Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 60.1908 (60)

Nr. 29. 
Der Vortrag wird vielen Lehrerinnen einen Fingerzeig ge- 
geben haben, wie ſie ihre Schülerinnen anleiten können, die 
tiefen Gedanken, welche die alten Rünſtler ihren Schöpfungen 
zugrunde gelegt haben, aus ihnen herauslejen können, um ſo 
ſtets neue Freude an den Zeugen einer großen Kunſtvergangen- 
heit zu gewinnen. 
Na Beendigung des Yortrags gab die Vorſitzende Fräulein . 
Ludewig dem Dank AusdruF, der die Herzen aller Teilnehmer 
bewegte, dem Dank gegen die Menſchen, die der Ronferenz 
zum fröhlichen und geſegneten Gelingen ihrer diesjährigen 
Tagung geholfen haben und vor allem dem Dank gegen Gott, 
der den Segen gegeben hat. Sie ſprach den Wunſch aus, alle 
Teilnehmer der diesjährigen Yerſammlung in zwei Jahren bei 
der nächſten öffentlichen Tagung wiederzuſehen. 
Endlich machte Herr Pfarrer Wittekind den Schluß in einer 
Undacht über Ppſ. 75, Y. 23--26. Er wünſchte der Ronferenz, 
daß das große „Dennoch“ des Glaubens, das alles Chriſten- 
leben beherrſcht und das im beſonderen Maße ein Wahlſpruch 
der Konferenz genannt werden kann, den einzelnen Mitgliedern 
wie der Geſamtheit den ungebrochenen Zeugenmut erhalten und 
den endlichen Sieg verleihen möge. Das war ein ſchöner 
Schluß der geſegneten Tage. 
am amm meinten m mmer meme me =. 
Pfinaſttaae i im Sauerland. 
Von A. Müller in Erfurt. 
Königsberg, München, Dortmund. Yon der Stadt Rants 
zur Stadt der Runſt hin zur Stadt der Kohle; von der Stätte 
ernſter Wiſſenſchaft im fernen Oſten zur Stadt der heitern 
Kunſt im ſonnigen Süden Yin zur Stadt der ſchweren Arbeit 
im induſtriereichen Weſten. Dortmund, die alte Tremonia, 
eine Stadt raſtloſen Strebens und Emporblühens, eine Stadt 
der harten, ſchweren Arbeit. Die Deutſche Lehrerverſammlung 
paßte hinein in den Rahmen dieſes Bildes; denn in Dortmund 
iſt von den deutſchen Lehrern viel Arbeit geleiſtet worden; die 
Verſammlung war ein glänzendes Zeugnis der Arbeitskraft 
und Arbeitsluſt, die in unſerer einzig daſtehenden Organiſation 
vorhanden iſt. Fanden doch neben den zwei großen Haupt- 
verſammlungen noh etwa dreißig Nebenverſammlungen ſtatt. 
Eine ſtattliche Fülle! 
Um Rraft und Sriſche zu ſammeln für dieſe anſtrengenden 
, und aufreibenden Tage, habe ich Rörper und Geiſt hinein- 
getaucht in den Jungbrunnen der Allmutter Matur; das ſchöne, 
liebliche Sauerland habe ich durchwandert im heitern Sonnen- 
ſchein, in vollen Zügen habe ich getrunken aus dem Becher 
der reinſten Frende und des ſeligſten Glükes; das ſtärkt, labt, 
kräftigt und erhebt Geiſt und Gemüt, Nerven und Rörper. 
Ein idylliſch gelegenes Dörfchen, Brilon am Walde, nahm 
mich auf, als ich nach achtſtündiger Fahrt, die Seele geſchwellt 
von Erwartungen und Spannungen, dem Zuge entſtieg. Hin- 
ein in den herrlichen Wald, hinauf zur Höhe! J< wandere 
allein durch den weiten Waldesgrund. Tief unten rauſcht das 
Bächlein; droben winken die Bruchhauſer Steine, mächtige 
Porphyrfeljen, umrahmt von dem friſchen Grün der Eichen 
und Buchen, Tannen und Birken. Welch Leben in der Natur! 
Das ſingt und klingt, jauchzt und jubiliert aus allen Büſchen 
und Bäumen. „Mein Herz, tu' dich auf, wie der Himmel ſo 
weit, umfaſſe das Leben, die Wonne der Zeit!“ -- 
Im lieblichen Tale ein freundliches Dörfchen. MWie 
glißern die Schieferdächer im Abendſonnenſchein, wie leuchtet 
das friſche Weiß der Häuſer, und die dunkelbraunen Balken 
laſſen keine Eintönigkeit aufkommen; bewaldete Berge um- 
rahmen das Jdyll; friſch duftende und blühende Bergwieſen 
ziehen ſich bis an die Häuſer heran, ſchwerfällige Rinder und 
land! Ziegen graſen am Bergeshang. Thüringen im Sauer- 
and! -- - 
Im Dörfchen halte ich Raſt. Im ſaubern Stübchen ſchme>t 
die ſchwere weſtfäliſche Koſt; Wirtstöchterlein, ein blühendes 
Rind mit blondem Haar und ſchwellendem Buſen, erfreut des 
Wanderers Auge und Herz. Drüben in der Gaſtſtube ſitzen 
Allgemeine Deutſche Cehrerzeitung. 
 
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die Bauern, kräftige Geſtalten, im Yorhemd<hen und aus der 
langen Pfeife rauchend. Es fällt mir ſchwer, ihrer Unter- 
haltung zu folgen; aber der Dialekt gefällt mir. Um neun iſt es 
im Wirtshaus ſtill; ich ſchlafe gut, und als ich erwache, 
grüßt mich ein herrlicher Morgen. „Groß iſt Jehovah, der - 
Herr! denn Himmel und Erde verkünden ſeine Macht! Du 
hörſt ſie in des grünenden Waldes Geſäuſel, ſiehſt ſie in lieb- 
licher Blumen glühendem Schmelz“, jo klingt es durch meine 
Seele und löſt ſich aus in vollen Akkorden. -- 
„Wer recht in -Freuden wandern will, der geh' der Sonn' 
entgegen, da iſt der Wald ſo kirchenſtill, kein Lüftchen mag 
ſich regen.“ Müorgenwanderung! J< ſteige hinauf auf die 
Berge, grüße noch einmal mein Dörfchen, und nun nimmt 
mich der Wald auf. Auf lauſchigen Pfaden erreiche ich, tief 
im Waldesdunkel verborgen, die Ruhrquelle. J< halte Raſt. 
Waldeinſamkeit, wie lieb ich dich! 
„Dier ruh ich aus vom Weltgebraus, 
geküßt vom Wind ſo zart und lind, 
wie ſtill, wie weit Waldeinſamkeit!“ 
Doh hinauf! Um neun bin ich in Winterberg, einem 
ſehr beſuchten Rurort. Das Dorf liegt auf einer Hochebene, 
von Bergwieſen und Heideflächen umzogen. Die ganze Gegend 
trägt Rhöncharakter. Nach anſtrengender Steigung erreiche 
ich den Gipfel des hohen Aſtenberges, der, 840 m hoch, die 
höchſte Erhebung des ſauerländiſchen Gebirges bildet. Yon 
der Höhe ein liebliches Panorama. Berg reiht fich an Berg, 
tiefeingeſchnittene Täler, einſame Gebirgsdörfhen, lachende 
Bergwieſen und dunkle Heide. J< ſtehe hoch überm Tale, - 
lange Zeit, ſtille vor großer Luſt. Der Erde ſo weit, dem 
Himmel jo nah. 
Höhenwanderung auf dem Ramme des Rothaargebirges 
von der Ruhr- bis zur Lahnquelle, vom Ruhrkopf bis zum 
Ederkopf. Welch eigenen Reiz bietet eine Wanderung auf 
dem Gebirgsfamme! TJ<« wurde lebhaft erinnert an eine 
andere Höhenwanderung, die mich. vor Jahren auf den Kamm 
des Wasgenwaldes, des Grenzwalles von Frankreich und Elſaß, 
führte. Das Rothaargebirge bildet auch einen Grenzkamm 
zwiſchen Franken und Sachſen; es iſt eine Yölfergrenze und 
Sprachengrenze zugleich, im Süden wird hochdeutſch, im Norden 
platt geſprochen; es iſt eine Konfeſſionsgrenze und damit zu- 
gleich eine parteipolitiſche Scheide, ſüdlich evangeliſch und 
nationalliberal, nördlich katholiſch, Zentrumsherrſchaft. 
Ich wandere durch herrlichen Eichen- und Buchenhochwald, 
ſtundenlang kein Dorf, keinen Wandrer. Allein! T< ſchaue 
hinab auf die wild- und waldreichen Gefilde des Wittgen- 
ſteiner und Siegener Landes, in der Ferne grüßen die Gipfel 
des bergiſchen Landes und des Ebbegebirges. 
Da türmen ſich dunkelgraue Wolken am Horizonte auf, 
von ferne grollt der Donner; ein Gewitter kommt heraufge- 
zogen.: Wie fauſt der Sturm! Glüdlich erreiche ich ein ein- 
ſam gelegenes Gaſthaus am Wege. Raum bin ich eingetreten, 
iſt ein ſchweres Gewitter da. Die Blitze zuken durch die 
graue Wolkenwand, ganz in der Nähe ſchlägt es ein, furcht- 
bar dröhnt der Donner, der Regen fauſt hernieder, vom Sturme 
gepeaitſcht. Wie jagen ſich die Nebelmaſſen! Und als das 
Gewitter vorüber war, da lagerte ein dichtes Nebelmeer auf 
Wald und Berg. Jh muß meine Höhenwanderung abbrechen 
und ſteige auf gut gepflegter Landſtraße hinab ins Cal. Greu- 
lich heulte der Wind und ſchüttelte die alten ſturmerprobten 
Baumrieſen, geheimnis5voll tröpfelte es von Üſten und Zweigen, 
geſpenſterhaft huſchten die Nebel über den Weg, geiſterhaft 
zogen die Nebelſchwaden aus den Bergen und Wäldern in 
die Höhe. Dem einſamen Wanderer wurde 25 mitunter bäng- 
lich zumute. Ein friſches: Wohlauf, die Luft geht friſch 
und rein verſcheucht bald die trübe Stimmung. Hell wird es 
drinnen, hell wird es draußen. Der Wind verſcheucht die 
Nebelmaſſen, ſchüchtern lugt die Sonne durch die dichte Wolken- 
wand. Das Licht ſiegt! Jm Abendſonnenſcheine grüßen mich 
liebliche Dörfer am munter plätſchernden FSluſſe. JT< bin im 
Cennetale, in einem der ſchönſten Täler des maleriſchen Sauer- 
landes. =-
	        

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