Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 60.1908 (60)

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Allgemeine Deutſche Cehrerzeitung. 
Nr. 29. 
 
Pfingſtmorgen im Lennetale! Freundlicher Sonnenſchein 
lacht in das Tal, gewerbreiche Städte und Dörfer liegen 
maleriſch hingebettet, umrahmt von bewaldeten Höhen, ſchlot- 
reiche Eiſen- und Stahlwerke hemmen des Wanderers Schritte. 
Hier iſt es, wo der Märker Eiſen reXt. Fröhliche Menſchen 
durchſtreifen das liebliche Tal. PfingſtgloXen! Am Kirchlein 
halte ich ſtill, Orgelklang und Gemeindegeſang bannen mich, 
die Natur hält mir die Pfingſtpredigt. 
Doc weiter zwiſchen Bergen hin an induſtriereichen Dörfern 
und Städtchen und Eiſenwerken vorbei; die geſchwätzige Lenne 
iſt mein Wandergefährte. Sie hat mir viel zu erzählen von 
geſchäftigen Menſchen und regſamen Händen, von Räderge- 
klapper und ſchwerem Hammerſchlag, von harter Urbeit in 
den Walzwerken, Stahl- und Eiſenhütten, Ralk- und Sinkwerken, 
von den Gewerkſchaften und dem großen Arbeitgeberbunde, 
von harten Lohnkämpfen, Dividenden und Aktien, von den 
Induſtriegeſellſchaften Phönix und Union. IH nehme Abſchied 
von dem geſprächigen Wandergefährten, durchwandere das 
ſchöne, gewerbtätige Tal der Grune und beſuche die Dechen- 
höhle. Sie iſt an die 300 m lang und zeigt in fünfzehn Ab- 
teilungen ſchöne Gebilde; ich möchte ſie mit der Hermannshöhle 
im Bodetale vergleichen, nur ſind hier die Ralkgebilde blendend 
weiß und großartiger. 
Bald bin ich in Jſerlohn, das inmitten einer lieblichen, 
echt thüringiſchen Landſchaft liegt. „Biſt du wirklich auf roter 
Erde?“ ſo frage ich mich immer und immer wieder. Das 
Felſenmeer bei Jſerlohn zeigt eine Menge ſchroffer Felſen in 
einer von hohen Buchen beſchatteten Vertiefung. Wie WMieeres- 
wogen ſind die Felſen übereinander getürmt. Nun nach dem 
Hönnetal. Welch eine reizvolle Gegend! Weißgraue Ralk- 
felſen ragen aus dem dunkeln Grün, ſenkrecht ſteigen die Wände 
empor, unterbrochen von ſchmalen Waldſtreifen oder von grünen 
Büſchen behangen, die muntere Hönne rauſcht und ſpritzt bald 
hoch auf, bald verliert ſie ſich ſchweigſam und ſpurlos in den 
Erdfklüſten. 
So häuft fich hier an der Nordgrenze des Sauerlandes 
Schönheit an Schönheit; die Natur hat hier noch einmal reich- 
lich von ihren beglükenden Gaben ausgeteilt. Im Dorfe auf 
der Höhe halte ich Raſt. Der Abend jenkt ſich leiſe über 
Wald und Flur. Ein (Abendſpaziergang durch die geſegneten 
Felder des Dörfchens. In der Ferne grüßen die Türme von 
JTſferlohn und die Wälder von Urnsberg. Meine Gedanken 
fliegen hin über Berge und Wälder zur Heimat und grüßen 
die Lieben daheim! 
Um zweiten Pfingſttage bin ich zur Hohenſyburg Hinauf- 
geſtiegen. Weit ſchweift der Blick in das induſtriereiche Ruhr- 
tal, hin bis nach Hagen, bis nach Schloß Hohenlimburg. Die 
Burg erzählt von alten Zeiten, von Raiſer Rarl d. Gr. und 
dem tapferen Sachjenvolke, das unter ihrem Herzoge Widukind 
die Feſte Siguburum verteidigte. Ein Raiſer Wilhem-Denkmal 
krönt jezt die Höhe, ein SeitenſtüXk zum Denkmal an der Porta 
Weſtphalica. Ein ſtattliches Denkmal, aber mit dem gewaltigen, 
gleichſam aus Berg und Felſen herausſteigenden Raiſerdenkmal 
auf dem Uyffhäuſer nicht zu vergleichen. 
Ih wandere weiter auf der Höhe durch ſchattige Wälder 
und große Dörfer. Um Bergeshange halte ich ſtill. Jn der 
Ferne liegt Dortmund, das Ziel meiner Wanderung. Schlot 
an Schlot ſteigt aus dem Dunſimeer empor, Rauchfahnen 
durchziehen die ſchwere Luft. Das iſt die alte Tremonia, die 
Deutſchlands Lehrer zu ihrer Pfingſttagung begrüßt. 
 
Jetzt rede du! 
Du wareſt mir ein täglich Wanderziel, 
viellieber Wald, in dumpfen Jugendtagen, 
ich hatte dir geträumten Glüds ſo viel 
anzuvertrauen, ſo wahren Schmerz zu klagen. 
Und wieder ſuch ich dich, du dunkler Hort, 
und deines Wipfelmeers gewaltig Rauſchen -- 
jetzt rede du! J< laſſe dir das Wort! 
Derfſtummt iſt Klag' und Jubel. J< will lauſchen. 
C. F. Meyer. 
 
Vermiſchtes. 
Univerfitätsſtudium! Allen Kollegen, welche mit dem Gedanken 
einer Weiterbildung auf der Univerſität umgehen, erteilt der „Derein 
findierender Volksſchullehrer“ in Jena bereitwilligſt Auskunft. Zweks 
Allgemeiner Orientierung über die einſchlägigen Fragen --- betreffend 
beſonders die Möglichkeit der Immatrikulation -- verweiſt er zunächſt 
auf folgende Artikel der im AU. W. Zifeldtſchen Verlag zu Oſterwieck 
am Harz erſcheinenden „Pädagogiſchen Warte“: 
1. Beſtimmungen, welche den Volksſchullehrern die Jmmatrikulation 
an den deutſchen Univerſitäten ermöglichen. (12. Jahrg. 1905, Heft 20.) 
. Zur Immatrikulation der Volksſchullehrer. (14. Jahrg. 1907, Heft 12.) 
. Wege zur Erlangung derDoktorwürde für Volksſchullehrer. (14. Jahrg. 
1907, Heft 24.). 
Weitere Unfragen über Koſten und Daner des Siudiums, über die 
notwendigen Vorkenntniſſe in den einzelnen Wahlfächern, Ratſchläge 
betreffend den Studienplan uſw. uſw. wolle man richten an eins der 
unterzeichneten Vorſtandsmitglieder des genannten Vereins. 
Dirks-Oldenburg, KRlaaßen-Danzig, Kod-Sünna a. d. Werra, 
Vorſitzender. Schriftführer. Kaſſierer. 
Jena, Löbdergraben 2. Jena, Zwätzengaſſe 1. Jena, Saalbahnhofſtr. 20. 
Geſellſchaft für deutſche Erziehunas- und Schulgeſchichte, 
Die Sachſengruppe hielt am 27. Mai ihre diesjährige Frühjahrsſfitzung 
im Saale der ſtädt. Schule für Frauenberufe zu Leipzig ab, und zwar 
unter der Leitung des 1. Vorſitzenden, des Herrn Schulrat DDr. Müller. 
Zunächſt ſprach in feſſelnder Weiſe Herr Kantor Dr. Hugo Löbmann 
über „Reformbewegungen auf dem Gebiete des Geſangsunterrichts in 
den Schulen um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts". Dann 
verbreitete ſich in klarer objektiver Weiſe Herr Dr. Schmertoſch von 
Vieſental, Oberlehrer am Realgymnaſium zu Leipzig, über das Thema: 
„Matthias Collinns, ein böhmiſcher Humaniſt". Beide Vorträge ver- 
rieten gründliches Quellenſtudium. Lant Tagesordnung ſollten dann 
noch ſprechen: Herr Dr. R. Möckel (VIII. Bürgerſchule) über: „Phyſio- 
logiſch-pſyhologiſche Studien zur Geſchichte des ſächſiſchen Volksſchul- 
weſens in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts“, der 1. Vorſitzende über: 
„Staatsminiſter von Wietersheim“. Da aber die Zeit zu weit vorge- 
rückt war, konnten von den letzten zwei Vorträgen, die für die Herbſt- 
ſitzung zurückgeſtellt wurden, nur einige intereſſante Proben geboten 
werden. Miat herzlichem Danke für das Gebotene, das höchſt wertvoll 
war, und für das außergewöhnlich zahlreiche Erſcheinen von Mitgliedern 
und Gäſten ſchloß der 1. Yorſitzende die Lrühjahrsfitzung. Dr. G. 
Die badiſche Regierung und die Lehrerſchaft. Nach der Er- 
klärung des badiſchen Staatsminiſteriums, daß es auf eine Einreihung 
der Lehrer in den Beamtenbeſoldungstarif nicht eingehen, ſondern eher 
die ganze Vorlage betr. Uenordnung der Beamtengehälter fallen laſſen 
würde, hat die zweite Kammer nachgegeben und auf die Einreihung der 
Cehrer verzichtet. Die Stimmung der Lehrer wächſt ſich immer mehr 
zur Erbitterung aus, zumal die Regierung auch noc< gewillt zu ſein 
ſcheint, den tapfern Wortführer der badiſchen Lehrer, Hauptlehrer Rödel, 
wegen ſeiner Debatterede auf der Deutſchen Lehrerverſammlung zu maß- 
regeln. In der erſten Kammer hat der leitende Staatsminiſter von Duſch 
erklärt, die Regierung mißbillige die von einem Mannheimer Lehrer in 
Dortmund getanen Üußerungen aufs tiefſte, da dieſer damit das ganze 
badiſche Land bedauerlicherweiſe herabgeſetzt habe; ſie müſſe ſich weitere 
Schritte bis zur genauen Renntnis des Wortlautes vorbehalten. Wir 
glauben kaum, daß der Miniſter Unlaß zu einem diſziplinariſchen Ein- 
ſchreiten gegen Rödel finden wird; hoffentlich wird man ihm bedeuten, 
daß es für einen Miniſter nicht recht angebracht iſt, Üußerungen zu miß- * 
billigen, die man erſt genart kennen lernen will. 
Der Fall Beyhl im bayeriſchen Ubaeordnetenhaus, Jn der 
Sißzung vom 25. Juni brachte die liberale Fraktion folgende Interpella- 
tion ein: 
„Glaubt das Königliche Geſamtminiſterium die Verfaſſungsbeſtimmung 
über die Freiheit der Meinungen dahin auslegen zu können, daß gegen 
einen Beamten oder Yolksſchullehrer, der in zweifellos berechtigter Ver- 
tretung von Standesintereſſen auch ſcharfe Worte gebraucht, mit einer 
Diſziplinarunterſuchung vorgegangen werden ſoll?“ 
Die Begründung hierzu lautet: „Gegen den Lehrer Jakob Beyhl in 
Würzburg iſt ſowohl wegen ſeiner Tätigkeit als Heraunsgeber der „Freien 
Bayeriſchen Schulzeitung“, als auch wegen einer am 16. Mai d. J. in 
München gehaltenen Rede ſeitens der Königlichen Regierung von Un- 
terfranfen die Diſziplinarunterſuchung eröffnet worden. Die öffentlich 
abgegebene Erklärung des Genannten beweiſt, daß derſelbe in ehrlicher 
Überzeugung und erfüllt vom redlichſten Willen in Wort und Schrift 
für das Wohl des bayeriſchen Lehrerſtandes, ſo wie er es auffaßt, ein- 
getreten iſt, und zwar in einer Zeit höchſter Erregung aller Beteiligten, 
die ſic) in lebhafter Erörterung betätigen mußte. Wollte nun die König- 
liche Staatsregierung ihrem abweichenden Standpunkt , ſtatt ihn ſachlich 
zu vertreten, dadurch zum Siege verheifen, daß fie den unbequemen 
Oi dd?
	        

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