Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 54.1902 (54)

 
| Vierundfünfzigſter Jahrgang. 
Zugleich Organ der Deutſchen Lehrerverſammlungen. 
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Schriftleiter 1849-1874: A. Berthelt, 1875-1896: M. Kleinert. 
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Jährlich 52 Nummern von mindeſtens 1 Bogen nebſt 
zwei unentgeltl. Beil.: einer Feuilletonbetlage 
am Anfange 1. dem pädag. Anzeiger in der Mitte 
des Monats. Preis halbjährlich 4 Mk. Anzeigen für 
die dreiſpaltige Petitzeile oder deren Raum 30 Pfg. 
Litter. Beilagen je na< Umfang 20--28 Mk. 
Sonntag, den 
Medizin und Bädagogik. 
Was die Praxis berührt, iſt auc<g von Bedeutung für die 
Wiſſenſchaft. Arzt und Lehrer ſind im Laufe der Zeit einander 
näher getreten und haben engere gegenſeitige Fühlung gewonnen. 
Dieje Thatſache kennzeichnet zweifello3 einen Fortſchritt auf dem 
Gebiete der öffentlichen Erziehung. Der ſchulärztlichen Wirkſam- 
keit: kann man im allgemeinen freundlich gegenüberſtehen; aber 
deſſen ungeachtet hat die Schularztfrage do< einen wunden 
Punkt, auf den von pädagogiſcher Seite oft aufmerkſam ge- 
macht worden iſt. Die Volksſchule iſt von jeher der Gegenſtand 
verſchiedener Herrſchaft8gelüſte geweſen, von der Zeit an, da ſie die 
Kirche ihre „Mutter“ nennen durfte, bis auf unſere Tage, wo 
ſelbſt der Pſy<hologe von Fach das verbriefte "Vorrecht zu befißen 
glaubt, den Lehrer in ſeinem Wirken überwachen und kontrollieren 
zu dürfen. Und ſo giebt es auch Mediziner, denen die Schularztfrage 
eine willkommene Gelegenheit zur Erweiterung ihrer Machtſtellung 
bietet und deren Parole nicht lautet: „Der Arzt iſt Mitarbeiter und 
Beiſtand des Lehrer3!" ſondern: „Der Lehrer Untergebener des 
Schularztes!“ Das war früher nicht ſo, als die ärztliche Aufgabe 
nur darin beſtand, das Schulgebäude und ſeine Einrichtung ge- 
jundheitli< zu überwachen. Erſt ſeitdem ſich infolge der Über- 
bürdungsfrage die Aufmerkſamkeit der mediziniſchen Kreiſe auch 
dem Schüler zugewendet hat, zeigt ſich die Gefahr der Kolliſion. 
Arzt und Lehrer haben jetzt ein gemeinſame3 Objekt, das Kind, 
vor ſich; wem gebührt das Vorre<ht? Der Rangſtreit wird nun 
wohl ſchließlich friedlich beigelegt werden, und iſt es größtenteils 
ſicher ſhon: jeder einſicht8volle Mediziner wird das „Nebenein- 
ander“ anerkennen und auf das „Übereinander“ verzichten. Da- 
mit aber iſt das Problem noch nicht gelöſt; wenn auch beide Teile 
übereinkommen, friedlich nebeneinander zu wirken, jeder auf ſeinem 
Gebiete, ſo entſteht ein neuer Zweifel: Troß dieſes Nebeneinander- 
arbeitens werden Konflikte unvermeidlich ſein --- denn wo iſt die 
Grenze zwiſchen beiden Gebieten, welche die Möglichkeit ſc<hafft, 
Übergriffe in die benachbarte Kompetenz zu vermeiden bez. zurüc- 
zuweiſen? Der Arzt unterſucht das Kind, der Lehrer auch; wo 
treffen ſie zuſammen ? Der Arzt fordert die Einführung des Tur- 
nens in den Unterrichtsbetrieb, der Pädagog au<; wo beginnt ihr 
Intereſſe an dieſem Fache, wo hört e8 auf? Was aber die Praxis 
berührt, iſt von nicht minder großer Bedeutung für die Wiſſen- 
ſhaft, für die mediziniſche ſowohl wie für die pädagogiſche. Nun 
kann bei der letzteren freilich nicht die philoſophiſche Pädagogik in 
Frage kommen, für die es ein eigentliches wiſſenſchaftliche8 For- 
ſhungsögebiet gar nicht giebt. (?) Sie ſteht der pädagogiſchen Praxis 
fern und hat für die Erfahrung des Erzieher3 nur ein mitleidiges 
Achſelzuken. Sie kennt für die Erziehung nur den gebieteriſchen 
Ruf „Du ſollſt!", und ihrem ethiſchen Jdeale gegenüber iſt alles 
andere, Kind und Methode, nur von untergeordneter Bedeutung. 
Eben -deshalb aber hat die Schularztfrage für ſie gar kein Jn- 
tereſſe (?), ebenſowenig infolgedeſſen die Frage nach der Grenze zwi- 
 
 
Aufſäße über zeitgemäße Stoffe und Mitteilungen 
über Sc<hul= und Lehrerverhältniſſe ſind willkommen. 
Sdhriften zur Beurteilung ſind unberechnet an die 
Verlagshandlung oder an die Schriftleitung einzu» 
ſenden. = Beſtellungen nehmen alle Buchhand- 
| lungen und Poſtämter an. 
9, November. 
ſ<en den Kompetenzen des Mediziner3 und des Pädagogen. Von 
dieſem Problem wird nur eine forſ<ende Pädagogik berührt, 
die mit den exakten Methoden der Beobachtung und des Experi- 
ment3 arbeitend ſich auf der Praxis, der oft ſo bitter -geſc<hmähten 
pädagogiſchen Erfahrung aufbaut. Für ſie iſt die Feſtlegung der 
Grenze zwiſchen ihrem Bereich und der Medizin von äußerſter 
Wichtigkeit; damit wird zugleich ihr Forſchungsgebiet begrenzt; 
niemals aber wird man dies Problem befriedigend löſen können, 
wenn man in der Pädagogik nur eine „Lehrdis8ziplin“ erblickt 
oder --- wie dies von anderer Seite geſchehen iſt -- ihr ein eige- 
ne3 Thatſachengebiet abſpricht und nur einen „Geſichtöpunkt“ an- 
erkennt. (Es iſt eben nur möglich, wenn man, auf dem Stand- 
punkte pädagogiſcher Erfahrung3wiſſenſchaft ſtehend, für die Päda- 
gogik auch ein Forſ<ung8gebiet beanſprucht, und dieſes iſt even im 
Erziehungsobjekte, im Kinde gegeben. 
Für uns ſteht alſo feſt: Wie für die Praxis, ſo iſt auch für 
die Wiſſenſchaft eine ſcharfe Scheidung zwiſchen den Forſc<hungs3- 
gebieten der Mediziner und der Pädagogen von unbedingter Not- 
wendigkeit. J< erlaube mir nun. im folgenden zwei kürzlich er- 
ſchienene ſehr leſen3werte Werk<en zur Beſprechung heranzuziehen, die 
zur Löſung des Problems weſentlich beitragen; der eine Verfaſſer 
iſt Pädagog, den anderen dürfen wir in dieſem Zuſammenhange 
als Vertreter der Medizin bezeichnen. Die Werke ſind folgende: 
1) H. Grie8ba<h, Geſundheit und Schule. (Leipzig, 
B. G. Teubner.) 
2) A. Spitzner, Die pädagogiſche Pathologie im Seminar- 
unterricht. (Gotha, E. F. Thienemann.) 
Wenden wir uns zunächſt dem Grie8bac<hſchen Schrift<en zu, 
welches das Problem vom mediziniſchen Standpunkte aus zu 
löſen ſucht. 
Der rühmlichſt bekannte Mülhaufener Gelehrte vertritt mit 
Entſchiedenheit die Hygiene der Erziehung. Ausgehend von dem 
Gedanken, der auch der Überbürdung38frage zu Grunde liegt, daß 
aus dem Sculbetriebe mancherlei Gefahren für die Geſundheit 
der Schüler erwachſen können, fordert er mit Nachdru> die Pflege 
dex Geſundheit in der Schule neben der Erziehung. Die hygie- 
niſchen Maßnahmen ſollen folgender Art ſein: 1) Anſtellung be- 
ſonderer Schulärzte, 2) hygieniſche Überwachung des Schulgebäu- 
des und aller ſeiner Einrichtungen, 3) Prüfung des Geſundheits- 
zuſtandes der Schüler, 4) Rückſichtnahme beim Unterrichte auf die 
körperliche Beanlagung der Schüler, 5) hygieniſc<e Belehrungen 
der Schüler, 6) Aufnahme der Hygiene in die Lehrerbildung. Im 
Prinzip iſt wohl allen dieſen Forderungen ohne weiteres zuzuſtim- 
men; teilweiſe ſind ſie ja bereits in der Verwirklichung begriffen. 
Dem Arzte ſieht niht nur das Recht, ſondern ſogar die Pflicht 
der Mitarbeit in der Schule zuz denn kein einſichtövoller Pädagog 
wird ſich in mediziniſchen Angelegenheiten für allein kompetent halten 
und ſich ausſchließlich auf ſein eigenes Urteil ſtüzen. Ebenſo iſt es 
zweifellos, daß hygieniſche Kenntniſſe ſowohl für den Schüler, als 
auch ganz beſonders für den Lehrer -- da ja das ſchulärztlic<he
	        

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