Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

N? 47. 
zo 
 
Heransgegeben von A. Berthelt, 
Allgemeine 
=D 000--- 
Unter Mitwirkung von Ferd. Schnell. 
 
Jährlich 52 Nummern. Preis vierteljährlich fe Thlr. 
Anzeigen für den Raum einer geſp. Petitzeile 1?/, Ngr. 
Literar. Beilagen 1!/5--3 Thlr. -- Beſtellungen nehmen 
alle Buchhandlungen und Poſtämter an. 
Sonntag, den 19. November. 
Aufſäte über zeitgemäße Themata u. Mittheilungen 
über Sc<ul- und Lehrerverhältniſſe find willkommen. 
Schriften zur Recenſion ſind unberec<net einzuſenden 
und findet eine RüdFſendung derſelben niht ſtatt. 
 
 
Anthropologie oder Menſchenkunde. 
- Wie die Zeitungen berichten, waren vor einiger Zeit 
einige Gelehrte in Frankfurt a. M. zuſammengetreten, um 
ſich über die Herausgabe einer „Zeitſchrift für Anthropologie, 
Natur= und Urgeſchichte des Menſ<en“ zu berathen. Das 
erſte der zwangloſen Hefte ſoll bei Vieweg in Braunſ<weig 
im Spätherbſt erſcheinen und na<h dem neuern Standpunkte 
der Wiſſenſchaft den Urſprung der Menſc<henraſſen , ihr Ver- 
hältniß zu einander und zur Thierwelt an die Vorgeſchichte 
des Menſchengeſ<hlehts, die Stein= und Brenzezeit und deren 
Kultur und Civiliſation knüpfen. Die Beſchaffenheit der 
früheren Raſſen Curopa's und ihr Verhältniß zu den jetzigen 
Volksſtämmen, die Beziehung der jetzigen Kultur zur früheren 
werden Erörterung finden. 
Wenn nun auh die Namen der Mitarbeiter (E. v. Bär, 
Deſor, E>Fer, Nis, Rütimayer , K. Vogt, Lindenſchmitt, 
Lucan , Sc<haafhauſen, Welker) glauben laſſen, daß die ma-= 
terialiſtiſc<he Schule einſeitig vertreten ſei, ſo ſind doh die 
Mänaer alle als tüchtige wiſſenſchaftliche Arbeiter bekannt, 
die, gleichviel welcher vorgefaßten Meinung ſie leben , gewiß 
nicht die reine wiſſenſchaftlihe Methode verachten , vielmehr 
von ſorgfältigen Betrachtungen zu Dypotheſen zu deren Be-= 
gründung oder Widerlegung durch neue Forſchungen und 
Unterſuchungen gelangen wollen. Wie weit nun dieſe Zeit= 
ſchrift die Berückſichtigung aller Lehrer , oder nur derjenigen 
verdient, welche ſi< beſonders mit Naturwiſſenſ<aften be-= 
ſchäftigen, wird ſich an dem Inhalt der erſten Hefte zeigen. 
Da mir der Ausſpruch: „die Wiſſenſchaft muß umkehren“ 
mehr geiſtreich als verſtändlich erſcheint, muß ich jede wiſſen= 
ſchaftliche Thätigkeit, die der ſtrengen Methode der Forſchung 
nicht entbehrt, jelbſt wenn ſie augenblilich im Irrthum iſt, 
willkommen heißen. Falſche Beobachtungen führen zu neuer 
ſorgfältiger Prüfung und zu richtigerer Darſtellung der That- 
ſachen ; falſche Schlüſſe werden durch ſchärfer denkende Männer 
m ihrer Nichtigkeit erwieſen , neue und beſſere Folgerungen 
aus den feſtſtehenden Thatſachen entwikelt. Gewiß iſt die 
große Zahl der Lehrer in ihrer Bildung nicht ſo weit vorge- 
drungen, um bei ſolhen etwas neuen, bedeutenden Fragen 
ſich unter die Schiedsrichter miſchen zu dürfen; ebenſo gewiß 
iſt aber auch, daß , eine geringere Zahl ausgenommen , die 
Lehrerſchaft auf die wiſſenſchaftliche Bewegung in Deutſch- 
land Rücſicht zu nehmen hat. 
Schon in früheren Jahrgängen hab' ich einzelne zur 
 
 
Kenntniß des Menſchen gehörige Fragen berührt, ſo: in 
Nr. 10 u. Nr. 36 v. 1853 die Kurzſichtigkeit ; Nr. 21 , 22 
Maße für Fähigkeiten ; 1854 Nr. 6 Stimme und Stimm= 
bildung; Nr. 10 Pſychologie und Phyſiologie ; Nr. 33 Jeder 
Lehrer ein Naturforſ<her 3; Nr. 48 Fähigkeiten der Mädchen 2c. 
No< bevor ich an der Lehrerzeitung Mitarbeiter geworden, 
ja mindeſtens zehn Jahre früher hatte ich in der Darmſtädter 
allgemeinen Schulzeitung einen Artikel über Kleinkinder= 
ſhulen abdcuen laſſen, der ähnliche Punkte berührte. Ich 
wollte mi<, wie ſchon früher geſagt, an den Königsber>r 
Phyſiologen , den Verf. des Buches „Der Menſch“, Prof. 
Burdach , wenden, als ich erfuhr, daß er geſtorben ſei. 
Darauf ſchrieb im an den Berliner Phyſiologen Müller 
etwa Folgendes : 
„Geſtatten Sie mir, hoc<geehrter Herr , daß ich ſogleich 
und ohne Umſchweif zur Urſache meines Briefes übergehe. 
Kränklich ſeit einigen Jahren, habe ih mic< mit kleinen 
ſchriftſtelleriſ<en Arbeiten auf dem Felde der Pädagogik be= 
ſchäftigt. In der Allg. D. Lehrerzeitung habe ich über Ge= 
ſangunterricht, Stimme und Stimmbildung eine Reihe Fragen 
ur Beantwortung geſtellt. Cs handelt fich dabei etwa um 
Tolgendes: 
1) Die Stimme hängt mit dem ganzen Organismus zu= 
ſammen, mit dem Temperament , der Individualität, aber 
wie 
2) Die Stimme vermittelt eine gewiſſe Manifeſtation des 
Innern, nicht blos der augenblilichen Stimmung , ſondern 
des dauernden Charakters des Individuums. Immer? Zn 
welcher Weiſe? 
3) Was über die Bildung des Tones, über den Urſprung 
der Stimme von den Phyſiologen an den Stimmwerkzeugen 
des Kadavers unterſucht und erforſ<t ward, iſt ſehr beleh= 
rend, aber für den Geſanglehrer nicht zureihend, um die 
Verſchiedenartigkeiten der Stimmen zu erklären. Jeder 
Lehrer kann über die Stimme Beobachtungen an ſeinen 
Schülern anſtellen. Aber welche? Und wie? 
4) Meſſen wir erſt den Umfang der Stimmen. Wie groß 
iſt folHher in den verſchiedenen Lebensaltern und bei beiden 
Geſchlechtern ? 
A) Welche Grenze von Intervallen hält der Säugling 
in ſeinem Schreiweinen, in ſeinem Lallen, in ſeinem 
Geſange ein ? 
B) In welchen Intervallen bewegen ſich die der Kindes-= 
natur jo nahe tretenden Wiegenlieder des Volkes ?
	        

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