Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 30.1878 (30)

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- noch meiſt Linwad, ſelten Linwand. Vollſtändig aus Unwät iſt unſer 
mundartliche8 Leimt erwachſen. | 
- Zn Schlafrod> giebt wohl Schlaf einen Sinn, aber nach 
Andreſen liegt urſprünglich, nach den verſchiedenen mundartlihen 
Formen wie ſ<wäbiſ<h Scliefrö>el, Schlaufro> zu ſchließen, mhd. 
- Sloufen von liefen ſchlüpfen zu Grunde. 
Weſte hat unſere Kinder an die Himmel8gegend erinnert, ſonſt 
hätten ſie ſich nicht das Räthſel gebildet: „Jn welchem Kleidungs- 
ſtüfe geht die Sonne unter?“ Weſte iſt jedo< Lehnwort vom lat. 
vestis Kleid. Die Weſte iſt ja eigentlich niht8 anderes als das alte 
Wamms. Dies hat aber durc< Einführung de8 Oberro>e8 nach dem 
30jährigen Kriege die Aermel eingebüßt und iſt bedeutend ver- 
kürzt. Zn Frankreich bedeutet veste heute noh eine Jae und einen 
kurzen Ro>. 
Das. Wort Koſt == Speiſe meint man zu dem Verb koſten zu 
ſtellen, welches dem lat. gustare entſpricht, da die Speiſe gekoſtet wird. 
Jedoch wie Hildebrand im Wörterbuch gezeigt hat, iſt an das dem 
lat. constare entlehnte foſten zu denken. Koſt bedeutet das, was man 
aufwendet, wie pl. die Koſten. 
Bratwurſt heißt die Wurſt nicht de8wegen, weil ſie manchmal 
„gebraten wird, ſoridern ihres Inhaltes wegen. Mhd. brät das weiche 
FTleiſc<. Jn Süddeutſchland ſagt man noch jetzt für klein geha>tes 
Fleiſ<Q, das gegeſſen werden ſoll, bräte. Bratwurſt iſt alſo überein- 
ſtimmend mit der Bedeutung Mettwurſt == Fleiſchwurſt. 
Weißbrot denkt man ſich in der Regel als Gegenſatz zu 
Schwarzbrot. Jedoch Adelung ſchreibt „Weizenbrot“; wir ſagen 
- Iandſ<aftlih au< Weißmehl für Weizenmehl, und ſo gehört der 
1. Theil von Weißbrot zu Weizen, das wir nhd. fälſchlih mit der 
ſcharfen Spirans ſprechen, vielmehr die Mundart es richtig mit dem 
weichen 3 ſpricht, denn mhd. weize nicht weize. 
Dei Bosbier ſoll man an Bot denken und unſere Wirthe laſſen 
bei ihren Ankündigungen in den Lokalblättern faſt immer ein Bild 
beiſezen, wo ein Faß von 2 Böden gehalten wird oder dergl. Indeß 
wie ſchon Schmeller im Wörterbuch und Gräße in ſeinen „Bierſtudien“ 
dargethan haben, bedeutet der 1. Theil die hannöverſche Stadt Einbec, 
die früher dur< Bereitung ihres ſtarken Bieres berühmt war und 
deren Bier als Aimbo>k verſchenkt wurde. Das bei uns auf dem Lande 
in der Ernte vielgetrunkene Halbbier wird faſt überall Kofent genannt. 
E3 iſt dies Wort nach Hildebrand eine Entſtellung aus lat. Copvent 
Kloſter und bezeichnet die zweite Sorte Bier, das die Kloſterbrüder er- 
hielten, im Gegenſatz zu dem ſtarken Bier, das die Oberen (patres) tranken. 
Das . Gaunerſpiel Kümmelblätt<hen, das in geſchiter Ver- 
miſchung dreier Karten beſteht, hat niht8 mit Kümmel zu thun, ſon- 
dern in Rüdſicht auf die lokale Ausſprache Gimelblätthen und die 
Bedeutung 3 ſtellt e8 Andreſen zu dem 3. Buchſtaben des ebräiſhen 
Alphabet8 Gimel, der auch die Dreizahl bezeichnet. 
Bei Charfreitag könnte man den 1. Theil ſeiner Schreibung 
wegen für ein Fremdwort halten, es iſt aber darin das altdeutſche 
chara == Trauer, Klage bewahrt. 
Der grüne Donnerstag erinnert an grün, und es iſt bei uns 
in Sachſen üblich, am grünen Donnerstag auch etwas Grünes (Spinat, 
Rapsſalat, Kornblumenſalat) u. ſ. f. auf den Tiſch zu bringen. Mit 
unſrer Bezeichnung hat e8 jedoch eine andere Bewandtniß. Am 
Donnerstage der Charwoche war ja das heilige Abendmahl eingeſetzt 
worden, deShalb wurde dieſer Donners8tag im geiſtigen Sinne als der 
Tag betrachtet, an welchem „nach öffentlicher Buße die Menſchen von 
der Sünde befreit, rein, friſch, gleichſam wieder jung und grün ge- 
worden ſeien“, und ſo wurde der Tag in der Kirchenſprache des 
Mittelalters als dies viridium bezeichnet. Dies übernahm man, 
wörtlich in Gründonnerstag überſetzt, ins Neuhochdeutſche. - 
Bei uns hört man bei ſtarker Kälte im Januar und Februar 
die Leute ſagen : Der große oder kleine Horn der macht ſein Stüchen. 
Auf die Frage aber, was Horn heiße, antwortet man gewöhnlich 
erklärend, es verlöre zu dieſer Zeit der Hirſch ſein Horn (Geweih). 
Horn (coruu) hat jedoch mit jenem nicht3 zu ſchaffen, ſonderw*torn 
iſt ein altes Wort für Winter und bezeichnet eigentlich den Januar, 
der Februar hieß hornunc (vergl. Karl des Großen Monatsbezeich- 
nungen), d. i. fleiner Horn. Im landſchaftlichen Sprachgebrauch 
bewahrt ſich alſo unbewußt ein altes Wort in urſprünglicher Bedeutung. 
 
Karl der Große bezeichnete den Mai als Wonnemonat und 
wir nennen ihn heute noch ſo, fühlen aber dabei etwas ganz anderes. 
Wir überſetzen uns Wonne mit Freude, vielleiht über den Anblick 
der neugrünenden Wieſen und der wieder blühenden Bäume. Jedoch 
ahd. wunni, mhd. wünne, wunne heißt Wieſenland, und der Monat, 
in dem das Wieſenland für das neue Jahr bearbeitet wurde, hieß 
Wonnemonat. Im Laufe der Zeit vergaß man aber die urſprünglich 
ſinnliche Bedeutung de8 Wortes und verband mit ihm den Begriff 
Freude, vielleicht, weil der große Heerdenbeſizer beim Anblick ſeiner 
ſhönen, reichlich tragenden Wieſen große Freude empfand. Die 
alliterirende Form Wonne und Weide iſt alſo ein Pleona8mus. 
Flitterwo<e hat nichts zu thun mit Flitter = Put, Glanz, 
ſondern ſtammt von flittern ſchmeicheln, kofen, ahd. fliterazan liebkoſen. 
Zn der Bibelſtelle Matth. 5, 18 . . . no< ein Tittel vom 
Geſetz . . . iſt Tittel unverſtändlich. An Titel dabei zu denken iſt 
nicht richtig, denn es bedeutet hier „Punkt“ von altdeutſch tutte 
Bruſtwarze. 
Der falſ<e Eid, der Meineid genannt wird, hat ſeinen 
Namen nicht von meinen, ſondern vom alten Subſt. oder Adjektiv 
mein == Falſchheit, falſch. 
Bei Kopfnüſſe ſoll man nicht an Nüſſe denken, es liegt der 
Bildung das in ſüddeutſchen Dialekten verbreitete uussen == ſchlagen 
zu Grunde. Vielleicht hierzu zu vergleichen unſer mundartliches ab- 
niSchelin == ſchlagen. 
Ohrfeige heißt mhd. örslac, aber holländiſ< nac< Grimm 
oorvijg und oorveeg. Vijg, veeg, mit unſerm fegen zuſammenhängend, 
bedeutet ſchlagen und dieſe Bedeutung liegt in Ohrfeige. 
Leumund könnte, wie Vormund, an Mund erinnern, und weil 
man volkfsthümlich das wirklih in dem Worte geleſen, ſo iſt die 
Redensart entſtanden: in der Leute Mund ſein. Das Wort heißt 
jedo<z ahd. hliumunt = Ruf. Goth. hliuma == Gehör hangt eng 
damit zuſammen. Die volle Endung „und“ beſigen wir no< in 
Abend, Jugend, nur hier mit abgeſchiwächtem Vokal. Von Leumund 
iſt verleumden erſt abgeleitet. 
Wenn der Jäger von einer Kette Rebhühner ſpricht, ſo denkt 
man gewiß an Kette, zumal wenn man weiß, daß die Thiere vielfach 
in einer Reihe liegen. (Es ſollte jedoch richtiger Kütte ſtatt Kette 
heißen, da ahd. chutti == Schaar, Heerde zu Grunde liegt. 
Hoffahrt hat mit Hof nichts zu thun, ſondern iſt durch An- 
gleichung aus mhd. höchvart == Hocfahrt entſtanden. . 
Eiferſucht iſt nicht, wie Schleierma<er einmal wortſpielend- 
bemerkt, eine Leidenſchaft, die mit Eifer ſucht, was Leiden ſchafft, 
jondern ſucht iſt urſprünglich Subſtantiv. Mhd. suht == Krankheit. 
Vergl. Blei<ß-, Gelbſucht u. ſ. f. 
Wir beanügen uns mit dieſer Ausleſe, erachten aber nochmals 
als unſere Pflicht, alle Lehrer auf das Andreſen'ſhe Buch ganz beſon- 
ders hinzuweiſen. Cs bietet nicht allein eine reiche Menge belehrender 
Aufſchlüſſe über den wahren Jnhalt der Worte, die jedem Gebildeten 
als wiſſenswerth erſcheinen müſſen, ſondern e8 wird auch ſpeziell dem 
Lehrer bei ſeinem Unterrichte für die philologiſch richtige Ertlärung 
eines Wortes gewiß eine re<t willkommene Quelle ſein. 
Grimma. Herm. Däbrißz. 
Redakteurverband. 
Auf unſere beiden, äußerſt gemäßigten Erklärungen in Sachen 
Kleinert-Noſtiz, welche in dieſem Gewande ſicherli< dazu angethan 
waren , Herrn Noſtiz eine befriedigende Beilegung zu erleichtern, ant- 
wortete leßterer mit neuen Ausfällen, diesSmal nicht nur gegen Herru .. 
Kleinert, ſondern auch mit Anſpielungen auf deit Redakteurverband, in- 
dem er inbezug auf letzteren von Kliquenweſeu+“Jntereſſenpädagogikern 2c. 
ſpri<t, und indem er den erſteren mif Aus8drü>en wie „Erbärmlichkeit, 
Gekläffe, bornirt, zudringlich,“ unverſ<ämt, an den Pranger ſtellen, 
lügen“ 2c. haranguirt. Niemand wolle verlangen, daß wir dem Herrn 
Noſtiz auf dieſes Gebiet folgen. Er hat damit gezeigt, weß Geiſtes Kind 
er iſt, und daß er zu jenen Publiziſten zählt, von denen man keine Er- 
tlärnng mehr. zu verlangen braucht, weil fie die Ehre anderer nicht an- 
zutaſten vermögen. Wir bedauern im Lehrerintereſſe und im Hinbli> 
auf die StandeSehre des deutſchen Lehrerſtandes, daß eine rein ſachliche 
Angelegenheit, wie ſolche Hr. Kleinert auf der Fürther Lehrerverſammlung 
in gewinnender Weiſe vertreten hat, in ſolch' unqualifizirbarer Weiſe 
dur< die Herren Körner und Noſtiz ausarten konnte. Letzterer kann nun- 
mehr vollitändig beruhigt ſein. 
Fr. W. Pfeiffer, d. Z. Vorſißender.“ 

	        

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