Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 60.1908 (60)

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Allgemeine Deutſche Lehrerzeitung. 
Br. 20. 
 
hohen Wert als Waſſerkraft beſiten; wenn dieſe Gewäſſer 
auch nicht die hervorragende Bedeutung von nennenswerten 
Waſſeradern haben, ſo bewirken ſie doch, daß der Rhein auf 
der oberrheiniſchen Tiefebene ſeine Waſſermaſſe verdoppelt, ehe 
er den NeXar und Main aufnimmt. Den Bodenſee verläßt 
der Rhein mit 3ZU cbm in der Sekunde; bei Baſel wälzt er 
bereits 648 cbm, bei Speyer aber ſchon 1168 cbm in der 
Sekunde mit ſich fort. Bis Straßburg zeigt er ſich noch als 
ein wahres Wildwaſſer, ſein Gefälle iſt bedeutend, jein Lauf 
iſt raſch; daher überwiegt in dem oberen Laufteile die „Talfahrt“, 
zumal die „Bergfahrt“ durch den Rheim-Rhönekanal umgangen 
werden kann. Auch unterhalb Straßburg neigt der Rhein noch 
zur Werderbildung, zur Abſonderung toter Arme und zur Üfer- | 
verſumpfung; daher ſah man ſich veranlaßt, das Flußbett 
einzuengen, durch Deichbauten die Überſchwemmungsgebiete zu 
entwäſſern und den Stromlauf gerade zu legen. Die Ver- 
kürzung beträgt bis zur heſſiſchen Grenze 85 m. Durch neue 
Überbrückungen förderte man den gegenſeitigen Uferverkehr. 
Heute iſt der Rhein von Baſel bis Mainz kanaliſiert, und „dieſer 
300 km lange Lauf iſt die längſte gefeſſelte Slußſtre>ke der 
Erde“. (Albr. Pen>, Das Deutſche Reich.) Indem man auf 
dieſe Weiſe den Strom hindert, ſeine Rräfte zu zerſplittern, 
zwingt man ihn zu größerer einheitlicher Rraftentfaltung ; das 
bedeutet einen Sieg über die Naturmacht, und darin ſpiegelt ſich 
die KRulturleiſtung der Yölker. Namentlich ſeit der Gründung 
des Reiches iſt man darauf bedacht geweſen, die Schiffbarkeit 
des Rheines zu heben, ſo daß die oberrheiniſche Tiefebene ſich 
immer mehr zur Derkehrsachſe für Südweſtdeutſchland 
ausbildet. Wie die Staaten ſich an das Mittelmeer und an 
den Atlantiſchen Ozean herandrängen, um ſich ihren Anteil 
an der völkerbeglükenden Macht des Meeres zu ſichern, ſo 
ſind auch an den Uferſtreken der oberrheiniſchen Tiefebene ſämt- 
liche ſüddeutſchen Staaten verſammelt; auf der rechten Seite 
das Großherzogtum Baden, das ſeinen Holzreichtum auf dem 
Rheine bis nach Holland in rieſigen Slößen verfrachtet; ferner 
das Großherzogtum Heſſen-Darmſtadt, das in der Guten- 
bergſtadt Mainz ein Handelsemporium beſitzt, um das es von 
manchem andern deutſchen Staat beneidet wird. Mütten drin 
hat das Rönigreih Württemberg durch den Neckar einen 
wichtigen Zugang und Anſchluß an den Rhein, der für das 
gewerbtätige Schwabenland ähnlich wertvoll iſt wie für Öſter- 
reich-Ungarn die beiden Häfen Trieſt und Fiume, dieſe „Lungen 
an der Adria“. Denn wo die Waſſerader des NeXar in den 
Rhein mündet, iſt von Natur die Stelle bezeichnet zur Bildung 
des mächtigſten ſüdweſtdeutſchen Stapel- und Umſchlagsplaßes; 
nur hier und an keinem andern Punkte konnte ein Ort von 
.der wirtſchaftlichen und Verkehrsbedeutung wie Mannheim 
ſim entwickeln. Daß Mannheim politiſch nicht zu Württemberg 
gehört, verſchlägt nichts angeſichts der Tatſache, daß wir nicht 
mehr im alten Deutſchen Reiche leben, wo die Benutzung der 
Waſſerſtraßen von den einzelnen Landeshoheiten nur gegen 
teure Zölle geſtattet war; im neuen Deutſchen Reiche bildet 
der Verkehr auf den deutſchen Strömen kein fiskaliſches Be- 
reicherungsobjekt mehr. Württemberg hat übrigens in der 
„Porta Hercyniae“, in der Pforzheimer Senke einen 3weiten 
wichtigen Weg nach der oberrheiniſchen Tiefebene. Schon die 
BVömer wußten dieſe Stelle als Eingang in das Necarbeken 
zu ſchäßen; ſie legten eine Straße aus dieſer Senke im ſog. 
„Araichgau“ quer über den Jura hinweg nach dem Alpen- 
vorlande. Nach dem Weſten findet dieſe bedeutſame Erniedrigung 
der rheiniſchen Gebirge ihre Fortſezung in der Zaberner Steige; 
ſo iſt der Weg gewieſen für die Verbindung des Pariſer Beens 
mit der oberrheiniſchen Tiefebene und dem Schwäbiſchen Beden, 
und von hier aus nach dem fränkiſchen und böhmiſchen Becken 
(Vürnberg, Prag!), wie nach dem Alpenvorland und dem 
Wiener Bexen. (Orient-Erpreß!) Das Königreich Bayern 
hat ſeinen Unteil in der weinreichen „Pfalz“ am linken Ufer 
des Stromes; KRaiſerslautern (48 000 Einw.) genießt vor Landau, 
Speyer und Pirmaſens den Yorzug der Lage an der alten 
„Zaiſerſtraße“ Barbaroſſas von Mainz nach Metz und Paris. 
Alle Pfalzſtädte aber hat die jüngſte unter ihnen, nämlich 
 
Ludwigshafen (62000 Einw.) überflügelt; es verdankt das 
raſche Anwachſen ſeiner Bevölkerung ebenſowohl ſeiner empor- 
blühenden IHemiſchen Farbeninduſtrie, wie ſeiner Lage in der 
unmittelbaren Nachbarſchaft Mannheims, deſſen gewaltige 
Hafenbauten geradezu herausfordern zur Schaffung eines Gegen- 
ſtückes auf dem linken bayriſchen Stromufer. Der Wetteifer der 
Staaten in der Ausnußung günſtiger Uferpunkte hat hier eine 
Doppelſtadt hervorgebracht, deren Entſtehungsweiſe typiſch iſt 
für viele Doppelſtädte nicht nur am Rhein. Im äußerſten Nord- 
ſaum der Rheinebene, der in den Bereich des Rönigreichs 
Preußen fällt, begegnen wir einer ähnlichen Doppelbildung 
am Mainz es iſt Frankfurt (290 000 Einw.) an der nördlichen 
Mainſjeite und das heſſiſche Offenbach (51000 Einw.) am 
Südufer dieſes Stromes. Jm Süden an der Burgunder Pforte 
drängen jich Srankreich und die Schweiz an die Rhein- 
ebene; aber während das franzöſiſche ZSentraliſationsſyſtem 
nicht das Emporkommen einer Provinzſtadt in dieſer wichtigen 
Derkehrslage geſtattete, ſondern nur dem ihm eigenen Defenſiv- 
verhalten gemäß Feſtung auf Feſtung türmte, beſit die Schweiz 
in Baſel (115000 Einw.) ein wahrhaft „goldenes Tor“ für 
ſeine Aus- und Einfuhr. Im Weſten geſellt ſich endlich das 
Reichsland Elſaß-Lothringen als jüngſtes Glied zu den 
oberrheiniſchen Staatengebilden, als letzte Solgeerſheinung des 
uralten heftigen Ringens und Rämpfens der Yölker um dieſes 
ſchöne und fruchtbare Gefilde. VMur ein Gebiet im Deutſchen 
Reiche vermag, wenn wir von Oſt- und Nordſee abſehen wollen, 
einen ähnlichen Wettbewerb der Staaten aufzuweiſen, das iſt 
der Bodenſee, der aber wegen ſeines geringeren Raumes 
(540 qkm) und wegen ſeiner Lage etwas abſeits von den 
großen induſtriellen und Verkehrszentren nicht die Bedeutung 
der oberrheiniſchen Tiefebene beſeſſen hat oder erreichen kann. 
Wie von einem Magneten fühlten ſich die wan- 
dernden Völker von dieſem geſegneten Gau ange- 
zogen. Am Beginn unſerer Zeitrechnung noch größtenteils 
im Beſitz keltiſcher Völker, wurde das Gebiet bereits von 
germaniſchen Schwärmen durchzogen. Yon der Burgunder 
Pforte her verſchafften fich die Römer Eingang und be- 
mächtigten ſich der Rheinebene und der Lothringer Stufenland- 
ſchaft. Yon Nordoſten her, am Fuße des Fichtelgebirges vorbei, 
zogen die Alemannen mainabwärts, bis ſie zwiſchen Oden- 
wald und Speſſart mit den Römern zuſammentrafen. Nach 
hartnäckigen Rämpfen beſetzten die Alemannen, mutmaßlich die 
alten Sueven, das EX zwiſchen Donau und Rhein und drangen 
ſelbſt über den Rhein in den Elſaß; jenſeits der“ Zaberner 
Steige nahmen ſie große Stre>en im Moſel- und Maasgebiet an 
ſich. Hinter ihnen her kamen thüringiſche Yölker über den 
Srankfenwald in das heutige fränkiſche BeXen, und unmittelbar 
darauf zogen Slaven durch das Fichtelgebirge an den Main 
bis in die Gegend von Bamberg. Zeitweilig hielten ſich auch 
die Burgunden in der oberrheiniſchen Landſchaft (Worms) 
auf, um dann weiter zu wandern. Ende des 5. Jahrhunderts 
erfolgte dann der Rückſchlag; in der Schlacht bei Zülpich oder 
Tolpiacum i. TJ. 496 warfen die Sranken der mitteldeutſchen 
Gebirgsſhwelle die Alemannen zurük und drangen am Rheine 
ſo weit aufwärts, bis ſie die Alemannen der rechts- und links- 
rheiniſchen Stufenländer völlig voneinander trennten, ſo daß 
die weſtlichen Alemannen in Lothringen eine ſelbſtändige Ent- 
wiklung nehmen konnten. Karl dem Großen gelang es, die 
Srankfen zu einen. Nach dem Vertrag. zu Verdun 8453, dem 
Gründungstag des Deutſchen Reiches, iſt ganz Südweſtdeutſchland 
germaniſch; es verteilte ſich auf die beiden Herzogtümer der 
Sranken und Schwaben, die ſich freilich nah dem Er- 
löſchen des hohenſtaufiſchen Hauſes (1256) in zahlreiche einzelne 
Herrſchaften auflöſen. Nan beginnt das benachbarte Frankreich, 
ſobald es aus den Rriegen mit England ſiegreich hervorgegangen 
war, ſich auf Roſten des Deutſchen Reiches nach Oſten aus- 
zudehnen. Stand ihm doH zu dieſem Zwecke ein bequemer 
Eintritt in die Lothringer Stufenlandſchaft offen. Der Bur- 
gundenherzog Philipp der Rühne (1363--1404) ſcheint be- 
Preits den Plan gehabt zu haben, vom Rhönetal aus das 
Rheintal unter ſeine Herrſchaft zu bringen und ſo ein mächtiges
	        

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