Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 60.1908 (60)

26. November 1903, -/ 
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60. Jahrg. 
Begründet durch; A, Berthelt. Schriftleiter: Lehrer Ernft Linde in Gotha, Kaiſerſtraße 34a. 
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Inhalt: 
kaſten. -- Anzeigen. 
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NEE Mieſen 
 
 
Die „Gefahren des akademiſchenWeibtums“. 
Erwiderung. 
Don Dr. Gertrud Bäumer.*). 
In Nr. 23 der Allgemeinen Deutſchen Lehrerzeitung hat 
ein ungenannter Spektator über eine Derſammlung der preu- 
ßiſchen ZSweigvereine des Allgemeinen Deutſchen Lehrerinnen- 
vereins berichtet, indem er zugleich durch den Eindruck, den er 
von dieſer Verſammlung gibt, die „Gefahren des akademiſchen. 
Weibtums“ beleuchtet. Da der Bericht, abgeſehen von einer 
gewiſſen Yoreingenommenheit des Herrn Verfaſſers eben gegen 
dieſes akademiſche Weibtum, von ſachlichem Intereſſe zeugt, 
wird es vielleicht nicht vergeblich ſein, ſeine Kritik in einzelnen 
Punkten auch von unſerer Seite zu beleuchten. Ih möchte 
wenigſtens um ſo lieber den Verſuch dazu machen, als mir im 
Moment nichts wichtiger erſcheint, als daß wir uns mit unſern 
Kollegen, ſoweit das nur irgend möglich iſt, über die Frage 
der Mädchenbildung zu verſtändigen ſuchen. | 
Der Berr Verfaſſer findet in der Yerſammlung des U. D. 
L.-D. drei Symptome, an denen er die „Gefahren des aka- 
demiſchen Weibtums“ zu erkennen meint: 1. die Urt, wie man 
über das alte WeiblichkeitSideal geſprochen habe; 2. das, was 
er „Liebäugeln mit der Knabenſchule“ nennt, und 3. das Ver- 
langen nach akademiſch gebildeten Lehrkräften. 
Ehe er aber auf dieſe drei Beobachtungen eingeht, be- 
jpricht er im allgemeinen die Stellung der Lehrerinnen zu ihren 
Kollegen, „den böſen Männern“, wie er ſie aus der Gemüts- 
verfaſſung der Lehrerinnen heraus zutreffend bezeichnen zu 
müſſen glaubt. Er ſieht ein Zeichen der Feindſeligkeit darin, 
daß in zwei Derſammlungen die Beteiligung an der Diskuſſion 
auf Mitglieder des A. D. L.-DY. and geladene Gäſte beſchränkt 
' war; man habe dadurch „den böſen Männern“ den Mund 
verſchließen wollen. Da dieſe Auffaſſung merkwürdigerweiſe 
in den Rreiſen der Herren Kollegen auch weiter verbreitet zu 
ſein ſcheint, ſei hier ausdrüFlich bemerkt, daß zu den geladenen 
Gäſten außer einer Anzahl offizieller Perſönlichkeiten die Leiter 
ſämtlicher höherer Mädchenſchulen von Berlin und Vororten 
gehörten, ferner daß dieſe Einſ <hränkung lediglich gemacht wurde, 
um in der außerordentlich kurzen Zeit, die zu Gebote ſtand, den 
Swe der Derſammlung, eine Einigung der preußiſchen Zweig- 
vereine des.A. D. L.-Y. über die Mädchenſhulreform, erreichen 
*) Mit Dergnügen bringen wir dieſe ſachlich und bündig gegebene 
Erwiderung, indem wir zugleich unſerer Freude Uusdru> geben, den 
' Leſern der A. D. €. die Derfaſſerin, eine der talentvollſten und be- 
ſonnenſten Führerinnen der Frauenbewegung, damit vorſtellen zu können. 
Unſer Spectator-Mitarbeiter, dem die Erwiderung vorgelegen, verzichtet 
ſeinerſeits auf eine Entgegnung, da ihm, wie er ſagt, gleichfalls mehr 
am Frieden als am Streite gelegen ſei und da die beſtehenden Diffe- 
renzen offenbar auf die Derſchiedenheiten des Geſchlechts, des Bildungs- 
ganges und der Stellung zurückzuführen ſeien und alſo wohl nur durch 
die weitere Entwicklung der Dinge ſelbſt behoben werden könnten. Red. | 
Abhandlungen: Die „Gefahren des akademiſchen Weibtums“". 
Don Sir Oliver Eodge, -- Uphorismen. -- Dom Kriegsſchauplatz. -- Vermiſchtes. -- Beurteilungen, = Brief- 
 
Erwiderung. Von Dr. Gertrud Bäumel. -- Geiſt und Materie. 
zu können. Daß man es ſich in Unbetracht der ſehr beſetzten 
Tagesordnung nicht hätte leiſten können, viele ſolcher Diskuſſions- 
redner, wie den einen Herrn in der öffentlichen Verſammlung, 
von dem der Verfaſſer berichtet, anzuhören -- ſo unterhaltend 
das in vieler Hinſicht ſein mag -- wird ihm ſelbſt einleuchten. 
Und wenn eine derartige weitſchweifige Unſachlichkeit ſogar 
am grünen Holze möglich war, bei einem Fachmann, ſo iſt es 
wohl doppelt begreiflich, daß der A. D. L.-Y. ſich in irgend einer 
Weije dagegen ſichern mußte, durch Nichtſachverſtändige -- 
Männer oder Frauen -- aufgehalten zu werden, wenn er über- 
haupt mit ſeiner Tagesordnung fertig werden wollte. Dagegen 
wird auch vom demokratiſchen Standpunkt aus um ſo weniger 
einzuwenden ſein, als ja in der öffentlichen Abendverſammlung 
die Diskuſſion frei war; daß dieſe Freiheit von außenſtehenden 
Intereſſenten nicht ausgiebiger benutzt wurde, bedaure ich wie 
der Herr Derfaſſer ſelbſt. Dafür können wir aber nichts. 
Wenn der Verfaſſer dann aber weiterhin meint, unſere fried- 
lichen Geſinnungen gegen die Kollegen und unſere ſachliche Be- 
urteilung ihrer Mitarbeit nur darauf zurückführen zu müſſen, 
daß keine Männer zu Worte kommen konnten, ſo überſchätzt er 
entweder unſere Reizbarkeit oder die provozierende Macht der 
männlichen Rede. Ich kann ihm verſichern, daß ſelbſt durch 
die gönnerhafte Trivialität des Redners in der öffentlichen 
Abendverſammlung nichts in unſerer Überzeugung geändert iſt, 
daß wir die Mädchenbildung als eine gemeinſame Ungelegen- 
heit von Männern und Frauen betrachten. Es muß übrigens 
angeſichts der Behauptung des Verfaſſers, daß man aus dem 
Munde radikaler Srauenrechtlerinnen etwas anderes gehört habe, 
einmal dringend gebeten werden, die radikalen Frauenrechtlerinnen 
zu nennen, die verlangt haben, daß in der Mädchenſchule nur 
Srauen unterrichten ſollen. Wenn der Verfaſſer, wie das ein 
oft gebrauchtes Argument der Rollegen iſt, auch die Forderung, 
daß die Frau im Mädchenſchulweſen den ſtärkeren Einfluß 
haben müſſe, mit dem Einwand bekämpft, die Frau habe den 
größeren Einfluß in der häuslichen Erziehung, darum müſſe - 
der Mann ihn in der öffentlichen Erziehung haben, ſo iſt das 
nicht viel mehr als ein Bonmot. Wenn man nämlich zugibt, 
daß das gleiche Geſchlecht gewiſſe beſondere Möglichkeiten des 
Verſtändniſſes und der Beeinfluſſung eines Kindes und gewiſſe 
beſondere Erfahrungen von dem Lebenskreis, in den es ein- 
treten ſoll, gibt =- und man wird das kaum ernſthaft beſtreiten 
können --, ſo ergibt ſich daraus von ſelbſt, daß im Mädchen- 
ſchulweſen die Lehrerin, im Knabenſchulweſen der Lehrer den 
ausſchlaggebenden Einfluß haben muß. Daß infolge wirtſchaft- 
licher Verhältniſſe in der häuslichen Erziehung auch der Knaben 
der Dater gegenüber der Mutter mehr und mehr zurückgetreten 
iſt, iſt gewiß ein Mißſtand ; es iſt aber eine viel zu mechaniſche 
Gleichung, wenn man meint, dieſen Mißſtand dadurch aus- 
gleichen zu müſſen, daß man nun in der Schule -- auch in der 
Mädchenſchule -- dem Mann die erſte Stimme gibt. Und 
was den zweiten Einwand des Verfaſſers gegen die Verſtärkung 
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