Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 60.1908 (60)

Nr. 52. 
Allgemeine Deutſche Lehrerzeitung. 
639 - 
 
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von Scrooges Michte =- die Dicke mit dem Spißenkragen, nicht die mit 
der Rofe im Haar,-=- rot wurde, 
„Weiter, weiter, Sriß!“ ſagte Scrooges Nichte, in die Hände 
Hatſchend. „Er bringt nie zu Ende, was er angefangen hat! Er iſt 
ein ſo närriſcher Rerl.“ 
Scrooges Neffe ſchwelgte in einem andern Gelächter, und es war 
unmöglich, ſich von der Anſteckung fern zu halten, obgleich die die 
Schweſter es ſogar mit quatre voleurs verſuchte: ſein Beiſpiel wurde 
einſtimmig nachgeahmt. 
„IH wollte nur ſagen,“ ſagte Scrooges Neffe, „daß die Folge 
ſeines Mißfallens an uns und ſeiner Weigerung, mit uns fröhlich zu - 
ſein, die iſt, daß er einige angenehme Augenblicke verliert, welche ihm 
nicht ſchaden würden. Gewiß verliert er angenehmere Unterhaltung, 
als ihm ſeine eigenen Gedanken in ſeinem dumpfigen alten Kontor 
oder in ſeiner Wohnung geben. Ich denke ihm jedes Jahr die Ge= 
legenheit dazu zu geben, ob es ihm nun gefällt oder nicht, denn er 
dauert mich. Er mag auf Weihnachten ſchimpfen, bis er ſtirbt, aber 
er muß doch endlich beſſer davon denken, wenn er mich jedes Jahr in 
guter Laune zu ihm kommen ſieht, mit den Worten: Onkel Scrooge, 
wie befinden Sie ſih? Wenn es ihm nur den Gedanken eingibt, ſeinem 
armen Diener fünfzig Pfund zu hinterlaſſen, ſo iſt das doch wenigſtens 
etwas; und ich glaube, ich pate ihn geſtern.“ 
Es war jetzt an ihnen die Reihe zu lachen, bei dem Gedanken, 
daß er Scrooge gepadt hätte. Aber da er durch und durch gutmütig 
war und ſich nicht ſehr darum kümmerte, über was ſie lachten, wenn 
ſie nur überhaupt lachten, ſo fiel er in ihre Fröhlichkeit ein und ließ 
die Slaſche munter herum gehen. | 
Nach dem Tee war Muſik. Denn ſie waren eine muſikaliſche 
FSomilie und wußten, was ſie taten, wenn fie einen Glee oder Cath 
ſangen, darauf könnt ihr euch verlaſſen, vorzüglich Topper, der den 
Baß brummen konnte nach Noten, ohne daß die großen Adern auf der 
Stirn anſchwollen, oder ſein Geſicht rot wurde. Scrooges Nichte ſpielte 
die Harfe recht gut; und ſpielte unter andern Stü>en au<h ein kleines 
Ciedhen (ein bloßes Nichts, ihr hättet es in zwei Ulnuten pfeifen 
gelernt), welches das Rind, von dem Scrooge aus der Schule geholt 
worden war, wie ihn der Geiſt der vergangenen Weihnachten gezeigt 
hatte, oft geſungen hatte. Uls Scrooge dieſes Liedchen hörte, trat 
alles, was ihm der Geiſt gezeigt hatte, wieder vor ſeine Seele; er wurde 
weicher und weicher und dachte, wenn er es vor Jahren oft hätte hören 
können, ſo hätte er die gemütlichen Seiten des Lebens genießen können, 
ohne erſt zu des Totengräbers Spaten, der Jacob Marley begraben, 
ſeine Zuflucht nehmen zu müſſen. 
Aber ſie widmeten nicht den ganzen Ubend der Muſik. Nach einer 
Weile fingen ſie Pfänderſpiele an, denn es iſt gut zuweilen Rind zu | 
ſein und vorzüglich zu Weihnachten, als der Gründer dieſes Feſtes 
ſelbſt ein Rind war. Dok Halt, erſt ſpielten ſie noh Blindekuh. Und 
ih glaube ebenſo wenig, daß Topper wirklich blind war, als ich glaube, 
er hätte Augen in ſeinen Stiefeln gehabt. TJT< vermute, es war 
zwiſchen ihm und Scrooges Meffen abgekartet und der Geiſt der heu- 
rigen Weihnacht wußte es. Die Art, wie er die dicke Schweſter in dem 
Spißenkragen verfolgte, war eine Beleidigung der menſchlichen Leicht- 
ogläubigkeit. Wo ſie ging, ging er auch, die Feuereiſen umſtoßend, über 
Stühle ſtolpernd, an das Piano anrennend, ſich in den Gardinen ver- 
wirrend. Jmmer wußte er, wo die dicke Schweſter war. Wenn jemand 
gegen ihn gefallen wäre, wie einige taten, oder ſich vor ihn hingeſtellt 
hätte, würde er getan haben, als bemühe er ſich, ihn zu ergreifen, wäre 
aber augenblicklich umgekehrt, der dicken Schweſter nach. Sie rief oft, 
das ſei nicht ehrlich, und wirklich war es das auch nicht, Uber endlich 
hatte er ſie gefunden und troß ihres Sträubens ſperrte er ſie in eine 
EFe, wo keine FSlucht möglich war; und da wurde ſeine Aufführung 
ganz abſcheulich. Denn ſein Vorgeben, er kenne ſie nicht: er müſſe 
ihren Kopfpuß anfaſſen und, um ſie zu erkennen, einen gewiſſen Ring 
auf ihrem Finger und eine gewiſſe Rette um ihren Hals befühlen, war 
ganz, ganz abſcheulich! Und gewiß ſagte ſie ihm auch ihre Meinung 
darüber, denn als ein anderer Blinder an der Reihe war, waren ſie 
hinter den Gardinen ſehr vertraut miteinander. 
Scrooges Nichte nahm nicht mit an dem Blindekuhſpiel teil, ſon- 
dern ſaß gemütlich in einer traulichhen EXe in einem Lehnſtuhle mit 
einem Fußbänkchen, und der Geiſt und Scrooge ſtanden dicht hinter ihr. 
Aber Pfänder ſpielte ſie mit und liebte ihre Liebe mit allen Buchſtaben 
des Alphabets zur Bewunderung. Auch in dem Spiele: Wie, wenn 
und wo, war ſie ſehr ſtark und ſtellte zur geheimen Sreude von Scrooges 
Veffen ihre Schweſtern gar ſehr in Schatten, obgleich ſie auch ganz 
geſcheite Mädchen waren, wie uns Topper hätte ſagen können. Es 
mochten ungefähr zwanzig Perſonen da ſein, junge und alte, aber ſie 
ſpielten alle und auch Scrooge ſpielte mit; denn in ſeiner Teilnahme 
an dem Geſchehenen ganz vergeſſend, daß ihnen ſeine Stimme nicht 
hörbar war, ſagte er oft ſeine Antwort auf die Fragen ganz laut und 
riet auch oft ganz richtig. 
Dem Geiſte gefiel es ſehr, ihn in dieſer Laune zu ſehen und ex 
blickte ihn ſo freundlich an, daß Scrooge wie ein Rnabe ihn bat, noch 
warten zu dürfen, bis die Gäſte fortgingen. Aber der Geiſt ſagte, dies 
könne nicht geſchehen! | 
„Es fängt ein neues Spiel an,“ ſagte Scrooge. „Rur eine einzige 
halbe Stunde, Geiſt.“ 
Es war ein Spiel, was man Ja und Nein nennt, wo Scrooges 
Neffe ſich etwas zu denken hatte und die anderen erraten mußten: was; 
auf ihre Fragen brauchte er bloß mit Ja oder Nein zu antworten. 
Die ſchnell aufeinander folgenden Fragen, die ihm vorgelegt wurden, 
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ſtellten heraus, daß er ſich ein Tier dachte, ein lebendiges Tier, ein 
häßliches Tier, ein wildes Tier, ein Tier, das zuweilen brummte, und 
zuweilen ſprach und in London ſich arifhielt und in den Straßen herum- 
lief und nicht für Geld gezeigt und nicht herumgeführt würde und nicht 
in einer Menagerie ſei und nicht geſchlachtet werde, und weder ein 
Dferd, noch ein Eſel, noch eine Ruh, noch ein Ochs, noch ein Tiger, 
noh ein Hund, noch ein Schwein, noch eine Raßo, noch ein Bär ſei. 
Bei jeder neuen Frage, die ihm geſtellt wurde, brach Scrooges Neffe 
von neuem in ein Gelächter aus und konnte gar nicht wieder heraus 
kommen, ſo daß er vom Sofa aufſtehen und mit den Füßen ſtampfen 
mußte, Endlich rief die dicke Schweſter mit einem ebenſo unqauslöſch- 
lichen Gelächter: 
„Ich habe es, ich weiß es, Fritz, ich weiß es.“ 
„Was iſt es PY“ rief Frit. 
„Es iſt Onfel Scrooge.“ 
Und der war es auch. Bewunderung war das allgemeine Gefühl, 
obgleich einige meinten, die Frage: iſt es ein Bär? hätte müſſen mit 
Ja beantwortet werden, denn eine vorneinende Antwort ſei ſchon hin- 
reichend geweſen, ihre Gedanken von Scrooge abzubringen, ſelbſt wenn 
ſie auf dem Wege zu ihm geweſen wären. 
„un, er hat uns Freude genug gemacht,“ ſagte FSriß, „und ſo 
wäre es undankbar, nicht ſeine Geſundheit zu trinken, Bier iſt ein Glas 
Glühwein dazu bereit. Es lobe Onkel Scrooge !' 
„Es lebe Onfel Scrooge!“ riefen ſie alle. 
„Eine fröhliche Weihnachten und ein glückliches Neujahr dem Alten, 
wie er immer ſein möge!“ ſagte Scrooges Neffe. „Er wollte den 
Wunſch nicht von mir annehmen, aber er ſoll ihn doch haben.“ 
Onfel Scrooge war unmerklich ſo fröhlich und leichtherzig ge- 
worden, daß er der von ſeiner Gegenwart nichts wiſſenden Geſellſchaft 
ihren Toaſt erwidert und ihr mit einer unhörbaren Rede gedankt haben 
würde, wenn der Geiſt ihm Zeit gelaſſen hätte. Aber alles verſchwand 
in dem Hauche von dem letzten Worte des Ueffen und er und der 
Geiſt waren wieder unterwegs. Sie gingen weit und ſahen viel und 
beſuchten manchen Herd, aber immer ſpendeten ſie Glük. Der Geiſt 
ſtand neben Kranken, und ſie wurden heiter und hoffend; neben Wan- 
dernden in fernen Ländern und ſie träumten von der Heimat; neben 
Solchen, die mit dem Leben rangen, und ſie harrten geduldig aus; neben 
Armen, und ſiE* waren reich. Im Armenhauſe und im LCazarette, im 
Rerker und in jedem Zufluchtsorte des Jammers, wo der Menſch in 
ſeiner kurzen ärmlichen Herrſchaft dem Geiſte die Tür verſchloſſen hatte, 
ſpendete er ſeinen Segen und lehrte Scrooge ſeine Weiſe. 
 
Vermiſchtes, 
Über die Phantaſie. Don Jakob Waſſermann. (Neue Rund- 
ſchau 1908, Heft 4.) In der Tat, ich ſchreibe der Phantaſie eine weit- 
aus größere Volle zu als es ſonſt geſchieht, Erſt mit ihrer Hilfe ſind 
wir fähig, die Seelen anderer Menſchen zu erfaſſen. Viele Eigenſchaften, 
die man nur zu leicht als Laſter anzuſprechen geneigt iſt, ſind lediglich 
in einem Mangel an Einbildungskraft begründet. Der Geizhals, der 
Hoffärtige, der Grauſame, der Nörgler, der Denunziant, der Selbſt- 
zufriedene, der Gottesleugner uſw. -- was ſind ſie anders als Phantaſie- 
loſe oder -- Phantaſten, was beinahe dasſelbe iſt. Gewiſſe Worte 
müßten uns töten, wenn nicht die Einbildungskraft wäre, die ſie zu 
Luft und Schall zerſtieben läßt. 
Und gäbe es Verzeihung für erlittene Beleidigungen ohne die 
Phantaſie> Nein, Der Menſch iſt rachſüchtig, die Phantaſie veredelt 
dieſen Impuls, Ein ſolcher Menſch iſt nun nicht mehr laſterhaft. Man 
kann getroſt ſagen: wer echte Phantaſie beſitzt, der iſt tugendhaft. Wenn 
Sie nun der Sinnlichkeit die Phantaſie nehmen, was bleibt dann übrig? 
Wenn ich liebe, und mein ſinnliches Verlangen iſt ohne Phantaſie, ſo 
bin ih wie einer, der in abſoluter Finſternis gefangen iſt, ja, es iſt 
möglich, daß ich dadur; dem Wahnſinn verfalle. Erſt durch die Phan- 
taſie erhält meine Begierde die Weihe, die Süßigkeit, die Schönheit, den 
Mondglanz der Bezauberung und jenen Tropfen von Melancolie, 
ohne den eine Leidenſchaft nicht beſeelt erſcheint. Sinnlichkeit 
ohne Phantaſie iſt nichts als der traurige Zweikampf zweier Weſen, die 
einander unbewußt zu vernichten trachten. Freilich, es gibt im Leben 
nicht bloß das eine oder das andere; die Leiden und Irrungen, die ein 
unvollkommener Zuſtand mit ſich bringt, bleiben ſchließlich wenigen 
erſpart. Wie oft ſieht man Eheleute oder Liebesleute im Streit! Wie 
manche Ehe, die durc< die Liebe getragen ſchien und nur noch durch 
Gewohnheit und bürgerliche Rückſichten befeſtigt iſt, ſchleppt ſich mühſelig 
hin unier Hader, Zank und Mißverſtändniſſen! Männer, ſonſt gerecht 
und vornehm, Frauen, ſonſt zärtlich und nachſichtig, vergeſſen ſich; fie 
werden zu Tieren, die aufeinander Jagd machen, ſich einander Wunden 
zufügen, harte Worte wählen, Worte wie geſchliffene Meſſer, mit 
übertriebenen Beſchuldigungen die Uchtung untergraben, die jeder vom 
andern billig verlangen muß, und ohne die Haltung ſind, die ſie auch 
dem Gleichgültigen gegenüber zu wahren wiſſen. Es ſind das häßliche 
Szenen, und häßlich ſind fie, weil ſol<e Menſchen aller Phantaſie bar 
ſind, weil ſie nicht vermögen, die Urmſeligen, über den Augenblick 
hinauszudenken, weil der Uugenbli in ihnen ſtärker iſt als das Herz,
	        

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