Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 60.1908 (60)

640 
als das Schifſal, als Tod und Ewigkeit, Ja, ſo ſind die Phantaſie- 
loſen, ſie leben nur von Augenblik zu Augenblik, ſie ſ<Owingen nur in 
den Intervallen, der Uugenbli> ſelbſt iſt ihnen nichts," 
Berechtigter Egoismus, „Man überſehe nicht, daß Egoismus, als 
I<h-Betonung, eine unumgängliche Grundlage iſt für alles wertvolle 
Schaffen iſt. I< muß erſt ſelbſt haben, um geben zu können. Und ich 
will haben, zunächſt auch ohne Rüſicht aufs Gebenwollen. -- Jeſus 
von Nazareth muß ſich als Gottesſohn wiſſen, ehe er andere zu Gottes- 
kindern machen kann; Luther muß ſich als Erwählten fühlen, bevor er 
andern die religiöſe Gewißheit zu geben vermag. Wer geben will, noch 
ehe er hat, iſt ein Tor, er geht zugrunde an der eigenen Unzulänglich- 
feit, Nur „wenn die Roſe ſelbſt ſich ſ<mückt, ſchmü>t ſie auch den 
Garten". Iſt erſt mal das Haben vorhanden, das Gebenwollen iſt 
dann eine viel natürlichere Konſequenz, als man gemeinhin anzunehmen 
gewohnt iſt. Bleibt ſie aus, ſo untergräbt der Habende ſeine eigenen 
inneren Seinsbedingungen. Dafür die Einſicht zu wecken, tut not; 
Sollen und Nichtſollen erübrigen ſich.“ 
(Aus Carl Yogl, Der moderne Menſch in Luther, S. 102. 
Vergl. die Beſprechung des Buches in Ur. 46.) 
Bei mir kann jeder nach ſeiner Faſſon ſelig werden, Über 
dieſes neuerdings von Fulda „wieder einmal mißbrauchte“ Wort ſchreibt 
Lic. Mumm im „Reich“ folgendes: 
„Fulda hat augenſcheinlich nie gehört, daß Friedrich II. mit dieſem 
* Wort zugunſten der Konfeſſionsſchule ſich ausſprach. Der junge Herrſcher 
hatte den Bericht des Staatsminiſters v. Brand und des Ronſiſtorial- 
präſidenten v. Reichenbach vom 22. Juni 1740 erhalten, der die Schwie- 
rigfeiten darlegte, die aus dem Beſtande römiſch-katholiſcher Schulen in 
Berlin ſich ergeben hatten. In ſolchen Schulen, die für Soldatenkinder 
beſtimmt waren, waren Evangeliſche katholiſch gemacht worden. Uun 
erging an den Uönig die Frage, ob die katholiſche Konfeſſtonsſchule fort- 
beſtehen ſollte. Der Rönig traf die Randverfügung: 
„Die Religionen Müſen alle Tolleriret werden und Utus der Fiscal 
nuhr das Auge darauf haben, das keine der andern-abrug Tuhe, den 
hier mus ein jeder nach ſeiner Faſſon Selich werden.“ 
Im Sprachengebrauch des Königs und der Zeit hatte das Fremd- 
wort „Faſſon“ keine ironiſche Bedeutung. Auch heute läßt die evan- 
geliſc<e Kirche jedem die Gewiſſensfreiheit, nach ſeiner Art ſelig oder 
unſelig zu werden; ſie will .und kann in Glaubensfragen nicht zwingen.“ 
Dieſe Feſtſtellung iſt ja an ſich intereſſant und dankenswert, Wenn 
aber der Herr Lizentiat daraus folgert, der große Freidenker auf dem 
Throne habe fich damit „zugunſten der Konfeſſionsſchule ausgeſprochen“, 
ſo heißt dies doch den Tatſachen Gewalt antun, Lediglich gegen die 
leidige Proſelytenmacherei ſprach ſim Friedrich damit aus, und er ſtellte 
damit den Grundſatz auf, daß bei ihm jede Richtung des Denkens und 
Glaubens den gleichen ſtaatlichen Schutz genießen ſolle. Don einer prin- 
zipiellen Entſcheidung, daß die Schule konfeſſionellen Charakter tragen 
müſſe, kann dabei nach Obigem keine Rede ſein; das Wort will nur 
beſagen, daß, wo einmal konfeſſioneller Geiſt in einer Schule herrſcht, 
die Kinder von Undersgläubigen nicht gezwungen ſein ſollen, ſie zu be. 
ſuchen. Demnach behält das geflügelte Wort nach wie vor ſeinen ſchönen 
Sinn der Duldſamkeit und der ſtrengſten Parität. 
Beurteilungen. 
LebenSziele, Eine Einführung in die Grundfragen des religiös-ſittlichen 
Lebens für die Jugend und ihre Freunde. Unter Mitarbeit von Lic. 
Gottlieb Traub und Elſe Zurhellen-Pfleiderer heransgegeben 
von Lic. Otto Zurhellen. Derlag von Quelle n. Meyer in Leipzig, 
gr. 8%, VI, 276 S., geb. 4,80 M. 
Dieſes Buch ſollte man recht vielen jungen Leuten auf den Weihnachts- 
„tiſch legen. Man ſollte es in den höheren Schulen als Prämie verteilen. 
Es zerfällt in 5 Ubſchnitte: Jeſus, Weltanſchauung, Charakterbildung, 
ſoziales Leben, Rirche. Schon dieſe Überſchriften zeigen, daß das Buch 
für die reifere Jugend beſtimmt iſt. Es will „über die erſte Lektüre 
hinaus durc< die Jahre des Reifens hin ſich als willkommener Belfer 
bewähren" (S. VI). Reifen Schülern und Schülerinnen der erſten Volks- 
ſchultlaſſe, den Sefundanern und Primanern der höheren Sdulen wird 
es ſehr gute Dienſte leiſten können. Das Ganze iſt von einem freien, 
verſiändigen, religiös und ſittlih warmen und erwärmenden Geiſte 
durchwaltet, der ſicherlich imſtande ſein wird, das Vertrauen der Jugend 
zu gewinnen. Ju dem Abſchnitt über Jeſus verſucht der Verfaſſer, 
Worte und Reden Jeſu lebendig für unſere Gegenwart zu reproduzieren, 
Förderlich wäre es dabei ſicher, wenn -- etwa am Schluß des Buches 
--- die neuteſtamentlichen Stellen näher bezeichnet würden, an die der 
Verfaſſer denkt, auch wäre dann ſicherlich für viele ein Binweis auf 
Stages Überſetzung nützlich. Der 2. Abſchnitt, betitelt „Weltan- 
ſchauung“, wird natürlich jedem jungen Menſchen ſchon infolge der 
Schwierigkeit der Sache ſehr zu denken geben. Sind aber z. B. die 
Setundaner und Primaner bereits durch den Religionsunterricht angeregt, 
ſo wird ihnen dieſer Ubſchnitt verſtändlich ſein. Der 3, Ubſchnitt 
„Charakierbildung“ bringt beſonders S, 1531 ff. ſehr geſchifte Uus- 
 
Allgemeine Deutſche Lehrerzeitung. 
 
Nr. 52. 
führungen über den Saz „Jugend muß ſich austoben“. Bier wie ſonſt 
iſt das Buch auch für Lehrer jeder Urt, für Eltern, überhaupt ſür 
Erwachſene ſehr lehrreih. Sehr intereſſant, auch für jeden Erwachſenen, 
ſind Traubs Ausführungen über „Soziales Leben“, d. h. über Reich- 
tum, Luxus, Faulheit, Arbeit, Armut und Helfen, Beruf uſw. Der letzte 
von der „KRirc<e“ handelnde Ubſchnitt iſt durchweht von dem Geiſte 
Luthers, von echt hiſtoriſchem Sinn, ohne dabei das Recht der perſönlichen 
Frömmigkeit zu verkennen. Der landſchaftliche Buchſchmu> von Marie 
Kunz, DruE und Auſtattung des Buches -- auch alles dies dürfte ſehr 
geeignet ſein, das Buch der Jugend lieb und wert zu machen. 
Lie. Fiebig, Gotha, 
Aus KRirche und Welt. Geſammelte Auffſätze von Robert Falke, 
Militär-Oberpfarrer in Frankfurt a. M. Gotha, 1908, Friedrich Emil 
Perthes, 6, 190 S., 8*, geb. 3,40 M. 
Falke gibt hier 27 Urtikel, die er zu verſchiedenen Zeiten in einer 
Reihe von Zeitungen, beſonders im „Tag“, veröffentlicht hat, geſammelt 
heraus. Das Büchlein zerfällt in 3 Teile: 1. Feſtbetrachtungen, 2. Fragen 
der Zeit, 3. Religionsgeſchichtliches. Ulle Themata, die er behandelt, 
ſind des Intereſſes weiteſter Kreiſe wert und ebenſo die Art, wie er ſie 
behandelt. I< nenne nur: Seelenwanderung, der religiöſe Standpunkt 
unſeres Kaiſers, das Chriſtentum als Kulturförderer, Japan und das 
Chriſtentum. Lic. Fiebig, Gotha. 
Iſt Gott io0t > Gott -- Welt -- Menſch? Drei Kernfragen der Welt- 
anſchauung naturwiſſenſchaftlich beleuchtet von Dr. phil. E. Dennert, 
Stuttgart, Max Rielmann, 1908, 142 S., 8. | 
In dem 1. Abſchnitt: „Gott! Dürfen wir noc< an ihn glauben?" 
ſetzt ſich Dennert beſonders mit der Frage nach dem Zweädmäßigen, nach 
der Zwedmäßigkeit der Matur auseinander. Der 2. Abſchnitt: „Die 
Welt! Wie iſt ſie entſtanden?" behandelt den Entwiklungsgedanken 
und ſpitzt die Sache auch hier wieder zu der Frage zu: Zufall oder Ub- 
ſicht? Der 3. Abſchnitt: „Der Menſch! Woher? -- Wohin?" legt 
mit Recht großes Gewicht auf den Gedanken der ſittlichen Perſönlichkeit, 
Das Büchlein iſt ſicherlich vortrefflich geeignet, vielen an Religion und 
Sittlichfeit irre gewordenen Menſchen der Gegenwart das gute Recht 
beider neu zu begründen. Lic. Fiebig, Gotha. 
Geſchichte des alien Morgenlandes, Von Prof. Dr. Friz Hommel. 
Mit 9 Ubbildungen und einer Harte, 3. Aufl,, Leipzig, 1908, Göſchen 
(Sammlung Göſchen), 8%, 195 S. 80 Pf. 
Der bekannte Orientaliſt Bommel bietet hier Fnapp und doch lesbar 
eine Geſchichte des alten Morgenlandes bis ca, 400 v. Chr. Das Büchlein 
dürfte jedem unenibehrlich ſein, der das Ulte Teſtament in den großen 
Zuſammenhang der orientaliſchen Geſchichte hineinſtellen und ſo verſtehen 
möchte. Bei dem Intereſſe, das gegenwärtig der Orient auch für viele 
Laien hat, darf man erwarten, daß durch ein Büchlein wie das vor- 
liegende auch bei vielen das Intereſſe am Alten Teſtament neu belebt 
wird. Leider halten ja viele Laien das Alte Teſtament viel zu wenig 
ihres Intereſſes für würdig. Lic. Fiebig, Gotha. 
Deutſche Kunſterziehung, Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und 
Berlin. 1908. Preis: geh. 2 M, 
Ein Erntebuch! Das Saatbuch erſchien vor 7 Jahrenz es war der 
Bericht über den erſten deutſchen Kunſterziehungstag in Dresden. Nun 
hat der IIT, Jnternationale Kongreß zur Förderung des Zeichen- und 
Kunſtunterrichts (London, Herbſt 1908) den äußeren Unlaß gegeben, die 
bisherigen Ergebniſſe deutſcher Kunſterziehung darzuſtellen; und es lag 
nur in der Matur der Sache, daß die Deranſtalter der Kunfterziehungs- 
tage in erſter Linie zu Worte kamen. 
Der Uufſaz „Junge Kräfte“ von Karl Götge-Hamburg, der das 
Grundſätzliche in der Kunſterziehung zeigt, ſteht merkwürdigerweiſe an 
zweitletzter Stelle ſtatt an erſter. Über Ziele, Wege und Derbreitung . 
des modernen Zeichenunterrichts gibt Ludwig Pallat-Berlin eine Über- 
ſicht, während G. Rerſchenſtein-Münſchen einen Uuszug aus ſeinem 
grundlegenden Werk „Die Entwiklung der zeichneriſchen Begabung“ 
bietet. Peter Jeſſen-Berlin berichtet über den Handfertigkeitsunterricht, 
G. Pauli-Bremen über das moderne deutſche Bilderbuch, das auf einer 
künſtleriſchen Höhe ſteht, die der Zeit L. Richters und Speckters nichts 
nachgibt, Der Maler P. Hermann-Dresden behandelt das Wandbild in 
der Schule, und Ulfred Lichtwark-Hamburg zeigt, wie ſich die Schau- 
muſeen früherer Zeiten in Lehrſtätten gewandelt haben. Prof, Peter 
Behrens redet ſchließlich ein wenig über Buchkunſt, indem er das Terk- 
lein vornehm und ſchön ausgeſtattet hat; zur Jiluſtration der Unfſätze 
über Zeichnen und Handarbeiten dienen 16 Tafeln mit Nachbildungen 
von Schülerarbeiten. 
Wer ſich von berufenen Kennern kurz über die Ziele und Erfolge 
der „Kunſterziehung“ (ſprich beſſer: Erziehung zur Uusdrud>sfkultur) 
orientieren will, dem ſei das Büchlein warm empfohlen. 
Guſtav Metelmann, Roſto>, 
Meyers Großes Konverſations-Lexikon, Ein Nachſchlagewerk des 
allgemeinen Wiſſens. Sechſte, gänzlich neubearbeitete und vermehrte 
Nuflage. Mit mehr als 11000 Ubbildungen im Text und auf Über 
1400 Bildertafeln, Karten und Plänen, ſowie 130 Tertbeilagen, Leipzig 
und Wien 1008. Bibliographiſches Inſtitut, Bd. 18--209. Preis 
des gebundenen Bandes 10 M. 
Wenn wir an die Prüfung und Beurteilung der vorhandenen 
deutſchen Konverſations-Lexika herantreten, ſo ſcheiden die meiſten von
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.