Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 60.1908 (60)

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" Nr. 20. 
Allgemeine Deutſ he Cehrerzeitung. 
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Reich zwiſchen Frankreich und Deutſchland aufzurichten; im 
Bunde mit England, dem er ſih durch den Erwerb von 
Slandern, Mecheln, Antwerpen näherte, konnte er das Züng- 
lein in der Wage des damaligen europäiſchen Gleichgewichts 
in jeiner Hand halten. Philipp der Gütige ſeßt dieſe 
Politik fort durc den Rauf von Hennegau, Holland, See- 
land, durHh den Rauf von Namur, durch Ungliederung von 
. Brabant, Limburg (1430), Luxemburg (1443), ſo daß er einer 
der mächtigſten Fürſten Europas ward. Sein Sohn Rarl der 
Kühne (1467--1488) konnte den weiter ausſchauenden Plan 
faſſen, den Raiſer FSriedrich als den Schattenbeherrſcher des 
weſtrömiſchen Reiches zu gebrauchen, um alle ſeine Beſitzungen 
in eim Königtum von Gottes Gnaden zu vereinigen; dieſes neue 
Königreich ſollte aus allen Provinzen und Städten der Uieder- 
lande, aus den Herzogtümern Lothringen und Geldern, den 
Bistümern Utrecht, Dole und Lüttich, aus den öſterreichiſchen 
Beſitzungen und Rechten im Elſaß, in Schwaben und in der 
Sdweiz, die Siegmund von Tirol an Karl abgetreten hatte, 
beſtehen; bei der Zuſammenkunft Friedrichs I11. mit Karl dem 
Rühnen in Trier 1475 ſprach Rarl das Verlangen aus, daß 
er zum Generalſtatthalter des Raiſers und zum Reichs-Yikar 
ernannt werde; in jenen Tagen ward zugleich der Maria 
v. Burgund Gelegenheit, die Heldengeſtalt und Heldenunruhe - 
Maximilians, ihres zukünftigen Gatten, zu bewundern. In den 
Schlachten von Granſon, Murten und Nancy (1476 und 1488) 
überwanden die Schweizer den mächtigſten und reichſten Herrn, 
den es damals in allen deutſchen und franzöſiſchen Landen 
von der Grenze Savoyens bis zur NVordſee gab. Für die 
franzöſiſchen Rönige wurde die Bahn frei, ihr Machtbereich 
allmählich bis an den Rhein auszudehnen. Drei Jahrhunderte 
lang wurde Südweſtdeutſchland durch Rriegszüge verheert; 
BroFXen auf Brocken der ſchönen Landſchaft wurde vom Deut- 
ſchen Reiche losgeriſſen und verwälſcht. Zunächſt kamen Teile 
Lothringens, Met, Toul, Verdun an Frankreich, ſpäter folgte 
der Elſaß, 1681 mitten im Frieden raubte Ludwig XIV. Straß- 
- burg, ſo daß nun die Zaberner Steige und die Burgunder 
Pforte wieder wie zu Zeiten der Römer Heerhaufen auf Heer- 
haufen zu Derwüſtungskriegen oſtwärts ziehen ſahen, bis dann 
am Schluß des 18. Jahrhunderts das rechtsrheiniſche Land 
noch im deutſchen Beſit war. Die Befreiungskriege 1813 bis 
[815 vermochten daran nichts weſentlich zu ändern; erſt das 
Jahr 1871 gab dem Deutſchen Reiche die Weſthälfte eines 
ſeiner ſchönſten Gaue zurük. Ein erfreuliches Ergebnis hat 
die lange Vereinigung des Wasgaues mit Frankreich wohl 
gezeitigt ; die Elſäſſer Textilinduſtrie, deren Mittelpunkt Mühl- 
hauſen bildet, hat während dieſer Zeit viel gelernt in jener 
Kunſt der Farbengebung und hemiſchen Behandlung der Baum- 
wolle, worin die Franzoſen noch heute Bedeutendes leiſten. Vom 
Vhein aus haben ſich dieſe techniſchen Errungenſchaften dann 
nach den andern deutſchen Zentren der Webinduſtrie, 3. B. 
nach dem DVogtlande, verbreitet. Ferner kam das Deutſche 
Reich in ſicheren Beſitz des wichtigen Saarkohlenbe>ens, 
das heute über 40 000 Arbeiter beſchäftigt und um ſo wertvoller 
iſt, als in der Nähe im Moſeltal bei Diedenhofen große Schätze 
von Eiſenerzen vorhanden ſind und einen lebhaften Bergbau 
und namhafte Verhüttung ins Leben gerufen haben, die ungefähr 
25 000 Menſchen beſchäftigen. Doch iſt im übrigen dieſe Weſt- 
ſeite des ſüdweſtdeutſchen BeXens nicht auf gleicher kultureller 
Höhe mit der ſchwäbiſch-fränkiſchen Seite. Das liegt einesteils 
in der größeren Geſchloſſenheit des lothringiſchen Plateaus, 
zum andern Teil aber in der Zweiſprachigkeit des Gebiets 
begründet; die Anhänglichkeit gewiſſer Bevölkerungskreiſe an 
franzöſiſche Sprache, Sitten und Staatzeinrichtungen bewirkte 
Z. B. 1871 die Auswanderung von 5000 Bewohnern der Stadt 
Meß, ſo daß die Einwohnerzahl ſich von 57000 auf 52000 
verringerte und erſt nach Jahrzehnten durch Zuwanderung deut- 
ſcher Yolfksteile wieder auf 58000 ſtieg. 
Die politiſchen, wie die DYerkehrs- und Wirt- 
ſ<haftsverhältniſſe haben ſich im 19. Jahrhundert 
ſehr zugunſten der oberrheiniſchen Tiefebene ent- 
wiäelt. Großbritannien erzielte an der Wende des 18. zum 
 
19. Jahrhunderts mit Hilfe ſeiner großartigen Erfindungen der 
Spinn- und Webmaſchinen einen derartigen Vorſprung in der 
Induſtrie, daß Napoleons 1. Rriege und die brutale Maßregel 
der Rontinentalſperre das Gleichgewicht nicht wiederherſtellen 
konnten. Das Beſtreben, den Güteraustauſch und Derkehr zwi- 
ſchen London und Indien immer ſchneller und ſicherer zu be- 
wältigen, führte zur Erbauung des Sueskanals und der Ulpen- 
bahnen, wobei das Pariſer Be>en und der Mont Cenis- 
Tunnel beſtändig verloren, während die Rheinlinie in gleichem 
Maße den Verkehrsſtrom an ſich zog. Time is money; der 
Simplontunnel gewährt etwa 4 Stunden Zeiterſparnis zwiſchen 
Bajel und Mailand gegenüber der Gotthardbahn; folglich lenkt 
der nordſfüdliche Yerkehr in dieſe neue günſtigere Bahn ein, 
zu welcher die oberrheiniſche Tiefebene mit ihren doppelten 
Schienenſträngen links und rechts des Rheines die wichtigſte 
Iufahrtsſtraße iſt. Ferner mußte die Gründung des Reiche-s 
die Yerkehrsbedeutung der oberrheiniſchen Tiefebene günſtig be- 
einfluſſen. Bis dahin war ſie von Grenzen durchzogen, die 
Dölfer und Staaten voneinander trennten; dieſe willkürlichen 
Linien unterbrachen die Beziehungen der einzelnen Teile, die 
von Natur aufeinander angewieſen waren, und lenkten den 
Verkehr in andere Bahnen. So zeigt Südweſtdeutſchland während 
der Römerzeit keine harmoniſche Entwicklung, weil die Yer=- 
kehrslinien ſich außerhalb der fränkiſch-ſchwäbiſchen Stufen- 
landſchaft erſtreken; erſt als im römiſch-deutſchen Kaiſerreich 
der Oſten und Weſten der Landſchaft vereint waren, erwuchſen 
in letzterer die von Natur vorgezeichneten Handelswege. Später 
breitete ſich Srankreich mehr und mehr in der Lothringer 
Stufenlandſchaft aus und bemächtigte ſich ſogar der weſtlichen 
oberrheiniſchen Tiefebene; da trat eine abermalige DVerſchiebung 
der Verkehrsverhältniſſe ein, wobei abermals die Lage des 
ſüdweſtdeutſhen Beckens nicht voll zur Geltung kam. Die Ent= 
wicklung der einzelnen Handelsplätze, wie die Bedeutung der 
Städte wechſelte mit dieſen politiſchen Verſchiebungen. Jm 
Norden war Mainz durch eine mannigfache Verknüpfung ge=- 
ſchichtlicher Ereigniſſe durch das benachbarte Srankfurt ver- 
drängt worden; dieſes aber bildete bis 1866 einen Staat für 
ſich und verfügte über kein politiſch verbundenes Binterland, 
ſo daß es nicht zu einer wirklich großſtädtiſchen Entwicklung 
kommen konnte. Straßburg, der Hauptort in der Mitte der 
Rheinebene, wurde in ſeinem Aufſchwung dadurch gehemmt, 
daß es zwei Jahrhunderte lang von jenem Staate getrennt 
war, zu dem es in geographiſcher und ethnographiſcher Be= 
ziehung gehört. Jm Süden liegt Baſel an einer Stelle, die 
durch die Natur für eine Großſtadt geſchaffen ſcheint; gehörte 
Baſel heute noH zum mächtigen Deutſchen Reich, ſo dürfte 
dieſe Stadt ſicher den Rang einer Halbmillionenſtadt einnehmen; 
ſo aber nimmt Mühlhauſen (90000 Einw.) in nächſter 
Nachbarſchaft ſeit ſeiner Einverleibung ins Reich jene Ent=- 
wicklung, die Baſel eigentlich zukommt, die es aber wegen ſeiner 
Zugehörigkeit zu dem Schweizer Kleinſtaat nimmermehr er=- 
reichen kann. Links vom Rhein liegen zwar zahlreichere, aber 
durchweg kleinere Ortſchaften als rechts vom Strome. Dieſe 
Tatſache erinnert an die Zeiten, in denen das linke Rheinufer 
in franzöſiſchem Beſitz war. Zahlreiche Städte wurden dadurch 
in ihrer Entwicklung gehemmt; denn während die deutſche 
Kleinſtaateret das Wachstum und die Blüte vieler zerſtreuter 
Brennpunkte der Kultur begünſtigte und noch Heute fördert, 
ſo ſanken jene uralten Städte Kolmar, Schlettſtadt, Speyer, 
Worms unter dem Prinzip der franzöſiſchen Zentraliſation zur 
Bedeutungsloſigkeit herab ; Straßburg ging ſeiner Rolle als 
Yorort der mittleren Ebene verluſtig und ſank zur Departements- 
ſtadt herab. Viele Bewohner, die ſich nicht unter das fran- 
zöſiſche Joch beugen wollten, zogen hinüber auf die rechte Seite 
des Rheins, und ſo kam es dort zur Gründung vieler kleiner 
Ortſchaften. Ein namhafter Teil des gewerblichen und geiſtigen 
Lebens ſiedelte damit vom linken auf das rechte Rheinufer 
über. So erklärt ſich die Erſcheinung, daß jüngere Städte 
wie Freiburg, Rarlsruhe, Mannheim, Darmſtadt ihre älteren 
Nachbarſtädte Kolmar, Scklettſtadt, Speyer, Worms über=- 
flügelten. Alte Kulturſtätten, vor allem Heidelberg, litten ent-
	        

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