Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 32.1880 (32)

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als ob in der Zuſtimmung zu dem Antrage Lienbacher's eine Anerkennung 
jener das Landre<t in den Vordergrund drängenden Theorien gelegen 
wäre. Nur auf das enge begrenzte Gebiet der Schulpfliht möge die 
Erwägung über die Reformirung der Sc<ulgeſegebung beſchränkt bleiben. 
Es möge bei dieſer Reform den lokalen und Bezirksverhältniſſen Rech- 
nung getragen werden. -- Der Redner giebt ſi< hier als einen jener 
Männer, welche die Bedeutung der Schulpfliht gänzlich verkennen. Das 
„enge begrenzte Gebiet der Shulpflicht“ iſt in Wahrheit das ganze große 
Gebiet der Neuſchule. Was kann denn die aeiſiliche Sc<ulaufficht noc<h 
ſchaden, wenn wir erſt eine ſe<8jährige Rumpfſ<hule haben ? Jn dieſem 
Falle iſt es ſhon gleichgiltig, wer die Sc<hularbeit überwacht, denn da 
ind die Bedingungen zu einem zwegemäßen Erfolge ja ohnehin ſ<on 
verloren gegangen. Und nun gar den lokalen und Bezirksverhältniſſen 
bei Fixirung der Schulpfliht Rechnung tragen -- ja, wo führte das end- 
lich hinaus ? Wir erhielten bei einem folden Vorgehen einen Wirrwarr, 
der vhne Beiſpiel wäre, und müßten uns von der ganzen Welt auslachen 
laſſen. Nein, nein, ſol<he Anſihten mögen in Bauernſtuben verfangen, 
wenn es gilt, ein Mandat zu erlangen, vor dem Forum des geſunden 
Menſc<enverſtandes ſind ſie eitel Dunſt. Es iſt geradezu lächerlich, immer 
von der Wahrung des Prinztp8 der achtjährigen Schulpfliht zu reden 
und daneben für Preisgebung dieſer Pfliht an Bezirke und Orte zu 
ſprehen. Ein Prinzip bleibt nur ſo lange ein aufrechtes Prinzip, als 
ſich die Praxis innerhalb des Rahmens bewegt, den es ſeinem Begriff 
und Weſen nach darſtellt. Wenn ſich alle Bezirke für einte ſe<8- oder 
ſiebenjährige Schulzeit entſcheiden ſollten -- was der gute Genius Oeſter- 
rei;<8 verhüten wolle --, ſo könnten die Herren, die das achtjährige 
Prinzip mit tönenden Worten wahren, ſich nur na< Nürnberg in das 
gewiſſe Kabinet begeben. Man kann in der Tat nicht ohne Bitterkeit 
an den Mißbrau< denken, dem das Prinzip der achtjährigen Schulpflicht 
in neuerer Zeit gerade von lÜberaler Seite fort und fort ausgeſeßt iſt. 
Nac< Granitſ< ſprac< der Abgeordnete Dr. Ruß. In deſſen Rede 
wehte etwas von Geiſt und Kraft. Er ging von den großen Prinzipien, 
mit denen die Volksbildung zu leiten iſt, aus und vertrat die modernen 
Grundſätze. Man nenne, ſagte er, dieſelben de8halb liberal, weil die 
Sache der Freiheit nur mit der fortſ<hreitenden Bildung gewinne und 
weil die Reaktion auf die Unbildung und geiſtige Zurükgebliebenheit ihre 
Hoffnungen ſetze. EigentliH aber ſeien dieſe modernen Prinzipien der 
Volksbildung von allgemein kultureller Bedeutung und ſtehen mit der 
politiſ<en ſtaatsrehtlihen Parteiſtellung in keinem inneren Zuſammen- 
hang. Der Redner gedachte ſodann der Verſuche, welhe an die Abände- 
rung der Dauer der Schulpflicht geknüpft werden, die großen Grundſäße 
der Schulgeſetzgebung zu bekämpfen. Er wie8 nach, daß die Geſeßgebung 
de8 Reiches auf irgend einem Gebiete ni<t nach den Bedürfniſſen der 
bäuerlihen Bevölkerung geregelt werden könne -- und daß in einem 
Staate , in welchem eine intelligente, gFewerbfleißige, induſtrielle Bevölke- 
rung lebt, auch dieſe Elemente Berückſichtigung finden müſſen. Gegen 
den Abgeordneten Lienbacher erörterte Ruß die angeblihen Wirkungen 
der Schulgeſetze auf die Sittlichkeit der ländlihen Jugend. Die pikante, 
etwas ſchlüpfrige Jdylle, die der Abgeordnete Lienbacher gedichtet hatte 
und in welcher er lauſchige Waldpromenaden der vierzehnjährigen Bauern- 
burſchen und Bauernmäd<en mit einem Anfluge von Paul de Ko>'ſher 
Phantaſie ſchilderte, gab-Ruß zu einer wißigen Replik Anlaß. Die Wald- 
promenaden „in Gottes freier Natur“, welche vom Abgeordneten Lien- 
bacher ſo energiſc; verfolgt worden ſeien, ſcheinen ihm nicht ſo entſitt- 
lihend, als das Betreten des Tanzbodens. Viel ſchädlicher als die paar- 
weiſen Waldpromenaden, welche übrigens wahrſcheinlich nicht zur Regel 
gehören, ſeien dieſe Tanzvergnügungen der noh nicht der Schule ent- 
wachſenen Bauernmädchen. -- Auf dieſe Bemerkungen eine abwehrende 
Antwort zu geben, dürfte Herrn Lienbacher wohl ſchwerlich gelingen. 
So lange ein Kind der Schule nicht entwachſen iſt, wird e8 mehr oder 
minder auch außer der Schulzeit der Kontrole des Lehrers unterworfen 
ſein. Streicht zwei Schuljahre aus, und ihr habt 12- bis 14jährige 
Kinder als mitwirkende Faktoren bei jedem Gelage, wo die Unſitte ihre 
Orgien feiert. Mit dem Austritt aus der Schule denkt ein Kind: Nun 
bin ich frei, nun kann ich tun, wa8 ich will. Und wehe der guten Sitte, 
wenn das Wollen duch Verkümmerung und zu frühen Abſchluß der 
Sculbildung um jede tüchtige Unterlage gekommen iſt! 
Unter den folgenden Rednern war auh Dr. Hoffer. Er gilt allgemein 
als Schulfreund und hat in zahlreihen Fällen bewieſen, daß er es iſt. 
Aber aus eiſernem Kernſtoffe hat ihn die Natur nicht geprägt. Jn der 
Betonung des Prinzips der achtjährigen Schulpflicht und in der gleich- 
zeitigen Hinneigung zu Kompromiſſen mit den Feinden dieſes Prinzips 
gießt er Waſſer zum Feuer, das giebt nur Dampf, und was bleibt, iſt 
das blanke Nichts. Wenn wir das ewige Schwanken der Liberalen in 
der Schuipflihtfrage anſehen, ſo kommen uns allemal die klugen Bauern 
in Norddeutſchland in den Sinn, die am Sonntage unbequeme landes- 
fürſtlihe Verordnungen an den Kir<entüren interpretiren. Sie ſehen in 
dem L S am Fuße der Plakate immer nur ein „Lat't ſlippen“, das heißt: 
Laß es dur<ſhlüpfen, kümmere di< nic<t darum. Wann wird man end- 
liM dahin kommen, ein vom Kaiſer ſignirtes Geſet für unantaſtbar zu 
halten und den Verſuchen, es in der Praxis zu verwäſſern und zu ver- 
nichten, entſagen ? 
Das Ende von dem langen Redeliede war die Zuweiſung des Lien- 
bacher'ſ<en Antrags an einen Aus8ſhuß. Dieſer Ausſ<uß -- das ſagen 
wir mit Beſtimmtheit voraus, und die Tatſachen werden unſere Voraus- 
ſage nicht hinfällig machen -- wird die Normirung der Schulpflicht in 
 
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die Hand der Länder, vielleigt gar der Bezirke zu legen empfehlen. 
Darauf werden Abgeordneten- und Herrenhaus eingehen. Was dann? 
Ja, dann kommt noh vieles na<. Denn wenn für große, an Intelligenz 
reiche Gemeinden an eine Reduktion der Schulzeit niht gedacht werden 
kann, ſo wird in nicht wenigen Landbezirken do< luſtig darauf los geſtrihen 
werden. Schulen mit ſe<s Schülerjahrgängen, wie ſie in Ausſicht ſtehen, 
brauchen aber einen an Wiſſen weniger reichen Lehrer, wie man bald 
herausklügeln wird, und wozu ſoll denn ein ſolher Mann vier Jahre 
im Seminare ſißen? Reichen für ihn nicht drei oder zwei Jahre voll 
kommen aus? Und da er weniger zu leiſten braucht, ſo darf man ihn 
doh ſicher geringer honoriren, was man ja auch dem Volke, das unter 
den erdrückenden Scullaſten ſeufzt, ſchuldig iſt. Zwei Schuljahre weg =- 
das in ſich lac<ende „Vaterland“ rehnet jetzt ſhon mit amtlichen Ziffern 
nah, daß das im Reiche 300 000 Sculkinder weniger bedeutet. 300 000 
Kinder, das ſind über 3000 Lehrſtellen, die zum Ausmerzen reif werden. 
WelH' eine Erſparung! Das „Vaterland“ wird ſig wohl verrechnen, 
aber ſollte ſich auc< nur die Hälfte oder ein Viertel ſeiner Hoffvungen 
erfülſen -- für die gute Sache wäre ja auc< das ſchon ein überaus 
ſ<werer Verluſt. 
Kurz, die Dinge ſtehen ſchle<t, und wer mit klarem, denkendem Bli> 
die Lage prüft, der wird Tage kommen ſehen, von denen der Schul- und 
Volksfreund ſagen muß: Sie gefallen mir nicht. JT. 
Ein internationaler Unterrichtskongreß. Für den Abend des 
10. Februar war, wie die Kö'!n. Ztg. berichtet, um 8 Uhr im Saale der 
„Union Syndicale“ (Palais de la Bourge) in Brüſſel die erſte Sitzung 
de8 Generalfomite8 des internationalen Unterrichtskongreſſes feſtgeſett, 
wel<er während der Feſtzeit des 50jährigen Jubiläums der Unbahängig- 
keit des belgiſ<en Volkes im September hierſelbft tagen wird. Aus allen 
ziviliſirten Ländern ſind dem Generalkomite Männer der Wiſſenſchaft, 
der Shul-, Staat8- und Kommunalverwaltung beigetreten. Deutſch- 
land wird u. a. vertreten dur< Profeſſor Gneiſt, Profeſſor Dr. Hirſch, 
Profeſſor Ernſt Hädel, Profeſſor Vir<how, Geheimrat Dr. Wehrenpfennig, 
Oberpräſident v. Ende, Dr. Becker, Oberbürgermeiſter von Köln, v. Weiſe, 
Oberbürgermeiſter von Aachen, Senator Römer - Hildesheim , Dr. Völk- 
Augsburg, Moritz Wiggers8, Regierungs- und Schulrat Florſ<üß-Köln, 
Provinzialſc<ulrat Höpfner - Koblenz und mehrere verdiente Shulmänner 
aus allen Gebieten de8 Unterricht8weſens. Der Stadtverordnete Ham- 
ſpohn aus Köln fungirt als Generalſekretär für Deutſchland. Das ge- 
dru>t vorliegende Programm für den Kongreß erläutert deſſen Zwe 
wie folgt: „Der Kongreß bezweE&t die Erörterung und Gemeinverſtänd»- 
lihfeit der ſozialen Fragen, welche ſich auf das Unterrichtsweſen aller 
Grade beziehen. Der Kongreß verfolgt dieſen Zwe> durc< eine freie 
Debatte und die Veröffentlihung ſeiner Arbeiten. Er arbeitet gleichſam 
wie eine Enquetekommiſſion, in welcher alle Tatſachen und Jdeen zum 
AusdruF kommen und ſich gegenſeitig kontroliren können. Der Kongreß 
ſucht die Wahrheit, aber er drängt fie nicht auf. Er ordnet Beſprechungen 
an und fördert die Aufklärung, aber er faßt keine Beſchlüſſe.“ Dann 
folgt eine genaue Einteilung der vorzunehmenden Arbeit und die vor- 
läufige Formulirung einer Menge Fragen über die verſchiedenen Zweige 
des Unterric<ht8weſens und die Stellung des Staates zu denſelben. Ein 
verdienſtvolles Werk haben die rührigen Belgier mit der Veranſtaltung 
eines internationalen Unterrichtskongreſſes begonnen. Jhre unter den 
Auſpizien des Unterricht8miniſter38 Vanhumbeek getroffenen Maßregeln 
laſſen einen guten Erfolg verhoffen, und an dieſem werden unſere deut- 
ſ<Hen Landsleute ſicher ein gut Teil für ſich in Anſpruch nehmen dürfen. 
Das Generalkomite des internationalen Unterrichtskongreſſe8 hat nun 
in ſeiner Sitzung am 19. Febr. die dur< hervorragende Referenten zu 
erörternden Fragen für die öffentlichen Verſammlungen des Kongreſſes 
au8gewählt. Unter dieſen Fragen ſteht obenan: „Welchen Zwe hat der 
Geſeßgeber bei der Aufſtellung eines Programms für die Volksſchule zu 
verfolgen ?“ Für die Beantwortung diejer wichtigen Frage hofft man 
u. a. einen deutſHen Parlamentarier von Bedeutung zu gewinnen. Fer- 
ner ſoll die Stellung der Mittelſhule in großen Zügen klargeſtellt werden. 
Zu den Mittelſ<Qulen rehnet man in Belgien auch die Realſchulen und 
Gymnaſien (athences et colleges), weil ſie in der Mitte ſtehen zwiſchen 
der Elementarſchule und der Univerſität. Soll die Mittelſ<ule Elementar- 
flaſſen haben oder ſi< an die Elementarſchule anſchließen, ſoll die Mittel- 
ſchule zur Univerſität vorbereiten oder Selbſtzwe> ſein; oder wie kann 
dur< verſch'edne Schulen desſelben Grades beiden Richtungen genügt 
werden? Dies ſind höchſt bedeutſame und auc< in Deutſchland no<F nicht 
gelöſte Probleme. Bezüglich der Univerſität wird deren doppelter Zwe, 
einerſeits die Wiſſenſchaft zu pflegen, andererſeits für den praktiſchen Be- 
ruf vorzubiiden, zur Sprac<e kommen. Die Einrichtung der Staats- 
prüfung ſoll dabei auch eine Rolle ſpielen. Den deutſchen Univerſitäten 
wirft man im Auslande vielfach vor, daß ſte der höheren wiſſenſ<aftlihen 
Bildung, in der do<h nur wenige bevorzugte Köpfe ſic hervortun könn- 
ten , zu viel Zeit und Kraft opferten gegenüber dem praktiſ<en Bedürf- 
niſſe der großen Menge der Studirenden. Man befürwortete dabei die 
Scheidung der Univerſitäten in rein wiſſenſchaftliche und berufsmäßige 
Abteilungen. Au<“ das Gewerbeſchulweſen nnd namentlich die Werkmeiſter- 
jhule kommt zur Erörterung, die Bedeutung und die Methode des Zeichen- 
unterrichis, die Einwirkung der Kunſt auf das Handwerk u. |. w. Ferner 
ſoll die Frage zur Verhandlung kommen, ob mit den Werkmeiſterſhulen 
Muſterwerkſtätten zu verbinden ſind; ein Gegenſtand, dem die Kölniſche 
Zeitung ſc<on wiederholt ihre Aufmerkſamkeit gewidmet hat. Zule8ßt wird 
es ſih no<F darum handeln, feitzuſtellen, welhen Nutzen die Schulen der
	        

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