Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 60.1908 (60)

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Ir. 52. 
24. Dezember 1908. 
60, Jahräa. 
 
meine Jeu 
 
 
Schreizeitung 
 
Begründet durc); 4. Berthelt. Schriftleiter: Lehrer Ernft Linde in Gotha, Kaiſerſtraße 34a. 
Die Jeitung erſcheint jeden Donnerstag. Bezugspreis halbjährlich 4 Mk. 
Aufſätze und Bücher zur Beurteilung werden an die Schriftleitung erbeten. 
Beſtellungen nehmen alle Buchhandlungen und Poſtämter an 
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Weihnachtsnummer. 
Ubhandlungen: Ehre ſei Gott in der Höhe, Yom Gottſuchen der Völfer. 
Friede auf Erden. Der Friedensgedankfe im Judentum. 
zöſiſchen Schule zur Friedensbewegung. Von Walter Hering in Leipzig. -- 'Und den Menſchen ein Wohlgefallen. 
Dom DHerausgeber, --- 
Von Samuel Meiſels, -- Die Stellung der fran- 
Der Weihnachtsabend, 
Eine Geiſtergeſchichte von Charles Diens. -- Dermiſchtes. -- Beurteilungen. -- Aphorismen. -- Unzeigen. 
 
 
 
Ehre Sei Gott in der Föhe. [3 : 
 
 
 
 
 
Yom Gottfuchen der Völker, 
Unter dieſem Titel iſt vor kurzem im Yolkserzieherverlag in 
Schlachtenſee ein Buch von Wilhelm Schwaner erſchienen, 
das Proben „aus heiligen Schriften aller Zeiten" bringt und 
das mit großer Liebe den Vorzügen aller Religionen nachgeht, 
von der indiſchen Brahmalehre und dem <hineſiſchen Taois- 
mus Über die Religionen der Weſtaſiaten und Nordafrikaner, 
Griechen und Römer, über Moſaismus, Chriſtentum und 
ZJslam hinweg bis zur Religion der Germanen und der 
„Jungdeutſchen“. Wenn man aber auch nicht ſagen kann, 
daß das Chriſtentum etwa gegen die andern Religionen zu- 
rüdgejeßt würde --- der Verfaſſer ſpricht vielmehr von dem 
„göttlichen Naſiräer Jeſus ben Joſeph", ſagt, daß ſein Bild 
„heute noch in himmliſcher Reinheit ſtrable“, und erflärt die 
Lehre des Chriſtentums, „wie wir ſie in der Bibel finden, 
heute noch für jeden Gottſucher in ihren Grundzügen für un- 
übertrefflich" --, ſo erſcheint doch dem Verfaſſer offenbar das 
Chriſtentum als nichts Beſonderes. Es iſt ihm ein Weg, Gott 
zu ſuchen, wie die andern auch; er zählt es auf an ſeinem 
Hiſtoriſchen Plaße, anſtatt, wie wir als Chriſten zu tun pflegen, 
es an die Spitze der religiöſen Entwicklung zu ſtellen; er 
meint, der Mohammedanismus ſei „in einer Linie mit dem 
Zudentum und dem Chriſtentum zu nennen“, und es iſt ſein 
Hauptanliegen, nachzuweiſen, „daß der Gottſuchergedanke zu 
allen Zeiten und bei allen Yölkern der Erde lebendig war“. 
Daß ihm bei ſolcher Betrachtungsweiſe die Einzigartigkeit des 
Chriſtentums unter den Händen entſchwindet, iſt klar. Und ſo 
ſcheint es, als müßten wir, ihm folgend, von einer alten, lieben 
Gewohnheit Abſchied nehmen, nämlich von dem Gedanken, 
daß unſere Religion die ſchlechthin höchſte Stufe der Gottes- 
offenbarung für uns vorſtelle, daß wir an ihr einen ganz be- 
jondern Schaß beſigen, den wir nicht um die Welt mit einem 
andern Glauben vertauſchen möchten. 
Das Weihnachtsfeſt iſt gerade die rechte Gelegenheit, 
dieſen Gedanken erneut auf ſeine Richtigkeit hin zu prüfen: 
Iſt das Chriſtentum nur eine Religion unter vielen, oder iſt 
es nicht vielmehr die Religion der Religionen? 
Freilich, wer wollte es leugnen, daß zu allen Zeiten und 
bei allen Yölfern höherer Kultur --- nicht nur ein Götter- 
and Dämonenglaube vorhanden geweſen iſt, das wäre nichts 
Beſonderes! --- ſondern, daß es überall erleuchtete Geiſter ge: 
geben hat, die von der Ahnung eines geiſtigen Gottes nicht 
weit entfernt geweſen ſind. In den Upaniſchads, den heiligen 
| ſo und es iſt nicht ſo, das iſt das Brahman. 
 
Schriften der Inder, *) unterhalten ſich einmal die Prieſter über 
das Brahman, indem jeder folgende zu einer tieferen, geiſti- 
geren Erfaſſung desſelben empordringt, bis endlich der Prieſter 
Daſiſhtha erklärt: „Dasjenige, von dem ſie ſagen: Es iſt nicht 
Dieſes Brah- 
man iſt der Aiman, ohne Ende, ohne Alter, ohne Ufer; nicht 
außerhalb und nicht innerhalb; allwiſſend, lichtgeſtaltig; ohne 
Hunger und ohne Durſt; er führt aus dem Nichtwiſſen zu 
dem andern Ufer hinüber; er iſt das Licht im Herzen; er iſt 
der Herr des Weltalls, der Gebieter des Weltalls, der Fürſt 
des Weltalls, die Stätte des Weltalls; ihn überwindet keiner: 
Er iſt Schöpfung und Yergang der Weſen; er iſt der preis- 
werte Hüter des Weltalls!" Hier iſt eine ſolch reine Erfaſſung 
des Göttlichen, verbunden mit dem Gefühl demütiger Unter: 
werfung unter ſeine unerforſchliche Größe, daß wir uns wie 
von <riſtlichem Hauche berührt fühlen. Und wie merkwürdig 
ſtimmen die nachfolgenden hymniſchen Worte aus den Utharva- 
Veda mit Pfalm 139 überein, in welchem wir gewohnt ſind, 
eine herrliche, poetiſch-erhabene Schilderung von Gottes Ull- 
gegenwart zu erblifen: „Der große Herr dieſer Welten ſieht, 
als ob er nahe wäre. Wenn einer auch denkt, er wandle 
verſtohlen: Die Götter wiſſen es all! Ob einer gehe oder 
ſtehe oder ſich verſtecke, ob einer niederliege oder aufſtehe: 
König Yaruna (der Herr des Sternenhimmels) weiß es; er iſt 
als Dritter mitten unter ihnen! Wenn einer auch fern hinweg- 
flöge, jenſeit des Himmels, auch dann würde er nicht entrinnen 
Daruna, unferm König! Seine Späher gehen aus vom Himmel 
hernieder zur Erde; mit tauſend Augen forſchen ſie über die 
Welt dahin!“ 
Reihen wir dieſen Zeugniſſen oſtaſiatiſchen Gottglaubens 
ein jolches der altbabyloniſchen Religion an, einen „Pſalm an 
Nannar“, in dem ſich gleichfalls wie in trunkenen, ſtammeln- 
den Lauten die abſolute Ergriffenheit des Sängers von dem 
Unendlichen ausſpricht: „O Herr, Führer der Götter, welcher 
im Himmel und auf Erden allein erhaben! Vater Nannar, 
Herr der himmliſchen Heerſcharen, Führer der Götter! Vater 
KNannar, der im Gewand der Majeſtät dahinſchreitet, ſtarke 
Gazelle mit kraftvollen Hörnern, vollkommenen Gliedern, fun- 
kelnd niederwallendem Bart! Barmbherziger Erzeuger von 
allem, der bei den lebenden Weſen eine hellglänzende Woh: 
nung aufrichtet! DYater, Erbarmer, Wiederbringer , deſſen 
Hand des ganzen Landes Leben hält: M Berr, deine Gottheit, 
gleich dem fernen Himmel, dem weiten Wieere, iſt ehrfurcht- 
gebietend! Vater des Landes, Stüßzer der Tempel, Yerkünder 
ihres Namens, der du zur Herrſchaft berufſt, das Szepter ver- 
leihſt, der du bis in ferne Tage das SchiFſal beſtimmſt, Fürſt, 
Tatkräftiger, deſſen Herz weit iſt und niemandem nachträgt! 
N *) Wir halten uns in den nachfolgenden Beiſpielen an die gege- 
benen Proben des Schwanerſchen Buches,
	        

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