl, weil er ſich fromm und recht hält. Wie 
ſchre>lich tritt in den Brüdern, welc<he vor dem verkauften 
Bruder ſtehen, das nimmer ruhende böſe Gewiſſen auf, der 
Wurm, der nie ſtirbt, und wie ho< und hehr ſtrahlt vom 
Antlitze des mißhandelten Joſeph die verzeihende Bruderliebe 
und die Sehnſucht des kindlichen Herzens zum fern wohnen= 
den Vater u. ſ. w. Do der weitere Kreis des Familien- 
lebens iſt auc<h nicht vergeſſen. Die Geſchichte von David 
und Jonathan zeigt, daß ein treuer Freund alle Zeit liebt 
und in der Noth erkannt wird. Kurz all' dieſe Erzählungen 
ſind vem Kindesherzen zugänglich, alle erzählen Ereigniſſe, 
die in demſelben Anklang finden oder Widerwillen gegen ähn- 
liches Handeln erregen müſſen. Sie erzählen Scenen, die 
ſie zu Hauſe erlebt, Tugenden, die zu üben ſie aufgefordert 
und angehalten, Fehler, die zu vermeiden fie ermahnt und 
vor denen ſie gewarnt worden ſind. Liebe Vater und Mutter, 
Geſchwiſter und Verwandte, Freunde und Bekannte. Sei 
mitleidig, brüderlich, barmherzig und freundlich. Doch das 
ſchönſte und höchſte Gebot für Kinder: Sei gehorſam, gehor- 
ſam gegen Vater und Mutter und gegen den lieben Gott dort 
droben im Himmel, das kommt erſt in der Geſchichte vom 
Jeſusknaben zu ſeiner herrlichſten Darſtellung. Hier ent- 
 
 
 
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falten ſic; die kindlichen Tugenden im lieblihſten Glanze. 
Ihn, den Wunderknaben von Nazareth, beſhüßte und be- 
ſchirmte die Hand des himmliſchen Vaters von ſeiner zarteſten 
Kindheit an. So ſchüt und ſchirmt Gott alle Kinder, weil 
er ſie lieb hat, aber eben de8Shalb müſſen die Kinder ihn auch 
lieben , gerade ſo, wie ihn der zwölfjährige Jeſus im Tempel 
liebte. Dieſe zarte, innige Geſhichte aus der Kindheit des 
Herrn muß für Kinder dieſes Alters den Brennpunkt bilden, 
um die ſic< die übrigen Geſchichten koncentrirxen. Bei ihr 
muß der Lehrer verweilen, muß zeigen, daß der gehorſame, 
Gott liebende Knabe auch ein gehorſamer Sohn und Jüng- 
ling war. Schade, daß das Leben des Herrn in dieſer 
Periode für uns in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt iſt. 
Nur ein ſ<wacher , kaum bemerkbarer Lichtſtreif iſt uns ge- 
glieben und daher müſſen wir dieſen um ſo ſorgfältiger be- 
wahren und müſſen den Kleinen klar machen, was es zu be- 
deuten habe: Jejus nahm zu an WeiSsheit, Alter und 
Gnade bei Gott und den Menſc<en. 
Keine Erzählung aus dem Neuen Teſtamente iſt nach 
dieſer wohl mehr dazu geeignet, das Herz des Kindes zu ge- 
winnen, daß es ſich in der Nähe des hohen, heiligen Mannes 
wohl und heimiſ<H fühlt, als die vom Kinderfreunde, der an 
den Kleinen ſeine Freude und ſeine Luſt hat. Hier wird die 
erſte Zugendſreund| haft mit dem Herrn geſchloſſen und glü>= 
lich die Kleinen, welhe einen Kinderfreund zum Lehrer haben ; 
er allein verſteht dieſe liebliche Erzählung auszubeuten und 
in das junge Herz den zündenden Funken zu werfen. Und 
dieſer Kinderfreund gibt dann der troſtloſen Mutter den Sohn 
zurü& und dem Vater die Tochter. Weinet nicht, ein ſüßer 
roſt in wenig Worten, dem die hilfreiche That auf dem 
Fuße folgt in anſpruchsloſer Beſcheidenheit und Demuth, 
ohne ſic< zu brüſten und den hochbeglüten Aeltern durch 
Blicke und Worte heiße Dankſagungen zu eritpreſſen. 
Gewiß, wenn ſolhe Geſchichten im erſten Suljahre 
durhgenommen werden, dann fühlt ſich das Kind au< von 
Schmerz und Trauer dur<drungen, wenn der liebe Mann 
auf Gethſemane betend ringt und am Kreuze endigt. No< 
vermag es die tiefe Bedeutung ſeines Todes nicht zu ergrün= 
den, aber das Herz erfaßt ein dunkles Ahnen , hervorgerufen 
dur< den ſchreienden Widerſpruc< zwiſchen Liebe und Haß, 
ein Ahnen, welches das Kind auf die richtige Fährte leitet 
und einſt daſſelbe die Liebe als erlöſende Kraft im Tode des 
Herrn erkennen läßt. 
Ich hatte keineswegs die Abſicht, den Reichthum an ethi- 
ſchen Gedanken, der ſich in dieſen Geſchichten vorfindet, all- 
ſeitig anzudeuten; er 4. zu groß und mannigfa<ß. So viel 
glaube im aber dargethan zu haben, daß und weshalb ſi< 
dieſe Geſchichten gerade für das erſte Shuljahr eignen. Auch 
der Stoff für das zweite und dritte Shuljahr muß , wie ich 
bereits ſ<on früher bemerkte, demſelben Kreiſe entnommen 
ſein und ganz auf dieſelbe Weiſe, wenn auch dem Alter der 
Kinder entſprechend, ausführlicher und eingehender dur<ge= 
nommen werden. Und ich ſtimme daher S<hulrath Schmidt 
bis auf wenige, gan) unbedeutende Dinge bei, wenn ex die 
Erzählungen für ſieben= und achtjährige Kinder in dieſer 
Rethenfolge feſtſtellt : „Abrahams Berufung. Abraham und 
Lot. Abrahams Glaube. Iſaaks Heirath und der treue 
Elieſer. ECſau und Jakob. Jakobs Betrug, Flucht und 
Leben bei Laban. Jakob und Joſeph. Moes. Die Ge- 
bote. Samuel (Hanna. Bei Eli. Berufung). Saul (ſeine 
Wahl und Salbung. Sein Ungehorſam und ſeine Ver- 
werfung). David (Salbung. David und Goliath. David 
und Saul. David und Jonathan. David als König). 
Davids Kinder (Abſalom und Salomo). Zacharias und 
Johannes Geburt. Maria und Chriſti Geburt. Die an=- 
betenden Hirten. Die Flucht nach Aegypten. Der EN 
jährige Jeſus. Petri Fiſ<zug. (?) Die Obhzeit zu Kara, (?) 
 

	        

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