Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

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nur ſparſam anwenden dürfe, daß ihre immerwährende An-= 
wendung eine gefährliche ſei, indem ſie den Glauben unter= 
grabe, und was dergleihen mehr iſt. Darum ſoll es hier 
meine Aufgabe ſein, über das Prinzip der Entwicklung im 
Religionsunterrichte einige Worte zu jagen. 
5. Alles Geſchichtliche, al8 etwas poſitiv Gegebenes, 
Ichon lange Exiſtirendes läßt ſi< natürlich niht entwickeln ; 
das muß aud) dem Kinde gegeben werden. Auf den hiſto- 
riſchen Theil des Religionsunterrichtes läßt ſich 
demnad< das Prinzip der Entwicklung nicht an- 
wenden. Aber unſer Religionsunterricht beſteht nicht blos 
in bibliſcher Geſchichte ; er muß außerdem auch noch religiöſe 
Ideen , religiöſe Wahrheiten , Begriffe, Grundſäte u. dgl. 
dem Schüler zum Bewußtſein bringen. Dieſe religiöſen 
Wahrheiten , als etwas Abſtraktes, dürfen dem Zögling nie= 
mals gegeben werden ; dieſe muß er ſelbſtthätig finden unter 
Anwendung einer entwickelnden Fragweiſe von Seiten des 
Lehrers. Alſo bezieht ſich das Prinzip der Entwick-= 
lung blos auf den rationellen Theil des Reli- 
zionsunterrichtes. 
6. Dieſe Entwieklung der abſtrakten veligis-= 
ſen Wahrheiten ſetzt nun allemal eine weiſe Aus- 
wahl der Deduktions8quellen voraus -- und eine 
ſolhe iſt durhaus no< nicht überall zu finden. Das Ab= 
ſtrafte kann von Volksſ<hülern nur gefunden werden, wenn 
von etwas Konkreten ausgegangen wird. Aus Abſtraktem 
Abſtraktes finden laſſen =- das geht zwar auch manchmal an, 
eignet ſich aber im der Regel nur für gereiftere Zöglinge, wie 
ſie Volksſchüler nicht ſein können, und auch bei dem Unter= 
richte ſolcher Leute wäre es beſſer gethan, wenn man haupt= 
ſächlich nur aus Konkretem entwickelte. Darum müſſen 
die Deduktionsquellen im Religiounsunterrichte 
allemal etwas für das Kind Anſ<hauliches, Kon 
fretes ſein, und etwas Abſtraktes kann hier nie 
als Deduktionsquelle auftreten. 
7. Sehen wir nun dieſen konkreten Deduktions8quellen 
etwas genauer ins Angeſicht. Wenn die Deduktionsquellen 
einen konkreten Charakter an ſich tragen ſollen, ſo müſſen ſie 
entweder hiſtoriſ<er Natur ſein oder ſie müſſen in ſolchen 
Zuſtänden und Verhältniſſen aus dem menſ<- 
lichen Leben beſtehen und in folhen Erſchemungen in 
der Natur, von denen man vorausſetzen kann , daß fie dem 
Kinde hinlänglich bekannt ſind. 
8. Was zunächſt die hiſtoriſchen Deduktions- 
quellen anbetrifft, ſo bietet die heilige Geſ<1i<Hte -- 
wie ſie in der Bibel vorliegt = eine reiche Fundgrube dar. 
Viele religioſe Wahrheiten laſſen ſich herleiten aus der bib- 
liſchen Geſchichte ; ja es gibt bibliſ<e Geſchichten, welche 
mehrere ihrem imnern Weſen nach verwandte und zuſammen= 
gehörige Ideen aus ſich heraus entwickeln laſſen. Das iſt 
unbedingt ein Vorzug dieſer Geſchichten ; denn wenn zu jeder 
nenen Wahrheit auch allemal eine neue Geſchichte als De= 
duftions8quelle auftritt, dann kommt weniger Halt und Zu= 
ſammenhang in die gefundenen Wahrheiten, als wenn letz= 
tere aus einem großen Lebensbilde hergeleitet werden. I< 
erinnere beiſpielsweiſe an das herrliche Gleichniß vom ver= 
lornen Sohne, in welchem die ganze Lehre von Sünde, Ver-= 
derben , Buße, Glaube und Rechtfertigung verborgen liegt, 
oder an das vom Schalkskneht (Lehre von der Vergebung), 
ferner an die Geſchichte der Sündfluth (Gottes Heiligkeit, 
Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit), an Joſephs Geſchichte (Er= 
haltung und Negierung der Welt), an die Geſchichte des 
Sündenfalles (Lehre von der Sünde und ihren Folgen) 2c. 
9. Nun gibt es aber doh auch religibſe Wahrheiten, 
für die ſich keine Deduftions8quellen m der heiligen Geſchichte 
auffinden laſſen. In dieſem Falle greife man in dieKir<en- 
und Profangeſc<hichte oder au< in das gewöhnliche 
 
Leben und in die eigne Erfahrung, ſowie in die 
Erfahrung des Kindes. I< kann derartige Deduk- 
tionSquellen niht verwerfen, wenn ſie auch nicht von heiligen 
Männern unter Leitung des heiligen Geiſtes -- wie die bib= 
liſ<en Geſchichten =- aufgezeichnet worden ſind. Ia es 
fragt ſich no<h , ob nicht vielleicht ſol<he Geſchichten, welche 
das Kind ſelhſt hat vor fich gehen ſehen , welche es alſo ſelbſt 
mit erlebt hat --, ic ſage , ab nicht vielleicht derartige Ge= 
ſchichten ſogar den Vorzug verdienen vor jeder andern dem 
Kinde gegebenen Erzählung, auch vor jeder bibliſ<en. JIenem 
methodiſ<hen Grundſatze: Vom Nahen zum Entfernten , vom 
Bekannten zum Unbekannten! wird man wenigſtens voll- 
ſtändig gerecht, wenn man Geſchichten aus der eignen Er= 
fahrung des Kindes mehr als andere Erzählungen zu De= 
duftion8quellen benutzt. Die Anknüpfung an ſelbſt Erlebtes, 
ſelbſt Geſehenes und Gehörtes iſt ganz beſonders eine An- 
knüpfung an etwas dem Kinde Nahes und ihm Bekanntes. 
Ebenſo ſind auch, wenn Zuſtände und Verhältniſſe 
aus dem menſ<lichen Leben als Deduktions8quellen auftreten, 
diejenigen am geeignetſten , welche das Kind ſelbſt betreffen, 
wie 3. B. die, welche das Verhältniß des Kindes zu ſeinen 
Aeltern berühren. -- Was die Geſchichten aus dem gewöhn- 
lichen Leben anlangt, ſo haben Caspari, Stöber , Glaub-= 
recht u. a. derartige Erzählungen geſammelt ; viele von ihnen 
laſſen ſich beim Religionsunterrichte als Deduktionsquellen 
verwerthen. -- Um aus Deduktions8quellen aus der Profan- 
geſchichte ſchöpfen zu können, muß der Lehrer allerdings ein 
umfaſſendes hiſtoriſches Wiſſen haben ; aus bloßen geſ<ic<t- 
lichen Kompendien, Lehrbüchern, wie ſie in Schulen zu Grunde 
gelegt werden, kann er nicht Deduktionsquellen entnehmen ; 
er muß vielmehr geſchichtliche Spezialwerke ſtudirt haben. 
10. (Cs gibt nun aber Pädagogen, wel<he -- was die 
Deduktionsquellen betrifft =- niemals von der Bibel ab-= 
weichen zu dürfen glauben. Alles muß na<h ihrer Anſicht 
aus der Bibel oder wenigſtens aus dem Geſangbuche, als 
aus dem Satze heiliger Lieder, entnommen ſein. Wenn 
ſie darum zu gewiſſen religiöſen Wahrheiten keine bibliſchen 
Geſchichten als Deduktionsquellen auffinden können, ſo neh= 
men ſie ihre Zuflucht =- anſtatt zu andern Geſchichten zu 
greifen =- zu Bibelſprüchen oder Kirchenliedern. Nah meiner 
Ueberzeugung aber dürfen Bibelſprüche und Kir<en- 
liederniemals als Deduktionsquellen auftreten. 
Der Spruch iſt etwas Abſtraktes; es läßt ſi< deshalb im 
Grunde genommen aus ihm in der Volksſchule nichts ent- 
wickeln. Nur auf der oberſten Stufe, wo die in Sprüchen 
liegenden abſtrakten Ideen von den Schülern bereits hin- 
länglich verſtanden ſind, könnte ausnahmsweiſe hin und 
wieder einmal aus einem Spruche entwickelt werden. Der 
Bibelſpruch hat im Religionsunterrichte weniger als De=- 
duktionsquelle einen Platz; es gebührt ihm hier vielmehr 
ein ſolcher, inſofern er als BeweiLsſtelle zu den bereits 
entwickelten religioſen Wahrheiten aufzutreten hat. Man 
wundert ſich, daß in vielen methodiſchen Anleitungen zum 
ReligionsSunterrichte der Spruß als Deduktion8quelle nod) 
nicht durc< die Geſchichte als ſolche verdrängt worden iſt, 
namentlich bei ſol<hen Partien, wo bibliſche Geſchichten 
hinlängli< vorhanden ſind. So entwidelt man 3. B. den 
Begriff des Glaubens (Vertrauen auf die Gnade Gottes in 
Chriſto) immer no< aus Hebr. 11, 1. Hier hat man das 
reine Abſtraktum als Deduktion8quelle, und die Entwicklung 
iſt eine ſ<were. Wie ganz anders wird der Begriff des 
Glaubens den Schülern klar, wenn man ihn aus der ſchönen 
Geſchichte vom kananäiſhen Weibe oder aus der vom Haupt= 
mann zu Käpernaum deducirt! I< mae bei dieſer Ge- 
legenheit aufmerkſam auf das Buch vom Seminardirektor 
Krüger: „Entwurf einer entwickelnden Katechi8smuslehre.“ 
Der Verfaſſer will jede religiöſe Wahrheit entwickeln, und
	        

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