Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

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Allgemeine 
Herausgegeben von A. Berthelt, 
Unter Witwirkung von Ferd. Schncü. 
1865. 
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Jährlich 532 Nummern. Preis vierteljährlich 12 lr. 
Anzeigen für den Raum einer geſp. Petitzeile 11/, Ngr. 
Literar. Beilagen 1%--3 Thlr. --Beſtellungen nehmen 
alle Buchhandlungen und Poſtämter an. 
Sonntag, den 19. Februar. 
 
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Aufſäte über zeitgemäße Themate u. Mittheilungen 
über Sc<ul-= und Lehrerverhältniſſe ſind willkommen. 
Schriften zur Recenſfion ſind unberec<hnet einzuſenden 
und findet eine Nüſendung derſelben nicht ſtatt. 
 
 
 
Aphorismen über das Prinzip der Entwicklung im 
Religionsunterrichte. 
1. Zu den Errungenſchaften der Peſtalozziſchen 
Scule gehört unſtreitig die Geltendmachung des Prin - 
zipes der Entwicklung beim Unterrichte. Dieſterweg, 
dieſer würdige Jünger Peſtalozzi's, hat für jenes Prinzip 
manche Lanze gebrochen. Ein entwidkelnder Unterricht --, 
das iſt faſt das Grundthema aller ſemer Schriften und Auf-= 
ſätze 3 denn der alte Meiſter von der Spree lebt der ſehr rich- 
tigen Ueberzeugung, daß dieſe Entwilungstheorie die Baſis 
alles Unterrichtes fein müſſe und daß ſie darum den Lehrern 
nicht oft genug ans Herz gelegt werden könne. 
2. ie Vorzüglichkeit eines entwickelnden 
Unterrichtes leuchtet re<ht ein, wenn man eine Parxal= 
lele zieht zwiſ<en ihm und ſeinem Gegenſatße, dem 
ſogenannten Oktroirungs= oder Eintrichtrungs- 
ſyſtem. Dieſterweg hat dieſe Parallele auf eine meiſterhafte 
Weiſe dur<geführt. Nur Etliches ſei hier erwähnt von dem, 
was „der Mann der Entwieklung“ in Betreff dieſes Punktes 
geäußert hat. Der oktroirende Lehrer trägt meiſt vor, docirt, 
der entwickelnde läßt ſelbſt finden, was zu finden geht; der 
erſtere läßt ſeine Schüler nur empfangen , lernen, receptiv 
ſein, der letztere aber regt ſie zum Denken , zur Selbſtthätig= 
keit an; der erſtere zeigt den Lernenden das bereits Vollen-= 
dete, das fertige Gebäude, an dem man vielleicht Jahrtauſende 
gearbeitet hat, der letztere aber führt ihnen das Werdende 
vor , leitet ſie zur Bearbeitung der Bauſteine an, führt mit 
ihnen das Gebäude auf, lehrt ſie das Bauen; der erſtere be- 
ginnt mit dem Ganzen, Allgemeinen, der letztere mit dem 
Einzelnen , Beſonderen und ſchreitet von da aus allmählich 
zum Ganzen, Allgemeinen fort, wie es die ächte elementare 
ethode verlangt; der erſtere fängt mit der Spitze an und 
ſucht endlich die Grundlage zu gewinnen, er bewegt ſich von 
oben nah unten, der letztere hingegen beginnt auf der Grund- 
lage, auf welher der Schüler Acht, und ſteigt auf bis zum 
Endpunkte der Spitze , er bewegt ſich naturgemäß von unten 
naß oben. 
3. Darum kann aber auch der oktroirende Unterricht 
ſelten Klarheit über das betreffende Unterricht8objekt in den 
Köpfen Der Zöglinge bewirken; es wird bet ihm meiſt 
Unverſtandenes dem Gedächtniſſe eingeprägt, 
ein bleibendes Wiſſen demnach niht erzeugt. 
Selbſtgedachtes und Selbſtgefundenes aber iſt auß allemal 
 
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etwas Verſtandenes, und es wird als ſolches um ſo eher 
und um ſo nachhaltiger gemerkt. Die vollſtändige, immer= 
währende Anwendung der entwi>elnden Methode iſt im 
Elementar = Volksſ<ulunterrichte nach meiner Ueberzeugung 
mit eine Antwort auf jene ſo oft geſtellte Frage: Wie kann 
die Schule dem Vergeſſen des Gelernten bei ihren Schülern 
vorbeugen? -- Cin oktroirender Unterricht wird 
aberaud ſodann, weiler die Zöglinge zu immer- 
währender Receptivität verdammt, niht im 
Stande ſein, die ſeeliſchen Kräfte der Schüler zu 
entwikeln und zu ſtärken. Verſtand, Schlußtkraft 
u. dgl. brauchen Uebung, wenn ſie wachſen ſollen -- und die 
verſchafft der oktroirende Unterriht mmmermehr; nur der 
entwickelnde ſetzt jene intellektuellen Kräfte in fortdauernde 
Thätigkeit. Die Anwendung des Oktroirungsſyſtems läßt 
darum nie den Unterricht erziehend auf das intellektuelle 
Seelenleben des Zöglings einwirken, während die Geltend- 
machung des Prinztpes der Entwicklung beim Bolksſchul-= 
unterrichte jenes große Wort von Dieſterweg zur That und 
Wahrheit machen Hilft, wonad) der Unterricht nicht blos eine 
Doktrin ſein darf, ſondern von der Doktrin zur Disziplin 
erhoben werden muß. 
4. Das Prinzip der Tntwiklung ſoll nun nach den An= 
forderungen der modernen Pädagogik wombögli< in allen 
Unterricht8zweigen zur Anwendung gebracht werden. Ganz 
beſonders verlangt der Religionsgunterricht -- 
wenn er nachhaltig wirken ſoll -- die Geltend- 
machung.dieſes Prinzipes. Ich bin aber der Meinung, 
daß im Neligionsunterrichte „die Entwiklungstheorie noch 
lange nicht zur vollen Geltung gelangt iſt. C8 wird hier 
gar viel gefragt, aber trotz des Fragens nicht entwickelt. 
„Das Fragen iſt ein Scheinfragen , das die Antworten der 
Schüler ſelten benutzt und in dem einmal gedachten Zuſamnmien- 
hange fortfährt.“ Sodann herrſcht no< große Konfuſion 
hinſichtlich der Deduktion8quellen , welche do< die Baſis der 
Entwicklung abgeben müſſen. Wer eine abſtrafte Wahrheit 
=- 3. B. einen Bibelſpruch -- als Deduktion8quelle betrach= 
tet, dex kann nicht entwickeln, wenn er auch entwickeln will; 
denn das Prinzip der Entwicklung verlangt ganz beſonders 
die Anwendung jenes Grundſatzes: Gehe vom Konkreten zum 
Abſtrakten! Erſt die Anſchauung -- und dann der Begriff! 
Endlich ſind auch no< viele Pädagogen auf der äußerſten 
Rechten der Anſicht, daß man nicht Alles entwickeln könne, 
daß man im Religionsunterrichte die entwi>kelnde Methode
	        

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