Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

Herausgegeben von A, Berthelt, 
Unfer Nitwirkung von Ferd. Schnell. 
Jährlich 52 Nummern. Preis vierteljährlich 10 Thlr. 
Anzeigen für den Raum einer geſp. Petitzeile 12/, Ngr. 
Literar. Beilagen 115-3 Thlr. -- Beſtellungen nehmen 
alle Buchhandlungen und Poſtämter an. 
Sonntag, den 24. September. 
Aufſäte über zeitgemäße Themata u. Mittheilungen 
über Schul- und Lehrerverhältniſſe ſind willkommen. 
Schriften zur Recenſion ſind unberec<net einzuſenden 
und findet eine Rückſendung derſelben nicht ſtatt. 
 
 
Stilübungen. 
Von HK. C. W. Tiedemann. 
Aufgefordert , meine fragmentariſhen Darlegungen über 
Stilübungen , in einer Nebenverſammlung während der all- 
gemeinen deutſ<en Lehrerverſammlung in Leipzig gegeben, 
für die Lehrerzeitung auszuarbeiten, und in derfelben beſon- 
ders gefragt, warum ich mich gegen Nachbildungen ausge- 
ſprochen habe , will ich in gegenwärtigem Aufſatze meine Anz 
ſihten mittheilen. 
Ueber den Werth von Stilübungen, hie und da Aufſatz- 
lehre genannt, bis zu den unterſten Schulen herab brauche 
19 nichts zu ſagen, da er jetzt allgemein anerkannt iſt; ich 
laube auch über die Schwierigkeiten dieſes Unterrichts 
hweigen zu dürfen , da die große Menge von Anweiſungen 
für denſelben, die jährlich durc< neue vermehrt wird, und 
manche Auſſätze darüber in pädagogiſchen Blättern wohl ein 
Beweis dafür ſind, daß man no< nicht immer über die 
Methode einig iſt. I< kann daher ohne Weiteres zu dem 
erſten Theil übergehen : 
1) Welches ſind die Erforderniſſe zu einem guten Stil ? 
Als ſolche bezeichne ich drei : 
Richtige Anordnung der Gedanken; 
guter Periodenbau ; 
| Wahl des Ausdrus. 
Nicht allein dieſe Punkte ſelbſt, ſondern auch ihre hier ge- 
gebene Reihenfolge hoffe i< in wenig Worten begründen zu 
önnen. 
Nie macht ein geſchriebener Aufſatz oder eine Rede einen 
unangenehmeren Eindruck, nie wenden wir uns leichter davon 
ab, als wenn wir die logiſ<e Ordnung vermiſſen. Wollen 
wir dur<aus eine Abhandlung ſtudiren, dann freilich unter= 
ziehen wir uns wohl auch der Mühe, ein Gewirr zu löſen ; 
in den meiſten andern Fällen werden wir dieſe Mühe ſcheuen, 
und der Verfaſſer verfehlt allein dadur< ſeinen Zwe , daß 
er jeine Gedanken ohne Ordnung vorgetragen hat. Eine 
Gedankenfolge, daß ſie als nothwendig erſcheint, Klarheit, 
man mödte ſagen, bis zur Durchſichtigkeit, muß daher als 
das erſte Erforderniß jedes guten Aufſatzes bezeichnet werden. 
Zwar kann dieſe Klarheit nun no< wieder beeinträchtigt 
werden dur< den Satzbau, indem wohl die Reihenfolge der 
Gedanken eine richtige iſt, der einzelne Gedanke aber undeut= 
lich auSgedrüct wird ; es iſt dies nicht ſo ſ<lunm, als der 
erſtgedac<hte Mangel, jedo<h immer ſ<limm genug, weil es 
 
| die Verſtändlichkeit erſchwert, und ich meine, es ſei der erſte 
we> einer Mittheilung, verſtanden zu werden. Sehr lange 
Perioden find zu vermeiden, namentlich die künſtlich ver- 
ſ<lungenen, welche den Leſer zwingen , ſie nod einmal zu 
leſen; denn ſelbſt bei ganz richtigem Bau iſt es oft mühſam, 
ihnen zu folgen ; andererſeits iſt es aber auc<h nicht angenehm, 
lauter kurze Hauptſätze zu leſen; es wirkt ermüdend. Bei 
Satzgefügen iſt es vorzug8weiſe nothwendig, die Haupt= und 
Nebenſätze dem Inhalt entſprechend zu vertheilen, und will 
man nun ganz den Erforderniſſen eines guten Stils Senügen, 
ſo ſoll man die Perioden abrunden, ihre einzelnen Theile in 
ein richtiges Berhältniß zu einander bringen. Wie dies aber 
ſhon zu einem ſ<önen Stil hinüberleitet, ſo gehört dazu 
auch zuletzt die Wahl des Ausdrucs , Die allerdings auch ſo 
verfehlt ſeim könnte, daß die Deutlichkeit darunter leidet. 
In dieſer Beziehung iſt der Irrthum zu erwähnen , dem ſich 
mance Leute hingeben, als ob zu einem guten Stil gehöre, 
daß man immer die ungewöhnlichſten Worte wähle, wodurd 
denn zuweilen die überſc<hwenglihe, ſchwülſtige Schreibart 
entſteht, welc<e nur der Ungebildete für ſ<ön erklärt. Die 
Ausdrücke richtig wählen heißt vor allen Dingen: ſie dem 
jedesmaligen Schriftſtücke angemeſſen ausſuchen ; eine Schil- 
derung wird anders abzufaſſen ſein, als ein amtlicher Be- 
richt ; der Kaufmann macht ſich lächerlich , wenn er ſeine Ge- 
ſchäftsbriefe im blühenden Stil abfaßt. 
Haben wir nun ſo die Erforderniſſe zu einem guten Stil 
erfannt, ſo fragt es ſich 
2) Wie bringt man die Schüler dahin ? 
Hauptſächlich wird nur von der Dispoſition und auch 
von der Wahl des Ausdrucks die Rede ſein, da der Perioden-= 
bau zur Saßklehre und ſomit zur Grammatik gehört, ich aber 
in der Schule die Stilübung von dex Grammatik trenne; 
indeß erwähnen werde ich der Ausbildung in dieſer Hinſicht 
ſ<on darum, weil ih auch eigne Uebungen darin mit der 
Aufſatzlehre verbinde. 
Für die Uebung im Disponiren will ich hier einen Dret- 
fachen Stufengang auſſtellen, wie ic bei meinem Vortrage 
auch gethan, der etwa das Alter vom 10. Jahre bis zum 
Ende der Schulzeit umfaßt, der aber manche Abſtufungen 
und Unterabtheilungen möglich macht, wie ich ebenfalls in 
Leipzig erwähnte. 
a. Die Kinder ſchreiben einfac<e Sätze über irgend 
einen Gegenſtand auf, der ihnen aus dem Leben oder aus 
vem übrigen Unterrichte bekannt iſt. Daraus ergibt ſich
	        

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