Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

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auch ein zutreffendes fügen; Sie irren aber in dem Unter- 
ſchiede, den Sie gefunden zu deen meinen. Site verſichern, 
„nicht nur einen, ſondern Hunderte“ (nämlich die ganze 
Gemeinde) von Ortsaufſehern zu haben. Das iſt ganz wahr, 
aber dieſe Hunderte von Ortsaufſehern hat der Lehrer ge- 
rade auch. Wiſſen Sie, daß Kinder oft eine ſchärfere Kritik 
üben , als Erwachſene? Glauben Sie nicht, daß alles, was 
in der Schule vorgeht, auc< zur Kenntniß der Aeltern kommt ? 
Glauben Sie nicht, daß in den Familien vielmehr von dem 
Thun und Laſſen des Lehrers in ſeinem Berufe geſprochen 
wird , als von dem des Pfarrers? Ihr Einwand, daß man 
die Unmündigen nicht zu Aufpaſſern ihres Lehrers machen 
und nicht zu Zeugen gegen ihn anrufen dürfe, iſt nicht ſtich= 
haltig. Wenn ſie auch nicht dazu gemacht werden , ſo ſind 
ſie es dd<hz , ebenſo wie die Erwachſenen nicht zu Aufpaſſern 
des Pfarrers gemacht werden, aber Einzelne es do<h ſind 
oder ſein können. Und ferner, wenn in der Schule eine 
Ungehörigkeit des Lehrers vorgekommen wäre, wie wollten 
Sie als Ortsſchulinſpektor das Zeugniß der „Unmündigen“ 
vermeiden? Fortwährend können Sie doh nicht in der 
Schulſtube gegenwärtig ſein, und gerade während Sie gegen= 
wärtig ſind , werden der Unterſuchung bedürftige Vorkomm=- 
niſſe am wenigſten ſich zutragen. Meinen Sie nicht, daß es 
Lehrer geben kann, die in Gegenwart des Lokalinſpektors die 
Kinder wie liebe Engel behandeln und nach ſeiner Entfer- 
nung ihren Ingrimm um ſo mehr über ſie ausſ<hütten , viel= 
leiht gerade durch eine ihn Grlegende Bemerkung des In= 
ſpektor8 dazu angeregt ? =- Sie fragen nun, ob es leichter 
und angenehmer ſei, unter der Aufſicht einer ganzen Ge= 
meinde zu ſtehen, als unter einem hierzu aufgeſtellten In= 
ſpektor. Die Lehrer werden Ihnen dieſe Frage beſſer beant= 
worten können , als ein Pfarrer es vermag, der bis8her nur 
unter der einen Aufſiht geſtanden hat. Die Lehrer kennen 
beide, denn ſie ſtehen unter eben ſol<her Aufſicht der Gemeinde, 
wie der Pfarrer, wenn nicht unter no<h ſtrengerex. 
Auch Ihre Anſicht über den Erfolg, den Sie von der Be- 
aufſichtigung des Pfarrers dur<h die ganze Gemeinde haben, 
kann ich nicht theilen, wenigſtens würde ich denſelben Erfolg 
auc< auf den Lehrer beziehen müſſen. Sie fragen mich : 
„Glauben Sie, daß ic< Ungehöriges predigen könnte, ohne 
daß meine Gemeinde remonſtriren würde?“ Id antworte 
getroſt mit Ja. Schon mancher Prediger hat Ungehöriges 
gepredigt, und die Gemeinde hat es micht gerügt. Theils 
fehlt den Gemeindegliedern das Urtheil, theils findet ſich 
Niemand gemüſſigt, als Ankläger aufzutreten. Damit joll 
nicht geſagt ſein, daß nicht auch in einzelnen Fällen Remon= 
ſtrationen vorgekommen ſind. Man raiſonnirt etwa hinter 
dem Familientiſche oder auf der Bierbank über den Pfarrer, 
wenn ſeine Predigten nicht gefallen haben, und damit baſta. 
Iſt's nicht ſo? Dieſe Aufſiht können und müſſen Sie ſich 
gefallen laſſen. Was würden Sie aber ſagen, wenn Sie zu 
ihren Predigten den Rath eines Ortskir<heninſpektors hören 
und wohl gar von Amts8wegen befolgen müßten, wenn Sie 
naß jeder Predigt, wie es dem Inſpektor beliebte, ein Urtheil 
über Ihre Leiſtung oder ſogar noch eine Anweiſung hinzu- 
nehmen hätten, wie Sie künftighin predigen oder nicht pre- 
digen ſollten ? Die Gemeinde klagt im Stillen, daß Sie zu 
orthodox, oder zu freiſinnig predigen ; der Ortskir<eninſpek- 
tor würde von Amtswegen ganz anders mit [Ihnen reden. 
Und wenn nun die Gemeinde mit den religiöſen und ſocialen 
Anſichten des Pfarrers oder mit ſeinen Erziehungsmaximen 
unzufrieden iſt und andererſeits der Pfarrer ſie auch dem 
Lehrer aufdrängt, dem ſie ebenſo wie der Gemeinde wider= 
Nee welche traurige Lage wird dann der arme Lehrer 
verſeßt 
Wenn Sie aber, Herr Doktor, zugeben, daß dieſe Beauf= 
ſichtigung des Pfarxers durc< die ganze Gemeinde ausreichend 
 
iſt, dann müſſen Sie au<h zugeben , daß ſie füx den Lehrer 
ausreicht. Die Fragen, welc<he Sie in Bezug auf den Pfarrer 
ſtellen , dürften ſich auch in Bezug auf den Lehrer ſtellen 
laſſen. „Glauben Sie, daß ic< Ungehöriges in der Schule 
lehren könnte, ohne daß meine Gemeinde remonſtriren würde ? 
Daß ich ungerügt meine amtliäen Funktionen verſäumen 
dürfte ?' Die Gemeinde, welche in folchem Falle gegen den 
Pfarrer remonſtriren würde, würde auch gegen den Lehrer 
remonſtriren. 
I<h breche von dieſem erſten Punkte ab und will nur 
meine Frage, um welche derſelbe ſich dreht, rechtfertigen. 
Sie haben re<ht, daß der Schluß falſch iſt: Weil in andern 
Ständen keine unmittelbare Beaufſihtigung des Einzelnen 
nothwendig iſt, ſo iſt ſie auch im Schulſtande nic<ßt nothwen= 
dig. Dieſen Schluß ſollte auch meine Frage nicht vollführen. 
Wenn ih fragte, warum man in andern Ständen eine ſo 
unmittelbare * eaufſichtigung niht für nothwendig halte, ſo 
wollte ich damit zu dem Nachweis auffordern, warum ſie ge= 
rade im Sculſtande nothwendig ſei. Haben Sie diefen 
Nachweis ſ<lagend geliefert? 
2. I< gehe auf den zweiten von Ihnen behandelten 
Punkt ein, welher an die Frage ſich knüpft: Warum wird 
dem Ortsgeiſtlichen, der den Religtonsunterricht in der Volks-= 
ſ<ule gibt, niht ein Ortsſchulinſpektor geſtellt ? Sie finden 
Darin einen großen Unterſchied, daß der Pfarrer nur 2 Stun- 
den wöchentlich und nur in den oberen Klaſſen gibt. Aber 
wiſſen Sie nicht, verehrter Herr Doktor, daß gerade der 
Fachlehrer, wenn einmal unmittelbare Aufſicht nöthig ſein 
ſollte, mehr Aufſicht und Unterſtüßzung bedarf, als der Klaſſen= 
lehrer , daß unter andern auch dem Fachlehrer die Disziplin 
in der Regel ſchwerer wird, als dem Klaſſenlehrer ? Wiſſen 
Sie nicht, daß je wichtiger der Unterricht8gegenſtand iſt, die 
Aufſicht um ſo nöthiger ſein müßte, und daß es in der That 
keinen wichtigeren Gegenſtand in der Sculr gibt, als der 
Religionsunterriht in den oberen Klaſſen iſt ? Sie fügen 
hinzu : Der Pfarrer gibt dieſen Unterricht =- in Anweſen-= 
heit des Lehrers. Welchen we& hat dieſe Anweſenheit ? 
Wollen Sie damit eine Art Inſpektion andeuten? Dann 
dürften Sie freilich kurz vorher nicht antworten: weil Nie- 
mand (zum Amte eines Inſpektors für den Pfarrer) da iſt. 
Was meinen Sie, wenn ein bejahrter , gebildeter und prak= 
tiſch erfahrener Lehrer der Schulinſpektor eines jungen Geiſt- 
lihen wäre ? -- 
3. An meine Frage: „Sind die Lehrer nicht vorgebildet 
genug, um zu wiſſen, wie ſie unterrichten und erziehen 
müſſen ?' knüpfen Sie Ihrerſeits an mich die Frage : „Soll- 
ten ſie im Ernſte das Unterrichten 2c. für eine ſo leichte Sache 
halten, daß ein 18- oder 19jähriger Lehrer ſich rühmen kann, 
er ſei vorgebildet genug“ u. ſ. w.? Da haben Sie recht, 
Herr Doktor, und ich halte es für eine Sünde, einem ſol<hen 
enſhen ein ſelbſtſtändiges Schulamt zu übertragen. (Ia 
ich halte es für verfehlt, einen 19jährigen und ſogar 18jäh- 
rigen Jüngling in der Regel ſhon aus dem Seminar zu ent= 
(aſſen. n einem Staate, deſſen Schulweſen ic< wohlge= 
ordnet nennen ſoll, darf das nicht ſein. Iſt's ſo, dann 
nenne ich das einen faulen Fle>, der lieber heute als morgen 
ausSgeſhnitten werden muß. Wer das richt einſieht -- iſt 
kein Lehrer. Gibt es denn nicht genug Gehilfenſtellen und 
ausreichend genug Lehrerſtellen, deren Inhaber einem Haupt= 
lehrer untergeordnet werden können ? Dahin gehört der 
junge Lehrer, bis er fünf und noH mehr Jahre das im Se-= 
minar Gehörte verarbeitet, Erfahrungen geſammelt hat und 
unter der Leitung des älteren Kollegen ein Mann im Schul-= 
fache geworden iſt. Dieſe Einrichtung iſt das Richtige. 
Meinen Sie, dieſe Einrichtung ließe ſich nicht treffen ? O 
ja, ſie läßt ſich treffen und muß fich treffen laſſen. Alle 
Einwendungen dagegen ſind zu beſeitigen. 

	        

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