Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

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Hat die Geſchihte der Anthropologic“ -- den ganzen erſten 
Band füllend --- zum Inhalte, daß fie über die bisher eingeſchla- 
geneu verſchiedenen Wege zur Erkenntniß der Menſ<en und über 
die Summa des bisher Erkannten im Allgemeinen orientirt, ſo 
entwickelt der zweite Band na< einem vorangeſ<iten Abſchnitte 
über das Verhältniß 'der Menſ<hen zur Natur zunächſt das Gat- 
tungsweſen der Menſchheit =-+ die Somatologie (Anatomie und 
Phyſiologie) und Pſychologie umfaſſend. Letztere beſonders iſt in 
ſehr eingehender, aber allgemein verftändlicher Weiſe behandelt. 
Darauf folgt die geſchichtliche Entwi>lung der Menſchheit, der Ge- 
ſ<lechter = Unterſ<ied und die Entwiklung des Einzelmenſchen in 
ſeinen Lebensaltern, hiernähſt „die Menſc<henraſſen“ (die Species 
der Menſc<heit) und ihr Verhältniß zum Erdorganismus, endlich 
„die Individualitäten der Menſc<heit.“ Es leuchtet ein, daß ſo =“ 
wie es auch wirklich geſchieht -- die verſchiedenen Elemente der In- 
dividualität na< und na< zur Erörterung gelangen können. Wir 
fügen darüber indeß no< folgendes Nähere hinzu. Nachdem in 
dem vorhin erwähnten ſomatologiſchen Theile zunächſt die leiblichen 
(die anatomiſ<en und phyſiologiſchen) Elemente der Individualität, 
einſchließlich der Konſtitution und des Temperaments erörtert 
worden ſind, werden ſodann in der Pſychologie zuerſt in cinem 
ſynthetiſc<en Theile die Gattungs8anlagen nach dex Gall'ſchen 
Scule, jedo<h nicht ohne ſelbſtſtändige Anſichten des Verfaſſers ent- 
wickelt, wobei Ref. wohl gewünſcht hätte, daß dieſelben unter die drei 
allgemeinen Gehirn=Regionen, welche anc< die neuere Phyſiologie 
anerkennt: Region des ſixirenden (wahrnehmenden, beobachtenden) 
Denkens, Region des contemplativen Denkens (der Reflexions- 
kräfte) und Region der Gefühle gebrac<t wären. Ref. vermag ſich 
micht re<t damit zu befreunden, daß Schmidt dieſe Gefühlsregiou 
der neuern Phyſiologie in eine Region des Wollens und der Ge- 
fühle zerlegt, indem ſie beſſer in eine Region der Triebe, der Selbſt- 
beſtimmungs = und der Selbſtverleugnungsgefühle einzutheilen ſein 
möchte. E8 hat dieſe abweichende Anſicht aber nur auf die Eintheilung 
Bezug, indem das Weſen der einzelnen Gefühle ſelbſt richtig darge- 
legt iſt. Im analytiſchen Theile der Pſychologie giebt der Verfaſſer 
den Nachweis, wie die verſ<iedenen Wiſſenſc<haften, Natur = ſowohl 
wie Geiſteswiſſenſhaften, Kunſt, Neligionen und Staatsformen 
ihre Baſis in den „Gattungsanlagen“ haben, die Pädagogik ins8be- 
ſondere angewandte Anthropologie ſet und ſein müſſe. Weiter 
giebt der Verf. die dur< die geſchi<tlihe Verſchiedenheit und durc 
die Verſchiedenheit der Einzelmenſ<hen na< dem Geſchlechterunter= 
ſchiede und den Lebensaltern bedingten Elemente der Individuali- 
tat. Zuletzt werden == in dem ſchon gedachten Abſchnite über die 
Species der Menſc<heit -- die dur< dice verſchiedene Ocrtlichkeit 
bedingten Clemente der Individualität dargeſtellt, ſodaß deun eben 
endli< wir bei dem Schlußabſchnitte über „die Individualitäten 
der Menſchheit“ uun wiſſen, wie wir die Individualität nach allen 
ihren Flementen aufzufaſſen und zu behandeln haben. 
JIſt aber mit dieſer kurzen Inhalt8angabe ſchon die principiclle 
Bedeutung dieſes mächtigen Werkes und damit des gewaltigen 
Geiſtes, der dasſelbe herxvorgebra<t hat, genügend angedeutet ? 
Ref. glaubt noh Folgendes hinzufügen zu müſſen: Das Mittelalter 
und ſeine Philoſophie =meinte: Die Gattungen ſind die Dinge. 
Darum redte und ſtre>te es die Dinge, ſpeciell die Menſchen, nach 
dem Maße der Gattung, welche man höchſtens in beſtimmten Ein- 
zelweſen, bei den Menſchen etwa in den Prieſtern verkörpert ſah. 
Die nachmittelalterliche Zeit meinte, der Einzelne ſei ſ<on Pricſter, 
wenn auch nur an ſich, dem Keime nach; er habe ſich alſo Dazu 
zu erheben. „Nehmt die Gottheit auf in euxen Willen, und jic 
ſteigt von ihrem Weltenthron!“, ruft noch am Schluſſe dieſer Zeit 
der Hauptvertreter derſeiben auv. Dagegen geht nun eben groß 
und gewaltig die Sonne eines neuen Zeitabſhuittes auf, der aus- 
ruft: Cs ſei Jeder nur vollendet in ſich, es entwi&le Jeder nur das 
Maß ſeiner individuellen Anlagen um komplet zu ſein, ſo hat ex 
genug gethan dem höchſten Gott, der die „mancherlei Gaben“ ge= 
j<affen. So kann es denn -- um auf Einzeines aufmerkſam zu 
maden -- nicht mehr darauf ankommen, ein einziges Staats- und 
Religions= Ideal anzuerkennen und zu erſtreben, weil nun uachge- 
wieſen iſt, daß jeder Staat, jede Religion eben auch etwas Indivi- 
duelles für ſich iſt, paſſend nur für dieſe oder jene Menſc<enſpecies, 
die fich daſſelbe gegeben. Wir ſtechen hiermit vor dem großen, 
von Schmidt hier und auch an andern Orten aufgezeigten 
Thore der Toleranz, die durch ihn fortan nicht mehr ein bloßer 
IndifferentiSmus ſzin kaun. . .. . 
Die Individualität zum erſten male grüudlich für die wiſſen- 
 
ſhaftliche Erkenntniß erobert zu haben, iſt == wie das Jeder, der 
ſich über den Standpunkt der vorangegangenen Zeiten beſinut, zu- 
geben wird -- Sc<midt's unvergängliches, weltgeſchichtliches Ber= 
dienſt. Mag au<& immerhin dies künftig noh beſſer ergründet 
werden, mag namentlich, was die Gefühlslehre in der Schmidt'ſc<hen 
Pſychologie anbelangt, noH manche andere Eintheilung erfolgen, 
das Weſentlihe der Shmidt'ſ<en Anthropologie wird bleiben, und 
beſonders ſeine Geiſteslehre bei alkſer Entwiklungsfähigkeit im Ein- 
zelnen endlich einen feſten Ausgangspunkt für die |Hon oben ange- 
deuteten Wiſſenſchaften abgeben können. ES ſteht uns feſt: Wir 
können hiuter das von Schmidt errungene Reſultat 
nun nicht wiederzurücd, ohne uns zu verdüſtern. „Möge 
das Werk --- ſo rufen wir ſ<ließlich mit dem Vorworte =- in den 
gebildeten Kreiſen die Aufmerkiamkeit finden, die es dur<h ſeinen 
rei<bhaltigen und doch gediegenen Inhalt verdient. Mögen na= 
mentlich die „Bildner der deutſchen Nation“, denen es der Verfaſſer 
ſpeciell gewidmet hat, daſſelbe niht unbeachtet laſſen. Sie werden 
bei der Lektüre des Buches bald finden, daß ſie wohl einem tiefen 
Denker und wiſſenſchaftlihen Naturforſcher des menſchlichen Geiſtes, 
nicht aber einem abſtrakten ſpekulativen Philoſophen gegenüber 
ſtehen.“ Das Buc< hat, abgeſehen von dem Intereſſe, das es für 
uns Lehrer und die Gelehrten haben muß, auc< für den Menſchen 
Werth, weil, wie Ref. glaubt - ein Vertiefen in daſſelbe die Selbſt= 
erkenntniß fördert und inſofern für den Leſer in ethiſcher Beziehung 
einen reichen Gewinn abwerfen kann. Au in praktiſcher Hinſicht; 
denn je mehr Jemand ſich ſelbſt erkennt, deſto richtiger wählt er 
das Feld, auf dem zu wirken und dem Ganzen zu nüßen er prä- 
deſtinirt iſt, deſto ſicherer findet ex -- um mit dem Dichter zu reden 
-- „den Punkt, in welchem er ſtill und unerſchlafft die größte Kraft 
zu ſammeln hat, um etwas Treffliches zu leiſten.“ Jeder, der das 
„Erkenne dich ſelbſt!“ auf ſeine Fahne geſhrieben hat, wird darum 
die „Anthropologie“ des hochgeſchätzten , leider niht mehr unter 
uns weilenden Dr. Schmidt willkommen heißen. --1n. 
Geſchichtsbilder aus dem deutſchen Vaterlande. Herausgegeben 
von Ferd. Schmidt. Berlin, Max Böett<her. 8. Davon ſind 
uns zugegangen: | 
a. Die Rädelsführer. Bilder aus dem Thüringiſchen 
Bauernkriege. Von Heinrib Shwerdt. 249 S. 
b. Guſtav Adolf. Geſchichtlihe Erzählung aus der Zeit 
des dreißigjährigen Krieges. 248 S. 
Solche Erzählungen, von denen die zweite den 3. Band einer 
größeren Schrift: „Der 30jährige Krieg in 4 Erzählungen“, bildet, 
ſind eine geſunde und kräftige Lektüre für Jung und Alt. Ju der 
erſtexen erfahren die Leſer manche intereſſante Einzelheit aus dem 
Bauernkriege, von der im gewöhnlichen Geſc<hichtsunterrichte nichts 
berichtet wird, in der zweiten entwirft der Verf. mit ſeinem glän- 
zeuden Erzählungstalente eine lebhafte und begeiſterte Schilderung 
des großen Schwedenkönigs und ſeiner Umgebung. 
Gemeinnütziges Lehrbuch der Buchführung, Wecſellehe, 
Wechſelrehnung, Staatspapierce, Altien , Münzen , nebſt einer 
Münztabelle mit den Gold-= und Silbermünzen der wichtigſte 
Länder und Handelsſtädte auf der Erde. Für Gewerbtreibende 
und Landwirthe , für junge Kaufleute und Lehrer, ſowie für den 
Unterricht auf Schulen. Von I. Ch. Meyer. Hannover, 
Karl Meyer. 1865. IV. 87 S. gx. 8. 12 Ngr. 
Ein ſehr nützliches Buch, welches bei aller Gedrängtheit und 
Kürze über die im Titel genannten Gegenftände einen ſehr an]|<au= 
lihen Unterricht ertheilt. Daß aber bei den jetzigen Geſc<äfts- 
und Verkehräverhältniſſen die Kenntniß dieſer Dinge auch für den 
Nichtfaufmann eine Nothwendigkeit geworden iſt, wird wohl Nie- 
mand verkennen. 
 
Anzeigen. 
Pianino's, Piano's u. Flügel 
aus den beſten Fabriken Deutſchlands und vorzüglich in jeder 
Hinſicht, ſind außerordentlich preiSwerth und unter Garantie
	        

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