Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

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Warum dürfen die Lieder nicht über dieſen Umfang 
hinausreichen ? 
Läßt ſich ein regelmäßiges Fortſchreiten in der 
Stimmentwieklung wahrnehmen oder iſt, wie beim 
Eintreten der Pubertät, mit jeder andern Entwi>- 
lungsſtuſe, wie namentlich bei der erſten und zweiten 
Zahnung, eine wichtige Stimmveränderung erkenn- 
bar? Worin beſteht ſie? Wodurch wird be in der 
Organismusumgeſtaltung bewirkt ? 
Welc<en Umfang hat die Stimme bei Knaben und 
Mädchen in den erſten Jahren ihres Schulbeſuches 
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(6--8. Jahr) ? Welchen Umfang haben Knaben-- 
und Mädc<enſtimmen in der Mitte der Sculzeit 
(9--11. I.) und am Ende deſſelben (14. I.) ? Na= 
türlich ſind hier Mittelzahlen mit Angabe der wei- 
teſten und engſten Stimmmittel bei einzelnen Indi= 
viduen beizubringen. 
. 5) In welchen Intervallen bewegt ſich das Sprachregiſter 
im gewöhnlicher und in leidenſchaftlicher Rede? Wie hod) 
tritt das Gejangregifter nad) unten und oben über das Sprach- 
regiſter hinaus? Hat das Spracregiſter der verſchiedenen 
Nationen, wie 3. B. der Deutſchen, Engländer , Italiener, 
Franzoſen, verfhiedenen Umfang ? Findet auch zwiſchen 
vn verſchiedenen deutſ<en Stämmen ein ſol<her Unterſchied 
a 
6) Was bedingt die Stärke der Stimme? Welches Maß 
gibt es für die Stärke der Stimme ? 
jhiedenen Sprachregiſter , welche in gleicher Stärke geſungen 
werden ? 
. 7) Umfaſſen ſie bei allen Stimmen gleichviel Töne ? oder 
ſingt die eine Stimme mehr Töne mit derſelben Stärke, als 
eine andere, je nach dem ganzen Umfange der einzelnen 
Stimme? 
8) Worauf beruht vas, was die Franzoſen timbre der 
Stimme nennen? Wenn derſelbe Ton, ven einer Tenor- 
odex Baßſtimme geſungen, verſchiedenen Klang hat, liegt 
dieſes darm, daß dieſer Ton bei jeder der beiden Stimmen 
in einem andern Regiſter befindlich ? oder worin ſonſt? 
9) Iſt Stärke der Stimme nicht in umgetehrtem Ver- 
hältniß mit Biegſamkeit ? Worauf beruht die Biegſamkeit 
der Stimme? 
10) Welche äußeren Einflüſſe, namentlich der Luft, wirken 
auf die Stimme ? Woher kommt es 3, B., daß die meiſten 
Stimmen bei Südweſt= und Regenwind eine Neigung zum 
Sinken haben ? 
11) Wie wirken erregende Getränke (Wein, Bier, Kaffee, 
Thee, Branntwein), Belladonna und andere Gifte auf die 
Stimme? Wie erklären ſich die Einwirkungen des Zeugungs= 
vermögens, Mißbrauch oder Exceß deſſelben auf die Stimme ? 
12) Bezüglich ver Dispoſition zur Muſik läßt ſich fragen, 
ob feines Gehör nicht öfter in ſhwächlichen als in ſtarken 
Perſonen gefunden wird ? 
13) Ob eben deshalb nicht häufig die bei guten Muſikern 
"Bach, Beethoven 2c.) vorkommende Taubheit nur eine Folge 
ihrer dur<4 Muſik geſteigerten Nervenerregbarkeit iſt, etwa 
wie Kinder, welche zum Waſſerkopfe eignen, aufgeweckte 
Kinder ſo lange zu ſein pflegen, bis ſie endlih durch viele 
Gehirnerregungen zu Krankheit und Geiſtesſtumpfheit ge- 
angen' 
14) Ob das von Shakeſpeare in ſeinem „Kaufmann von 
Venedig“ ausgeſprochene Urtheil: 
„Der Menſ<, der nicht Muſik hat in ihm ſelbſt“ u. ſ. w. 
wirklich begründet iſt? Ob nicht vielmehr beſonders kräftige 
Naturen, wie z. B. Jahn, nicht für Muſik, dagegen für alles 
Rythmiſche ſehr empfänglich ſind ? 
15) Ob man der Muſik im Allgemeinen und dem Geſange 
im Beſonderen einen ſo großen ſittlihen Einfluß beimeſſen 
/ 
Welches ſind die ver= | 
"keit dex Organe ableiten ließen. 
 
könne, als man oft thut ? Und ob, wenn auch an dem 
| Rohen durc Muſik etwas geſchliffen werden kann , ein fort= 
| geſetztes Treiben der Muſik nicht dergeſtalt entnerve, daß 
daraus Weichheit, Schlaffheit, Genußſu<t, Feigheit und 
Hang zur Intrigue, Eigenſchaften, die man ſo häufig an 
uſikern finde, entſpringe ? 
An dieſer Mandel Fragen mag es genug ſein, um Ihnen, 
geehrter Herr, zu zeigen, wie ich die von Ihnen angeſtellten 
Forſchungen, und was ſich daraus noh weiter ergeben könnte, 
im Sinne der Pädagogik und Didaktik auszubeuten und dur 
weitere Forſchungen zu belegen vorhabe. Hier trete ih nun 
den: Hauptgrunde meines Briefes nahe.“ Das von Quetelet 
in Brüſſel erſchienene, von Rieke in Stuttgart überſette 
Buch über die Fähigkeiten des Menſc<hen enthält Forſ<hungen 
über das Menſc<hengeſ<hlec<ht als Kollekiivum, die freilich bis 
jet ziemlich vereinzelt daſtehen , aber leicht vervollſtändigt 
werden können durch kollektive Thätigkeit. Der Volksſchul= 
lehrerſtand eignet ſich neben den Geiſtlihen am beſten zu der- 
gleihen Forſchungen. Durch ihn könnten gleichzeitig in allen 
Gegenden Deutſchlands Beobachtungen, zunächſt an Kindern, 
angeſtellt werden, wenn Männer der Wiſſenſchaft vorher die 
Fragen ſtellten und die Methoden der Beobachtung angäben. 
Wenn ſchon Geſellſhaften zu meteorologiſchen Beobach- 
tungen, zu jolchen über die Zeit des Erſcheinens der Pflanzen 
in verſchiedenen Gegenden, über die Gewohnheiten der Haus- 
thiere, des Wildes, der Vögel u. ſ. w. zuſammengetreten 
ſind und dabei ſich der Hilfe der Lehrer bedienen, ſo ließen 
ſich mit Hilfe der Lehrer anthropologiſche Daten no< viel 
leichter herausſtellen, wenn es auch nur bezüglich der Ver- 
ſchiedenartigkeit dex Erſ<eimungen bei den verſchiedenen deutz 
ſ<en Volksſtämmen geſchehen ſollte. I< denke mix, daß 
durch einfache Meſſungen der Körperverhältniſſe und der Ge- 
ſihtsbildung, wie oben über Stimmbildung angedeutet wurde, 
ſich ſhon Ergebniſſe über die Thätigkeit und Leiſtungsfähig- 
Nur kommt Alles darauf 
an, daß ein Gelehrter, wie Sie, geehrter Herr, ſich von dem 
Nutzen ſolcher gemeinſamen Beobachtungen an dem lebenden 
Menſc<en überzeuge, und daß er, vem der Stand der Wiſſen- 
ſchaft ganz bekannt, der in Rede ſtehende Stoff ganz eigen iſt, 
einige Stunden zu erübrigen ſuche, um die nöthige Reihe 
Fragen aufzuſtellen und die beſte Methode dex Beobachtungen 
vorzuſchreiben. 
Mix bleibt, obſchon ich erſt 58 Jahre alt [es war dies 
alſo vor länger als 10 Jahren geſchehen], wahrſcheinlich nicht 
mehr viel Leben übrig, aber 19 kann nicht ruhen, bis ich 
dieſen Gedanken an den rechten Mann und theilweiſe zur 
Ausführung gebrac<t. Sollten Sie wider mein Erwarten 
auf meinen Vorſ<lag nicht eingehen, ſo muß ich mich an 
einen Andern wenden und ſo lange herumfragen, bis ich Je- 
mand treffe, der mich hört und erhört. Glauben Sie nicht, 
daß durch dergleichen Arbeiten der Dünkel, den man den 
Scullehrern, niht immer mit Recht, vorwirft, Nahrung ex- 
halte. Im Gegentheil möchte mit der Erhebung, weldhe eine 
gemeinſame Arbeit für die Wiſſenſchaft den Arbeitern, wären 
es auch nur Handlanger, verleiht, zugleich Beſ<eidenheit den 
Arbeitenden kommen, weil Männer, welche das Seminar 
etwa für eine Hochſchule hielten, durc< die neuen Beobach- 
tungen einſehen müßten, wie viel unentde>te Seiten noh 
die Natur des Menſc<<en, ihres eigentlihen Arbeitsfeldes, be= 
ſit. Sie würden mehr als zuvor die Männer der Wiſſen= 
ſchaft ehren und dabei begreifen lernen, auf wel<he Weiſe man 
ſich durch geiſtige, Allen zu Gute kommende Beſchäftigung 
über den Schlamm erhebt. I< kenne ehr viele und dabei 
tüchtige Lehrer und weiß, mit welcher Begierde viele unter 
denſelben ſich bei ſol<hen Arbeiten betheiligen würden. Zu=- 
leich würde dieſes genauere Erkennen der in den verſchieden= 
ten Individuen auſtretenden Menſc<ennatuyx die Lehrer bei
	        

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