Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 60.1908 (60)

Ur. 48. 
nach akademiſchen Kräften, der von der Verſammlung geäußert 
iſt, mit dem Saß „der Menſch ſchäßt nun einmal alles mehr, 
was er nicht hat“. Aber ſelbſt wenn die akademiſchen Lehrerinnen 
ſelbſt dieſe Forderung vorzugsweiſe geſtützt hätten, ſo müſſen 
ſie dom durchaus gegen den Vorwurf in Schutz genommen 
werden, daß das aus akademiſchem Hochmut geſchehe. Die 
ganze Geſchichte des A. D. L.-V., der Umſtand, um den der 
Verfaſſer uns mit Recht beneidet, daß der Verein alle Kategorien 
“ von Lehrerinnen in ſich vereinigt, ſprechen dagegen. Der Ver- 
faſſer kann uns aber um noch etwas beneiden: nämlich. darum, 
daß bei uns die ſeminariſtiſch gebildeten Lehrerinnen ſelbſt ſich 
ganz klar ſind über die Notwendigkeit ihres Verſchwindens von 
der Oberſtufe der höheren Mädchenſchulen, und weiter darum, 
daß die nach der preußiſchen Prüfungsordnung von 1900 ge- 
prüften Oberlehrerinnen ebenſo überzeugt ſind, daß die Zu- 
kunft den für das höhere Lehramt ordnungsmäßig geprüften 
Lehrerinnen gehört. Es iſt gerade aus den Kreiſen der Lehrer- 
ſchaft der höheren Mädchenſchulen die Sachlichkeit rühmend 
hervorgehoben worden, mit der die Lehrerinnen hier ihre per- 
ſönlichen Intereſſen zurückſetzen, ihre eigene Stellung zum Opfer 
bringen, um für die Mädchenbildung das durchzuſetzen, was 
ſie für notwendig halten. | 
Aus dieſem Grunde wird ſich der Verfaſſer auch als ein 
falſcher Prophet erweiſen, wenn er eine Spaltung des A.D. L.-V. 
in YVolksſchullehrerinnen und akademiſche Lehrerinnen voraus- 
ſagt; er glaubte, in den Verhandlungen über das Lehrerinnen- 
ſeminar bereits eine Spannung entdeXt zu haben; das iſt ein 
Jrrtum. Auch die Rednerin ſelbſt , die YVertreterin eines vom 
Yolksſchullehrerinnenſeminar unterſchiedenen höheren Lehrerinnen- 
ſeminars, hat dieſe Trennung nur aus praktiſchen Gründen 
für den Augenblik empfohlen, ſolange nämlich noch auf der 
Oberſtufe der höheren Mädchenſchule mit ſeminariſtiſch ge- 
bildeten Lehrerinnen gerechnet werden muß. Auch ſie ſteht 
prinzipiell auf dem Boden der Forderung eines einheit- 
lihen Elementarlehrerinnenſeminars. Wenn auch ſicher ur- 
ſprünglich die Organiſation des A. D. L.-V. damit zuſammen- 
hing, daß ſich eine Differenzierung eines Yolksſchullehrerinnen- 
ſtandes und eines Standes der akademiſchen Lehrerinnen bei 
ſeiner Gründung noch nicht vollzogen hatte, ſo iſt doch jetzt 
auf der einen wie auf der andern Seite ein ganz klares Be-- 
wußtſein davon, was dieſe gemeinſame Organiſation auch in 
Zukunft für einen Wert für unſern Stand und für uhſere 
Schule haben wird, und die Lehrerinnen werden alles tun, um 
ſie ſich zu erhalten. *) 
Geiſt und Materie. 
Don Sir Oliver Lodge.**) 
' Was iſt nun der Wahrheitsgehalt von Hae>els Philoſophie ? 
Denn es wäre töricht zu meinen, daß die Spekulationen eines 
bedeutenden Mannes überhaupt grundlos ſeien, oder daß er 
bei ſeinem Suchen nach Wahrheit ſich gänzlich auf falſchem 
Wege befunden habe. Seine intuitiven Überzeugungen muß man 
reſpektieren, denn ſie ruhen auf einer umfaſſenderen Erfahrung 
und Kenntnis, als ſie dem durchſchnittlichen Menſchen zu Gebote 
ſtehen. Es für wahrſcheinlich zu erachten, daß in den Lebens- 
*) Aber der „Landesverein Preußiſcher Volksſchullehrerinnen“> Wie 
lange wird er ſich noch als eine „Sektion“ innerhalb des Allg. D. Lehrerin- 
nenvereins halten können? Wir Lehrer hatten auch einmal einen „Ullg. 
D. Lehrerverein“, dem auch Gymnaſial- und Hochſchullehrer angehörten. 
Das war in dem Jahr der Begeiſterung 1848. Aber ſehr bald haben 
ſi höhere und niedere Lehrer geſchieden und konnten ſeitdem trotz aller 
Wohlmeinenden hüben und drüben nicht wieder zuſammen kommen. 
„Das Waſſer iſt viel zu tief." Die Dermutung unſeres Mitarbeiters, 
die die verehrte Verfaſſerin angreift, es bereite ſich auch innerhalb des 
Cehrerinnenſtändes eine ſol<e Trennung vor, ſcheint uns nach alledem 
ſehr glaubhaft, wenn wir auch mit der Verfaſſerin von ganzem Herzen 
wünſchen, daß ſie ſich als ſchlechte Prophezeiung erweiſen möchte. Red. 
**) Aus „Leben und Materie“. Haedels Welträtſel, Ffritiſtert von 
Air Oliver „8,0dge. . Berlin, Karl Curtius 1908. Veral. die Beſpr. in 
Ur. 38 d. Bl. 
Allgemeine Deutſche Lehrerzeitung. 
 
“, 
5335 
überzeugungen eines hervorragenden Spezialiſten überhaupt kein 
Wahrheitskern wäre, das wäre mindeſtens ebenſo töricht, als 
ſie ohne weiteres für gewiß und infallibel zu halten oder ſie 
kritiklos anzunehmen auch in Gebieten, die ſich der Jurisdiktion 
ſeines Spezialfaches entziehen. 
Zunächſt ſein „Subſtanzgeſetz“, auf das er ſo viel Gewicht 
legt! Das Faktum, das er hier, wenn aud? undeutlich, im Auge 
hat, iſt eben das, welches ich ſchon oben formuliert habe als 
„die Dauer des wirklich Seienden“ (vergl. 5. 352 ff.). In dieſer 
Umformung können wir mit Haeel oder beſſer mit dem, was 
er wohl ſelber eigentlich meint, übereinſtimmen. Was wirklich 
und fundamental exiſtiert, das muß, ſoweit das bloße Daſein 
in Betracht kommt, unabhängig ſein von der Zeit. Es kann 
durch manchen Wechſel hindurchgehen und inſofern jeine Ge- 
ſchichte haben, aber man kann nicht denken, daß es zu irgend- 
einer Zeit einmal das Daſein ſelber aufgeben wird oder an- 
nehmen konnte, ſo ſehr es auch ſeine Form und ſeine Eigen- 
ſchaften verändern mag. Das im letzten Sinne ihm zugrunde 
Liegende muß in irgendeiner Weiſe geweſen ſein und dauern. 
Nur die beſonderen Verkettungen und Gruppierungen können 
ein Datum ihres Urſprungs oder ihrer Zerſtörung haben. 
Eine Verſammlung 3. B. iſt von ſolch einer Art: ſie tritt 
zuſammen und geht auszeinander ; ihr Daſein als Verjammlung 
iſt vorüber, aber ihre konſtitnierenden Elemente danern. Das=- 
ſelbe kann man ſagen von einem Planeten oder einer Sonne, 
ja auch von Verbindungen der allerzarteſten und flüchtigſten 
Urt. Der ſchwache Streifen eines Morgennebels, auch wenn 
er verſchwunden iſt im unendlichen Nzur, iſt damit nicht aus 
der Exiſtenz herausgetreten, er iſt nur als ein ſichtbares Objekt 
aus unſerer Sinneswahrnehmung entſhwunden. Er war ein 
bloßes Aggregat oder eine Agglomeration. Er hatte nichts, 
das ihn individualiſierte. Und ſo iſt auch keine individuelle 
Dauer von ihm auszuſagen. Aber er dauert fort, indem er 
ſich wieder in die allgemeine Maſſe des Waſſerdampfes auf- 
gelöſt hat, aus der er ſich durch den formgebenden Einfluß der 
Nacht gebildet hatte. Das Ding, das iſt, das war auch und 
das wird auch „ſein“. Und was dieſe Bedingung der Dauer 
nicht erfüllt, das war eben nur eine zufällige flüchtige zeitliche 
Konglomeration oder Anſammlung von Teilen und nicht eine von 
den fundamentalen Weſenheiten des Ull. 
Wie viele und welche ſolcher Weſenheiten es geben möge, 
und was ſie ihrer Urt nach ſeien, das iſt eine ſchwierige Frage. 
Manche ſagen: Materie und Energie. Haeckel fügt -- auf eigene 
Verantwortung -- hinzu, daß dieſe zwei eines ſeien. Die 
Phyſik würde, wenn man ſie ſehr nötigte, wohl antworten, 
daß in ihrer Erkenntnisſphäre zurzeit zweierlet Weſenheiten 
für fundamentale gehalten werden müßten, Ather und Be- 
wegung, und daß ſie von anderen zurzeit nichts wiſſe. Würde 
man die Phyſik befragen nach der möglichen Dauer, alſo nach 
der fundamentalen Weſenheit von „Leben“ oder „Geiſt“, ſo 
müßte ſie als Phyſik natürlich antworten, daß ſie auch davon 
nichts wiſſe. Und wenn man ſie über „Perſönlichkeit“ oder 
„Seele“ oder „„Gott“ befragte, ſo hätte ſie ſich zunächſt eine 
Definition dieſer Ausdrüke auszubitten und würde dann wohl 
gar nicht oder mit verhaltenem Utem antworten. Denn alle 
dieſe Dinge liegen ja ganz außer ihrem Bereiche. 
Daß Leben eine wirkliche und fundamentale Weſenheit der 
Welt fei, und darum dauernd, iſt jedenfalls eine Möglichkeit, 
die ins Auge gefaßt werden kann. Jhre Annahme läßt ſich 
machen und als eine „Urbeitshvpotheſe“ verwenden. Mir emp- 
fiehlt ſie ſich als ſolche. Denn ich bemerke, daß, obaleich wir 
vom Leben nur wiſſen, ſofern es uns als Funktion irdiſcher 
Materie uns entgegentritt, dasſelbe doch auch noch eme andere 
Betrachtung zuläßt. I< ſehe es kommen und gehen, die Materie 
für eine Zeit beleben und ſie dann wieder verlaſſen, gerade 
wie ich etwa den .Tau auf einem Teller auftreten und ver- 
ſchwinden ſehe. Tau als ſolchen und für ſich, ohne eine ge- 
gebene feſte. Oberfläche, kann es nicht geben. Für einen Wilden 
möchte es ebenſo leicht ſcheinen, daß der Tau hier plöklich ms 
Daſein träte. und wieder hinaus ginge, gleichſam als eine „„Funk=- 
tion'' der feſten Oberfläche und ganz von ihr abhängend. Wir
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.