Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

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5) Leſen mit Literaturkunde =- oder Grammatik -- oder 
Franzöſiſch =- oder Lateiniſch. 
6) Geſang. 
8. 5. Das Prüfungsverfahren. 
6. Man laſſe ſich bei Prüfungen nicht auf all- 
zugroße Exinzelnheiten ein, ſondern halte mehr 
auf Ueberſichten über größere Gebiete. 
Das geht namentlich auf Weltkunde, auf Geſchichte, Geo- 
graphie und Naturgeſ<ichte. Wie kann man auch vom Schüler 
Cinzelnheiten, die man vielleicht vor ſe<Hs oder neun Monaten 
vorgetragen hat, bei der Jahresprüfung von ihnen noh ver= 
langen. Zudem bilden Details nicht das Weſentliche. Der 
Geiſt, die Ideen einer ganzen Periode in dex Geſchichte z. B. 
iſt mehr werth als Spezialitäten, auf die nichts ankommt, 
die vielleicht blos als ſogenannte geſchichtliche Anekdoten 
unterhaltenden Charakter an ſich tragen. Der Zögling muß 
zeigen, ob er dieſe leitenden Ideen, den Geiſt in der Ge= 
jc<hichte erfaßt hat, und darum laſſe man bei geſchichtlichen 
Prüfungen die Details unterwegs. Daſſelbe gilt in der 
Naturgeſhic<te. Prüfungen über ganze Thierklaſſen oder 
Thierfamilien , über Pflanzenfamilien 2c. ſind vorzuziehen 
den Prüfungen über einzelne Exemplare, wobei män ſic< nur 
allzuſehr ins Einzelne verlieren kann. 
7. Man ordne zuweilen bei Prüfungen den 
Stoff anders, als es im Untervichtegeſhah. = 
Schon unter 8. 3 wurde dieſer Gedanke angedeutet. Hier 
muß er aber nod) als beſonderer Grundſatz auſgeſtellt werden. 
Cin ſolches Verfahren läßt erfennen, im wie weit die Schüler 
das im Unterrichte Behandelte verdaut und beherrſchen ge- 
lernt haben. ES eignet ſich de8halb ganz beſonders die g rup-= 
pirende Methode zu Prüfungen. Man laſſe z. B. in der 
eographiſchen Prüfung =- wenn man im vergangenen Jahre 
Deutſchland behandelt hat -- alle Fabrikdiſtrikte , Handels= 
ſtraßen (Eiſenbahnen, ſchiffbare Flüſſe, Kanäle) , Handels- 
plätze , Feſtungen , Univerſitäten, Sc<lactorte, Weburtsorte 
großer Dichter 2c. in Deutſchland zuſammenſtellen. Man 
kann vielleicht auc< nach vorhergegangener Behandlung 
Deutſ<lands nach ſeimer politiſchen Eintheilung bet der Prü- 
fung das Vaterland nac< Flußgebieten betrachten. Die ge= 
ſc<hichtlihe Prüfung läßt ſich anknüpfen an einzelne Namen 
(3. B. alle Regenten, die den Namen „Heinrich“ führen), 
Stte (die geſchic<tliche Bedeutung von Alexandrien 2c.) und 
Flüſſe (der geſchichtliche Charakter ves Donau=, Rheinge= 
bietes 2c.). In der Naturgeſchichte könnte man die Flora 
und Fauna eines beſondern Landes zum Gegenſtand der 
Feljung maden 2c. 
8. Mangebe womöglich allen Shülerngleich- 
viel Gelegenheit, ein Zeugniß ihrer Leiſtungen 
abzulegen. 
Cinen ſehr widerlihen Eindru& macht eine Prüfung, 
wenn der Examinator gewiſſe fähige Schüler bevorzugt und 
nur ſie fragt, um ſeine Paradeköpfe glänzen zu laſſen. Das 
macht einerſeits ſolche Schüler ſtolz und eingebildet, anderer- 
ſeits zuweilen ſehr böſes Blut bei den weniger oder gar nicht 
gefragten Kindern und deren Aeltern. an thut deshalb 
wohl, bei Prüfungen das Fragen außer der Reihe mehr in den 
intergrund treten zu laſſen und lieber in jedem Fache alle 
<hüler nach der Reihe zu fragen. 
8. 6. Die Prüfungsvorarbeiten. 
9. Man unterlaſſe alle beſonderen Vorarxr- 
beiten auf die Prüfung. 
Zu dieſen Vorarbeiten rechne ich zunächſt ein Durch- 
ſprechen des im der Prüfung zu behandelnden Stoffes un= 
mittelbar vor der Prüfung , ſerner das Heer von ſchriftlichen 
Examenarbeiten , als da ſind: deutſche Aufſätze , Löſungen 
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arithmetiſc<her und geometriſcher Aufgaben , Sc<reibeproben, 
franzöſiſche, lateinijche und griechiſc<e Penſa 2c., ſodann 
Zeichnenvorlagen und endlich das vorherige Einüben von 
Geſangſtüen und Einlernen von Gedichten, die bei der Prü 
fung deklamirt werden ſollen. Statt dieſer Vorarbeiten lege 
man lieber ſämmtliche im verfloſſenen Jahre gefertigten deut= 
jhen Arbeiten , alle ſchriftlich vorgenommenen und in beſon- 
dere Hefte eingetragenen Löſungen arithmetriſcher und geo- 
metriſcher Aufgaben, die Schönjhreibe= und Zeichnenbücer, 
ebenſo die franzöſiſchen, lateiniſchen und griechiſchen Ueber- 
jezungSbücher bei der Prüfung vor. Was den Geſang be-= 
trifſt, ſo gebe der Cxaminator dem Prüfungsvorſitenden ein 
Berzeichntiß der eingeübten Choräle und Bolkslieder, und 
dieſer hat dann die in der Prüfung zu ſingenden Melodien 
erſt im der Prüfung ſelbſt zu beſtimmen. as Deklamiren 
aulangend, ſo kann ſolches Schaugepränge recht gut bei der 
Prüfung wegfallen, man laſſe vielmehr bei der Prüfung im 
Leſen und in der Literaturkunde einige von den im verfloſſe- 
nen Jahre betrachteten und dann auswendig gelernten Ge- 
dichten gut betont vom Platze aus und ohne Geſten vortragen, 
je nachdem man in der Prüfung ſelbſt das eine oder das 
andere berührt. 
I< habe nun noh die Gründe anzugeben, warum ich 
alle derartigen Prüfungsvorarbeiten entfernt wiſſen will. 
3) Es wird mit Dieſen Vorarbeiten eine unge- 
heure Maſſe Zeit verloren und der Unterricht be- 
einträ<tigt. Man denke nur an die langen deutſchen 
Examenarbeiten , die zuweilen gefertigt werden! Man gibt 
ſie jorgfältig auf, geht ſie ſorgfältig dur< , läßt ſie ſorgfältig 
viele Male vorleſen und endlich ſorgfältig in der Schule 
jelbſt einſchreiben. Wie viele Zeichnenſtunden werden ver- 
geudet mit dem Anfertigen von Landſchaften u. dgl. auf 
Pelltebogen 2c.! Und dann vor Allem der Unfug in höheren 
Bürgerſchulen mit den fremdſprachlihen und mathematiſchen 
Cxamenpenſa! Die ſollen alle in der Schule unter Aufſicht 
des Lehrers gefertigt werden, damit kein Betrug vorkomme--, 
aber wie viele Stunden werden dabei todtgeſchlagen ? 
b) Sodann geht es trotz aller Sorgfalt des 
Lehrers bei ſol<en Borarbeiten in der Regel 
nicht reell zu. „Sand in die Augen!“ -- das iſt die Lo- 
jung für manche Schüler beim Anfertigen derſelben. Wie 
manches Facit bei mathematiſchen Aufgaben wird abge- 
j<rieben! An den deutſchen Arbeiten wird von Seiten der 
älteren Geſchwiſter, ja man<mal ſogar auh von Seiten der 
Aeltern zu Hauſe nachgeholfen unv verbeſſert; denn es ſoll 
ja was ganz Beſonderes werden, da die Arbeit fremden Leu- 
ten vorgelegt wird ---, die dürfen nichts zu tadeln d'ran fin= 
den. Und die Zeihnungen! Man muß oft unwillkürlich 
den Kopf ſchütteln, wenn man unter einem hö<hſt geſchmad- 
voll ausgeführten Bilde den Namen dieſes oder jenes Schülers 
ſtehen ſieht. 
€) Ferner iſt z. B. eine gelieferte deutſche Examenarbeit 
fein richtiger Maßſtab zur Beurtheilung der Lei- 
ſtungen eines Schülers im ſchriftlihen Gedankenaus- 
dru>e überhaupt. Bei der Anfertigung derſelben gibt er 
ſich -- wenn er ſich auch nicht helfen läßt --- ganz beſondere 
Mühe , mehr Mühe als bei allen andern im Laufe des Jahres 
efertigten Arbeiten, und es läßt ſich deshalb aus einer 
folchen Examenarbeit der Fleiß und die Akkurateſſe des 
Schülers hinſichtlich ſeiner deutſ<en Arbeiten während des 
ganzen Zahres nicht erſehen. Wie ganz anders aber, wenn 
jämmtliche Arbeitsbücher vorliegen! Da kann man von jeder 
gefertigten Arbeit Cinſiht nehmen und ſich ein wahres Bild 
über den betreffenden Schüler entwerfen. Daſſelbe gilt auch 
von allen andern ſchriftlihen Prüfungsvorarbeiten. 
d) Wenn die Schüler wiſſen, daß alle ihre Arbeiten 
einſt zur Prüfung vorgelegt werden, ſo gewöhnt man ſie 

	        

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