Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 39.1887 (39)

308 
den Rednerplaß der Allgemeinen Deutſchen Lehrerverſammlung, 
der durc< erleuchtete Männer unſeres Standes geweiht iſt, ein- 
zunehmen. | 
Meine verehrten Zuhörer! Entnehmen Sie aus dieſen Worten, 
daß ich nicht hierher trete, um Ihnen etwas Großes vorzutragen, 
um Ihnen große pädagogiſche Wahrheiten oder Geheimniſſe zu 
offenbaren! --- Das38 vermag ich nicht! 
Nein! Nur um eins bitte ich Sie: Betrachten Sie mich in 
dieſem Augenblide als Anwalt für eine große Anzahl unglücklicher 
Menſc<enkinder! 
Möchte es mir doch gelingen, Ihnen ein geiſtig zurückgeblie- 
benes Kind vor die Seele zu führen! -- ein Kind, das nicht eigent- 
lim blödſinnig iſt, aber do< ſo ganz anders geartet, als geiſtig 
geſunde Kinder! - 
Stellen Sie ſich ein ſolches Kind vor, wie e8 unbeholfen und 
trübſelig daſißkt auf der Sc<hulbank, am Unterrichte nicht teil- 
nimmt, gleichgiltig drein ſchaut -- und voller Angſt umher ſtiert, 
wird es vom Lehrer zu einer Antwort aufgefordert, --- oder wie 
es unſtät umher zappelt, ſtet3 in Bewegung mit Hand und Fuß 
und Mund, ſeine Nachbarn beunruhigt und den Lehrer plagt. 
Rufen Sie ſich ein ſol<es Kind in das Gedächtnis, wie e8 unge- 
lent ijt und ſeinen Körper nicht zu beherrſchen vermag -- wie es 
nur halb hört und ſieht, was in ſeiner Umgebung vorgeht, und ſich 
über naheliegende Vorkommniſſe treffend auszuſprechen oft nicht 
imſtande iſt, =- wie es beim Sprechen ſto>t, oder haſtet, ſtammelt, 
ſtottert oder poltert --- --- ſo haben Sie ein Bild von den Kindern, 
welche wir als ſchwachbefähigt, geiſtig zurückgeblieben, halbidiotiſch 
oder ſ<wachſinnig geringen Grades bezeichnen wollen. 
Um das Bild noch zu vervollſtändigen, vergegenwärtigen wir 
uns no< das ſc<wachbefähigte Kind im Elternhauſe! 
Wo nicht ho<hgradiger Shwach- oder Blödſinn vorliegt, kom- 
men nur wenig Eltern früh genug zu der Erkenntni8, daß das 
Kind geiſtig zurü> iſt. Oft hört man berichten: Das Kind iſt 
launiſch, eigenſinnig, unfolgſam --- paßt nie auf und hat zu nichts 
Lujt. Eben hat es die Mutter abgeſtraft, und nun muß ſie ſchon 
wieder ſchelten! Nichts wie Ärger und Verdruß hat ſie davon! 
Warte nur! wenn du erſt zur Schule gehſt, ſollſt du ſ<on anders 
werden! heißt e8 dann. 
- Andere Eltern erkennen wohl den krankhaften Zuſtand des 
Kinde3; aber auch ihnen fehlt die Einſicht, den rechten Erziehungs- 
weg einzuſchlagen. Weil das Kind nichts kann, wird ihm auch nichts 
zugemutet. Unter dem Vorwande, man müſſe ihm ſeiner Shwäche 
wegen etwa3 zu gute halten, befriedigt man alle ſeine Launen, 
wofür es dann aber auc< der Tyrann ſeiner Umgebung wird. 
Auch hier heißt e8: Wenn's erſt zur Schule geht, wird'8 ſchon 
beſſer werden! 
Wieder andere Eltern geben ſich die größte Mühe, ſich ſelbſt 
zu betrügen. Statt die Shwächen des Kindes einzuſehen und den- 
ſelben durch die Erziehung entgegenzuarbeiten, tüfteln ſie alle die 
kleinen Lichtbliäe an dem Kinde zuſammen, und malen ſie ſich dieſe 
ſo rec<t groß aus, um ſagen zu können: „Das Kind iſt ja nicht ſo 
dumm! das weiß alles! Wo keiner mehr daran denkt, das hat es 
noh im Kopfe! 
Ich will hier bemerken, daß e8 eine große Menge ſelbſt geiſtig 
tief ſtehender Kinder giebt, die mit einem ganz guten Gedächtniſſe 
ausgeſtattet ſind. In deren Hirn tauchen oft fernliegende Geſcheh- 
niſſe blißartig wieder auf; ſie poltern ſelbſtverſtändlich mit ihren 
Vorſtellungen heraus, zur Überraſchung --- zum Erſtaunen für die 
unkundigen Hörer --, während der ſachverſtändige Pädagoge ſolche 
Kinder wegen des guten Gedächtniſſes bedauern muß. Denn dieſes 
ſogenannte gute Gedächtnis iſt in der Regel die Urſache, daß die 
damit behafteten Schwachköpfe in der Öffentlichkeit für voll ge- 
nommen werden. 
Will's nun mit den ſo verbutteten Kindern in der Schule 
nicht weiter, dann hat ſelbſiverſtändlic<h der Lehrer die Schuld. Die 
Schule muß ja dafür auffommen, was die Eltern vernachläſſigt 
haben! 
 
Alle die vorbezeichneten Eltern ſeen ihre Hoffnung auf die 
Schule. Aber vermag dieſe den Hoffnungen zu entſprechen ? 
Gottlob, die Volksſchule iſt ja imſtande, an geiſtig und körper- 
lim geſunden Kindern mancherlei Erziehungsfehler auszugleichen, . 
die das Elternhaus begangen hat. An geiſtig beſchränkten Kinder, 
dagegen wird ihr das nicht gelingen. Denn bei dieſen fehlen dazu “ 
die Grundbedingungen: nämlich das ſelbſtthätige Aufnehmen und 
innerliche Verarbeiten der dargebotenen Unterweiſung. Dazu ſind 
die ſchwachſinnigen Kinder nicht fähig; dazu müſſen ſie erſt ſorg- 
fältig angeleitet werden. . 
Sie beobachten langſam, unklar und lü>enhaft und faſſen von 
dem, was ſie wahrgenommen haben, nur wenig auf. Und dem 
Lehrer . in der Volksſchule iſt es nicht möglich, fich einem ſolchen 
Kinde eingehend zu widmen, wenn er 60 -- 70 --- 80 und zweilen 
noc< mehr Kinder vor ſich hat, deren Auge an ſeinem Auge, deren 
Ohr an ſeinem Munde hängt. Für dieſe iſt ihm ſeine Jahres- 
aufgabe zugeteilt, und dieſen gehört er. 
Hat er daneben ein paar geiſtig Zurücgebliebene ſizen, ſo 
muß er dieſe lezteren unberückſichtigt laſſen. Er kann beim beſten 
Willen nicht anders. J< habe das reichlich erfahren und beobachtet, 
ſo lange iM an der Volksſchule thätig geweſen bin. 
Zit es dem Lehrer, der gewohnt iſt, mit geiſtesfriſchen Kindern 
umzugehen, auch möglich, ſich in die Seele eines ſ<hwachſinnigenKinde8 
zu verſehen, das oft erſt ſorgfältig ſtudiert ſein will, ehe man es 
verſteht? Wermag er auf dasſelbe einzuwirken, daß e8 von innen 
heraus auflebt? --- Nein! und abermals nein! 
No< ein Umſtand muß hervorgehoben werden: Geiſtig ge- 
junde Kinder bilden ſich gegenſeitig. Gute Beiſpiele reizen zur 
Nacheiferung an. Wir wiſſen es ja genügend, daß der Ehrgeiz 
bei jung und alt oft Wunderdinge ſchafft. Und fängt ein Kind 
erſt an, ſich dem beſſeren Kinde zu vergleichen und ihm nachzueifern, 
jo hat es einen großen Schritt gethan auf dem Wege, der der Voll- 
kommenheit entgegenführt. -- Dieſen Schritt zu thun, vermag das 
geiſtig beſchränkte Kind ohne ganz beſondere Anleitung nicht. 
Geiſtig geſunde Kinder bilden ſich gegenſeitig. Betrachten wir 
ſie beim Spiel! da ſchärfen ſie ihren Verſtand, ſtählen ſie ihre Kräfte, 
erhöhen jie ihre Gewandtheit und ihren Mut. Wie ſorgfältig wird 
darauf geachtet, daß jedes die Spielregel inne hält, ſich dem be- 
ſtehenden Geſeß unterwirft! Nehmen nun auch die ſchwachbefähig- 
ten Kinder an ſolcher Erziehung auf Gegenſeitigkeit teil? Wenn 
-- ja, ſo geſc<hieht das nur in ſehr geringem Maße und unter be- 
ſonders günſtigen Bedingungen. Denn ſie ſind heftig und verkehrt 
-- oder ſie ſind zu langſam im Auffaſſen und kommen überall zu - 
ſpät. Sie werden beiſeite geſchoben und obendrein verſpottet. =- 
Sie entbehren des kindlichen Frohſinns. -- Ihr Gemüt wird nicht 
belebt und veredelt. =- Die geringen Geiſteskräfte, die ſie beſizen, 
werden nicht genährt --- und verkümmern. Dazu kommt, die Kinder 
werden innerlich verbittert! Gar zu bald richten ſich Tü>ke und 
BoSheit in ihren Herzen ein! | 
Und uns allen iſt es ja nicht38 Neues, daß Eigenſinn und 
Unbotmäßigkeit ſo gern mit Dummheit Hand in Hand gehen. 
Da3 Elternhaus vermag nur ſelten dieſe Kinder zu erziehen. 
Die gewöhnliche Volksſchule iſt gleichfalls nicht imſtande, ſie erzieh- 
lig zu heben und durch den Unterricht zu fördern. --- Sie wachſen 
heran; und nun werden ſie ins Leben hinausgeworfen! Womit 
ſind ſie ausgerüſtet, den Kampf ums Daſein aufzunehmen? 
Das geiſtig geſunde Kind iſt bis zum vollendeten 14. Leben83- 
jahre unter einigermaßen günſtigen Erziehung3verhältniſſen in 
Schule und Haus ſoweit herangereift, daß e8 den Weg der Tugend 
jinden kann. E5 hat ſich an allgemeinen Kenntniſſen und Fertig- 
keiten fo viel angeeignet, daß es ſich im bürgerlichen Leben zurecht- 
ſinden kann. E3 iſt ſo weit herangebildet, daß es bei gutem Willen 
ſich jelbſt fortzubilden vermag. Das alles fehlt dem geiſtig be- 
ſchränkten Kinde, wenn es ſeine Jahre in der gewöhnlichen Volk8- 
ſchule abgeſeſſen hat. 
Und iſt dieſes Kind von Eltern und Lehrern nicht verſtanden 
-- nicht behandelt, wie es ſeine Veranlagung erheiſchte, wie ſoll
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.