Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

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Meinung darüber mittheilen und begründen, indem ich einige 
Fragen eantworte. 
Warum ſoll nachgebildet werden ? In der Anfrage, die 
in der Lehrerzeitung deshalb geſtellt war, wurde als Grund 
angegeben, daß es den Kindern im Anfange an Stoff fehle. 
Das kann ich nicht zugeben, und ich glaube, daß man bei 
ſorgfältiger Erwägung meines eben aufgeſtellten Lehrganges 
auß finden wird, daß dies nicht der Fall jein kann ; der Lehrer 
muß nur die Kinder kennen , damit ex weiß, was er bei ihnen 
vorausſezen darf, und dann ſorgſam in der Auswahl ſein. 
Oder verlangt man die Nachbildung, weil die Kinder im 
Satzbau und Ausdru> no<h ungeübt ſind ? Auch der Grund 
iſt für mich hinfällig. I< will gar nicht, daß ſie ſich anders 
ausdrückfen , als es ihnen natürlich iſt; mit der Gramuiatik 
ſchreiten ſie ſtufenweiſe auch im Stil fort, und iſt eine Acen- 
derung beſonders nöthig, ſo iſt ja der Lehrer da. 
Wa 8 ſoll nachgebildet werden ? 
a. Gedanken ? Der Stil iſt der Ausdruck des Gedankens. 
Das iſt aber unmöglich; Gedanken müſſen Eigenthum des 
Schreibenden ſein. 
b. Wörter ? Sollen etwa einzelne Wörter benutzt oder 
die im Muſterſtüke gebrauchten durch andere erſetzt werden ? 
Das gewährt zu wenig Nutzen und läßt ſich bei den Vor- 
übungen zum Stil und zur Grammatik reichlich abmachen. 
c. Sätze und Wendungen ? Das halte ich nicht allein 
für wenig nüßlich , ſondern ſogar für ſchädlich in mehr als 
einer Hinſicht. Dieſe Nachahmungen werden ſteif; ich weiß 
dies aus Crfahrung; denn ich habe in früheren Jahren dieſe 
Nachbildungen verjucht und habe unter andern (nach Falk= 
mann's ſtiliſtiſc<em Handbuch) Perioden nachbilden laſſen ; 
wie hölzern geriethen dieſelben, ſo daß man ihnen das Ge- 
zwungene anhörte. Die Schüler werden unſelbſtſtändig da-= 
dur<h und beten zu leicht das Gelernte na<. Wozu über- 
haupt ? Entweder ſie verſtehen ſolHe Wendungen; dann 
können ſie ſelbſt dergleichen maden; oder ſie verſtehen fte 
niht; dann iſt es unmethodiſch, ſie von den Kindern ge= 
brauchen zu laſſen; ja, es hat ſogar eine ſehr bedenkliche 
Seite: ſie werden unwahr, affektirt , ſie haſchen na Redens- 
arten, und wir bekommen dieſes hohle Phraſenwerk, an dem 
unſere Zeit reich genug iſt. (Aus dieſem Grunde z. B. kann 
man Kinder ſelten Schilderungen machen laſſen; wenn ſie 
nicht blos Geleſenes oder Gehörtes nachſc<hreiben ſollen, ſo 
gelingen ſie nur ſolhen Schülern, die ſehr [evhaſte Phan=- 
taſie und ein reges Gefühl haben, man ſoll aber nur von 
ihnen verlangen, was bet ihnen als möglich vorausgeſeßt 
werden kann.) 
d. Der ganze Aufſatz, ſo daß man in derſelben Anord= 
nung, Satz für Satz, ein anderes ähnliches Thema nieder- 
ſhreiben (i< darf nicht ſagen: ausarbeiten) läßt? Es iſt 
unnöthig, wenn nah obiger Methode die Kinder an Ordnung 
und Gewandtheit gewöhnt ſind. Cs iſt aber auch ſchwer. 
Mir ſteht hier wieder die Erfahrung zur Seite. In Falk- 
manns Handbuch iſt ein Spaziergang im Weſergebirge be= 
ſchrieben; wer das übertragen joll auf einen Spaziergang im 
Tieflande , etwa an den Ufern der Elbe bei Hamburg, muß 
ſicher geübt ſein; Kindern glüct es ſelten. Cin Gemälde, 
vas Wactfeuer, wird beſchrieben; es iſt gewiß nicht leicht, 
das auf ein anderes Gemälde zu übertragen. Faſt widerlich 
erſcheinen mir die in jenem Buche verlangten Nachahmungen 
von Briefen. I< bin überzeugt: wenn man ein Bild zum 
Gegenſtande eines Aufſates machen will, ſo arbeiten die 
Schüler mit mehr Leichtigkeit und Berſtändniß , wenn man 
mit ihnen die Anordnung entwikelnd dur<geht, die dabei 
immer zu beobachten iſt. Wenn man aber meint, daß das 
bei der Nachbildung auch geſchehen könnte oder müßte, ſo weiß 
ic wieder nicht, wozu ſie dienen ſoll. .- 
Man könnte nun fragen, ob denn nicht die |Hönen Werke 
 
unſerer Schriftſteller für die Jugend nutzbar gemacht werden 
könnten, ob man keine Muſterſtücke anwenden ſoll. Gewiß 
kann man davon für Stilübungen einen höchſt zwe>mäßigen 
Gebrau< machen. Man beſpreche ſol<e Stücke, indem man 
auf den Gedankengang, die Uebergänge, den Satzbau und 
die Ausdru>ksweiſe aufmerkſam macht ; man zeige, worin die 
Schönheiten beſtehen , erläutere gerade die <Harakteriſtiſ<en 
Züge und lehre, wie bei ähnlichen Auffſätzen das anzuwenden 
iſt. I< will eim Beiſpiel dazu anführen. Vor einiger Zeit 
ließ ich die erſte Abrheilung der Oberklaſſe eine Digspoſition : 
„der Landmann“ machen und mir vorleſen. Darauf las ich 
eine h8hſt gelungene Silderung dieſes Namens aus einer 
guten Stillehre vor, zeigte ihnen, aun wie Manches ſie in 
ihrem Cntwurfe gar nicht gedacht hatten; wie in gedrängter 
Kürze und doch ſo vollſtändig das ganze Leben des Landmanns 
dargeſtellt ſei und worauf es bei ſolchen Arbeiten ankomme. 
Wiederum ließ ich fie an emer Beſchreibung des Pferdes 
wahrnehnten , wie lei<t und ungezwungen die Körpertheile 
beſchrieben waren, wie einfach man ſich mit den verſchiedenen 
Nacen abgefunden hatte. Immer wies ich dabei auf die 
Mängel hin, die ihre eignen Arbeiten in dieſen Beziehungen 
au ſich hatten. 
An! Schluß will ich aber noh hervorheben, daß nach 
meiner Anſicht alle Ausarbeitungen, die als Stilübung dienen 
ſollen, in der Schule in einer eignen Stunde angefertigt und 
im Hauſe ins Neine geſhrieben werden müſſen. (Die eben 
erwähnte Kopie iſt davon no<h unterſchieden.) Wir geben 
im Rechnen, in der Grammatik, im Schreiben Anweiſung 
und laſſen unter unſerer Aufſic<t das Erlernte praktiſch an= 
wenden ; warum ſollten wir es bei dieſem wichtigen und ſc<wie- 
rigen Gegenſtande anders machen ? Dann kann der Lehrer 
immer helfend einſchreiten; er braucht ja darum nicht zu 
helfen, wo er es nicht für nöthig hält. Es hat aber beſon- 
ders den Nutzen, daß der Schüler ſich die gehörige Zeit nimmt 
und ſeine Gedanken in geeigneter Weiſe ſammelt, was im 
Hauſe ſelten geſchieht. Auch iſt nebenbei zu bedenken, daß 
wir uns dann am beſten überzeugen können, ob es eigne 
Arbeit iſt. Wie nun der Lehrer ſic um die Oberabtheilung 
am wenigſten kümmern wird, ſo kann auch gewiß ausnahms= 
weiſe, 3. B. in längeren Ferien, eine oder die andere Arbeit 
ganz int Haufe angefertigt werden, und ich habe immer gefun= 
den, daß die Mehrzahl der Schüler dann etwas Gutes lieferte. 
Lehrerverſammlungen, 
Die Generalverſammlung des Dithmarſc<er 
Lehrervereins, welhe während des Krieges im vorigen 
Jahre ausgeſet wurde, tagte diefen Sommer wieder in Mel-= 
Dorf Und ward von ca. 70 Lehrern beſucht. Der derzeitige 
Präſident Chriſtianſen aus Büſum eröffnete die Verſamms=- 
lung mit folgender Anſprache: 
„Meine Herren! Seit unſerer letzten Verſammlung ſind zwei 
Jahre verſtrichen , welche nicht nur für unſer Staatsleben , ſondern 
auch „für „unſer Schulweſen von tiefgreifendſter Bedeutung ſind. 
Der Tod Friedrichs VII. iſt epohemachend auch für die Geſchichte 
unſerer Volksſchule geweſen. In einigen flüchtigen Zügen will ic< 
Ihnen die wichtigſten Momente der Neugeſtaltung auf dem Gebiete 
unjerer Volke! hule vorführen. 
- „Der Gräuel der Verwüſtung , der mit einer fremden Spracbe 
in jonft deutſchen Schulen getrieben wurde, hat mit MILCH 
Friedrichs VII. ſein Ende erreicht. Die Volksſchule der Herzog- 
thümer iſt wieder eine deutſche geworden, ſoweit ſie es nach den 
ſprachlichen Verhältniſſen ſein kann. 
- Hatte während der däniſchen Mißregierung ſeit 1851 jedes 
Herzogthum ſein beſonderes Departement fürs Kultusweſen, fo 
baben beide Herzogthüuter jet wieder , wie ein e Landesregierung,
	        

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