Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 32.1880 (32)

Religion oder Konfeſſion als ſolche Einfluß haben ſolle auf die Neigung 
zur Erwerbung von Bildung und Kenntniſſen. Freilich beſtehen erheb- 
liche Unterſchiede zwiſchen der Beteiligung der verſchiedenen Konfeſſionen 
am Unterricht, namentlich an dem, der jenſeits der Grenzen der allgemei- 
nen Schulpflicht liegt; ſo waren unter je 100 Schülern und Vorſchülern 
der preußiſchen Gymnaſten, Progymnaſien, Realſ<hulen 1. und 2. O. und 
höheren Bürgerſ<hulen 
 
im Sommerhalbjahr 
- 1868 1873 1878 
Evangeliſche 71,8 73,0 73,6 
Katholiſche 19,5 17,8 16,4 
Diſſidenten 0,04 0,03 0,02 
Juden 8,7 9,1 10,0 
während ſich die Geſamtbevölkerung i. J. 1871 zu 64,6 9/) aus Evange- 
ſchen, zu 33,5 9/4 aus Katholiſchen, zu 1,34 aus Juden und zu Un- 
gefähr 1/5 0/5 aus Angehörigen der übrigen Religion8gemeinſc<aften zu- 
ſammenſeßte. Die mit dieſen Zahlen gekennzeichneten Unterſchiede ſind 
indeſſen viel eher auf die wirtſchaftlihe Lage, den Beruf und die ſoziale 
Stellung, die Zugehörigkeit zur ſtädtiſc<en oder zur ländlichen Bevölke- 
rung, die Race oder Nationalität, zum Teil wohl auch auf die Alters- 
zuſammenſezung der Angehörigen der verſchiedenen Glaubensbekenntniſſe 
zurüszuführen, als auf einen direkten Einfluß des Bekenntniſſes. Unſer 
ſtatiſtiſQ)e8 Material erlaubt vicht, alle dieſe Beziehungen ziſſermäßig zu 
verfolgen. Weder die Unterrichtsftatiſtik, noh die Volksbeſhreibungen 
gehen weit genug in der hierzu erforderlihen Detaillirung. Jndeſſen 
au< au ſich iſt die Schilderung der S<hulbevölkerung der höheren Lehr- 
anſtalten nac< dem Religions8bekenntniß von Intereſſe, und darum greifen 
wir no<hmals auf die obigen Zahlen zurüc. 
Aus denſelben geht nun zweierlei hervor: einerſeits ſtehen die Kou- 
tingente, welche die drei, allerdings nicht gleihgroßen Gruppen der Be- 
völkerung, die Evangeliſ<en, Katholiſ<en und Juden, zur S<ülerzahl 
der genannten höheren Lehranſtalten ſtellen, ni<t in geradem Verhältniß 
zur Zahl der Angehörigen jener Bekenntniſſe, =- andererſeits läßt ſich 
die Tendenz, das unrichtige Verhältniß no< weiter zu verſchieben, wäh- 
rend des Verlauf8 der Periode 1868--78 unmögli< verkennen. Des 
näheren ſtellt ſic das folgendermaßen. 
Die evangeliſ<e Bevölkerung beteiligt ſih um ein Neuntel bis ein 
Achtel ſtärker am Unterricht der höheren Lehranſtalten, al8 ihr Anteil an 
der Geſamtbevölkerung beträgt, d. h. wenn ſie na; Maßgabe des leß- 
teren jenen Anſtalten 100 Schüler zuführen müßte, liefert ſie deren tat- 
ſächlich 111 (1868), bezw. 114 (1878). Jn ungleich ſtärkerem Maße macht 
ſich die Mehrbeteiligung bei den Juden geltend, ſie beträgt ungefähr das 
Sech8- bis Siebenfa<ße des zu erwartenden Anteils, d. h. man findet 
auf den höheren Schulen 1868 ſtatt 100 Schüler moſaiſchen Glaubens 
669 und 1878 ſogar 769! Dagegen iſt vie katholiſ<e Bevölkerung im 
Vergleich zu ihrer Stärke um ein Bedeutendes zu ſchwach vertreten; ſie 
entſandte auf die höheren Lehranſtalten 1868 nur 58 Schüler ſtatt 100 
und 1878 ſogar nur 49. 
Aus den hier ſkizzirten Tatſac<en ließe ſih nun der naheliegende 
Schluß ziehen, daß die verſchiedenen Glaubensbekenntniſſe in den ſo- 
genannten gebildeten Schichten des Volkes in ähnlihem Verhältniß ver- 
treten ſein müßten, d. h. daß in letzteren das8 evangeliſ<e und weit 
mehr no<4 das jüdiſ<e Element relativ überwiege und von| Jahr zu 
Jahr mehr Boden gewinne. Dieſen Schluß wird man jedoch nur mit 
großer Vorſiht wagen dürfen, jedenfalls iſt er ſo lange nicht zu beweiſen, 
wie nic<t auch die Schlußreſultate des Unterrichts diejer Anſtalten geſon- 
dert na<g den Bekenntniſſen vorliegen. In unſerer Statiſtik iſt das nicht 
der Fall; vielmehr ſind in den obigen Berehnungen der Sextaner, ja 
ſelbſt der Vorſhüler und der dem Anſtaltsziele bereits ſehr nahe gekom- 
mene Primaner gleichwertig eingeſeßt. Daß aber die konfeſſionelle Zu- 
ſammenſezung der einzeinen Schülergenerationen verſchieden ſein kann 
von der des geſamten Schülerbeſtandes, iſt ebenſo wahrſ<heinli<, wie tat- 
ſächlich bemerkenswerte Unterſchiede in der Beteiligung der drei Religions- 
gemeinſhaften an dem humaniſtiſ;en und dem realiſtiſ<en Unterricht 
beſtehen. Jm humaniſtiſ<en Unterricht ſind die Evangeliſ<en etwas 
ſchwächer, die Katholiken und Juden etwas ſtärker vertreten als im gJe- 
ſamten Beſuch der lb öheren Lehranſtalten ; beim realiſtiſ<en dagegen iſt 
das Uebergewic<ht der Evangeliſchen noH größer als im allgemeinen, das 
der Juden indeſſen, abgeſehen von ihrem in beſonderen Verhältniſſen be- 
ründeten zahlreichen Erſc<einen in der vergleichsweiſe nicht bedeutenden 
Erequenz der Realſchulen 2. O., etwas geringer, während die Katholiſchen 
noh weiter zurücktreten. Die ziſſermäßigen Belege hierfür bietet folgende 
Zuſammenſtellung. 
Es waren unter je 100 Schülern (einſ<l. der Vorſ<hüler) 
im Sommerſem. auf den Gymnaſien auf den Realſch. 1 O. auf den Realſch. | 
1368 u. Progymnaſien u. höh. Bürgerſc<. 2. O. 
Evangeliſche 68,4 79,1 73,8 
Katholiſche 23,4 12,7 5,7 
Juden 8,1 8,1 20,5 
im Sommerſem. auf den Gymnaſien auf den Realſch. 1. O. auf den Realſch. - 
1878 u. Progymnaſien u. höh. Bürgerſc<. 2. O. 
Cvangeliſche 69,7 79,5 78,6 
Katholiſche - 19,5 12,7 6,0 
Juden 10,7 7,7 15,3 
Wir überlaſſen dem Leſer, weitere Betrachtungen hieran zu knüpfen 
und verweiſen nur no< auf die ſeit 1868 vor ſich gegangenen Verände- 
| uns elend und ſ<macvoll verrät. 
 
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rungen. Zur Beurteilung der abſoluten Größen aber, um welche es ſich 
hierbei handelt,. ſei no< folgende Ueberſic<t beigefügt. 
Es betrug die Zahl der Schüler der preuß. höheren Lehranſtalten, 
einſ<l. ihrer Vorſchulen : 
im Sommerhalbjahr 
1868 1873 1878 
Evangeliſche 71 368 91 808 4106745 
Katholiſche 19 373 22 336 23 774 
Diſſidenten 36 38 30 
Juden 8 624 11 502 14 543 
überhaupt 99 419 125 684 145 092 
Die 7. Generalverſammlung des Deutſ<-Böhmiſchen Landes- 
lehrervereins iſt im Auguſt in Leitmeritz abgehalten worden. Die 
Zahl der Teilnehmer aus allen Teilen des Landes war eine bei weitem 
größere, als man urſprünglich erwartete. Die eigentlic<e Generalverſamm- 
lung konnte, wie die „Leit. Ztg.“, der wir hier folgen, bemerkt, keine be- 
ſondere Bedeutung erlangen, da ſie ſich meiſt nur auf die Erledigung der 
internen Angelegenheiten de8 Vereins beſchränkte. Wir teilen daher auch 
uur das Wichtigſte aus einem Vortrage mit, den Gertler -Warnsdorf 
über die pädagogiſche Bedeutung der Lehrervereine hielt. 
„Lehrerverſammlungen“, ſo ſprach derſelbe etwa, „ſind keine Erfindung 
neuerer Zeit, ſol<e hat es ſhon vor und während der Konkordatszeit 
gegeben 3; denn man erkannte ſehr wohl, daß die Vereinigung von Kol- 
legen und der Meinungsaustauſ< derſelben klärend und belebend auf ſie 
einwirke und nüßlich ſei; allein jene Verſammlungen waren eben keine 
freien; ein freies Wort konnte nicht aufkommen und der Meinungsaus- 
tauſch beſtand bloß im „Geben“ und „Nehmen“; ein privilegirter Vor- 
mund der Schule als offizieller Vorſikender gab und die Zuhörer nah- 
men -- die Mil<H der frommen Denkungsart begierig auf. Freie, wahr- 
haft freie Lehrerverſammlungen entſtanden erſt durd) die Gründung freier 
Lehrervereine nac der kaiſerlichen Sanktion unſerer Staat8grundgeſetze 
und den Kulminations8punkt erreichten ſie zur Zeit der Sanktion unſers 
ausgezeichneten Volksſchulgeſetzes.' 
Der Redner ſchilderte nun die Verhältniſſe in den Lehrervereinen 
jener Zeit und ſkizzirte dann die Bedeutung der heutigen Lehrervereine. 
Wir können nun nicht den trefflihen Vortrag in ausführlicher Weiſe 
wiedergeben und beſchränken uns nur darauf, einzelne Stellen desſelben 
zu zitiren. Die Lehrervereine ſind in erſter Linie Bildungsauſtalten für 
die Lehrer und werden zu einer mächtigen Quelle geiſtiger Auffriſchung, 
der Berufsfreudigkeit und Kollegialität. 
„Die Zeit der Krieherei", ſo führte Redner aus, „und des Nach- 
betens iſt vorüber. Die Zeit ſelbſtändigen Denkens und Handelns iſt 
gekommen. Unſere Zeit verlangt freie, denkende, vorurteilsfreie, ſelbſtäu- 
dige Männer. Solche zu erziehen iſt die Aufgabe der Schule, und um 
dieſer gerec<t zu werden, bedarf es auch ſolcher Lehrer. Nur wor ſelbſt 
frei iſt, kann auch freie Männer erziehen. Dieſe Freiheit und Selbſtän- 
digkeit läßt ſih nur dur< die Vereinigung der Standes8genoſſen zur 
Pflege der Stande8ehre und zur gemeinſamen Abwehr feindlicher Angriffe 
erreihen. Dies hebt die Geſamtheit und wirkt zurü> auf jeden einzel- 
nen. Drum ſ<ließ' an ein Ganzes dich an, ſagt Schiller. Einem tüch- 
tigen Lehrkörper anzugehören iſt Ehre für jeden einzelnen, einem tüchtigen 
Lehrerverein noF viel mehr. Der freie Meinungs8austauſc<, die lebhaften 
Debatten in einem Vereine geben ſtet8 ein rühmendes Zeugniß von dem 
geſunden und friſchen Geiſte, der darin herrſ<t. Ein tüchtiger, würdiger 
Streit ſtählt und ſtärkt den Kämpfer, regt gemäßigte Naturen an und 
bringt Klärung in divergirende Anſichten. Wo es ſc<läfrig zugeht, wird 
ein freier Mann, der mit ſeinen Anſichten ni<t hinter dem Berge hält, 
der ſeiner Ueberzeugung unter allen Umſtänden treu bleibt und dieſelbe 
zum Ausdrus bringen will, weder Gefallen, noM die Quelle der Berufs- 
freudigfeit und Begeiſterung darin finden. „Wo jede freie Meinungs- 
äußerung beargwöhnt oder in das Publikum oder zu den Ohren der 
hohen Vorgeſetzten getragen wird, da bleibt ein ehrlicher, ernſtgeſinnter, 
auf dem Grunde tüchtigen Strebens aufbauender Mann lieber weg.“ 
So Dieſterweg. 
„Der Servilismus, der leider in unſern Kreiſen immer noh wuchert, 
muß in ſol<hen freien Verſammlungen gebrandmarkt, geſc<iagen werden. 
Ein offeuer Feind, der uns entgegentritt, muß uns hundertmal lieber 
ſein als der zarte ſcheinheilige Freund, der die Hände demütig reibt, die 
Augen verdreht, uns Lobhymnen ſingt, und kaum den Rüden gewendet, 
In Gegenwart ſolcher Heuchler iſt 
eine freie Meinung8äußerung nicht möglih, man fühlt ſich beengt und 
gedrüFt. Deshalb muß in den freien Lehrerverſammlungen ein Geiſt 
herrichen , der ſolche Pflanzen nicht auffommeun läßt, es muß ſich der 
Weizen von der Spreu ſondern, dadurch kann bald das Standesbewußt- 
ſein gehoben und der Einzelne frei und ſelbſtändig ſein.“ 
Nachdem der Vortragende noc< den wohltätigen Einfluß der Lehrer- 
verſammlung auf das Volk beleuchtet, ſchloß er unter dem lauten Beifall 
der Verſammiung. 
Das Referat über die achtjährige Schulpflicht mußte entfallen, da 
der Referent verhindert war, der Verjammlung beizuwohnen. Auch kam 
es zu keiner Kundgebung in dieſer Frage, da die Stellung der deutſch- 
böhmiſchen Lehrer zu derſelben genugſam bekannt ſei. 
Der ſich abends anſchließende Feſtkommers geſtaltete ſich zu einer 
impoſanten und feierlichen Manifeſtation der deutſh-öfterreichiſchen Ge- 
ſinnung der deutſ<en Lehrerſ<aft Böhmens.
	        

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