Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 32.1880 (32)

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einen dem betreffenden kindlichen Alter zugänglichen idealen Ge- 
halt haben. 
Die bibliſchen Bilder ſollen = wie alle Bilder -- den äſtheti- 
ſ<en Sinn der Kinder erwecken und ausbilden. Daraus ergiebt ſich 
unſere vierte Anforderung, die freilich ſchon mit in der erſten ent- 
halten iſt; denn daß ein Bild, welches von einem wirklichen, von Gott 
begnadeten Künſtler geſchaffen iſt, in der techniſchen Ausführung nichts 
Unſchöne8, Mangelhaftes oder gar Fehlerhaftes enthalten darf, liegt 
ſo ſehr in der Natur der Sache, daß es eigentlich nicht beſonders be- 
tont zu werden braucht. Da ein Techniker indeſſen immer no<h kein 
Künſtler iſt und wir bei vielen Reproduktionen unſerer vorzüglichſten 
Meiſter oft Mangelhaftes und Unſchönes finden, ſo wollen wir doch 
no<h ausdrüclich hervorheben, daß beſonders die Geſicht8züge und die 
Geſamthaltung jeder einzelnen Perſon ausdru>svoll und <harakteriſtiſch 
ſein muß. 
Auch diejenigen Darſtellungen, welche grauſame und blutige 
Handlungen zum Gegenſtande haben, können den äſthetiſchen Sinn der 
Kinder weder wecken, noch bilden, da ſie die Vorſtellungen und das 
ſittliche Urteil der Kleinen noch leichter verwirren als die Erzählungen. 
Zu dieſen Bildern gehören: Kain erſchlägt Abel, die Erwürgung der 
Erſtgeburt in Aegypten, Achan wird geſteinigt, Samuel tödtet Agag 
u. v. a- Wir können nur ſolche Bilder empfehlen, durc< welche 
unſere Kinder für das Gute und Schöne gewonnen werden. 
Neben dem ſc<on dargelegten Hauptzweck der bibliſchen Bilder 
haben dieſelben aber auch die Aufgabe, die Kinder mit den nationalen 
und lofalen Gebräuchen und Eigentümlichkeiten, wie ſie uns im bür- 
gerlihen und religiöſen Leben der dargeſtellten Perſonen durch Klei- 
dung, Wohnung, Mahlzeiten, div. Verrichtungen, Opfer u. ſ. w. ent- 
gegentreten, befannt zu machen. CS iſt oben ſchon auf die Notwen- 
digkeit, der Einbildungskraft der Kinder beſonders auf dieſem, ſo leicht 
in Ungeheuerlichfeiten ausartenden Felde nicht freien Spielraum zu 
laſſen, genügend hingewieſen worden, ſo daß wir uns weiterer Dar- 
legung enthalten können. * 
Wir fordern alſo fünfteuns von zweentſpre<henden Bildern, daß 
ſie eine <arakteriſtiſche nationale und lokale Einkleidung haben. 
Selbſtverſtändlih dürfen dabei die Bilder ebenſo wenig gegen 
die Wahrheit verſtoßen, als auc) durch einzelne, oft ziemlich nahe 
liegende Darſtellungen den keuſchen, unſchuldigen Kindesſinn verleßen. 
Dem unſittlichen Bilde wohnt eine viel größere Kraft inne als dem 
keuſchen, reinen. Mit dämoniſcher Gewalt übt es ſeine Wirkung 
leider auc< ſc<on auf unſere Kinder aus, und die Schule hat, da 
außerhalb derſelben unſerer Kinderwelt leider ſchon manches Ver- 
derbenbringende geboten wird, um ſo mehr die Pflicht, derſelben nur 
Edles, nur das Beſte vorzuführen. 
Wenn die bibliſchen Bilder aber auch alle biSher genannten und 
näher begründeten Forderungen in ſich vereinigen, ſo ſind ſie doch nur 
daun wirklich zweentſprechend für die Schule, wenn ſie in ſo großem 
Formate vorliegen, daß ſie ſelbſt in einer gefüllten Klaſſe allen Kin- 
der deutlich erfennbar ſind; denn micht einzelne allein, ſondern alle 
Schüler ſollen unter der Anleitung des Lehrer8 das Bild ſtudiren 
und muß daher jede einzelne Partie desſelben deutlic< erkennbar fein. 
Au<h wirkt nach alter Erfahrung eine bildliche Darſtellung in größerer 
Weiſe erhebend auf das Gemüt de8 Beſc<hauers, wenn gewiſſe Dimen- 
ſionen nicht fehlen. 
Die früher vielfac beliebte Manier, daß der Lehrer mit klei- 
nen Abbildungen von Bank zu Bank läuft, läßt ſich einmal vom 
pädagogiſ<en Standpunkte aus in keiner Weiſe verteidigen, eignet ſich 
fürs andere aber auc am allerwenigſten für den Religion3unterricht, 
da die rec<te Weihe der Stunde nur durch ſtraffe, ununterbrochene 
Sammlung der Kinder erzielt und erhalten werden kann. 
Endlich verlangen wir von zwedentſprecßenden bibliſchen Bildern, 
daß ſie unkolorirt ſind; denn vom Standpunkte wahrer Kunſt und 
edler Jugendbildung können wir nur wirkliche, gute Gemälde und 
das unkolorirte, gute Bild als das Auge wahrhaft bildend, die Phan- 
taſie we>end und belebend und den äſthetiſchen Sinn erweiternd und 
ausbildend bezeichnen. Die Schablonenkleckſerei beſticht mit ihren 
grellen Farben wohl das ungebildete Auge, lähmt aber die Phantaſie 
und macht das Kindes8auge für reine, beſtimmte Formen und Linien 
 
unempfänglich, erinnert aueh zu ſehr an Theateraufzüge und giebt 
damit dem heiligen Gegenſtande ein höchſt unpaſſendes Gewand. 
Viele Lehrer ſind freilih Freunde der kolorirten Bilder. Ja, 
neuerding3 haben mehrere Verleger, die nur unkolorirte bibliſche Bil- 
der in ihrem Verlag hatten, dieſelben auch in einer kolorirten Aus- 
gabe erſcheinen laſſen; ein Beweis dafür, daß die letzteren vielfach 
verlangt werden. 
Sehen wir uns nun auf Grund dieſer ſieben Forderungen die 
der Schule gebotenen Bilder näher an. 
Von der Zeit an, da die bibliſche Geſchichte als eine ſelbſtändige 
DiSs8ziplin in der Schule auftrat, bemühten ſich die Pädagogen, der- 
ſelben durc< Bilder helfend zur Seite zu ſtehen. Schon die erſte 
vollſtändige bibliſche Geſchichte: „Bibliſcher Aus8zug oder Hiſtorien mit 
Bildern“, von dem Frankfurter Prediger H. Beyer verfaßt (erſchien 
1571; wurde von Juſtus Geſenius fortgeſeßt; die 3. Auflage er- 
ſhien 1719), ſ<lug dieſen Weg ein. Au die für den bibliſchen 
Geſchicht8unterricht bahnbrehend gewordenen „Zweimal zwei und 
fünfzig bibliſche Hiſtorien“, welche 1714 von dem Hamburger Rektor 
Hübner herausgegeben wurden, in vielen Auflagen länger als ein 
Jahrhundert ihren Platz in unſern Schulen behaupteten und im wah- 
ren Sinne des Wortes unſerer Jugend das „ſegensreichſte Buch" ge- 
worden ſind, brachten Bilder. Andere Bibelbilderwerke des 17. und 
18. Jahrhunderts, wie z. B. die Weimar'ſche Bilderbibel, die <riſt- 
liche, gottſelige Bilderſ<ule, das Pfaff' ſche Bilderbibelwerk u. v. a. 
famen der Schule weniger zu Nuße. 
Alle dieſe Bilder aber waren nach jeder Beziehung hin unvoll- 
fommen und zeigten den tiefen Verfall der deutſchen Kunſt während 
des 17. und 18. Jahrhunderts. Sie hatten außerdem eine dunkle 
Schattenſeite. Auguſt Hermann Niemeyer ſagt in ſeinen Grundſäten 
der Erziehung und des Unterricht3 von denſelben: „Selbſt die an- 
ſtößigſten Szenen, den entfliehenden Joſeph, Bathſeba im Bade, die 
keuſche Suſanna, den trunkenen Lot mit ſeinen Töchtern erblickte man 
in den bibliſchen Hiſtorien zum Gebrauche der lieben Jugend. Das 
Sichtbare wurde ebenſo gut wie das Unſichtbare, ſelbſt das Göttliche 
(und oft in welchen Geſtalten!) dargeſtellt. Gewiß haben auch dieſe 
bibliſen Bilderbücher den Zwe> einer früheren Verſtande3entwiklung 
und Anregung moraliſcher Gefühle und oft wohl ebenſo gut befördert 
wie unſere modernen, zwar geſ<madvolleren, aber nicht inmmer inhalt- 
reicheren Bilderbücher. Alles kam dabei auf die Erklärer an, und 
viele Menſchen würden das Vergnügen oder die ſanfte Rührung nicht 
miſſen wollen, die bei ihnen durc< ſo manche Bilderbibel angeregt 
wurden. Äber ſie haben auch viel geſchadet und mitunter gewiß höchſt 
verfehrie Jdeen in junge Seelen gebracht.“ Niemeyer fügt dann 
dieſen Worten eine Beſprechung der Erſcheinungen der erſten zwei 
Jahrzehnte des 19. Jahrhundert8, die einen bedeutenden Schritt 
zur beſſeren Darſtellung erkennen laſſen, hinzu, die aber, wie die von 
Gotha ausgegangene „moraliſ<e Bilderbibel von Loſſius“, durch 
ihren Preis (25 Tir. 12 Ggr. und 17 Tir. 12 Ggr.) der Schule 
verſchloſſen blieben. 
Vom dritten Jahrzehnt unſers Jahrhunderts an haben wir fol- 
gende, der Schule mehr oder wemger nutzbar gewordene Erſcheinungen 
zu nennen: 
1) Schulbilderbibel in 30 Bildern alten und neuen Teſtaments, 
herausgegeben zum Beſten der Diakomſſenanſcalt von Th. Fliedner. 
2) Bilderbibel. Fünfzig bildliche Darſtellungen von O Livier. Nebſt 
einem begleitenden Text von G. H. von Schubert. Gotha, Fr. Andr. 
Perthes. Neuz Ausgabe 1878. Preis 6 Veark, 
3) Die Geſchichte de8 Reiches Gottes nag der heiligen Schrift in 
Bildern von W. von Kügelgen. Mit andeutendem Text herausgegeben 
von Dr. F. A. Krummacher. 
4) Bilder aus der bibliſm<en Geſchichte A. T. naß Zeichnungen von 
Walch. Augsburg. 
5) Bildertafeln zum Gebrauch beim Unterricht in der bibliſchen Ge- 
ſ<Hichte und Altertumskunde, herau8gegeben und erläutert von Karl Bor- 
mann. Berlin, G. Bormann Nachfolger. Preis 1,79 Mark. 
6) 3. 30 bibliſ<e Bilder zum alten Teſtament. Verlag von F. F. 
Schreiber in Eßlingen. Preis 4,50 Mark. 
b. 30 bibliſche Bilder zum neuen Teſtament. Ebend. 
4,50 Mark. | 
c. Schreibers große kolorirte Wandbilder zum Unterricht in der 
vivliſchen Geſchichte, I, Teil: Neues Teſtament. (Nr, 1-- 16,) Preis 
10 art. 
Preis
	        

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