123
mächen. = Aber eine junge Däme aus der deutſchen Leſewelt nahm
dies nicht ſo. Sie ſagte, Rouſſeau ſei ein Jugendverführer. Des-
wegen habe er no< als Greis in ſeinen Bekenntniſſen ſeine Fehler,
ſeine laſterhaften Neigungen, die böſen Seiten ſeines Herzens auf-
gede>t. E58 ſeien tauſend Stellen in dem Buche, denen man es an-
ſehe, daß nur Eitelkeit dabei die Feder führte, und andere, denen man
es. ebenſo gut anſehe, daß Rouſſeau lügt. Ueberhaupt enthielten
Rouſſeau's Bekenntniſſe viele ſchöne Redensarten und wenig Gedanken.
Rouſſeau habe auch in ſeinem ganzen Leben jede Gelegenheit, ſich ſelbſt
fortzuhelfen und der Welt nüßlich zu ſein, von ſich geſtoßen; er wäre
der Welt, wenn er auch nur irgend ein Handwerk getrieben hätte,
nützlicher geworden als durch alle ſeine gefährlichen Schriften. --
Aufheben8wert war dieſes unvergleichliche Urteil über Rouſſeau, weil
iH glaube, e3 ſei das einzige in ſeiner Art. Rouſſeau's Bekenntniſſe
ſind freilich kein Buch für die Jugend; aber für mich ſind ſie eines
der merkwürdigſten philoſophiſchen Bücher unſer8 Jahrhundert8. Jhr
kleinſter Vorzug iſt ihr unerreichbarer Stil und ihr Kolorit. Die
ſpäteſte Nachwelt wird Rouſſeau's Bekenntniſſe leſen und wird nicht
fragen: Wie alt war Rouſſeau, als er ſeinem Jahrhundert auch noh
dieſes letzte Beiſpiel ſeiner Aufrichtigkeit gab?“ So weit der Aller-
weltsphiloſoph und ko8mopolitiſche Schönfärber Zimmermann.
Ganz ander8 lautet das Urteil eines deutſchen Patrioten von
echtem Schrot und Korn, des tiefen Geſchichtskundigen Juſtus Möſer.
Jn ſeinen „Patriotiſchen Phantaſien“, herau8gegeben zwiſchen 1768
bis 1786, bekämpft er Rouſſeau indirekt in den Aufſäten „Schreiben
einer Mutter an einen philoſophiſchen Kinderlehrer“, „Erziehung der
Kinder auf dem Lande", „Die Erziehung mag wohl ſklaviſch ſein."
Direkt gegen Rouſſeau's Contrat 80cial gerichtet erſcheinen die Möſer'-
ſchen Artikel „Wann und wie mag eine Nation ihre Konſtitution ver-
ändern" und „Ueber das Recht der Menſ< Rouſſeau im „Emil“ ausgeſprochenen religiöſen Anſichten wendet ſich
Möſer in den Artikeln „Ueber Toleranz“, namentli4h aber in dem
„Schreiben an den Herrn Vikar in Savoyen, abzugeben bei Herrn
Rouſſeau.“ Jn letzterem tadelt Möſer vor allem, daß jenes Glau-
benSbefenntniß, welches ſicher für eine kleine Gemeine beſtimmt, nicht
geheim gehalten, ſondern für jedermann veröffentlicht worden; ſodann
hält er dem Vikar vor, daß „alle Geſebgeber und Stifter großer
Staaten die natürliche Religion unzulängli< gehalten haben, eine
bürgerliche Geſellſchaft einzurichten, zu binden und zu führen, und daß
ſie deswegen zu einer poſitiven Religion ihre Zuflu müſſen. “ Entgegne der Vikar, dann ſei die Religion eine Politik, ſo
erwidere er: „Ja, die Religion iſt eine Politik, aber die Politik Got-
tes in ſeinem Rei<ße unter den Menſchen. -- Uns und der bürger-
lihen Geſellſchaft iſt unendlich daran gelegen, daß der König bisweilen
in der Aſche und auf den Knien erkenne, wie er vor Gott ein armer
Sünder ſei; es iſt von der äußerſten Wichtigkeit für das Wohl einer
Geſellſchaft, daß der Menſ< Andacht habe und ſi< dadurch zu guten
Regungen, zur heilſamen Zucht und zu der nötigen Standhaftigkeit
einſchränken laſſe.“ Der Vikar werde ſagen: „Meine natürliche Re-
liqwn wird dieſes alles ebenſo qut und noh beſſer leiſten. J< er-
fenne den Schöpfer aus ſeinen Werken: dieſe ſind die beredteſten Pre-
diger; ſie reden zu allen Ohren und Augen; ihre Sprache verſteht
der Jrokeſe wie der Kalmüdke; ihre Schönheit gründet ſich auf unab-
änderliche Regeln, welche den weiſeſten, mächtigſten Gott erkennen und
nach einer Janz notwendigen Folge auch zugleich verehren, bewundern
und lieben laſſen.“ Möſer darauf: „J< habe Moſen mit der Stärke
auSgerüſtet, welche ihm die natürliche Religion darbieten konnte; ich
habe ihn gegen einige Hunderttauſend Ziegelbrenner, welche ihr Ge-
fühl und Gewiſſen in den Lehmgruben gebildet hatten und ihn ſtür-
miſch fragten: wer hat dich zum Richter über uns geſeßt ? von der
Schönheit der Geſtirne, von der Pracht des Donner8, von der Ord-
nung im unendlich Kleinen 2c. reden laſſen; allein niemal8 habe ich
damit auc< nur zu der Vermutung kommen können, daß er mit dieſen
menſchlichen Kräften ein unbändiges Volk von ſeinem göttlichen Be-
rufe zur Herrſchaft überzeugt haben würde. Trauen Sie den Ziegel-
brennern ein beſſeres Gefühl zu, ſo habe i< unre Pöbel und nicht für Engel iſt unſere Religion gemacht.“
Als Kurioſum, indeſſen zugleiß do die Kreiſe der von Rouſſeau in den gebildeten Schichten der deutſchen

Geſellſchaft angeſtifteten Erregung ſich erſtre>ten, teilen wir mit: Ein
Herr Mar cel, „Unterdirektor der Vergnügungen und Tanzmeiſter
am Hofe de8 Herzogs zu Sachſen-Gotha“, ſchrieb 1763 an Rouſſeau
und weiſt die von dieſem über die Tanzkunſt aufgeſtellten Urteile als
unbegründet zurüF, worauf Rouſſeau mit überlegener Jronie, die
feinſten Sarka8Smen unter Höflichkeitserweiſen verbergend, antwortet.
Den tiefſten und nachhaltigſten Einfluß gewann Rouſſeau auf
die Dichter der ſogenannten „Sturm- und Drangperiode“, auf
Lenz, Wagner, Klinger, Goethe. Hören wir, was Hettner
ſagt: „Die eigentliche Wurzel der deutſchen Sturm- und Drangperiode
iſt das Naturevangelium Rouſſeau's. Was8 ſtumm und ahnungs3voll
im Herzen der deutſ Leben und Bewußtſein, Ziel und Richtung, Gehalt und Geſtalt ge-
wonnen. Von dem dämoniſchen Zauber, den der mahnende We&ruf
Rouſſeau's naH Natur und Urſprünglichkeit, na< Wiedergeburt und '
Verjüngung auf die nächſten Zeitgenoſſen auSübte, und zwar mehr
noh in Deutſchland als in Frankreich, können wir uns heute kaum
no Klinger ſchreibt Goethe in „Wahrheit und Dichtung“: „Einem ſol-
hen Jünglinge mußten Rouſſeau's Shriften vorzüglich zuſagen. Emil
war ſein Haupt- und Grundbuch, und jene Geſinnungen fruchteten
bei ihm um ſo mehr, als ſie über die ganze gebildete Welt allgemeine
Wirkung ausübten, und ſo konnte er für einen der eifrigſten Jünger -
jenes Naturevangeliums angeſehen werden und in Betracht ſeines
ernſten Beſtreben8, ſeines Betragens al8 Menſch und als Sohn recht
wohl ausrufen: „Alles iſt gut, wie es aus den Händen der Natur
kommt.“ Wie richtig Goethe geurteilt, ergiebt ſich auch aus der ſpä-
teren Entwi>lung Klinger's. Derſelbe blieb bis in ſein hohes Alter,
ſogar unter dem autokratiſhen Regimente des Peterö8burger Hofes
den Jdeen Rouſſeau's ſchwärmeriſch zugetan. In ſeinem Hauptwerke
„Geſchichte eines Deutſchen der neueſten Zeit“, heraus8gegeben i. J.
1810, findet ſich Bd. I der urſprünglichen Aus8gabe S. 99 und 100
folgender Dithyrambus auf Rouſſeau's „Emil“: „E8 iſt das erſte
Buch unſers Jahrhundert8, das erſte Buch der neueren Zeit. Der
Mann, der es ſchrieb, faßte den erhabenen Gedanken, die durch Ueppig-
keit, Selbſtigkeit, Witz, überfeinerte Aus8bildung, dur voll Sophismen, eine alles zerſtörende, ſich ſelbſt dadurch endlich auf-
löſende Regierung, erwürgte moraliſche Kraft, in ſeinen Zeitgenoſſen
wieder zu erwe>en. Dieſes tat er ſo wahr und kühn, als er es fühlte,
und mit der Stärke der Beredſamkeit, derer nur derjenige fähig iſt,
in deſſen Bruſt und Geiſt dieſe moraliſche Kraft in ihrer ganzen Fülle
wohnt. So tief wie er ſah keiner die Gebrechen der menſchlichen
Geſellſchaft; ſo tief wie er fühlte keiner, daß wahre Menſchen in der-
ſelben feine Stelle mehr finden können, auf welcher ſie ohne Gefahr
verbleiben dürften. Sein ſcharfes Auge, ſein forſchender Geiſt, ſein
zartes, verwundetes Herz entdeckten die Wurzeln des Uebels, und mit
fühner Hand riß der Begeiſterte die ſic) im Dunkel windenden Gänge
auf, in denen ſie begraben lagen und verjagte die Geſpenſter, welche
Stolz, Wahn, Eigenliebe und Gewalt zu ihren ſchre>enden Wächtern
beſtellt hatten. Offen legte er das Gift dar, welches das Edle und
Wahre im Menſchen zernagt, und mi ihn zurückhalten. Je mäctiger, je glänzender, je höher diejenigen
da ſtanden, welche dieſes Gift erzeugten und unterhielten, deſto ſcho-
nungöloſer, deſto kühner griff er ſie an. In weisſagendem Geiſte
ſagte er den Vergiſtern, was ihnen bevorſtände und wie eben das
Gift, das ſie ausſtreuten, am Ende ſie felber verzehren würde. Sie
verſ Lohn, der jeden erwartet, welcher den Menſchen die Wahrheit ſagt;
aber eben dadurch legten ſie bei der Nachwelt ein Zeugniß ab, daß er
der einzige Mann ſeines verderbten Zeitalter8 war, der ihnen den
Spiegel der Wahrheit treu vorhielt und fie vor dem Abgrunde warnte,
den ſie in ihrem Taumel und Wahne ſelbſt aufgruben.“
Wie Klinger, ſo auch die übrigen Stürmer und Dränger er-
huben Rouſſeau zu ihrem Idol, einer Phantaſiegeſtalt, welche ſie mit
all* dem ſhmüdten, was ſie in der eigenen Bruſt trugen und anihrem
Obergötzen herauszufinden glaubten. Heinſe, der berüchtigte Ver-
faſſer des Ardinghello, bezeichnet ſich ſelbſt als „verfeinerten Rouſ-
ſeauiſten“. Goethe hegte, wie ſein Tagebuch aus der Straßburger
Zeit beweiſt, die lebhafteſte Vorliebe für Rouſſear's religiöſe Jdeen,

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.