Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

Mit andern Worten: Die Lehrer ſollen nicht geprüft 
werden, ſondern die Schüler. Ic ſage: vorzugs8weiſe. Denn 
ganz läßt ſich's nicht leugnen, daß die öf entlichen Sul-= 
prüfungen auch Prüfungen der Lehrer mit ſind. Cs wurde 
ſc<on unter 8. 1 erwähnt, daß der Lehrer bei ſolchen Prüfun= 
en einer Art indirekten Prüfung von Seiten der weltlichen 
Schulbehörde unterworfen iſt. Für die pädagogiſche Behörde 
"Schulinſpektor = Sculrath -- Direktor) kann die Prüfung 
auch eine indirekte Prüfung des Lehrers werden --, aber 
wohlgemerkt : Die Schulinſpektoren ſollen nicht darauf aus-= 
gehen , bei öffentlichen Prüfungen die Lehrer prüfen und ſich 
dabei Urtheile bilden zu wollen über ſeine pädagogiſche Ge-= 
Ichilic<keit. Dafür ſind die Inſpektion8tage da im Schul- 
jahre. Superintendenten laſſen ſi das leiht zu Schulden 
fommet 3; bei zu vieler Arbeit haben ſie keine Zeit, genaue 
Einſicht zu nehmen von der Thätigkeit des Lehrers während des 
Schuljahres, und das Examen ſoll das nunerſetzen. Am aller- 
wenigſten fann man aber bei einer öffentlichen Prüfung einen 
Lehrer kennen lernen. Er verfährt ja hier meiſt examinato= 
riſc< -- und das erfordert keine Geſchili<keit. Im Ents= 
wi>keln, Deutlihmachen =- da zeigt ſich erſt der Meiſter! 
Es iſt bei unſern Prüfungen Alles gewöhnlich auf ein exami= 
natoriſches8 Verfahren angelegt ; denn nur Dageweſenes, was 
im Gedächtniſſe der Kinder haften ſoll, wird in ihnen behan- 
delt. Käme auch Solches zur Sprache, was die Kinder noh 
nicht wiſſen , was ſie erſt begreifen, einſehen lernen müſſen, 
um es zu wiſſen -- wa3 der Lehrer alſo erſt entwi>eln muß -- 
dann könnte der Lehrer bei öffentlichen Prüfungen freilich auch 
ſein Lehrgeſ<hi> offenbaren und brauchte ſich nicht als einen 
bloßen Abſrager zu präſentiren. I< komme weiter unten 
noh einmal auf dieſen Gedanken zurüc. 
Dazu kommt -- was die Realien namentlich betrifft =, 
daß die betreffenden Unterrichtsobjekte bei Prüfungen nicht 
ſo vorgenommen zu werden brauchen, wie es ein methodiſches 
Verfahren dann erfordert, wenn ſelbige Objekte zum erſten 
Male den Kindern vorgeführt und verdeutlicht werden. Z. B. 
im geographiſchen Unterrichte iſt erſt das Terrain eines Lanz 
des feſtzuſtellen ; dann folgt die naturgeſchichtliche Beſchaffen= 
heit deſjelben nach Flora, Fauna 2c., hierauf die Bevölkerung 
dieſes Terrains und ſeine Geſchichte und endlich ſein ſtaats= 
politiſcher Charakter in der Gegenwart. Auf dieſe Weiſe 
werden alle Länder der Reihe nach betrachtet. Cs muß aber 
do<ß dem prüfenden Lehrer bei einem Cxamen erlaubt ſein, 
3. B. Gleichartiges zu gruppiren, alfo abzuweichen von dem 
ſtreng methodiſchen Verfahren , bald hierhin, bald dorthin zu 
greifen , ſich nicht an ein beſtimmtes Land zu binden --, denn 
nur ſo zeigen die Zöglinge, wie ſie die Sache verdaut und ob 
ſie das ganze vorgetragene Material beherrſchen gelernt haben. 
Ein ſolches Verfahren bet Prüfungen in der Geographie muß 
man nur billigen; aber der Schulinſpektor kann aus ihm 
dur<haus nicht den Lehrer der Geographie nach ſeinem metho- 
diſchen Geſchick in Wahrheit kennen lernen. 
8. 4. Die Prüfungsobjekte. 
4. Es iſt dur<haus nicht in allen Unterrichts- 
fächern zu prüfen; man hebe vielmehr von den 
unter ſich verwandten Unterricht8gegenſtänden 
nur einen als Repräſentanten heraus. 
Dieſer Grundſatz macht ſich nothwendig, indem ohne ſeine 
Anwendung die Prüfung zu lange au8gedehnt wird und Lehrer, 
Scüler, Zuhörer und Vorſitzenden ermüdet und abſpannt. 
Zudem iſt die Prüfung in allen Fächern auch nicht weiter 
von Nutzen , weil eine Prüfung in den unter ſic verwandten 
Gegenſtänden do gewöhnlich nur ein und dieſelben Reſul- 
tate aufweiſen muß. Darum hebe man von den unter ſich 
verwandten Disztiplinen nur ein Fach als Repräſentanten 
heraus , und das Reſultat der Prüfung in dieſem Fache kann 
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re<ht gut als Maßſtab für die Tüchtigkeit der Schüler in den 
damit verwandten Zweigen angeſehen werden. Man prüfe 
alſo nicht in Religion und Bibelerklärung, ſondern nur in 
einem dieſer beiden Fächer, niht in Geographie und Ge- 
ſchichte, ſondern entweder nur in der Geographie oder nur 
in der Geſchichte. Ebenſo prüfe man -- was das Naturge- 
ſc<ichtliche betrifft = nicht in Thier= und Pflanzenkunde , da 
eins von beiden Fächern genügt, und im Mathematiſchen ent- 
weder nur in der Arithmetik odex nur in der Geometrie. 
Das Sprachliche wird oft auch zu weit au8gedehnt. Wo in 
fremden Sprachen geprüft wird, da kann die Prüfung um 
Deutſchen ganz gut fallen ; ebenſo würde ic< wm höheren 
Bürgerſhulen nur in einer, aber nicht in drei fremden 
Sprachen prüfen laſſen. Hinſichtlich des Deutſchen wäre 
eine Prüfung in Grammatik und Leſen zu viel; ich würde das 
Leſen vorziehen, da man an ihm, wie auch an den ausliegen- 
den deutſchen Arbeiten der Zöglinge hinlänglich deren gram- 
matiſche Bildung erkennen kann. Es verſteht jich von jelbſt, 
daß man alle Jahre mit den Prüfungsgegenſtänden wechſeln 
kann, jo daß nach mehreren Jahren auch alle an die Reihe 
gefommen ſind. ' 
5. Man prüfe nicht blos das Wiſſen, ſondern 
au<h das Denken. 
Wenn in Prüfungen blos nach dem gefragt wird, was 
die Kinder im Gedächtniſſe haben, ſo lernt man die letzteren 
immer nur halb kennen. Es ſtellt ſi heraus, ob ſie gut 
oder ſ<le<t merten können, aber das Beſte an ihnen , der 
Verſtand, bleibt ungeprüft. Und doh iſt das Denken mehr 
werth als das Wiſſen! Darum muß auf die Prüfung des 
erſteren unbedingt mit Rückſicht genommen werden. Es gibt 
ein materiales und ein formales Denken, und in beiden iſt 
zu prüfen. Das materiale Denken berührt die Religions-= 
lehre und von den Nealien hauptſächlich die Phyſik. Soll 
in einem der beiden Zweige das materiale Denken geprüft 
werden, ſo verbreite man ſich bei der Prüfung über einen 
nod<h nicht behandelten Stoff; man en twi>kle alſo religiöſe 
Ideen oder Naturgeſetze, die man im Laufe des Unterrichts 
während des Schuljahres noc< nicht zur Sprache gebracht 
hat. Bezieht ſich die Prüfung auf bereits Behandeltes , ſo 
iſt ſie weiter nichts als eine Prüfung des Gedächtniſſes, und 
die Denkkraft bleibt uabeurtheilt. Das formale Denken för= 
dern wir im Rechnen, in der Geometrie und Grammatit; 
aber auch hier muß ſich die Prüfung über no<h nicht Behan-= 
deltes verbreiten, wenn ſie zeigen ſoll, ob die Kinder mathe- 
matiſch und ſprachlich denken können. Man laſſe alſo einige 
noh nie von den Kindern gerechnete ſ<wierige Crempel löſen, 
deren Facit nicht nac) mechaniſchen Regeln gefunden werden 
kann, ſondern wobei es nachzudenken gibt; man entwidle 
ferner einen oder mehrere geometriſche Lehrſätze, die den 
Schülern noh nicht bekannt ſind, und in der Grammatik laſſe 
man ein ſprachliches MuſterſtüF aus dem Leſebuche analy- 
ſiren, deſſen Satzbau noh niemals im Unterrichte beſprochen 
worden iſt. Der Prüfung im religiöſen, phyſikaliſchen, mathe- 
matiſchen und ſprachlihen Wiſſen wird bei einem ſolchen 
entwidelnden Berfahren auch hinlänglich Genüge geleiſtet, 
da man aus dem den Schülern bereits Bekannten, alſo aus 
ihrem Wiſſen , das Neue deduciren muß. Aud die Prüfung 
in der Fertigkeit im Rechnen kommt nicht zu kurz weg; 
denn au die Löſungen ſc<wieriger Aufgaben machen die ver- 
ſchiedenartigſten Zahlenoperationen nothwendig. 
Nach den dargelegten Grundſätzen würde ſich alſo die 
Tagesordnung für eine Prüfung ungefähr ſo geſtalten: 
1) Religion -- oder heilige Geſchichte. 
2) Geſchichte =- oder Geographie. 
35) Rechnen =-- oder Geometrie. 
4) Botanik =- oder Zoologie 2c. = oder Phyſik.
	        

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