Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 32.1880 (32)

 
N 14. 
» 
Allgemeine 
xs Tehrerzeig, 
Herausgegeben von A. Berthelt. 
4880. 
TZ. 
Zugleich Organ der Allg. deutſchen Tehrerverſammlungen und des Deutſchen Lehrer-Penſionsverbandes. 
 
 
PK ährlich 52 Nummern von mindeſtens 1 » 9ogen nebſt 
eg e: An GENIE r pädag ogiſch 
Literatur ( in 12 reis vi EE HAbLG 
2 Mark. Anzeigen für di dreiſpaltige Petitzeile 
oder deren Raum 30 Pfennige. Liter. Beilagen 
9--15 Mark, mit Poſtvertrieb 6 Mark mehr. 
 
 
Rouſſeau's Einwirkungen auf ſeine deutſchen 
Zeitgenoſſen. 
Eine literar-hiſtoriſ<e Studie. 
Eine literariſche Perſönlichkeit in ihrem wahren Weſen und in 
ihrem wahren Werte zu erkennen, genügt es nicht, deren Leben8verlaufe 
nachzuſpüren und deren Werke zu dur<muſtern; dazu iſt auch genaues 
Studium des Boden3 nötig, in welchem die Einzelexiſtenz Wurzel 
geſchlagen, ſowie eingehende Kenntnißnahme der nach allen Seiten hin 
ſich verbreitenden Wirkungsſphäre des zu ergründenden Jndividuums. 
Iſt auc glülicherweiſe diejenige Periode der geſchichtlichen Betrach- 
tungsweiſe vorüber, innerhalb welcher man einen Cäſar und einen 
Cromwell nac den Paragraphen des Rotte>-Welder'ſ<hen Staats- 
lexifon8, einen Auguſtin und einen Luther nacg den Grundſätzen von 
Röhr's Predigerbibliothek oder Wegſceider's Institutiones aburteilte; 
zeigt ji; namentlic< auf theologiſchem, philoſophiſchem und hiſtoriſqem 
Gebiete in der.Gegenwart eine ungleich größere Wertſ<hätzung geſchicht- 
lihen Zuſammenhange8 und Sichentfaltens als früher: ſo iſt doch 
noch gar viel zu tun, um auf jeglichem Gebiete wiſſenſchaftlicher Beob- 
ac<tungsweiſe für eine tiefer gegründete hiſtoriſc<e Auffaſſung das 
wünſchenswerte Hilf8material herbeizuführen. Namentlich innerhalb 
des Bereiches der Pädagogik fällt ganz außerordentlich der Mangel 
an ſolchen Vorarbeiten auf, durch welche der geſchichtliche Unter- und 
Hintergrund, auf und aus welchem die pädagogiſchen Größen auf- 
tauchten, jowie die von dieſen auf ihre Zeitgenoſſen geübten Einwir- 
kungen feſtgeſtellt werden. Greifen wir aus der Fülle glanzvoller 
Namen einmal den des Jean Jacques Rouſſeau heraus. Ein 
ſharfſichtiger Philoſoph, heißfühlender Pädagog, feinſinniger Künſtler, 
ein Proſaiker allererſten Ranges, von unermeßlichem Einfluſſe nicht 
nur auf ſein Volk, ſondern auf das geſamte gebildete Europa des 
18. Jahrhunderts, fo ſteht Rouſſeau vor uns, ein ſtarker, gewandter, 
dreiſter Sturmvogel, welher die kommende Revolution ankündet. Wir 
beſitzen treffliche Schriften über ihn. Hettner in feiner Geſchichte der 
Literatur des 18. Jahrhunderts, Frenzel in ſeinen „Studien“, Fiſcher 
in ſeiner Geſchichte der neueren Philoſophie, Broderhoff, Gehrig u. a. 
in beſonderen Monographien haben dafür geſorgt, daß wir das geiſtige 
Bild des Mannes, das nicht allein durF „der Parteien Haß und 
Gunſt verwirret“, ſondern auch durch eigenes, echt franzöſiſches Komö- 
diantentum in täuſchenden Farbenzauber gehüllt und mit nicht ganz 
verdienter Glorie umhüllt worden iſt, in ungeſ<minkter Wahrheit und 
in ungetrübter Klarheit wiedergewonnen haben. Rouſſeau's Schriften 
ſind in billigen Ausgaben jet jedermann zugänglich; ihre Bedeutung 
für die Gegenwart iſt in zahlreichen Werken fizirt worden, und ſo 
ſeinen inbezug der vollen Würdigung dieſes merfwürdigen Mannes | 
alle erforderlichen Unterlagen vorhanden zu ſein. Und doch ſcheint 
dies nur ſo. Denn ſo weit unſere Kenntniß reicht, fehlt uns noch 
eine Zuſammenſtellung der Ergebniſſe des Cinfluſſes, den 
Rouſſeau auf ſeine Zeitgenoſſen gehabt, alſo eine Arbeit, 
Sonntag, den 4, April. 
 
 
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Aufſ ſähe über zeitg emäße Themata und Mitteilungen 
über Schul- und Gehrerverhältniſſe find willkommen. 
Schriften zur Rezenſion ſind unberehnet an die 
Verlagshandlung oder an die Redaktion des Anz. 
für pädag. Literatur einzuſenden. --- Beſtellungen 
nehmen alle Buchhandlungen und Poſtämter an. 
dur< welche ſowohl auf Rouſſeau ſelbſt, wie zugleich auf ſeine Zeit- 
genoſſen ein helleres Licht geworfen werden dürfte. Wohl bieten auch 
nach dieſer Richtung hin die Werke der oben genannten Forſcher, ſowie 
die umfangreicheren Schriften über Pädagogik und deren Geſchichte 
von Raumer, Shmidt und SHmid, Schumann u. a. einige AuSsbeute, 
aber keine auSreichende. Wenn wir mit dem Nachſtehenden verſuchen, 
eine ſolche Zuſammenſtellung zu geben, ſo weit es ſic um die deut- 
ſchen Zeitgenoſſen Rouſſeau's handelt, ſo dürfen wir wohl angeſichts 
der überaus großen Anzahl von Schriften, die behufs Erreichung 
jene8 Zwe>es durchgeſehen werden müſſen, auf einige Nachſicht bei 
unſern Leſern rechnen, falls dieſelben in dem von uns Dargebotenen 
die erwünſ<te Vollſtändigkeit vermiſſen ſollten. 
Behufs richtiger Auffaſſung des Nachfolgenden wolle man ge- 
fälligſt iin Auge behalten, daß Rouſſeau im Jahre 1749 ſeine preis- 
gekrönte Abhandlung über den Einfluß der Wiſſenſchaften und Künſte 
auf die Sitten ſchrieb, 1759 die neue Heloiſe, 1762 den Contrat 
Social, ſowie den Emil, 1770 und 71 ſeine Bekenntniſſe. Die Wir- 
kung aller dieſer Schriften war eine ungeheure, in Deutſ<land noch 
eine weit tiefere und nachhaltigere als in Frankrei< -- wie einer der 
kompetenteſten Beurteiler, Profeſſor Hettner, behauptet. Man darf 
fühnli< den Satz aufſtellen, daß unter den profanen, einer fremden 
Nation angehörenden Schriftſtellern, die auf deutſche Bildung und 
Sitte eingewirkt, Rouſſeau mit den altklaſſiſch en Skribenten und 
mit Shakeſpeare faſt auf gleiche Linie und über alle andern zu 
ſtellen ſet. 
Der junge Leſſing, der ho<h oben im kritiſchen Wactkorbe ſaß 
und mit dem ſ<härfſten Blife den weiteſten Geſichtskreis um- 
ſpannte, ſchrieb bereits im Jahre 1751 in den Literaturbriefen über 
Rouſſeau's akademiſche Preisſ<hrift: „J< habe die gekrönte Rede des 
Herrn Rouſſeau geleſen. JI< finde ſehr viel erhabene Geſinnung 
darinnen und eine männliche Beredſamkeit. Die Waffen, mit denen 
er die Künſte und Wiſſenſchaften beſtürmt, ſind zwar nicht allezeit 
die ſtärkſten; gleihwohl weiß ic< nicht, was man für eine heimliche 
Ehrfur<t für einen Mann empfindet, welcher der Tugend gegen alle 
gebilligten Vorurteile das Wort redet, auch ſogar dann, wenn er zu 
weit geht. Man könnte verſchiedenes gegen ihn einwenden 2c. -- 
Wenn ja den ſtrengen Sitten die Künſte und Wiſſenſchaften nachteilig 
ſind, ſo ſind ſie es nicht durch ſich ſelbſt, jondern dur) diejenigen, 
welche ſie mißbrauchen. Die Künſte ſind das, wozu wir ſie machen 
wollen. E3 liegt nur an uns, wenn ſie uns ſ<hädlic<h ſind. -- 
Kurz, Rouſſeau hat unrecht; aber ich weiß keinen, der es mit mehrer 
| Vernunft gehabt hätte.“ =- Später hat Leſſing Rouſſeau's nur bei- 
läufig gedacht, ſo in zwei ſeiner an Mendelsſohn gerichteten Briefe, 
in einem an Eliſe Reimarus geſchriebenen; doc< hat er ſich nicht 
wieder ausführlich, billigend oder verurteilend, über den genialen 
Halbfranzoſen und deſſen Schriften ausgeſprohen. Sein Berliner 
Freund Mendelsſohn intereſſirte ſich gleichfalls lebhaft für Rouſ- 
ſeau's Arbeiten. Im Jahre 1761 ſchreibt er an Leſſing: „Die Briefe
	        

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