Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 60.1908 (60)

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Allgemeine Deutſche Lehrerzeitung. 
Nr. 12. 
 
der muß durchaus Herr ſeiner Sinne ſein und einen unge- 
wöhnlichen Grad von Entſchloſſenheit und Geiſtesgegenwart 
beſiten. Die Erfahrung zeigt, daß durch den gewohnheitsmäßigen 
Genuß des Ulkohols das Gefühl der Yerantwortlichkeit 
und der Pflichttreue bis ins kleinſte allmählich verloren geht, 
daß die Widerſtandskfraft des Körpers gegen die Unbilden der 
Witterung, gegen Rrankheitzerreger dadurch weſentlich herab- 
gemindert wird und die ſittliche Feſtigkeit ſchwindet. Und wer 
ſeine Kinder auf eine höhere ſoziale Stellung emporbringen 
will, der muß imſtande ſein, ihnen eine tüchtige Schulbildung, 
wie ſie die zahlreichen Fachſchulen vermitteln, zuteil werden 
zu laſſen, der muß aber auch die Kunſt des Sparens verſtehen, 
was dur den häufigen Ulkoholgenuß ebenfalls unmöglich iſt. 
Auf eine zielbewußte Einſchränkung des Trinkens arbeiten die 
Gegner des Alkohols hin. Jn der geſteigerten Selbſtzucht er- 
bliken ſie die Grundlage für ein durchaus geſundes, wirtſchaft- 
lich ungemein tüchtiges und glükliches Geſchlecht der Zukunft, 
und der Yolksſchule weiſen ſie die Aufgabe zu, durch anſchaus= 
liche Belehrung über die gewaltigen Schädigungen des 
Alkoholgenuſſes auf geſundheitlichem, ſittlichem und wirt- 
ſchaftlichem Gebiete Abſcheu vor dem ſchlimmen Feind des 
Menſchen zu erregen und das Streben nach Mäßigkeit und 
Enthaltſamkeit immer tiefer in die Herzen der Jugend hinein- 
zufenken. 
Nicht ohne Einfluß auf die Gewöhnung an den Alkohol 
ijt auch das Familienleben. Wenn der Mann nah harter 
Tagesarbeit angegriffen und müde nach Hauſe eilt und ihm 
geſunde, jauber gekleidete Kinder entgegenſpringen, ihm im 
reinlichen Zimmer die Arbeitskleider abnehmen und alles herbei- 
bringen, was zu ſeiner Behaglichkeit dient, wenn ihm die 
freundliche, blühende Gattin am ſauber gedeckten Tiſch ein 
wohlſchmeckendes, einfaches, geſundes Mahl vorſetzt, dann 
werden bald die Wolken von ſeiner Stirn ſchwinden, und die 
aufgeregten Merven beruhigen ſich ſchnell in der Atmoſphäre 
der Sufriedenheit, die durch die Fürſorge der Hausfrau er- 
zeugt wird. Dann hat das ſchöne Yolkslied : „Ein trautes Weib, 
ein herzig Kind, das iſt mein Himmel auf der Erden“, einen 
gar wahren Klang. Wenn aber der Gatte nur Unſauberkeit 
und Unordnung zu Hauſe findet, wenn die Frau nicht imſtande 
iſt, die Kinder und die Wohnung ſauber zu halten, wenn das 
teure Eſjen nicht ſchmecdt und nicht bekommt, dann wird ſelbſt 
der Nüchternſte dem Teufel Alkohol in die Arme getrieben. 
Nun liegen in der Gegenwart die Yerhältniſſe für eine tüch- 
tige, wirtſchafiliche Ausbildung der jungen Mädchen durchaus 
nicht günſtig. Nach der Entlaſſung aus der Schule bleiben nur 
wenige noch einige Jahre bei der Mutter, um an ihrem Yor- 
bild und durch ihre Belehrung die zur Führung eines Haus- 
haltes nötigen Kenntniſſe und Fertigkeiten ſich anzueignen. Die 
allermeiſten ſuchen Urbeit und Verdienſt in der Fabrik oder 
in ſonſtigen Betrieben, wo ſie nur eintönige Leiſtungen aus- 
zuführen haben und doch weit beſſer belohnt werden als die 
Dienſtmagd. Und wie ſie am Abende, nach vollbrachtem Tage- 
werke, nur wenig Neigung zu hauswirtſchaftlichen Urbeiten 
zeigen, jo widmen ſie auch den Sonntag vor allem dem Genuß 
und dem Vergnügen. Sie wachſen gar nicht in den Kreis der 
Pflichten hinein, die ſie dereinſt als Hausfrau, Gattin und 
Mutter zu bewältigen haben und tragen nicht ſelten die Shuld 
an der Derödung und Verwahrloſung des FSamilienlebens und 
am geiſtigen, ſittlichen und geſundheitlichen Ruin von Mann 
und Rind. Auch dieſem Übelſtand, dieſer bedrohlichen Gefahr 
unjeres DVolfslebens ſoll entgegengearbeitet werden. Und 
wiederum wird der Yolksſchule die Aufgabe überwieſen, durch 
Einführung des Haushaltungs- und Kochunter- 
richts, durch anſchauliche Belehrung über den 
Nährwert der gebräuchlichſten Tahrungsmittel, 
dur<h Übermittlung eines reichen Wiſſens über 
Gejundheits- und Krankenpflege den Bedürfniſſen des 
Yolkes Rechnung zu tragen und als ſtaatzerbaltende Macht ſich 
zu betätigen. 
Endlich hat auch die Jugenderziehung durch die Umgeſtal- 
tung aller Lebensverhältniſſe bemerkenswert gelitten. Während 
 
früher die Rinder unter den Augen der Eltern aufwuchſen 
und durch Beiſpiel und Ermahnung, ſowie durch ſtrenge Zucht 
zu allem Guten angehalten wurden, bleiben ſie heutzutage, 
wo der Kampf ums Daſein ſo ſcharf iſt, daß ſelbſt die Mutter 
zur Erhaltung der Familie mit herangezogen wird, oft genug 
ſich ſelbſt überlaſſen oder .den Verführungen mißratner Ge- 
ſpielen ſchußlos preisgegeben. Und während in früheren Zeiten 
der Lehrer als pflichttreu angeſehen wurde, wenn er jeden 
DVerjtoß gegen Zucht und gute Sitte mit dem Bakel ahndete, 
macht die Gegenwart ſofort Preſſe, SchulaufſichtsSbehörden und 
Staatsanwalt gegen uns mobil, wenn wir uns zu einer empfind= 
lichen Züchtigung genötigt ſahen. Das ganze Erziehungsweſen 
iſt infolgedeſſen laxer und energieloſer geworden, und die Folge 
davon iſt ein ungeheures Unſchwellen der Roheitsdelikte. Gegen 
Pflanzen und Tiere, gegen Naturdenkmäler und Kunſtſchöpfungen 
wird mit raffinierter Bosheit und Grauſamkeit gewütet, und 
die heranwachſende, ſchulentlaſſene Jugend, die in überſchäu- 
mendem Sreiheitsgefühl und Größenwahn ſich mitunter nicht 
genug tun kann, macht infolge ihrer brutalen Selbſtſucht und 
ihrer rohen Dergnügungsſucht einen höchſt abſtoßenden Ein- 
dru> auf jeden, der für Zucht und Sitte noch ein warmes 
Herz und einen ſcharfen Blik hat. Auch jenem wachſenden 
Verderben jucht man zu ſteuern, und zwar ſind es die Tier- 
jhußvereine und die Vereinigungen zum Schuß 
unſrer Naturdenkmäler, welche dieſe Ungelegenheit be- 
treiben und wiederum von der Yolksſchuſe wirkſame Unter- 
ſtüßung ihrer Beſtrebungen erwarten. (Schluß folgt.) 
Briefe über Schulaufſicht, Schulleituna, 
Rektorat. 
Don Rektor Edwin Wilke in Quedlinbura. 
DT. 
Cießer Freund! 
Du wunderſt Dich, daß ich in meinem erſten Briefe nur 
die Reviſionsfähigkeit der Lehrerarbeit betont habe, an der 
Reviſionsbedürftigkeit aher gänzlich vorübergegangen bin. Dazu 
habe ich ein Recht erworben, indem ich die freie Form des 
Briefes wählte und die Form der Ubhandlung vermied. Auch 
lag es von vorneherein in meiner Abſicht, denn ſowie ich auf 
dies von Dir Vermißte eingehe, iſt die Gefahr vorhanden, daß 
ich auf das Gebiet des Perſönlichen komme, und das wollte 
ich vermeiden, ich wollte nur die Sache ſprechen laſſen. Die 
Srage: Tſt es nötig, daß ein Auge Deine Arbeit überwacht ? 
möchte ich jedem ins Gewiſſen ſchieben. Ich für meine Perſon 
beantworte ſie unbedenklich mit Ja. Leider habe ich nicht 
oft das Glä> gehabt, von wirklichen Shulmännern revidiert 
zu werden, aber gehabt habe ich es doch und weiß, wie 
fördernd für den ganzen innern Menſchen ein ſolcher Beſuch 
ſein kann, wie Anerkennung, Rat, Teilnahme, ſachlich be- 
gründeter Tadel ermutigen, fördern, tröſten, anſpornen. Außer- 
dem handelt es ſich im gegenwärtigen Streit ja auch nicht 
um Beſeitigung jeder Aufſicht, ſondern nur um Beſeitigung 
der Aufſjicht aus unmittelbarer Nähe. 
Du und ich ſind uns längſt darin einig, daß ſich die 
Ortsſchulaufſicht durch Geiſtliche überlebt hat. Das liegt aber 
nicht daran, daß dieſe Aufſicht aus der Nähe erfolgt, ſondern 
einfach daran, daß ſie in den Händen von Männern liegt, 
die einem andern Stande angehören. Und darum müßten 
jich meines Erachtens alle Lehrer zu der klaren, uneingeſchränkten 
Forderung vereinigen: Jede Aufſicht durch einen Nichtfachmann 
iſt zu verwerfen. Fachmann im VYolksſchulweſen wird man 
aber nicht durch Studium der Theologie und Yerwaltung eines 
geiſtlichen Amtes, auch nicht durch Studium der Philologie und 
Dienſt an einer höheren Lehranſtalt. Fachmann für VYolks- 
jimulſachen wird man nur durch langjährigen nenſt in der 
Dolksſchule ſelbſt. Jede Beaufſichtigung durch einen andern, 
durch einen Nichtfachmann kann unſrer Urbeit nicht gerecht 
werden, muß mehr oder weniger auf Äußerliches gerichtet 
bleiben, wird das beſte, was wir erſtreben, woran wir unſer
	        

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