Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 30.1878 (30)

 
Jagesgeſchi<tlices und Feuilleton. 
Dex 6. Nordweſtdeutſche Lehrertag fand am 23. April in den ſchönen 
Räumen des Künſtlervereins zu Bremen unter zahlreicher Betheiligung 
ſtatt. Der Vorſitzende, Shulvorſteher Ehrholt-Bremen, eröffnete denſelben 
mit einer Anſprache, in welcher das Wort des Apoſtel8: „Laſſet uns nicht 
verlaſſen unſere Verſammlungen, ſondern uns unter einander unſer 
ſelbſt wahrnehmen mit Reizen zur Liebe und guten Werken“ den Lehrern 
warm ans Herz gelegt wurde. 
Nachdem darauf der Vorſizende im Namen des Ausſc<huſſes über die 
Ausführung der Beſchlüſſe des 5. Nordweſtdeutſchen Lehrertags Bericht 
erſtattet hatte, entſchied ſich die Verſammlung dahin, von den angemeldeten 
Vorträgen zuerſt den des Oberlehrer8 Rohd e-Gröplingen: „Der Turn- 
unterricht in der Volksſ<hule'“ hören zu wollen. 
Der Referent wies zunächſt na<, daß auch der Leib als Träger und 
Diener des Geiſtes aus8gebildet werden müſſe, und daß dies in der rechten 
 
Weiſe nur dur< den in der Schule zu ertheilenden Turnunterricht ge-- 
ſhehen könne. Vom Sculturnen ſei natürli auszuſchließen die höhere 
Gymnaſtik, das Wehrturnen und die Heilgymnaſtik. Redner zeigte ferner 
die große Bedeutung des Turnens für den Lehrer ſelbſt. Wie der Lehrer- 
ſtand durch eifriges Streben ſich geiſtig emporgeſOwungen und die ihm 
vielfa<m mit Recht zugeſchriebene Einſeitigkeit und Pedanterie abgelegt 
habe, ſo werde das Turnen die körperliche Steifheit und Unbeholfenheit 
ſo vieler Lehrer beſeitigen und dieſelben auch, äußerlich ſo geſtalten, daß 
man nicht ſchon von weitem den Schulmeiſter in ihnen erkennen könne. 
Nachdem alsdann die Art und Weiſe des Turnunterricht8 in der 
Scule beſprochen und Mittheilung über die bisherige Ausbreitung des 
Turnunterrichts im bremiſchen Staate gemacht war, kam Redner zu den 
Mitteln, die zu einem geordneten Turnunterricht erforderli< ſeien, und 
nannte als ſolches neben kundigen Lehrern eine heizbare Turnhalle und 
einen freien Turnplatz mit den nöthigen Geräthen. 
Die Debatte über den Gegenſtand war recht lebhaft. Viel Heiterkeit 
errezte die Rede des Kaufmanns Pavenſtedt, der das Boxen in warmer 
Weite empfahl und dieſe Empfehlung damit motivirte, daß ein Deutſcher, 
der nach England oder Amerika auswandere, dort ſelbſtbewußter und 
ſicherer auftreten könne, wenn er das Boxen verſtehe und dadur< das 
Gefühl habe, im Nothfalle dreinſ<lagen zu können. . 
Man einigte ſiH ſc<ließlih zur Annahme folgender Theſen: 
1. An den Bolksſchulen iſt der Turnunterri<ht obligatoriſm. 
2. An jeder Schule ſind zur Ertheilung des Turnunterrichts befähigte 
Lehrer anzuſtellen. 
3. Zu einem fiſtematiſ<en Turnunterricht iſt eine heizbare Turnhalle 
und ein in der Nähe belegener Turnplaß erforderlich. 
Na einer kurzen Pauſe, die viele der Theilnehmer zur Beſichtigung 
einer von der Rühle & Schlenker'ſ<en Buchhandlung ausgeſtellten Kollek- 
tion von Lehrmitteln für Geographie und Naturgeſchichte beuutzten, 
wurde zum zweiten Gegenſtande der TageSordnung der Vortrag des 
Herrn Stange in Bremen gewählt: Die Orthographiereform, 
Redner zeigte an verſchiedenen Beiſpielen die Unvollkommenheit und 
Inkonſequenz unſerer jetzigen Orthographie, bewies die Vorzüglichkeit 
des phonetiſchen Prinzips und führte dann die namentlich von Dr. Frike- 
Wiesbaden angeſtrebte Neuorthographie in kurzen Zügen vor. 
In der Debatte trat beſonder8 Klippenberg- Bremen in vortrefflicher 
Weiſe für eine Neugeſtaltung unſerer Rechtſchreibung auf phonetiſcher 
Grundlage ein, und es gelangten folgende Theſen einſtimmig oder doch 
mit bedeutender Majorität zur Annahme: 
1. Unſere jetzige Orthographie iſt einer Reform dringend bedürftig. 
2. Die Vorſchläge der ſog. Berliner Konferenz ſind ihrer Inkonſequenz 
wegen unannehmbar. 
3. Eine Reform unſerer Rechtſchreibung kann nur unter Zugrunde- 
legung des phonetiſchen Prinzips erfolgen. 
Einer vierten Theſe: „Ju der Sule iſt die bisherige Orthographie 
beizubehalten, bi8 von der Behörde ander8 verfügt wird', ſtimmten 
freili< ſämtli<he Theilnehmer bei, doH hielten viele das darin Aus- 
geſprochene für ſo ſelbſtverſtändlich, daß e8 nicht beſonders betont zu 
werden brauc<e. Bei der Abſtimmung wurde jedo< au< dieſe Theſe 
mit geringer Majorität angenommen. 
ac< Vornahme verſchiedener Wahlen beſchloß ein gemeinſames Feſt- 
eſſen den 6. Nordweſtdeutſhen Lehrertag. Zn den Räumen aber, wo 
eben über Turnen und Rechtſchreibung debattirt war, rezitirte wenige 
Stunden ſpäter Türſ<mann Shakeſpeare's Hamlet. (Fr. d. Schlz.) 
- Schulbildung auf den Philippinen. (Scluß.) Aus den Er- 
innerungen an die Ritterromane und Zaubergeſchichten, welhe man ihnen 
 
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als Kindern auf den Schulbänken erzählt oder zu leſen gegeben hatte, 
verfaßten die Indianer, von Natur aus Didter, in ihren Volksdialekten 
Poeſien, welche nicht ohne Reiz find; andere ſchrieben daraus Schauſpiele 
in 15 Akten, deren Aufführungen 8 Tage währen. In einem ſolchen 
Schauſpiele z. B. waren von den 20 Helden, welche im erſten Akte auf- 
traten, am Anfange des letzten Aktes 14 bereits todt, aber dank einer 
Zauberin wnrden ſie nicht nur wieder zum Leben erwect, ſondern ſie er- 
ſ<ienen auf der Bühne als römiſc<e Soldaten, nahmen Theil an einem 
Gelage der Frau des Pontius Pilatus, folgten dem Triumphzuge des 
Kaiſers Nero, ermordeten die Hugenotten in der Bartholomäus8nac<ht und 
ſahen ihre Apotheoſe in der Einnahme des Fort Trokadero auf der Fuſel 
Leon im Jahre 1823 unter dem Rufe „es lebe Spanien, es lebe die 
Königin!“ Dieſe langen Dramen werden von den Jnudianern beiderlei 
Geſchlechts ſehr ſtark beſu<Qt. Die Theater ſind geräumig: man raucht 
darin , kaut Betelnuß, ißt Gefrornes zu 10 Cts. den Löffel und macht 
einen ebenſo großen Lärm wie in dem Zirkus, wo die Hahnenkämpfe ſtatt- 
finden. Ju allen dieſen Vorſtellungen ſpielt das Orcheſter beim erſten 
es Hriſtlichen oder ungläubigen Fürſten den ſpaniſchen Kö- 
nig8marſch. 
3 Als die ſpaniſ<en Kolonien in den Jahren 1812--23 berechtigt 
waren, ihre Volksvertreter in die Kortes zu ſchien, bemühten ſich die 
Deputirten der Philippinen, eine Reform des Elementarunterrichts zu er- 
langen. Auf ihre Bitte beſchloß die Regierung, daß im Verhältniſſe zu 
den reichen Schenkungen, welhe von den Gläubigen und dem Throne 
an die Klöſter gemac<t wurden, die Mönche in Zukunft die fixen Beſol- 
dungen der Elementarlehrer bezahlen ſollten. Doh die religivſen Orden 
wollten dieſen Befehl nicht verſtehen: alles, was man von ihnen erreichte, 
war die Entlaſſung der Küſter als Lehrer und die Ernennung der Lehrer, 
welche nunmehr aus der Klaſſe der Sekretäre der Gemeindevorſteher ge- 
nommen wurden und welche, intelligente Jndianer, damit beauftragt 
waren, im Volksdialekte die Verordnungen und Geſetze der Behörden zu 
erklären und die Gerichtsprotokolle aufzunehmen. 
Im Jahre 1859, als die Jeſuiten von neuem berechtigt waren, ſich 
auf den Philippinen niederzulaſſen, erlitt der Elementarunterricht eine 
ernſte Umwandlung. Aus der direkten Ueberwachung der Mönche (Do- 
minikaner) ging er wie durc< Zauberei in die Hände der neuen Ankömm- 
linge über. Dieſe gewandten Miſſionäre wußten wohl, daß man, um in 
den Beſitz der Menſchen zu kommen, ſie von Kindheit an lenken müſſe. 
Um die Liberalen zu Hauſe und die Mönc<hsorden nicht zu erſ<hre>en, 
hatten die Jeſuiten einfa; und demüthig um die Erlaubniß gebeten, ſich 
im Süden des Archipels niederzulaſſen, um daſelbſt die ſehr zahlreichen 
Ungläubigen zu bekehren. Jhre Bitte wurde günſtig aufgenommen. Aber 
ſtatt ſich nac der ſüdlichen Jnſel Mindanar zu begeben, ließen ſie ſiH in 
Manila nieder, geſhüßt vom Generalgouverneur und dem Gemeinde- 
vate, welher ihnen ein prächtiges Lokal zur Eröffnung einer Schule 
anvot, 
Statt der früheren mönc<iſc<hen Rhapfodien gaben die Jeſuiten ihren 
Schülern Fibeln und kleine Bücher in die Hände, wie ſie in Europa im 
Gebrau<He ſind. Einheimiſ<e weltliche Lehrer wurden ihnen als Gehilfen 
beigegeben, und nach zwei Monaten hatte ihre Schule mehr als 200 Kin- 
der. Von den Familien eingeladen, ſiHh auch in die Provinzen zu be- 
geben, famen die Jeſuiten, welche zu wenig zahlreih waren, um Manila 
zu verlaſſen, auf den Gedanken, ein Elementarlehrerſeminar zu gründen. 
Der Erfolg dieſer Inſtitution war ein durchſchlagender; denn heute giebt 
es wenig Erziehungsanſtalten in den größeren Orten des Archipels, deren 
Inhaber ihre LTehrdiplome nicht aus dieſem Seminar erhalten haben. 
Man kaun ſice< die Erbitterung der Mönche vorſtellen, als ſie eine 
ſo kräftig geleitete Revolution ohne ihre Mitwirkung und gegen ſie dur<- 
führen fahen. Nac< der Theorie jener Mönche verlange die ſpaniſche 
Politik, daß die Jndianer in der völligſten Unwiſſenheit verbleiben. Dieſer 
Saß wurde öffentlich von einem gelehrten Dominikaner, einem Profeſſor 
der Möncsuniverſität St. Thomas, heutigem Biſchof Gainza, gegen einen 
Jeſuiten vertheidigt, welch' letzterer aber ſiegrei<ß aus dieſem ſonderbaren 
Turnier hervorging, Die Lehrer wurden von dieſer Zeit an in drei 
Kategorien eingetheilt. Diejenigen der erſten erhalten monatlich aus dem 
Lokalbudget 80 Fr., die der zweiten 100 Fr., die der dritten 125 Zr 
Jeder Zögling zahlt überdies monatli<h an den Lehrer 2 Fr. 50 Rp. 
-Wie früber wurde der Unterricht obligatoriſch erklärt und ſteht in jeder 
Gemeinde unter der Aufſiht einer Schulkommiſſion, in welcher ſic) der 
ferifale Einfluß vorzügiich geltend macht. 
Die Geſchichte des höheren Unterrichts iſt wie diejenige des Elemen- 
tarunterrichts nur ein erbitterter Kampf zwiſc<en den beiden genannten 
Orden der Jeſuiten und Dominikaner, und es ſc<hiten daher die Eltern, 
welche ihre Söhne für den Advokatenſtand oder für eine ſonſtige gelehrte 
Laufbahn beſtimmten, dieſelben in die höheren Schulen von Mexiko, Kal- 
kutta, Goa und Pondichery, und da bildeten ſich jene Landeskinder aus, 
welche in den Jahren 1812--23 die ſpaniſchen Kolonien des ſtillen Ozeans 
in den Kortes zu vertreten beauftragt waren und von denen mehrere 
ihre Miſſion in glänzender Weiſe erfüllten. Heute ſuchen die jungen 
Leute der reihen Familien ihre Bildung in der Schweiz, in Frankreich 
und England tret der Bannflüche, welche die Jeſuiten gegen die euro- 
päiſchen Univerſitäten ſ<leudern, welche ſie als „Mittelpunkte ſ<re>licher 
Finſterniß“ darſtellen. 
Zn einem kläglihen Zuſtande befindet ſich der Unterrict für das 
weibliche Geſchle<t. Vor noHD nicht zwanzig Jahren konute ein Gym- 
naſiaſt der unterſten Klaſſe die Jndianerinnen und Kreolinnen durch ſein
	        

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