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Grati8-Beilage: Anzeiger Bre pädagogiſc Literatur (in 12 Nrn.). Preis vierteljährlich
2 Mark. Anzeigen für tie dreiſpaltige Petitzeile
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Allgemeine
(H Tehrerzeig,
Herausgegeben von A, Berthelt.
Zugleich Organ der Allg. deutſchen Lehrerverſammiungen und des Deuiſchen Lehrex-Penſionsverbandes.
1880.
T.

Sonntag, den 26. September.
Aufſäße über zeitgemäße Themata und Mitteilungen
über Schul- und Lehrerverhältniſſe ſind willkommen.
Schriften zur Rezenſion ſind unberehnet an die
Verlagshandlung oder an die Redaktion des Anz.
für pädag. Literatur einzuſenden. =- Beſtellungen
nehmen aſle Buchhandlungen und Poſtämter an,


Eine neue Pſychologie.
Von R. Rißmann in Görlitz,
Dr. W. Oſtermann, großherzogl. Seminardirektor in Olden-
burg, hat in der Schulze'ſ Werkhen, „Die Grundlehren der pädagogiſchen Pſycho-
logie“, erſcheinen laſſen. Troß des geringen Umfangs dieſer Schrift
ſtehe ic) nicht an, dieſelbe als epochemachende Erſcheinung auf
dem Gebiete der pädagogiſchen Literatur zu bezeihnen. Es iſt ein
erſter Verſuch, Breſche zu ſchießen in den Wall einer bi8her ſchier
unbezwinglich erſcheinenden Burg. Die ausgeſprochene Tendenz des
Büchleins geht nämlich dahin, der „in der Pädagogik gegenwärtig
noh herrſchenden Herbart'ſchen Lehre" entgegenzutreten und durc<
eine andere, der Erziehungslehre beſſer dienende philoſophiſche Grund-
lage zu erſetzen.
Sicherlich iſt der Mut des großherzoglich oldenburgiſchen Semi-
nardivrektors zu bewundern, daß er e8 wagt, einer zahlreichen und ſo-
wohl mit Gründen ſtark gewappneten, als auc< durc< Vorurteile
mächtig geſchüßten Gegnerſchaft kühn und entſchieden den Fehdehand-
ſchuh hinzuwerfen. Umſomehr iſt dies anzuerkennen, als die Heraus8-
forderung in den Schranken der pädagogiſchen Arena geſ Außerhalb derſelben iſt es ja längſt kein Waguiß mehr zu nennen,
wenn jemand Herbart's Unfehlbarkeit zu bezweifeln oder die ſchwanken
Stüßen ſeines Syſtems nachzuweiſen unternimmt. Die Geſchichte hat
über dieſe Philoſophie bereit8 ihr Votum abgegeben, und ſicherlich
muß es ein mildes Urteil genannt werden, wenn ſie von einem ſehr
beſonnenen Kritiker als „eine Fortbildung der Leihnit'ſc logie, voll ausdauernden Scharfſinns, aber ohne innere Frucht-
barkeit und Entwi>klungsfähigkeit“ bezeichnet wird. Auf dem
Gebiete der Pädagogik dagegen beſitzen die Jünger Herbart'8 auch
heutzutage noch die faſt unbeſtrittene Alleinherrſchaft. Dieſelbe ſcheint
jo feſt begründet zu ſein, daß es in den Kreiſen der Herbartianer
beinahe für unziemlich gilt, den vom Meiſter feſtgeſezten Grund-
lagen des Syſtems nochmals mit kritiſcher Sonde zu nahen. Und auch
bis außerhalb dieſes ziemlich feſtgeſchloſſenen Kreiſes der Eſoteriker,
ſelbſt bis dahin, wo der Name Herbart's ſo gut wie unbekannt iſt,
ſind die Grundlehren ſeiner Philoſophie gedrungen. Unſere geſamte
pädagogiſche Pſychologie, auch wenn ſie den Namen des Philoſophen
grundſätzlich vermeidet, baſirt auf ſeinen Grundanſchauungen, und
demgemäß iſt auch unſere Erziehungstheorie, ſoweit ſie ſich überhaupt
auf Seelenkunde gründet, von ihnen durchzogen.
Die Tatſache, daß eine Lehre, die in der Philoſophie ſelbſt ſo
gut wie abgetan erſcheint, in der Pädagogik noc immer faſt unbe-
ſerittene8 Anſehen genießt, kann wohl als Beweis dafür gelten, daß
philoſophiſc nicht ſo gepflegt werden, al8 man wohl wünſchen möchte. Jſt doch
ſelbſt die Wahrheit, daß auch die Pädagogik, falls ſie ſich zum Range
einer Wiſſenſchaft emporſchwingen will, auf philoſophiſcher Grundlage

erbaut werden muß, noch lange niht in den beteiligten Kreiſen zu
allgemeiner Anerkennung gelangt. Auch der Umſtand, daß Herbart
ein vollſtändiges Syſtem der Pſychologie und Pädagogik hinterlaſſen
hat, kann zur Erklärung jener eigentümlichen Tatſache dicuen.
Schon vor Dr. Oſtermann's Auftreten iſt die Herbart'ſche Rich-
tung in der Pädagogik vielfach belämpft worden. Dieſe Angriffe
richteten ſic; jedoch in der Negel weniger gegen die Grundlagen des
Syſtems, als vielmehr gegen einzelne von ſpintiſirenden Herbartianern
ausgegrübelte Sonderbarkeiten in der Methode, oder gegen den oſt-
mals recht häßlich auftretenden Unfehlbarkeitsdünkel und Ho einiger Glieder des um den Namen des Philoſophen geſchaarten
Kreiſes. Dazu kam noh, daß dieſe Angriffe meiſt recht ungeſchi>t
ausgeführt wurden. Zum Teil geſchahen ſie nämlich in ſo grobderber
Form oder mit ſo beißender Spitze, daß ſie natürlich keinen andern
Srfolg hatten als ebenſo grobe und verletzende Erwiderungen; zum
Teil war es der Bettelſtolz roher Empirie, der in ihnen Ansdruck
fand, und dem gegenüber war mitleidig-verächtliches Achſelzucken oder
vornehmes Jgnoriren die einzig paſſende Antwort. Dr. Oſtermann
wendet ſich nicht gegen Einzelheiten in der Methode, ſondern gegen
die Grundlagen ſelbſt. Auch bedient er ſich keiner andern Waffen
al8 derjenigen, welche die Wiſſenſchaft ihm liefert. Giner derartigen
Kampfweiſe darf der Erfolg nicht fehlen. Mindeſtens ſteht zu er-
warten, daß man auf gegneriſcher Seite den neuen, ſtark gerüſteten
Feind nicht überſehen, ſondern ihm gegenüber wenigſtens den Verſuch
macen wird, das bedrohte Gebiet zu verteidigen.
Dr. Oſtermann entlehnt ſeine Waffen größtenteils dem Arſenal,
das der Philoſoph Lotze in ſeiner Pſychologie den Gegnern Herbart's
zur Verfügung ſtellt. Trotzdem ich mich nicht enthalten kann, einen
leiſen Zweifel an die Behauptung anzuſchließen, daß gerade Loße's
Philoſophie mehr als jede andere geeignet ſei, der Pädagogik eine
ſichere Grundlage zu bieten, muß ich mich doch mit den gegen Herbart
gerichteten Ausführungen dieſes Denkers, ſoweit dieſelben in dem
vorliegenden Buche verwertet werden, ſaſt durchweg einverſtanden
erflären.
Dr. Oſtermann'8 Polemik richtet ſi<ß gegen die Grundannahmen
der Herbart' ſchen Seelenlehre, daß nämlich dem menſchlichen Geiſte,
der als abſolut einfac weder Beränderlichkeit, no gelegt werden dürfe. Aus der abſoluten Unveränderlichkeit des Geiſtes
wird gefolgert, daß alle in der Seele ſich abſpielenden Borzänge , die
wechſelnden Empfindungen, Vorſtellungen 2c., micht eigentlich
als wechſelnde Zuſtände der Seele ſelbſt, al8 Veränderun-
gen ihres urſprünglichen Zuſtandes, ſondern lediglich als
Akte der Selbſterhaltung, der Abwehr gegen die von außen
drohenden Störungen anzuſehen ſeien. Loßze dagegen betrachtet die
Empfindungen und Vorſtellungen als Veränderungen des Zuſtandes
der Seele, hervorgerufen durc< Einwirkungen der Außenwelt. Eine
nur angedrohte Störung kann, wie ex mit Recht hervorhebt, nimmer-

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