Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 17.1865 (17)

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Mit Ihrer Antwort, weil ſie dieſelbe nur auf 18- oder 
19jährige Leute bezogen, haben Sie zugleich die Berechtigung 
meiner Frage in Beziehun auf den mannbaren Lehrer zuge= 
geben. Wenn Sie dieſes Zugeſtändniß durc< die Bemerkung 
abzuſ<wäcen ſuchen, daß auch „dem erfahrenen Lehrer eine 
Handreichung nur erwünſcht“ ſein könne, ſo führt mich das 
auf eine Hauptbemerkung. 
(Es iſt kein Zweifel, daß jedem Lehrer in gar manchen 
Fällen guter Rath ein dringendes Bedürfniß iſt. Dieſen 
guten Rath kann er ſich holen bei einem befreundeten Nachbar- 
kollegen, mit dem ex gewiß oft Gelegenheit nimmt, über ſeine 
Schuleinrichtungen, feine Disziplin, ſeine Unterri<t8smethode 
ſic zu unterhalten, den er wohl auch als Zuhörer in ſeine 
Scule einladet, ſowie in den amtlichen oder freien Lehrer= 
konferenzen. I< gebe Ihnen aber no<H mehr zu, er wird 
ihm auch ſehr oft von ſeinem Pfarrer erwünſcht ſein. Damit 
iſt aber feine8wegs die Zwedmäßigkeit, reſp. Nothwendigkeit 
der Ortsſchulinſpektion in Ihrem Sinne erwieſen. Erſtens 
iſt es ein großer Unterſchied, ob ich zur Entgegennahme eines 
guten Rathes gezwungen bin, oder ob ich mix ihn freiwillig 
bei Männern holen kann, zu denen 1i< eben das rechte Ver= 
trauen beſitze. Ob jeder Lehrer zu ſeinem Pfarrer das rechte 
Vertrauen hat und haben kann, und ob nicht ein aufge- 
zwungener guter Rath ganz entgegengeſetzte Erfolge herbei- 
ſühren kann, dieſe Frage mögen Site, Herr Doktor, ſich ſelbſt 
beantworten. Entweder der Lehrer befolg 
 
gt ihn nicht und 
dann iſt er nublos, oder er befolgt ihn mit Widerwillen, dann 
wird er ſogar gefährlich. -- Zweitens iſt aber zu bemerken: 
Kann ſich denn der Lehrer nicht auch guten Rath bei dem 
Pfarrer holen, jobald ihn nur das volle Vertrauen hintreibt, 
wenn dieſer niht Ortsſ<hulinſpektor iſt? Kann in dieſem 
Falle der Ortsgeiſtliche, wenn er ein treuer Hirte der ihm 
anvertrauten Heerde, ein Mann von ächt hriſtlicher Geſin- 
nung iſt, dem Lehrer nicht dieſelbe Süße ſein, von der Sie 
im Cingange Ihres Aufſatzes reden ? Oder haben Sie eine 
ſo niedere Anſiht vom geittlichen Stande, daß Sie meinen, 
der treue Seelſorger des Orts werde nicht ebenſo gern dem 
„Freunde“, als dem Untergebenen, Stüße und Rathgeber ſein ? 
Glauben Sie nic<ht, daß der dem Geiſtlichen befreundete 
Lehrer jenen ebenſo gern in ſeiner Schule ſehen wird, als 
jener ihn in der Kirche ſieht ? Dieſes ſchöne Verhältniß, das 
zum unausſprechlichen Segen für Gemeinde, für Kirhe und 
Scule ſein würde, möchte ich hergeſtellt wiſſen. Da, wo 
entweder der Geiſtliche oder der Lehrer nicht der Mann dazu 
iſt, daß es in freier und gleichberehtigter Weiſe ſich geſtalten 
kann, wird es auch unmöglich das Inſtitut der Ortsſchulin* 
ſpektion herbeiführen. Sollte aber nicht da, wo es in Frei- 
eit herrlich gedeihen würde, dieſes Inſtitut es erſti>en ? 
urz und gut, der Ortspfarrer kann dem Lehrer, wenn aud) 
von keinem Ortsſc<hulinſpektor mehr die Rede iſt, eine treff- 
lihe Stütze ſein „in der freien, furchtloſen, gewiſſenhaften 
Vollziehung ſeinex Amtspflichten gegenüber ſowohl einzelner 
Aeltern, als der ganzen Gemeinde, ein Berather in ſc<wie- 
rigen Fällen der Methode und der Schulerziehung.“ Sie 
ſehen alſo, Herr Doktor, daß von Selbſtgenügſamkeit nicht 
die Rede zu ſein braucht, wenn man gegen eine Ortsſhulin= 
ſpektion ſich ausſpricht. „Zur Ehre des Lehrerſtandes nehme 
1c< an“, daß er nicht darum petirt, man möge ihn Unter- 
füüßung und guten Rath aufzwingen, ſondern daß er frei- 
willig das ſuchen wird, was er bedarf. = Drittens muß ich 
Ihnen aber auch no< zu bedenken geben, daß der ganze Orts- 
er dem Lehrer eine Stütze ſein ſoll und daß der 
Pfarrer Mitglied dieſes Vorſtandes iſt. Sollte dieſe Stellung 
des Pfarrers für das Wohl der Schule und des Lehrers nicht 
ausreichend ſein ? Hier muß ic die Bemerkung einſchalten, 
daß ic< gegen den Schulbeſuch des Pfarrers nichts einzu- 
wenden habe, ja daß ic< Fälle zugebe, in welcher der Pfarrer 
 
vom Sculvorſtande oder ein anderes Mitglied deſſelben 
geradezu mit einem Beſuche der Schule beauftragt wird. 
4. Die Bemerkung, daß der Pfarrer Mitglied des Shul- 
vorſtandes iſt, leitet mich zugleich auf den vierten Punkt, in- 
welchem Sie die Pflichtvergeſſenheit einzelner Lehrer als . 
Grund für die Ortsſchulinſpektion geltend machen. Daß die 
Nachläſſigkeit und Gewiſſenloſigkeit eines ungetreuen Lehrers 
auch ohne Ortsſ<ulinſpektion nic<t unbekanut bleiben wird, 
werden Sie zugeben. Dann aber ſollte ich doch meinen, daß 
der Ortsſchulvorſtand, in dem der Lehrer Mitglied iſt, aus- 
reihend Gelegenheit zu einer Zurechtweiſung des Lehrers 
geben dürfte, wo freilich aber auch der Lehrer eine gleiche 
Gelegenheit zu ſeiner Vertheidigung hätte. Hier muß ſich 
der Lehrer lobende oder tadelnde Ausſprachen über ſeine 
Schule und über die Verwaltung derſelben, au<ß Rügen und 
Zurechtweiſungen gefallen laſſen, ebenſo wie der Bürger- 
meiſter in Mitten der Stadträthe oder ein Landtagsabgeord- 
neter in Mitten der Kammermitglieder. Im ſc<limmſten 
Falle ſteht dem Sc<ulvorſtande Beſchwerde an die Bezirks8- 
ſhulinſpektion zu Gebote, durc< wel<e auch dem Staate 
ausreichend ſein Recht über das Schulweſen gewahrt iſt. 
Jicht zu gedenken, daß dieſe ſc<on ſelbſt, vor wel<er der 
Lehrer ja keinen Tag ſicher iſt, den Läſſigen bald heraus- 
finden und „ſich ihm „auf den Nacken ſetzen“ wird. Aus 
Ihrem Grunde, geehrteſter Herr Doktor, folgt demnach nicht 
die Einſetzung eines beſonderen Lokalſchulinſpektors. 
Sie ſchreiben nun ferner, mein Wunſ<, daß man den 
treuen und geſchi>ten Lehrer von der allzugroßen Nähe des 
Inſpektors befreien ſolle, ſei erfüllt, indem Sie ſagen: Nur 
dem minder gewiſſenhaften Lehrer iſt der Lokalſchulinſpektor 
ein heilſames Schre>bild. Dem treuen und geſchickten Lehrer 
aber iſt er ein Freund und Niemand kann zur Erfüllung 
ſeiner ſ<weren Pflichten mehr Freunde brauchen, als eben 
der gewiſſenhafte Lehrer u. f. w. So gering mir Ihr Ver- 
trauen zu dem Lehrerſtande geſchienen hat, ſo groß iſt Ihr 
Vertrauen zu den Pfarrern. Glauben Sie, daß jeder Pfarrer 
in der That ein wahrer Freund des Lehrers iſt ? Glauben 
Sie nicht, daß gerade die Ortsſhulinſpektion das Freund- 
ſchaftsverhältniß in bedauerlicher Weiſe ſtören kann, daß 
bei einander entgegenſtehenden Charakteren oft ein koordi- 
nirtes Verhältniß der Freundſchaft, auf die Sie ſo viel Werth 
legen, eher no< Raum läßt, als ein über= und untergeord= 
netes? Wenn Sie zugeben, daß es Lehrer gibt, die unge- 
ſc<hi>t ihr Amt verwalten und ihre Amtsbefugniſſe miß- 
brauchen, ſollten Sie zweifeln, daß es auc<h dergleichen Orts- 
ſhulinſpektoren geben könne? Wollen Sie den „treuen und 
geſchi>ten' Lehrer ohne Noth -- denn den „Läſſigen“ kann 
man ſc<on anders beikommen -- beläſtigen und in eine 
drüFende Lage bringen ? Immer bleibt es daher ein Miß- 
trauen gegen den würtembergiſchen Lehrerſtand, wenn man 
ihn wirklich no<h für ſo tiefſtehend hält, daß ohne Ortsſchul-= 
inſpektion nicht auszukommen ift. 
5. Sie gehen nun in Ihrem Aufſatze, verehrteſter Herr 
Doktor, auf die Säße meines Briefes über, welche auf eine 
„Schädlichkeit“ der Ortsſ<hulinſpektion hinwieſen. Dieſe 
Säße nennen Sie „hohle Deklamationen“; Sie vergeſſen 
aber dabei, daß es auch Wahrheiten gibt, die man wohl 
fühlen , aber nicht mathematiſ<; nachweiſen kann, die aber 
für den , der ſie eben fühlt, nicht im Geringſten weniger Bez 
weiskraft haben. I< will nicht auf die einzelnen Säße, mit 
denen Sie nun die „hohlen Deklamationen“ abſchwächen 
wollen, eingehen. - Da Sie die würtembergiſ<e Auktorität, 
wel<he ic< an der betreffenden Stelle meines Aufſaßes „ins 
Feld geführt“, nicht anerkennen wollen und jedenfalls meine 
Auktorität noh weniger, ſo mögen Sie eine Stimme aus 
Thüringen vernehmen. Rektor Fröhlich ſagt in ſeinen be-
	        

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